Die Legende vom Windröschen

 

Im Gärtchen, unter einer schlanken Palme, saß Maria, des Josefs jungfräuliche Frau, und spann; das Gotteskind spielte drüben am Hang. Der Wind, der erst ganz leise säuselte, erhob sich und begann kräftig zu blasen. Das Jesulein kam zur Mutter mit flatternden Locken und sprach: „Mutter, der Hang da drüben, hat einen Kummer, eben hat er ihn mir anvertraut und mich gebeten, ihm zu helfen.“

Maria lächelte und meinte: „Mein Liebling, du irrst, es ist der Wind, der sein wildes Lied singt; der Hang hat doch keine Stimme und was sollte er auch für einen Kummer haben?“ „Mutter,“ antwortete das Gotteskind, „wie sollte ich mich irren? Siehe, jedem Geschöpf ist eine Stimme gegeben, um damit seinen Schöpfer zu preisen; auch des Windes wild klingendes Lied ist ein einziger Lobgesang auf Gottes Allmacht. Was nun der Hang von mir möchte, will ich dir sagen; er ist gar arm, kein Blümlein schmückt seine grüne Fläche, weil in dem heftigen Wind keines wachsen will; da bat er mich denn auch um ein paar bescheidene Blümchen, und wahrlich sie sollen ihm werden.“

„Mutter,“ bat das Jesulein, „gib mir einige Läppchen Zeug.“ Maria voll Staunen über ihr wundersames Kind gab ein Stückchen eines feinen schleierartigen Gespinstes. Das Gotteskindlein nahm das feine, weiße Zeug in beide Händchen und hob es gen Himmel. In dem Blick dieser leuchtend blauen Kinderaugen lag dabei heiligste Inbrunst, ein still seliges Lächeln glitt über das liebliche Antlitz. Zufrieden suchte das Kind ein Winkelchen auf und begann sein Werk.

Die heiligste Jungfrau sah, wie das Jesulein kleine Läppchen abzuzupfen begann; und als es das ganze Stück Zeug zerpflückt hatte, legte es alles auf die Hände und hielt sie gegen den Wind; der nahm gehorsam die zarte Beute und entführte sie nach dem Hang. Das Kind lief zur Mutter, „komm,“ bat es, „lass uns zum Hang gehen und sehen, wie ich ihn nach des Vaters Willen geschmückt habe.“ Und die Gottesmutter folgte voll Ehrfurcht dem Kind mit der Schöpferkraft und sah den ganzen Hang überblüht von reizenden, hauchzarten Blumenkindern, die im Wind wehten ohne Schaden zu nehmen. Maria kniete in all der blühenden Wonne nieder, zog das Gotteskind an sich und küsste es in heiliger Freude. Da sagte das Kind: „Mutter, gib den Blümlein einen Namen.“

Die heiligste Jungfrau sah gedankenvoll auf das zarte Blümchen, an dem die Fingerlein des Jesuskindes rosige Spuren hinterließen; da gedachte die heilige Mutter der Mitwirkung des Windes bei der Schöpfung des Blümleins und sagte: „Mein Liebling, wir wollen das zarte Geschöpfchen Windröschen nennen.“ Das Gotteskind war zufrieden und nun trägt das liebliche Frühlingskind, die Anemone, den Namen, den die Gottesmutter ihm gab. Zum Gedächtnis an die anmutige Geschichte seiner Schöpfung, schmückt heute noch das Windröschen jeden schmucklosen Hang zur Frühlingszeit.