Die Winde

 

Im Häuschen zu Nazaret badete eben die heilige Mutter Maria ihr göttliches Kind. Dann schüttelte sie ihm das Bettchen zurecht in der Wiege, die Vater Josef gezimmert hatte, und legte es zur Ruhe. Das Wiegelein aber stand draußen im Gärtchen. Mutter Maria ging wieder in das Haus zurück und machte sich am Herd zu schaffen. Draußen begann es rege zu werden; denn alles Getier und der Wind, der lose Geselle, wollten das schlafende Gotteskind beschauen.

Das leichtbeschwingte Vogelvölkchen setzte sich rings um den Rand der Wiege. Es sang ein süßes Schlummerliedchen. Da lächelte das Kindlein im Traum.

Und die anderen alle, wie sie sich drängten und stießen! Denn jeder wollte doch wenigstens einen Blick in das Wiegelein tun. Als nun gar noch der Wind mit vollen Backen zu blasen begann, um die Tiere auseinander zu treiben, weil er gerne selbst den holden, kleinen Schläfer sehen wollte, da kam das Bettlein des Gotteskindes gar arg ins Wanken. Die Mutter Maria sah eben zur Tür heraus; der Schreck packte sie, es möchte ihrem Kind Unheil widerfahren.

Da wuchs am Weg des Gärtchens ein einfaches, wenig beachtetes Blümchen. Dies hätte nun zu gerne auch einmal das göttliche Kindlein in der Nähe betrachtet. Da streckte es sich und drehte sich und merkte mit geheimer, seliger Wonne, dass es wuchs.

Dies Blümchen sah nun der Gottesmutter Sorge, es könnten die ungestümen Tiere das Wiegelein zum Umfallen bringen. Da schlang es rasch seine zähen Ranken um die Schlingen der Wiege und siehe, sie stand still, ohne zu wanken. Maria trat heran, die Tiere sprangen in raschen Sätzen davon. Da gewahrte die heilige Mutter des Blümchens zarte Sorge und freute sich so recht von Herzen. Das Gotteskindlein erwachte. Da nahm es Maria aus der Wiege und zeigte ihm das bescheidene, hilfsbereite Blümchen. Da beugte sich das Kind vom Arm der Mutter hernieder, zog das erschauernde Blümlein an sich und küsste es. Dem Blümlein, der kleinen, zarten Ackerwinde, ist vom Kuss des Jesuskindes bis zum heutigen Tag ein rosiger Rand an seinem Blütenkelch geblieben.