Die Legende von der Blutnelke

 

Im Frühsommer blüht auf den Wiesen eine kleine hübsche, purpurrote Blume; ihr Name ist: „Blutnelke“. Wie nun diese Blume zu ihrem Namen kam, erzählt uns eine alte Legende; ich will sie kurz und schlicht erzählen.

Als unser Herr und Heiland noch auf Erden wandelte, da liebte er alle seine Geschöpfe und nicht zuletzt die Blumen des Feldes. Unsere Blutnelke trug damals eine zarte, rosarote Farbe. Als der Heiland die ewig unvergänglichen Worte der Bergpredigt sprach, da hörte die kleine, zarte Blume zu; sie sah manch wunderbare Krankenheilung und hörte all die feinen, stillen Heilandsworte, wenn er, der Messias, der Gottgesalbte, mit seinen Jüngern des Abends durch die Felder schritt und sie lehrte. Einmal erlebte es die erschauernde Blume, dass der Herr sie pflückte und sie seiner Mutter in das liebe Häuschen zu Nazareth brachte; wie wohl wurde da dem Blümchen in des Schöpfers Nähe und bei ihr, der reinsten Frau. Die Zeit verging. Wieder war der raue Atem des Winters über die Fluren Palästinas gegangen. Langsam wollte es nun Frühling werden, der Jordan führte schon die eisigen Wellen des geschmolzenen Hermonsschnees mit sich und die Hänge begannen sich rostrot zu färben, denn die Knospen der Anemonen wollten in Bälde hervorbrechen. Im Tempel zu Jerusalem gärte der Hass unter Priestern und Pharisäern gegen den großen Rabbi und man sann, den Wundertäter von Nazareth zu verderben. Zu jener Zeit nun war es, dass der Heiland auf dem Füllen einer Eselin seinen Einzug hielt in Jerusalem, empfangen von den begeisterten Zurufen der wankelmütigen Kinder Israels. An der Straße aber, vor den Toren der Stadt, stand ein Büschelchen verfrühter Nelken und freute sich den Herrn gesehen zu haben.

Die unterwühlende Macht hetzenden Menschenhasses wiegelte das Volk auf, und drei Tage nach den Hosiannarufen erschallte das unheildrohende „Crucifige“.

Pilatus, der feige Römer, der fürchtete des Kaisers Gunst zu verlieren, übergab Jesus seinem Volk; dieses aber legte auf die Schultern des Messias, der gekommen war sein Volk von der Knechtschaft der Sünde zu erlösen, den Marterpfahl, um daran zu sterben nach ihrem Gesetz.

Die Straße, welche von Jerusalem hinausführte zur Schädel-Stätte, war dicht bevölkert, denn viele wollten hinaus, um den Nazarener sterben zu sehen.

Da nahte sich unter dem Geschrei der Menge der schmerzlich traurige Zug des Verurteilten und am Wegrand stand zitternd und bebend der zarte Nelkenbusch. Beim Anblick des dornengekrönten Heilandes nun, erbleichten die armen Blümchen und wurden weiß wie des Hermons schneebedeckter Gipfel.

Wohl wogte in des Heilands Seele ein Meer von Schmerz und Leid und die Kraft des Körpers erlahmte, er brach des Öfteren unter der Last des Kreuzes zusammen, aber sein allumfassendes Gottesherz fühlte nach wie vor, wo ein Geschöpf in leidvoller Liebe seiner gedachte. Als der Gottmensch nun an der kleinen, blassen Wiesennelke vorüber kam, wandte er das schmerzende Haupt nach ihr und sah sie voll dankbarer Liebe an, von der Dornenkrone aber fiel ein Tropfen Blut mitten in den zarten Nelkenkelch. – Langsam rötete sich die Wiesennelke und leuchtete in schönster Purpurfarbe, in der Tiefe des Kelches aber lag ein glutrotes Tröpflein.

So ist die kleine, bescheidene Wiesennelke zur Blutnelke geworden und heute nach fast zweitausend Jahren trägt sie noch diese Insignien der erlösenden Gottesliebe.