Die Legende von den Erdbeeren

 

Als der Engel des Herrn Josef befahl, mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten zu entfliehen, da packte der erschrockene Mann die wenigen Habseligkeiten und die kostbaren Weihegaben der drei Könige zusammen. Eilends weckte er sodann Maria und hob sie samt dem göttlichen Kindlein in den Sattel des Reittiers. Eben wollten die Flüchtlinge den schützenden Stall verlassen, da sah Josef etwas im Mondlicht funkeln, wie Tropfen purpurnen Blutes. Es war eine kostbare Rubinkette, sie mochte ihm wohl in der Eile des Packens entfallen sein, sie gehörte mit zu den Gaben der drei morgenländischen Magier. Josef reichte die Kette Maria und sagte: „Birg sie an deinem Hals unter deinem Obergewand.“ Maria tat wie ihr geheißen wurde. Es war ein scharfer Nachtritt, den die Flüchtlinge machen mussten; denn bevor der Morgen graute musste der ferne am Horizont auftauchende Wald erreicht sein, um sich vor den sicher nachsetzenden Verfolgern zu verbergen.

Als Josef und Maria mit dem Kind tiefer in den dichten Urwald gelangt waren, da musste Josef mit dem Beil sich den Weg bahnen, um das zähe Geranke zu entfernen. Plötzlich aber hellte sich der Wald auf und eine liebliche Lichtung lud die ermatteten Reisenden zum Rasten ein.

Es war ein köstliches Ruhen auf der Flucht im Schattengezelt des Waldes von balsamisch kosenden Düften umweht. Nur eines quälte Maria: Es verlangte sie nach einer Erfrischung. Aber dort, wo sie sich befanden, rieselte kein Quellchen und keine essbaren Früchte wollten sich finden. Das Gotteskind saß auf dem Schoß der Mutter; kraft seiner göttlichen Natur aber blieb ihm nichts verborgen; es sah, dass seine Mutter litt.

Wie spielend griff das Kind nach der blutroten Rubinkette am Hals der Mutter; und obwohl das Kindchen nur ganz sachte hingetippt hatte, die Kette riss und die einzelnen Perlen rollten gleich Blutstropfen über Mariens Schoß in das schwellende Moos. Die Gottesmutter sah voll Staunen, dass ihr Kindlein lächelte und segnend das Händchen hob. Es dauerte nicht lange, da fing ein stilles Leben an im Moos. Die schönen blutroten Rubine hoben sich an zarten Stängelchen empor aus der Erde und waren keine schimmernden Steine mehr, sondern purpurglänzende, fein duftende Früchte. Das Gotteskindlein deutete mit seinen winzigen Fingerlein erst auf die Beeren, dann auf seine Mutter; und Maria verstand.

Sie pflückte die köstlichen Früchte, die ihres Kindes Schöpferkraft für sie wachsen ließ, und aß. Die Beeren hatten die Gottesmutter wunderbar gekräftigt und sie nahm sich noch ein Krüglein davon mit, als sie in der Stunde der Sonnenneige aufbrachen, um ihre Flucht fortzusetzen. Manches Beerlein entfiel dem Krüglein Mariens, und so verbreitete sich diese schlichte kleine Pflanze mit den blutroten, köstlichen Früchten in aller Welt. Die Mutter des Herrn aber gab ihnen den Namen „Beeren der Erde“, weil sie so niedrig wuchsen.

Die Menschen eines fernen Jahrhunderts aber nannten sie, wie sie heute noch heißen, „Erdbeeren“ und sie erfreuen alljährlich im Frühsommer die großen und kleinen Kinder dieser Welt.