Die Legende der Seerose

 

Schon seit Tagen währte die Flucht der heiligen Familie, die Wüste lag hinter ihnen. Die Gottesmutter und ihr frommer Gemahl priesen dankbaren Herzens Gott, dass nun der schwierigste Teil der Reise überstanden wäre. Voll frohen Gottvertrauens setzten sie die Reise fort. Der Weg, der nun kam, gab freilich der Wüste nicht viel nach: Dort barg die Gefahr sich in den scheinbar glatten, unbewegten Sandflächen; hier waren es wild zerklüftete Felsenpartien und dichter Urwald. Josef musste für sich und die Seinen erst mit der Zimmermannsaxt einen Weg bahnen. Angstvoll drückte die Gottesmutter das göttliche Kind an sich. Durch den Wald schimmerte es bläulich und das heilige Paar merkte mit neuem Schrecken, dass ein Waldsee ihren Weg versperrte. Wie sollten Sie weiterkommen? Auf der einen Seite ragten steile Felswände empor, auf der anderen Seite dichter, undurchdringlicher Urwald. Der heilige Josef prüfte mit seinem Reisestab die Tiefe des Sees und ersah daraus, dass man ihn nicht durchwaten konnte. Die Gottesmutter stieg von der Eselin und trat dicht an das Ufer. Vertrauend hob Maria die Augen zum Himmel und flüsterte: „Herr, rette deinen Eingeborenen! Du, der du ihn vor der blutigen Verfolgung errettet hast, lass uns hier nicht zugrunde gehen! Vater, erbarme dich deines Sohnes, erbarme dich unser!“ Und zum Waldsee sprach sie: „Deine große Stunde ist gekommen! Der Heiland, das Gotteskind, will dich segnen.“ Da stiegen leise, leise vom Grund herauf schlanke Stiele mit schönen, großen Blättern, die auf der Wasseroberfläche schwammen. Dichter und dichter kamen sie empor und bildeten einen Steg von einem Ufer zum andern. Die heilige Jungfrau betrat voll des heiligsten Gottvertrauens den schwankenden Steg, und siehe, Gott gab der schwachen Pflanze ungeahnte Kraft und auf der schwimmenden Brücke erreichte die heilige Familie das andere Ufer.

Das Jesulein aber auf der Mutter Arm hob das Händchen und segnete die hilfsbereiten Blätter. Da tauchten aus dem See liebliche weiße Blüten, mit einem gelben Staubfadenkrönlein inmitten, empor und schwammen auf dem Spiegel des Wassers. Maria durchrann ein heiliger Schauer, und sie küsste in demütiger, dankbarer Liebe des Händchen ihres göttlichen Kindes, dessen Segen die liebliche Seerose schuf.