Die Legende der Lilie

 

Gott, der Herr, führte Adam und seine Gefährtin durch den Garten Eden und zeigte ihnen alle erschaffenen Schönheiten. Inmitten des Gartens aber stand der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Als Gott dem Paar erklärte, dass sie von der Frucht des Baumes niemals essen dürften, zeigte er auch auf eine schöne, schneeige Blume, deren Kelch auf einem langen, schlanken Stängel ruhte. „Seht sie an“, sprach er, „die Lilie, die Wächterin der Tugend, sie wird blühen und duften, solange ihr den Baum der Erkenntnis nicht seiner Frucht beraubt. Weh aber! Wenn sich eure Hand danach ausstrecken wird, muss die Blume verdorren und kann nicht eher wieder blühen, bis ein Menschenkind ohne Sünde geboren wird!“ – Von diesem Tag an, betrachteten die ersten Menschen die schöne, weiße Blume mit heiliger ehrfurchtsvoller Scheu.

Die Lilie duftete und blühte in nieverwelklicher Schönheit und das erste Menschenpaar freute sich darüber in kindlichem Glück.

Dieses Glück der Geschöpfe aber war eine große Pein für Luzifer, den gefallenen Erzengel, und er beschloss ihr Verderben.

In der geschmeidigen, schillernden Haut der Schlange steckte sein listiger Geist und er versuchte die Frau. Der Böse wusste die verbotene Frucht so süß und wohlschmeckend zu schildern, dass Eva ein heißes Begehren in ihrem Herzen fühlte. Doch Gottes Wort stand noch vor ihrer Seele und sie ging langsam vom Baum der Erkenntnis hinweg. Als Eva an der Lilie vorüberging, da neigte sie den Kelch und ein klarer Tropfen entfiel ihm. Wohl kannte damals die erste Frau noch nicht die schmerzliche Bitterkeit einer Träne, aber eine Traurigkeit durchzog ihr Herz, als sie die Blume weinen sah; und sie mied die Lilie und den Baum der Erkenntnis einige Tage. – Der Versucher fürchtete schon, es könnte ihm sein Plan missglücken.

Als Eva eines Tages wieder an dem Baum des Lebens vorüberschritt, flüsterte ihr der Versucher zu: „Frau, wie schön bist du, schöner als Adam, dein Gefährte; aber wenn du vom Baum der Erkenntnis erst gegessen haben wirst, bist du noch weit schöner, und Adam wird dir dienen; er wird dein Knecht sein und du wirst herrschen über den Garten Eden.“ – Diesen Lockungen konnte die betörte Frau nicht widerstehen, und sie brach die Frucht vom verbotenen Baum. Die Wächterin der Tugend aber, die reine Lilie verdorrte.

Als Gott, der Herr, die Sünde der Frau und ihres Gefährten sah, da trieb er sie aus dem Garten der Wonne in die raue, unfruchtbare Trostlosigkeit der Welt. Adam bat noch den Herrn, irgendein Kleinod aus Eden mitnehmen zu dürfen; und da es Gott gewährte, grub der erste Mensch unter Tränen die verdorrte Zwiebelwurzel der Lilie aus und nahm diesen Überrest des Wächters der Tugend mit sich in die Verbannung.

Mit diesem Kleinod war ein leises Hoffen verbunden, weil der Herr gesagt hatte, sie werde wiederblühen, wenn ein sündenloser Mensch geboren werde.

Adam hoffte bei jedem Kind, das ihm seine Frau gebar, es werde nun dieses Kind der verheißene sündenlose Mensch sein, und die Paradiesesblume werde wieder blühen und auch ihm und seiner Frau werde die verschlossene Pforte aufgetan und sie könnten wieder in frohem, unbeschwertem Kindersinn darin wohnen.

Aber mitten im schönsten Hoffen kam der Tod und holte das erste Menschenpaar in sein finsteres Schattenreich.

Adams Kleinod vererbte sich nun auf den ältesten Sohn, und von ihm aus ging es von Geschlecht zu Geschlecht.

Ein hölzernes Kästchen nahm das immer mehr verdorrte Kleinod auf. Seit des Urvaters Tod waren schon Jahrtausende im Strom der Zeit versunken.

Um jene Zeit erhielt Mathan das Kleinod und hütete es mit der ganzen Kraft seines hoffenden, gottgetreuen Herzens. Mathan hatte eine einzige Tochter mit Namen Anna. Diese schöne, fromme Jungfrau wurde Joachim, dem Tempelpriester, vermählt. Der neuvermählten Tochter nun gab Mathan als Hort ihres Hauses und Glückes das Kleinod aus dem Garten Eden. Anna und ihr Gemahl umgaben das Vermächtnis des Urvaters mit heiliger Ehrfurcht. Das Leben des frommen Paares ging ruhig dahin. Wohl zog ihr still-heiliges Gebetsleben Gottes Wohlgefallen auf sie herab, aber ein Kummer trübte auch ihr Glück; der Herr versagte ihnen den Kindersegen.

Anna und Joachim waren schon sehr bejahrt, da betete die fromme Frau recht innig, doch endlich die Schmach der Kinderlosigkeit von ihr zu nehmen.

Und siehe, Gott hatte Wohlgefallen an dem gläubigen Vertrauen Annas und er gab ihr in den Jahren, wo sonst eine Frau sich nicht mehr der Mutterhoffnung erfreuen kann, ein Kind.

An einem klaren, sonnendurchfluteten Herbsttag kam Annas schwere Stunde und sie gebar ein zartes Mägdlein von auffallender Schönheit.

Joachim musste in der ersten Vaterfreude an die wundersame Paradiesesblüte denken, dessen winzigen Überrest seine Frau ins Haus gebracht hatte, und er musste bei sich Vergleiche ziehen zwischen seinem lieblichen Töchterlein und dieser einst so hold erblühten Blume. „Ich will“, dachte er, „an des Kindes Wiege das Kleinod bringen. Es wird auch Anna, meine Frau erfreuen, weil doch sie das Kleinod aus ihres Vaters Hand empfing.“

Joachim tat, wie er sich vorgenommen hatte und brachte das uralte Kästchen an des Kindes Wiege.

Doch siehe, was war dies? Kaum stand das Kleinod an dem Kinderbettchen, da begann sich der Deckel zu heben und eine schlanke, duftende Blume, leuchtend wie der Schneegipfel des Hermon, stieg empor. Das fromme Paar erschauerte im tiefsten Innern, weil es nun wusste, dass der Herr es unendlich gesegnet hatte; denn das neugeborene Mägdlein Maria war die verheißene sündenlose Gottesmagd. So war durch die Geburt der reinsten Frau die Lilie wieder zu den Menschen gekommen und blüht seitdem in ewig reiner jungfräulicher Schönheit.