Die Legende der Birke

 

Als der Liebe Gott die Welt geschaffen hatte und alles wohl eingerichtet war, da kam der Teufel und fragte, wo denn eigentlich er sich niederlassen dürfte; denn er wolle auch einen Anteil an der Welt haben, und keinen kleinen.

Der liebe Gott wies seinem gefallenen Erzengel das Moor zur Heimstätte an.

Wohl tobte der Teufel noch lange draußen herum und stampfte den Boden mit seinen Pferdefüßen. Darob entstanden große Löcher, die sich mit dunklem Grundwasser füllten. In ihnen wurde das Geschlecht der Schlangen und Kröten heimisch. Die Engel sahen durch die Sternenfensterchen gar oftmals zum Moor herab. Dabei geschah es oft, dass ein Mitleidstränlein aus Engelsaugen hinabfiel. Diese Engelstränen nun fühlten sich im Teufelsmoor gar nicht wohl und wollten wieder dahin zurück von wannen sie gekommen waren. Das sehnsüchtige Streben zur Höhe erhörte Gott, und wo eine Engelsträne niederfiel, da begann ein Bäumlein zu wachsen mit zartgelockter Blätterkrone und einem lichten weißen Stamm. Die Engel sahen mit Freuden was aus ihren Tränen geworden war. Nun aber bestürmten sie den lieben Gott, er möge diese zarten, lieblichen Bäumchen doch aus dem Teufelsmoor nehmen und sie auf irgendeine freundliche Blumenwiese stellen. Dem oftmaligen Bitten der Engel gab dann der liebe Herrgott nach und erlaubte den beschwingten Himmelsbewohnern, hinabzufliegen und die Bäumchen aus dem Moor zu versetzen. Gleich einer zarten Wolke schwebten die Engel hernieder und zogen die Bäumchen heraus, deren Wurzelfüßchen sich schon vor seliger Freude selbst gelockert hatten. Eben wollten die Engel ihre liebliche Beute in Sicherheit bringen, als der Teufel, in eine dichte Schwefelwolke gehüllt, einherfuhr. „Ich,“ schrie er, „bin der Herr des Moores, mein sind die Bäume, her damit!“ Und schon entspann sich ein erbitterter Kampf. Der liebe Gott aber gab seinen Engeln den Sieg. Der Teufel wütete und tobte ärger denn je, so dass sich sogar die Schlangen und Kröten vor ihrem Herrn und Meister fürchteten. In des Teufels Klauen blieb manches Stück von dem seidig glänzenden Bast der Baumstämmchen zurück. Die Engel aber brachten voll des heiligsten Eifers die Bäumchen zu einer lieblichen Blumenwiese. Da aber wurden sie traurig, weil sie erst jetzt sahen was des Teufels Klauen an den Stämmchen für hässliche, schwarze Merkmale hinterlassen hatten. Der liebe Gott tröstete seine Engel und sprach: „Seid nicht traurig darüber! Wohin nun das Bäumchen kommen mag, sei es ein beredter Künder vom Kampf mit dem Bösen und von dem Sieg des Lichtes.“ Die Engel waren durch das Gotteswort getröstet und das Bäumchen, die zarte Birke, trägt zum Gedächtnis an den Kampf der Engel mit dem Teufel die weiße, zerschlissene Rinde mit den schwarzen Merkmalen der Teufelsklaue.