Das Distelfeld

 

Die Purpurgluten der scheidenden Sonne umlohten Nazaret. Miriam, des Josefs jungfräuliche Frau, saß im Gärtchen und weinte; sie weinte wie nur eine Mutter weinen kann, wenn die graue Sorge in ihrem Haus zu Gast ist. Die Not saß stets auf der Schwelle des friedlichen Häuschens, aber heute tat es der Gottesmutter bitter weh, betraf doch die Not ihr vielliebes Kind. Das Jesulein trippelte nun schon ohne mütterliche Hilfe einher. Es wuchs, aber die Hemdlein und Röcklein wuchsen nicht mit. Miriam hatte keinen Flachs, um Garn zu spinnen und daraus Hemdlein und Röcklein zu weben. Nun dachte die Gottesmutter voll Bangen an den rauen Atem des Winters, dem ihr liebes Kindchen in den schlechten Kleidchen ausgesetzt sein wird. Schon wurden die Tage kürzer und die Luft war von der durchsichtigen Klarheit des Herbstes.

Das Kind kam zur Mutter, es fragte mit seinem Stimmchen: „Mutter, warum tauen deinen Augen Tränen nieder?“

„Mein liebes Kind“, antwortete Miriam, „mein Kummer gilt dir. Siehe, der Herbst begann, der Winter ist nicht mehr fern, und deine Röcklein sind dünn und schlecht, und ich habe nichts, dir Besseres zu weben. Siehe, Kind, mein Herz bangt, wenn ich denke, dass du Kälte erleiden sollst.“

Des Kindes Augen wurden groß und seltsam ernst. „Meine Mutter“, sagte es, „soll nicht bangen: wir werden erhalten, was wir bedürfen. Wenn es des Vaters Wille wäre, könnte er mir ein Gewand senden, vor dessen Pracht die Pracht Salomos verschwinden würde. Der Vater aber will, dass sein Eingeborener in Armut sein Volk erlösen soll. Mutter, fasse Mut, habe Vertrauen!“ Miriam lag vor ihrem Kind auf den Knien, ein großes Staunen hatte ihre Seele erfasst. „Wie mein Herr es gebeut, geschehe es“, flüsterte sie, und eine heitere Ruhe durchflutete ihr ganzes Sein.

Das Jesulein war wieder das fröhliche Kind und sprang davon. Es lief zu seinem Nährvater, der eben den Esel zu der hinteren Gartenpforte hinaus ließ, damit er sich in dem angrenzenden Distelfeld gütlich tue. Das Kind ging mit dem Tier. Miriam stand noch am Zaun und sah ihr Kind zwischen den Disteln spielen. Angstvoll rief sie: „Mein Kind, mein Liebling, hüte dich vor den scharfen Stacheln der Disteln, komm zu deiner Mutter!“ – „Mutter“, antwortete das Kind, „fürchte dich nicht! Wie sollte die Kreatur ihre Waffen kehren gegen ihren Schöpfer?“ Da schwieg Miriam, das Kind aber ging umher, sprach zu den Disteln und streichelte sie und wohin das Kind ging, überall neigte sich die von aller Welt verachtete Blume ihm zu. Da nahm das Jesulein des Esels Zügel und ging langsam dem Haus zu, es nickte dabei den Blumen zu, gleich vertrauten Freunden, und als es das Gartenpförtchen erreicht hatte, hob es segnend die Händchen über das verachtete Distelfeld; die violetten Blütenhäupter neigten sich tief.

Die Nacht zog herauf, der Herr entzündete die stillfriedlichen Leuchten der Sterne und der Engel des Schlafes stieg zur Erde.

Überall war Ruhe, nur auf dem Distelfeld ging es lebhaft zu, ein Raunen und Wispern ging hin und her und die abgeblühten Blütenköpfchen sprangen auf und es entquoll ihnen ein Büschelchen seidenweicher, schneeiger Fasern.

Miriam schlief, da hörte sie im Traum ihres Kindes Stimme: „Mutter, das Distelfeld, das verachtete, hat erfüllt, was ich ihm geboten habe, es trägt Fasern, die nur du verstehen wirst zu spinnen. Mutter, nimm was ich dir schuf, dein liebes aufopferndes Herz soll keinen Kummer leiden.“ Die Gottesmutter erwachte, des Mondes Silberlicht zeichnete lichte Tafeln auf den Boden ihres Gemaches, sie erhob sich, warf ihr Obergewand über und verließ das Haus.

Miriam stand am Distelfeld und staunte das Wunder an, das ihres Sohnes Allmacht vollbrachte, glich doch das Feld den schaumgekrönten Wogen des Meeres. Die Gottesmutter begann die feine Pflanzenwolle abzunehmen und es verging darüber die Nacht.

Als die Sterne verblassten, erwachte die Welt vom Kuss der Morgenröte und des ewigen Vaters Sohn ging hinaus und suchte die Mutter im Distelfeld.

„Jesus, mein göttliches Kind, was hast du wiederum an mir getan?“ fragte die Mutter als sie ihn sah.

„Mutter“, erwiderte das Kind, „nimmermehr versagt der Vater, was wir bedürfen. Siehe, Mutter, die Distel war gestern im Abendlicht so traurig, weil sie dich weinen sah und so gerne trösten wollte; da gebot ich ihr, deinem Kummer abzuhelfen. Verachtet war sie von allem Volk, da habe ich sie erhoben zu deinem Dienst. Und nicht nur einmal soll sie dir Wolle geschenkt haben, sondern zum Gedächtnis an die Frau, die der Vater erhob über alle Töchter Evas, soll sie alljährlich ihre schimmernden Fasern der Welt schenken. Und sofern sie der Mensch nicht achtet, so mögen sie dienen den Vögeln des Himmels zum Bau ihrer Nester.“ Miriam nahm das Kind auf die Arme, das Kind, das die ganze Schöpfung überragte. „Wahrhaftig“, sprach sie in ihres Herzens Freude, „nichts ist zu gering und nichts zu arm, es findet Gnade vor den Augen des Herrn.“ Die Distel, verachtet unter allen Blumen, ist es, die kraft des göttlichen Segens hervorbrachte die schimmernde Liebfrauenwolle.

Des Gotteskindes Segen blieb auf der Distel. Wenn des Herbstes abgeklärte Schönheit die Welt regiert, steht die wehrhafte Distel im flaumigen Schmuck der Liebfrauenwolle.