Die Legende vom Rohrkolben

 

Maria und Josef mit dem Gotteskind kamen auf der Flucht an einen großen See. „Josef“, sprach still die Gottesmutter, „was soll nun werden? Wie sollen wir über den See kommen? Können wir nicht einen anderen Weg einschlagen?“ „Gerne würde ich es tun“, antwortete Josef, „doch wir müssen die kürzesten Wege nehmen, um sicher zu sein vor den grausamen Knechten des Herodes.“ Der See trug rings um seine Ufer einen dichten Schilfkranz. Josef ging am Ufer entlang, um nach irgendeiner Möglichkeit Ausschau zu halten, und siehe, sein Gang war nicht vergebens getan, denn im Schilf entdeckte er ein Fischerboot. Der heilige Nährvater des Gotteskindes zog das Boot ans Ufer und brachte Maria und das Kind samt dem Reittier sicher unter. Er selbst führte das Ruder. Leise glitt das Boot am Schilf vorüber. Von der heiligen Mutter und ihrem hehren Kind ging ein sanftes, holdes Licht aus und da wurden denn das Schilf und die Rohrkolben aufmerksam; sie reckten und streckten sich, denn jedes wollte das liebliche Bild in sich aufnehmen. Ein großer prächtiger Rohrkolben, der unter seinen Artgenossen als besonders klug und weise galt, erkannte in dem Kind seinen Schöpfer. Wie ein Flüstern ging es nun durch das Schilf: „Lasset uns neigen vor dem Kind und seiner Mutter, es ist Gottes Sohn, der Mensch geworden ist, um die Menschheit vom Übel der Sünde zu erlösen.“ Der große kluge Kolben neigte sich besonders tief um ja dem Jesulein in sein liebliches Antlitz sehen zu können. Das Gotteskindlein erwachte am Schoß der Mutter. Da sah es vor sich den Rohrkolben; seine Augen weiteten sich wie im jähen Schrecken und zwei Tränen perlten über seine Wangen. Das Boot glitt weiter. Maria überkam eine große Bangigkeit und sie fragte bei sich: „Warum weint mein Kind beim Anblick des Rohrkolbens?“ Da war es ihr, als vernähme sie aus weiter Ferne die Worte: „Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“ Der große kluge Rohrkolben sprach nun ebenfalls voll Staunen zu den Seinen: „Warum wohl weint das Gotteskindlein, wenn es einen aus unserem Geschlecht sieht? O, wie wollte ich doch alles dahingeben, wenn ich diesem Kind dienen dürfte, und sollte es nicht sein dürfen in Freuden, so wollte ich ihm auch dienen im Leid.“ Die Rohrkolben und das Schilf an jenem einsamen See flüsterten von Generation zu Generation vom Gotteskind, das da weinte bei ihrem Anblick.

Da kam einmal ein Tag, der nicht war wie die anderen. Es lag wie verhaltenes Weh über der Schöpfung und die Sonne verfinsterte sich zur mittägigen Stunde und im Innern der Erde grollten die Stimmen der Tiefe. Die Rohrkolben im einsamen See schauderten zusammen und leise, leise raunten sie sich zu: „O, wollte doch das Gotteskind wieder einmal vorüber kommen und diesmal sollte es nicht weinen, sondern segnen sollte es uns.“ Da kam eine Nachtigall geflogen und schluchzte ein Lied und alles begann zu lauschen; die Rohrkolben und das Schilf reckten sich und lauschten voll Hingabe, denn das Lied der Nachtigall war vom Leben, Leiden und bitteren Sterben des Gottessohnes, des Weltheilandes. Als das schmerzliche Lied zu Ende war, da rauschte es im Schilf auf, es war mehr ein Schluchzen; denn nun wussten die Rohrkolben, warum das Gotteskind einstens geweint hatte bei ihrem Anblick. Denn als Jesus gegeißelt und mit der Dornenkrone grausam gekrönt wurde, da gaben ihm die Soldaten zum Spottgewand einen Rohrkolben als Zepter der königlichen Würde in die Hände.

Seitdem nun zieren die ernsten, braunen Rohrkolben zur Erinnerung an Jesu bitteres Leiden und Sterben den Herrgottswinkel in den Stuben frommer Menschen.