Der heilige Pfarrer von Ars


Ein Priester nach dem Herzen Gottes:

der heilige Pfarrer von Ars, Joh. Bapt. Maria Vianney

Wenn man in einer größeren Stadt im Winter an einer Blumenhandlung vorbeikommt, so kann man hinter den Blumen, welche die Kälte an die Fenster malt, die schönsten und zartesten Kinder des Frühlings sehen: duftenden Jasmin, glutrote Rosen, sogar Maiglöckchen und Veilchen. Es wird aber niemand einfallen, zu glauben, diese Blumen seien im Freien gewachsen: sie sind künstlich in geheizten Treibhäusern aufgezogen worden; denn die Sonne hat im Winter wenig Kraft, alles Leben erstirbt in Eis und Schnee.

Gottes Gnadensonne verliert ihre Wärme nie, immer wieder lockt sie aus dem Erdreich der Menschenherzen Blüten vollendeter Tugend und Heiligkeit, selbst wenn Gottlosigkeit und Bosheit noch so sehr überhandgenommen haben. Ja, gerade die Zeiten des tiefsten religiösen und sittlichen Verfalls weisen oft die größten Heiligen auf. Gott fügt es so, um zu zeigen, dass seine Wahrheit ewig ist, hocherhaben über allen Wechsel der irdischen Dinge.

Eine solche Wunderblume der Tugend, aufgesprosst mitten unter den Ruinen, mit welchen die französische Revolution Frankreich übersäte, war der heilige Pfarrer von Ars, Joh. Bapt. Maria Vianney, den der Heilige Vater Pius X. zur Ehre der Altäre erhoben hat. Es wäre freilich schwer zu sagen, welche Tugend an ihm am meisten hervorleuchtete: glühende Liebe zu Gott und den Menschen, engelgleiche Reinheit oder tiefe, bis zur vollständigsten Selbstverachtung gehende Demut. Letztere war in einer der Inschriften verherrlicht, die bei der Seligsprechungsfeier den St. Petersdom schmückten:

„Gloriam praecedit humilitas – der Ehre geht die Demut voraus.“

1. Im Elternhaus

Jeder Fremde, der Lyon besucht, steigt auch zur berühmten Basilika U. L. F. von Fourvière hinauf, wenn nicht aus Frömmigkeit, so doch um die herrliche Aussicht zu genießen. Steht man dann auf der Terrasse, welche die Kirche umgibt und schaut gegen Nordwesten, so erblickt man in der Ferne eine Bergkette von mäßiger Höhe: die sogenannten Goldberge. An ihren Abhang schmiegt sich ein stilles, von Weingärten und Obstbäumen umkränztes Dorf an: der Pfarrort Dardilly. Dort lebte zu Ende des 18. Jahrhunderts die Familie, der unser Heiliger entstammte. Sie war nicht reich, aber erfreute sich doch eines gewissen Wohlstandes und nannte ein Haus im Dorf nebst einigen Äckern und Rebgeländen ihr eigen. Der Vater, Peter Vianney, war in der ganzen Gegend bekannt durch seine Barmherzigkeit und Gastfreundschaft. Jeden Abend sah man seinem Haus eine förmliche Prozession von Armen sich nahen, die einen Teller warme Suppe und dann ein Nachtlager auf dem Heu seiner Scheune erwarteten. Nicht selten waren es ihrer 12 – 15: die einen standen um den Herd, auf dem ein lustiges Feuer loderte, die anderen saßen auf der Türschwelle und ruhten aus. Bisweilen kam es vor, dass der Kochtopf für so viele Gäste zu klein wurde; dann vermehrte der Hausvater die Portionen um eine, indem er sich der seinigen zu Gunsten der Armen beraubte.

Eines Tages befand sich unter den Bettlern auch ein Pilger, der betend und büßend von einem Wallfahrtsort zum anderen zog – er kam auch in unsere deutschen Gegenden, z.B. in den Schwarzwald und nach Maria Einsiedeln; in Innsbruck zeigt man noch den Brunnen, aus dem er getrunken haben soll.

Es war Benedikt Labre, der am 8. Dezember 1881 von Leo XIII. in die Zahl der Heiligen versetzt worden ist. Ohne Zweifel bat der Heilige Gott den Herrn, seinen Wohltäter für die ihm gewährte Gastfreundschaft zu segnen, und vielleicht belohnte Gott die Freigebigkeit der Familie dadurch, dass er ihr einen mit besonderen Gnadengaben ausgestatteten Sohn schenkte. Am 8. Mai 1786, drei Jahre nach dem Tod des hl. Benedikt, wurde dieser Junge geboren, als das vierte von sechs Kindern. Er erhielt in der Taufe den Namen Johannes Maria; bei der Firmung nahm er noch den Namen Baptist hinzu.

