Die Legende von den fliegenden Herzen

 

Das große Mysterium der Menschwerdung Gottes hatte im Schoß der Jungfrau begonnen. Das erbarmungsreiche, liebevolle Gottesherz pochte leise unter Mariens Herzen. Die Jungfrau, von heiligsten Schauern erfüllt, lebte in der ersten Zeit in völliger Weltentrücktheit. War sie doch zum Tempel geworden, und Gottes Sohn selbst wollte aus ihr den menschlichen Leib annehmen.

Nach dem ehrfürchtigen Staunen der ersten Monate kam über die werdende Gottesmutter eine große jubelnde Freude und sie empfand den heißen Wunsch, ihre überirdische Wonne irgendeiner Seele anzuvertrauen.

Wie Maria eben noch dachte, wem sie es wohl sagen möchte, da fiel ihr ihre fromme Base Elisabet ein und sie beschloss bei sich über das Gebirge zu wandern und sie zu besuchen. Maria tat, wie sie es sich gedacht hatte, und ging.

Es war ein wonnesames Wandern, so allein mit ihrem nahen Gott. Dieser Gang über das Gebirge war ohne alle Beschwerde für die heilige Jungfrau. Ihr war, als würde sie von unsichtbaren Flügeln getragen. Kein Stein tat ihr weh, kein Dorn ritzte sie, die wilden Tiere gingen gleich zahmen Lämmern an ihr vorbei und die Nattern flohen zischend vor der Gottesträgerin.

Das Gebirge lag hinter Maria, ein freundliches Tal nahm sie nun auf. Die Jungfrau rastete an einer murmelnden Quelle. Da kam wieder der Wunsch, ihr großes, heiliges Geheimnis mitzuteilen. Es dünkte ihr zu weit bis zu Elisabet, schon jetzt wünschte sie sich eine mitfreuende Seele. Aber weit und breit kein Mensch! Neben der ruhenden Jungfrau wuchs ein Sträuchlein mit feingefiederten Blättchen. Diese Pflanze nun ahnte wohl, dass Maria das höchste Mysterium des Weltalls in sich barg, und beugte sich herab in Mariens Schoß.

Die werdende Gottesmutter verstand sofort die kleine zarte Pflanze und drückte sie gegen ihr pochendes Herz. „Du liebes Pflänzchen“, sprach sie, „siehe, Großes tat an mir der Herr, er erkor mich zur Mutter des Messias, in meinem Schoß ruht mein Schöpfer, der Eingeborene des ewigen Vaters.“

Ein Zittern ging durch das Sträuchlein bis hinunter zur knorrigen braunen Wurzel.

Maria ging weiter zur Base Elisabet und ergoss dort all ihre Wonne in die stille, fromme Seele dieser Frau.

Nach wenigen Wochen zog es Maria wieder heim in ihr stilles Häuschen, wo sie die herrliche Engelsbotschaft vernommen hatte. Der Weg führte sie vorbei an der Quelle; und die Jungfrau beschloss wieder, ein wenig zu rasten.

Und siehe, eine holde Freude sollte hier ihrer werden: das Sträuchlein, das an Mariens wonnevollem Herzen geruht hatte, war nicht untätig gewesen. Mit der Macht der Liebe zum Schöpfer und zu dessen holder Mutter trieb es zarte Stängel dicht behängt mit hellroten, geflügelten Herzen. Eine tiefe und heilige Rührung verklärte die Züge der Gottesmutter und in ihrem Herzen dankte sie dem, der sie zu so hoher, gnadenvoller Ehre erkoren hatte. Die „Herzen Mariens“ aber, die reizvollen fliegenden Herzen, zieren noch heute zur Frühsommerszeit unsere Gärten.