Die Legende von der Rose

 

Als Gott, der Herr, Adam und die Frau nach dem Sündenfall aus dem Paradies wies, sah ein blühender Rosenstrauch mitleidig dem vertriebenen Paar nach. Der Herr sah es und sagte: „Hast du Mitleid mit den Menschen, die im Garten der Wonne lebten und doch sündigten?“ Die Rose nickte bejahend im Abendwind. Da sprach Gott: „Töricht bist du; doch dein Herz ist gut. Ziehe also nach deinem Willen den Menschen nach! Aber der Fluch, der auf dem sündigen Paar liegt, ruht nun auch auf dir. Dornen wirst du tragen, und erst wenn die Zeiten sich erfüllen, sollst du wieder Rosen haben.“

Jahrtausende sind vergangen seit der Austreibung aus dem Paradies. Missachtet von den Menschen, die zahlreich die Erde bevölkern, wuchert der Dornstrauch. Zu jener Zeit war es, als in Nazareth, im Land Galiläa, eine herrliche Jungfrau sich in ihrem Gärtchen erging, um in den Blumen und Sträuchern die Größe des Schöpfers zu betrachten. Da kam vom Himmel herab ein Engel des Herrn – Gabriel war es, der Erzengel – und sprach zur Jungfrau: „Gegrüßet seist du, Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen!“ Maria erschrak ob dieses Grußes. Der Engel aber sprach weiter: „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott! Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Du wirst ihn Jesus nennen, und er wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden.“ Die Jungfrau erwiderte zaghaft: „Wie kann das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Da sprach Sankt Gabriel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten.“ Maria antwortete demütig: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Und siehe, sogleich war der Garten erfüllt von Lilien, eine rosige Wolke stand über der betenden Jungfrau, silberhelle Engelsmusik klang in den Lüften. Als Maria die Augen hob, sah sie, dass sich unter die Lilien auch ein Dornbusch gemischt hatte. Da erschrak sie und bange Furcht beunruhigte ihr Herz. Mit feuchtschimmernden Augen blickte sie auf zum Himmel und sprach nochmals feierlich: „Herr, mir geschehe nach deinem Willen!“

Die Jungfrau war einem Mann, dem Zimmermann Josef, verlobt. Beide stammten aus dem Hause David. Als die Zeiten sich erfüllen sollten, befahl der römische Kaiser Augustus eine Volkszählung im ganzen Reich. Zu diesem Zweck begab sich Josef mit Maria, seiner verlobten Frau, nach Bethlehem im Lande Juda, um dort seine Angaben zu machen. Der Weg war weit und unendlich mühevoll. Mit heimlicher Sorge betrachtete Josef gar oft die Jungfrau an seiner Seite. Ihre schönen, dunkelblauen Augensterne blickten traurig den steinigen Pfad entlang. „Ach Josef,“ sagte sie leise, „ich kann es dir nicht mehr verhehlen, dass eine große Angst mein Inneres erfüllt; denn siehe, unsere einzigen Weggefährten sind spitze Steine und manchmal ein Dornbusch. Sollte das der Lebensweg des kommenden Messias sein? Wenn diese Dornen und Steine seine zarten Füße und Hände ritzen und verwunden, wie müsste das mein Herz schmerzen!“ „Maria,“ sprach Josef, „groß ist der Herr und groß sind die Werke seiner Hände. Dir aber hat er das höchste Kleinod anvertraut, seinen eingeborenen Sohn. Glaube mir: Der Herr in seiner Liebe wird seine heiligen Engel senden und den Messias schützen vor Disteln und Dornen, Steinen und bösen Menschen.“ Mit dankbaren Blicken sah Maria ihren verlobten Mann an. Ihre Züge spiegelten den Frieden ihrer reinen Seele und in demütiger Liebe hob sie die Augen auf zum abendlichen Himmel. In der Ferne schimmerten Bethlehems weiße Häuserschar. Als sich das Paar den ersten Häusern näherte, begann Josef für sich und die ruhebedürftige Frau nach einer Nachtherberge zu fragen. Fast die ganze Stadt hatte der arme Zimmermann bereits abgefragt, und überall wurde ihm der gleiche Bescheid gegeben. Keiner wollte die Fremdlinge in ärmlicher Kleidung in sein Haus aufnehmen. Maria war sehr bleich geworden. Schwer stützte sie sich auf des Mannes Arm. Da ging Josef rasch entschlossen einem Stall zu, der vor der Stadt lag. Tränen traten in der Jungfrau Augen, als sie den schlechten, von Dornen und Disteln umwucherten Stall betrachtete. Sie dachte an das göttliche Kind, das in dieser armen Hütte in das Leben treten soll. Josef richtete von dem vorhandenen Stroh ein Lager her und breitete sein Oberkleid darüber. Dann nahm er den tönernen Wasserkrug, den er im Stall fand, und ging, um Wasser zu schöpfen. Maria war allein.

Als Josef sich nach einer Stunde dem Stall näherte, blieb er betroffen stehen. Die Dornbüsche und Disteln trugen gar wundersame Blüten in den Farben des Abendhimmels, zarten Duft strömten sie aus in der rauen Dezembernacht. Sonnengleiche Helle strahlte aus dem armen Stall. Als Josef in das Innere trat, ging ein heiliger Schauer durch seine Seele und willenlos entströmten seinen Augen Tränen. Das Bild, das sich ihm bot, zwang ihn auf die Knie. Maria, die jungfräuliche Mutter kniete, ganz im Anschauen versunken, vor ihrem göttlichen Kind, das in Windeln gehüllt, in der mit Heu gefüllten Krippe lag.

Josef stand auf, ging vor die Hütte und brach einen Zweig blühender Rosen. Er brachte ihn dem Kindlein. Es griff danach und schon zeigte sich am winzigen Händchen ein Blutstropfen, zum unaussprechlichen Schmerz der Mutter. Da wandte das Kindlein sein Köpfchen ihr zu und deutete mit lieblichem Lächeln auf die schimmernden Rosen.

Maria und Josef, die reinste Mutter und der arme Zimmermann, wussten nun, dass nach dem Dornenweg des Lebens durch des göttlichen Heilands aufopfernde Liebe allen denen, die eines guten Willens sind, die Rosen des Heiles erblühen werden.