Das Zittergras

 

Neben dem Häuschen zu Nazareth dehnte sich eine weite, schöne Blumenwiese; sie war des Gotteskindes stille Wonne. Wenn nun Maria im Haus beschäftigt war, da trug sie ihr Kindlein auf die Wiese, setzte es mitten hinein und hieß die Blumen fein artig spielen mit dem Jesuskind. Dies geschah denn oft und die Blumen spielten mit dem Gotteskind und freuten sich; von seiner Hand ließen sie sich gerne brechen. Das Jesulein sprach mit den lieblichen Blumenkindern, es erzählte ihnen vom Vater, der Himmel ist, der da keines seiner Geschöpfchen vergisst, der nach seiner Weisheit Regen und Sonnenschein kommen lässt. Und weiter erzählte es den aufhorchenden Blumen von einem Blumengarten ganz besonderer Art, der über den Wolken in der ewigen Schönheit des Himmels erblühen soll. Es seien dort die Seelen der Makellosen die Lilien, die Büßer seien die dunkelleuchtenden Rosen, die Iris würden die Scharen der Gerechten darstellen, die Skabiosen jene, die um Gottes willen arm geworden wären. Wie freuten sich da die Blumen und waren ganz versunken im Zuhören. Das Jesulein wand dabei einen schönen Blumenstrauß, um seine heilige Mutter damit zu erfreuen. In dem Strauß nun ging ihm noch etwas ab und deshalb begann es suchend umherzugehen, da sah es, was es noch haben wollte. Dort stand was es begehrte, nämlich ein Büschel lieblichen Grases mit zierlicher Rispe. Da eilte das Gotteskindlein darauf zu und wollte es brechen, da rief das stolze, törichte Gras: „Was willst du von mir, lass mich in Ruhe, ich will mich nicht pflücken lassen, ich will nicht, auch nicht von dir; geh fort und lass mich allein, magst du mit den andern, gemeinen Blumen spielen, sie sind froh, wenn du sie pflückst, aber mich lass aus dem Spiel.“ Das Gotteskind wandte sich ab und ging weinend mit seinem Blumenstrauß zur Mutter und klagte sein Leid. Die Gottesmutter schmerzte es tief, dass ein Geschöpf es wagte, den kleinen Gottessohn zu beleidigen, sie nahm denn das Jesulein an der Hand und ging hinaus auf die Wiese. Maria sprach zur hochmütigen Pflanze: „Weißt du, wen du dich unterfangen hast zu beleidigen? Ahnst du, wer dieses Kind ist? Soll ich es dir sagen?“ Noch stand das Gras stolz und ungerührt da. Maria sagte ernst: „Dein Stolz wird dich noch bitter reuen; das Kind, das dich pflücken wollte, ist Jesus, des ewigen Vaters Sohn, der Heiland der Welt.“ Wie erschrak die törichte Pflanze, als sie hörte, wen sie abgewiesen hatte; ein heftiges Zittern befiel das stolze Gras. Die Gottesmutter wollte das Gras, das das heilige Kind beleidigt hatte, nicht mehr unter den lieblichen unschuldigen Blumenkindern auf der Wiese dulden und wollte es irgendwohin in die Wildnis verbannen. Das Gotteskind aber, das die Gedanken seiner Mutter sah, sagte: „Mutter, lass ab von ihm, es ist für seinen Hochmut gestraft genug; denn wisse, das Zittern wird bleiben, der Vater im Himmel wird es ihm nimmer abnehmen. Es soll das Zittergras ein warnendes Beispiel sein allen Stolzen, die sich nicht beugen wollen vor Gott.“