Die Königskerze

 

Der Winterwald liegt halb begraben unter Lasten von Schnee, die Dämmerung beginnt blaue Schatten zu weben. Eine heilige Feierstimmung liegt heute über der Welt, die Christnacht gleitet auf geweihten Schwingen hernieder. Im Wald wird es hell, das Gotteskind steigt alljährlich herab, um auch den armen Tierlein eine Christnachtsfreude zu bereiten. Mitten auf beschneiter Waldlichtung wird Halt gemacht; da strömt dann alles herbei, Groß und Klein, Freund und Feind, heute alles einträchtig gepaart. Heute ist die große Stunde, da den Tieren die Sprache verliehen ist und sie ihre verschiedenartigen Wünsche dem Christkind vortragen dürfen. Für jedes hat das Jesulein ein gutes Wort, einen milden Trost bereit, und zu guter Letzt auch einen Leckerbissen. Es herrschte dann ein großes Freuen auf der Waldlichtung und selig war das Gotteskind unter seinen Geschöpfen. Da kam der Engel der heiligen Nacht geflogen; das bedeutete für das Jesuskind die Botschaft zur Heimkehr, denn um die mitternächtige Stunde wurde die Geburt des Heilands im Himmel gar feierlich begangen. Doch das Gotteskind zögerte noch ein wenig, denn die Rehe und Hasen schmiegten sich gar zutraulich an und wollten das Jesulein noch nicht von sich lassen. Sogar Reineke Fuchs, der Erzschelm, bat ganz ehrbar, noch zu verweilen. Das Eichhörnchen zeigte seine besten Kunststücke, und die Waldvöglein stimmten ein süßes Lied an. In all die selige Freude klang nun plötzlich ernst und mahnend der feierliche Ruf der Weihnachtsglocken. Wie sprang da das Jesulein auf; nun galt es Abschied nehmen. Aber das liebevolle Herz des Gotteskindes hatte noch keine rechte Ruhe; irgend ein besonderes Zeichen der Liebe wollte es seinen lieben Tierchen noch geben zum Andenken an diese stillen Feierstunden, in denen Schöpfer und Geschöpfe so innig miteinander verbunden waren. Ein frohes Lächeln glitt über das Antlitz des göttlichen Kindes. Rasch nahm es einem der lichtertragenden Engelein die schlanke, gelbe Kerze ab und stellte sie inmitten der Waldlichtung in den Schnee. Dann schwang es sich mit seinen lichten Himmelsboten zur Höhe des Himmels. Das Christlicht brannte nieder. Bis zum letzten Flackern umstanden es die Tiere des Waldes, dann aber suchten alle husch, husch ihre Schlupfwinkel auf. Als aber der Lenz gekommen war, da begann es an der Stelle zu keimen, wo das Gotteskind das Christlicht niedergestellt hatte. Der Sommer enthüllte das holde Geheimnis. Eine schlanke, hohe Blume stand an der Stelle, mit goldfarbenen Blütchen übersät. Da kamen sie alle heran die Tiere des Waldes und bestaunten den lieblichen Fremdling. „Seht“, rief das muntere Eichhörnchen, „die Kerze des Gotteskindleins ist aufs neue erstanden. Lasst uns der Blume einen Namen geben!“ „Die Hand des Himmelskönigs rief sie hervor“, flüsterte schüchtern das Reh, „so lasst sie uns Königskerze heißen.“ Das Gotteskindlein, das das Gespräch der Tiere hörte, war zufrieden damit und so blieb der goldig schimmernden Blume der Name „Königskerze“ und Jesuleins Segen ruhte auf ihr.