Legende von der Akazie

 

Die Jungfrau von Nazareth hatte im stillen Stübchen das hohe, heilige Mysterium der Engelsbotschaft vernommen. Das demütige, wundersame Wort war gesprochen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“ Die makellose Seele der Gottesbraut zog sich immer mehr in sich selbst zurück, wollte sie doch ganz dem hehren Wunder leben, das sich in ihr vollzog. – Nur an ihre gute, alte Base, an Elisabeth, des Zacharias Frau, dachte sie öfter und sie allein sollte es sein, der sie die heilige Frohbotschaft mitteilen wollte. So schickte sie sich denn an, und ging über das Gebirge.

Elisabeth verspürte eine seltsame Unruhe. Irgendein großes, wundersames Ereignis musste sich vorbereiten. – Wie oft war sie doch heute schon an ihres Hauses Tor gewesen um Ausschau zu halten nach irgendjemand, obwohl sie keine bestimmte Person erwartete. Wie beseligt war schon seit Monaten ihr Leben: Denn jetzt im hohen Alter war ihr der Segen der Mutterschaft verliehen worden, nachdem sie schon lange alle Hoffnungen aufgegeben hatte.

Wieder lief Elisabeth zum Tor. Da stieg langsam den schmalen steinigen Pfad herab Maria, ihre Base aus Nazareth.

Über die harrende Frau kam die Erleuchtung Gottes und sie erkannte die werdende Messiasmutter. Des Zacharias Frau eilte der mütterlichen Jungfrau entgegen und rief: „Wie kommt es, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Da umarmte Maria gerührt Elisabeth und die heilig-schönen Worte des Magnifikats kamen aus dem Innersten ihres Herzens. Eine große Stille ging über die Welt, alles lauschte der seligen Frohbotschaft von der kommenden Menschwerdung Gottes. „Der Messias, der Heiland ist nahe“, flüsterten sich alle lauschenden Geschöpfe zu. Neben Elisabeths Haus aber stand ein mächtiger, alter Baum, dessen einziger Schmuck unendlich zierliche, feine, zartgrüne Blätter waren. Dieser Baum nun war so beglückt von dem Gehörten, dass er sich zwang, sich hernieder zu neigen, um wenigstens mit den äußersten Spitzen seiner Zweige den duftzarten Schleier der heiligsten Jungfrau zu berühren.

Die werdende Gottesmutter fühlte diese sachte Berührung und wusste, dass der Baum von heiligster Ehrfurcht erfüllt war. Maria wandte sich zum Baum und sprach: „Weil du voll heiliger Ehrfurcht bist, so sollst auch du empfangen vom Segen, der in mir wohnt. Du, der du bis jetzt ohne Blüte warst, sollst blühen. Zart und fein, wie der Schleier meines Hauptes, den du in Sehnsucht berührtest, sollen dich weiße Blütendolden umgeben und der Wohlgeruch der Gottesgnade soll dich umwehen. Blühe und dufte zur Freude der Menschheit, Akazie, du liebliche.“

Alljährlich trug von diesem Tag an die Akazie den Blütenschleier, zart wie Mariens Haupttuch, rein wie Schnee und duftend wie die Tugend.