Immortellen

 

Mit viel Liebe und Freude umhegte die künftige Gottesmutter, das Kind Maria, ihr Gärtchen, denn die Blumen waren die Kleinodien ihres Lebens. Wieder war Herbst geworden und Mariens Gärtchen prangte in schönster, bunter Pracht. Das Kind war so glücklich in seinem kleinen Reich, täglich schnitt es einen frischen Strauß und stellte ihn an Mutter Annas Fenster. Einige Wochen währte diese Freude ungetrübt, dann aber kam ganz sachte über Nacht der Frost und verbrannte mit seinem eisigen Atem all die blühende Schönheit.

Am anderen Morgen, als das Kind Maria in den Garten kam und all den Schaden sah, weinte es bitterlich über all ihre toten Lieblinge. „Warum,“ schluchzte Maria, „tötet der kalte Frost all meine Blumenkinder und nichts bleibt für die grauen Wintertage. O, wollte mir doch Gott ein einziges Blümchen schenken, das die Schrecken des Frostes überstehen könnte.“ Reichlich flossen die Tränen des Kindes; das Erdreich trank sie durstig ein. Mutter Anna tröstete Maria und sagte ihr auch, dass dies schon seit dem Urvater so sei, dass es zur kalten Jahreszeit keine Blumen gäbe und man dürfte vom lieben Gott nichts so unbilliges verlangen, denn er, der Allweise, wird wissen, warum er es so gehalten habe.

Das Kind Maria schwieg, wohl perlten noch einige Tränen hernieder, aber es fand, dass die Mutter recht habe und da wollte es sich auch in das Unabänderliche fügen; denn Gottes Anordnung ging ihr schon vom zartesten Kindesalter über alles.

Der Winter war vorüber, der Lenz schwang sein holdes Zepter und allüberall begann es zu blühen und zu duften. Das Kind Maria war überglücklich und betreute unermüdlich all ihre Blumenkinder. Im Sommer aber begann es in dieser Ecke des Gartens, wo Mariens Tränen im Herbst bei den toten Blumenkindern so reichlich flossen, zu keimen, zu wachsen und zu werden und siehe, ein Busch mit zahlreichen, lieblichen weißen Blüten stand da zum hellen Ergötzen des heiligen Kindes.

Wieder ist es Herbst geworden, wieder fielen Mariens Blumen dem Frost zum Opfer, aber die kleinen weißen Blümchen standen auch nach dem ersten, schweren Nachtfrost ungebeugt, denn die weißen Blüten waren strohartig und verdarben nicht. Wie glücklich war das Kind Maria, weil der liebe Gott ihren Wunsch erhörte und eine Blume schuf, die wohl den Winter überdauern konnte. Maria gab dem Blümchen den Namen „Unsterbliche“. Mutter Anna aber, die wohl wusste, dass Gott die Blümchen dort wachsen ließ, wohin Mariens Tränen gefallen sind, nannte sie „Tränen Mariens“. Unter diesem Namen wachsen diese lieblichen Blumen in manchen weltfernen Bauerngärtchen, die große Welt aber nennt sie wie Maria, Immortelle, die Unsterbliche.