Die Legende von der Alpenrose


Maria, vom Heiligen Geist erfüllt, eilte über das Gebirge, um auch ihrer Base die frohe Botschaft des nahenden Heils zu verkünden. Da stieg sie denn höher und höher; und als die lieblichen Matten aufhörten, begann ein wild zerklüftetes Geröllfeld. Die Gottesbraut ging vorüber an Latschengebüsch und an Büschen mit dunkelgrün glänzendem, lederhartem Laub. Der dämmernde Sommermorgen sandte seine anmutige Botin, die Morgenröte, vor sich her. Ein holder, rosiger Schimmer blieb auch an den glänzend grünen Büschen hängen; und die Jungfrau von Nazaret war in ihres Herzens Tiefe entzückt, und sie rief: „Ich wollte, es bliebe der Rosenschimmer der Morgenröte an euch haften.“ Maria ging weiter, sie, die selbst die himmlische Morgenröte genannt werden konnte, da sie doch die aufgehende Sonne der Welterlösung in sich trug. Doch der Wunsch der werdenden Gottesmutter drang hinauf bis zum Thron des himmlischen Vaters, und er beschloss, die Morgenröte auf dem Strauch ruhen zu lassen. So segnete denn die Schöpferhand den einfachen Alpenstrauch und er brachte Blüten hervor in der Farbe der Morgenröte. Als die begnadete Jungfrau nach wenigen Wochen von ihrer Base schied und wieder gen Nazaret zog, da sah sie mit freudigem Entzücken, wie ihr Wunsch Wahrheit geworden war und die grünen Sträucher Blüten trugen. Segnend lag ihre Hand auf dem Strauch und sie sprach leise: „Sei gesegnet, liebliche Blüte; sei gesegnet, Rose der Alpen.“

Seit jenen Tagen nun glüht oben im Geröllfeld der Alpen die anmutige Alpenrose, und der Segen der werdenden Gottesmutter schuf um sie einen Bannkreis reinster, heiligster Gottesfreude.