Die Legende vom gelbblühenden Steinbrech

 

Draußen inmitten des dichten Forstes liegen die Trümmer einer längst verfallenen Burg. Nur von der Schlosskapelle stehen noch einige Mauern. Der Altarstein, von Wind und Regen verwittert, zeigt noch deutlich die Nische, in der einstens der Herr in Brotsgestalt geweilt hatte.

In dieser Kapelle wohnte nun eine kluge, uralte Spinne. Sie erzählte einmal in einer abendlichen Dämmerstunde den Pflanzen und Tieren, die gleich ihr die Ruine bewohnten, dass hier einstens der Herrgott gewohnt hatte und dass diese armselige Nische seine Wohnstätte war, weil er bei den Menschen weilen wollte; wusste er doch in seiner Güte, dass die Menschen ein Nichts sind ohne ihn. Wie aber die Kapelle samt der Burg mehr und mehr verkam, da zog mit den letzten Bewohnern auch der göttliche Heiland aus.

Die Erzählerin schwieg; die übrigen hingen ihren Gedanken nach. Da kam der Mond und hing seine Silbergespinste zwischen den Bäumen und der Ruine auf, und sachte schlief alles Leben im Forst. Nur ein kleines Wesen schlief nicht; es war ein bescheidenes, gelbes Sternblümchen, ein Steinbrechlein, das in einer Mauerspalte sein armes Dasein fristete. Es musste immerfort an die Erzählung der Spinne denken und es weinte über den bescheidenen Gottessohn, der in dieser dürftigen Steinnische gewohnt hatte. Dann dachte das Blümlein nach, wie man diese Nische ein wenig schmücken könnte zum Gedächtnis an Gottes heilige Gegenwart. Und wie es so nachdachte im silbernen Mondschein, da fiel ihm just ein guter Gedanke ein. Kaum konnte das Blümchen das erste Frührot erwarten, als es schon nach der klugen Spinne rief und der ihren Plan mitteilte. Die Spinne war sehr erfreut, sicherte ihre Hilfe zu und nannte das bescheidene Blümchen klug und brav.

Das Eichhörnchen staunte nicht wenig, als es in aller Frühe schon Besuch bekam von der Spinne; noch mehr aber staunte es, als es des Blümchens Plan vernahm. Aber gerne war auch das muntere Tierchen bereit. Wie wunderten sich die anderen Bewohner der Ruine, als das lustige Eichhörnchen kam, mit seinem buschigen Schwanz den alten verwitterten Altarstein säuberte und gar die kluge Spinne vor das alte Nischlein ein feines Vorhanggespinst webte.

Noch war aber nicht alles getan. Das Steinbrechlein war unterdessen nicht müßig gewesen; es hatte alle seine Schwesterlein in der ganzen Ruine zusammengerufen, und vereint kletterten sie mit ihren feinen Wurzelfüßchen am Altarstein empor und umgaben die Nische, die verlassene Gotteswohnung, in dichtem Kranz. Wie freuten sich alle über diesen lieblichen Schmuck und gar schön wurde es erst, als der Abendtau glitzernde Perlen in das Gewebe der Spinne hing.

Im ersten schein der Morgenröte ging Unsere Liebe Frau durch den Forst; und wo immer sie wusste, dass ihr göttlicher Sohn dort einmal gewohnt hatte, da konnte sie nicht vorübergehen, da musste sie Einkehr halten. So zog es denn die himmlische Frau auch zur verfallenen Burgkapelle. O wie freute sich ihr gottliebendes Mutterherz, als sie sah, wie lieblich geschmückt ihres Sohnes längst verlassene Wohnung war!

Die Gottesmutter, der nichts verborgen bleiben konnte, sah die rührende Liebestat des bescheidenen Blümchens und segnete es. Und dieser Segen der Lieben Frau blieb haften auf dem gelbgesternten Steinbrechlein und wirkte fort; es wurde so recht das Blümchen des sakramentalen Gottes. Alljährlich am Bekennerfest, wenn der Herr durch die Straßen zieht, da ist es das bescheidene Blümchen, das die brennenden Kerzen umkränzt.