Die Silberdistel

 

Der sternflimmernde Nachthimmel wölbte sich über die Wüste, unheimlich erklangen die Stimmen der wilden Tiere, die nach Beute spähend umherschlichen. Das Herz der Gottesmutter begann bange zu schlagen, vor ihr die Gefahren der Wüste, hinter ihr die grausamen Verfolger. Die rinnenden Tränen der Mutter erweckten das heilige Kind, dies hob das Köpfchen ein wenig und sah um sich. Da, was war es? Die Eselin, die Mutter und Kind trug, begann heftig zu zittern und Josef gewahrte voll Schrecken, dass es von allen Seiten näher und näher schlich, grüne Augen flammten im Dunkel der Nacht auf und alles Raubzeug der Wüste kam auf die Flüchtlinge zu. Die heiligen Eltern verhüllten bange das Haupt. Was mag nun kommen? Wird uns der Herr schützen? Als Maria fast den heißen Atem der wilden Tiere fühlte, da nahm sie ihr Kind, drückte es fest gegen das bange klopfende Herz: „O Kind, mein Gott, hilf du, rette uns aus dem Verderben!“ Da ging von dem Kind eine strahlende Helle aus, und in diesem Licht sahen Maria und Josef die Raubtiere der Wüste vor dem Gotteskind wie anbetend liegen. Die Gottesmutter sah voll heißen, wortlosen Dankes in die strahlenden Augen des Kindes, in deren Tiefe die Unbesiegbarkeit der Gottheit ruhte. Josef sah rückwärts und hörte den Hufschlag der Verfolger; auch die wilden Tiere sahen die Not ihres Schöpfers. Jäh richteten sie sich in die Höhe, ein starker Löwe rief: „Herrin, sprich du, sollen wir das Gotteskind und euch retten, so wollen wir die Verfolger töten.“ „Nimmermehr,“ rief Maria, „der Herr, der uns bis hierher geführt hat, wird uns auch weiter führen und retten ohne Blutvergießen, denn wisset, Blut fordert wieder Blut.“ Demütig schlichen die Raubtiere zur Seite und zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen. Die Kamele der Verfolger witterten den Geruch der Raubtiere und waren weder durch Schläge, noch durch Schmeichelei weiter zu bringen, so dass den Herodesknechten nichts anderes übrig blieb, als in der Wüste Rast zu halten, bis der Morgen dämmerte.

Im erwachenden Tag nun sahen die Flüchtlinge, dass die Fußspuren Josefs und des Reittieres den Verfolgern ihren Weg verriet. Was nun tun? Im grellen Licht des Tages werden diese Spuren die Verfolger rasch auf ihre Fährte setzen und den schnellen Kamelen wird es ein Leichtes sein, das flüchtige Paar mit dem Gotteskind einzuholen. Da hob das Jesulein auf dem Arm der Mutter segnend das Händchen über die verräterischen Spuren, und siehe, die Not war behoben, denn überall wo eine Vertiefung im Wüstensand sich zeigte, wuchs eine silberglänzende Blume ohne Stängel. Unverrichteter Dinge mussten die Herodesknechte zurückreiten, denn keine Spur verriet mehr den Weg der Flüchtigen. Der Segen des Gotteskindes aber schuf die anmutige Silberdistel.