Die gottesfürchtige Mutter brachte ihn schon vor der Geburt dem Heiland zum Opfer dar und hegte dabei den stillen Wunsch, der Herr möchte ihn einst zum Dienst des Altars berufen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung, obschon Johannes infolge eigentümlicher Verhältnisse die Studien erst in einem Alter begann, in dem andere sie für gewöhnlich vollenden. Doch sollte er zuvor noch die für seine spätere Wirksamkeit überaus wichtige Schule einer wahrhaft christlichen Erziehung und mannigfacher Entbehrungen und Leiden durchmachen.

Die erstere hätte er wohl nirgends auf der Welt besser finden können als im väterlichen Haus. Denn es lag Frau Vianney nichts mehr am Herzen, als ihren Kindern möglichst früh die Kenntnis und Liebe Gottes einzupflanzen. Sobald die Kleinen anfingen, zu reden, mussten sie die hlst. Namen Jesus und Maria aussprechen und das heilige Kreuzzeichen machen lernen. Auch gewöhnte sie die Kinder daran, die Sünde und alles, was zu ihr führt, als das größte Übel zu betrachten. „Es wäre mein größter Schmerz,“ pflegte sie zu sagen, „wenn ich sehen müsste, dass meine Kinder Gott beleidigen.“ Eines Tages sprach sie so auch zu Johannes und fügte hinzu: „Mein lieber Johannes! Mein Schmerz würde noch größer sein, wenn du ihn mir bereiten solltest.“ Die Worte der Mutter verfehlten ihren Eindruck auf das empfängliche Herz des Jungen nicht; er wuchs in solcher Unschuld und Reinheit heran, dass er als Priester behaupten konnte: „In meiner Jugend habe ich das Böse nicht gekannt, ich lernte es erst im Beichtstuhl kennen.“

Je weniger Johannes von der Welt und ihren Lastern wusste, desto mehr fühlte er sich zu Gott und zu himmlischen Dingen hingezogen. Die Liebe zum Gebet schien ihm angeboren. Mit drei Jahren beteiligte er sich bereits regelmäßig an den Andachtsübungen des Hauses, und sobald man den englischen Gruß läutete, warf er sich auf die Knie, um voll Andacht Maria zu grüßen. Gern zog er sich jetzt schon in die Einsamkeit zurück, um ungestört zu beten. Einst vermisste ihn die Mutter und suchte ihn im ganzen Haus, ohne ihn zu finden. Endlich entdeckte man ihn in einer Ecke des Stalles, so ins Gebet versunken, dass er gar nicht hörte, wie man nach ihm rief. Das Gebet wurde wirklich das Atemholen seiner Seele. Er betete auf dem Weg zur Arbeit, bei der Arbeit, und während die andern der Ruhe pflegten. Wenn man nach Tisch der Sitte gemäß sich eine kurze Zeit Schlaf gönnte, so legte auch er sich nieder, aber anstatt zu schlafen, unterhielt er sich mit Gott oder der seligsten Jungfrau.

Maria besaß in seinem Herzen den ersten Platz nach Gott. Wann er angefangen hatte, sie zu lieben, wusste er selbst nicht; es scheine ihm, äußerte er sich einst, als habe er sie immer gekannt und geliebt. Als er eine kleine Statue der Muttergottes zum Geschenk erhalten hatte, bewahrte er sie wie einen kostbaren Schatz. Sogar zur Arbeit im Weinberg seines Vaters begleitete sie ihn. Sobald er dazu fähig war, musste er nämlich helfen, den Boden umzuhacken. Anfänglich wurde ihm diese Beschäftigung in der glühenden Sonnenhitze gar sauer und schwer: todmüde kam er abends nach Hause. Da stellte er sein Marienbild auf einen Baumstrunk in seiner Nähe, und die Augen auf seine himmlische Mutter gerichtet, machte er sich frisch ans Werk. Hatte er das Bild erreicht, so rückte er es einige Schritte weiter vor und begann von neuem zu hacken bis zum Abend.

Die Mutter war klug genug, der Frömmigkeit ihres Sohnes keine Zügel anzulegen, wie es manche törichte Eltern bei ihren Kindern tun zu müssen glauben, wenn sie auch bisweilen fürchtete, dass er in seinem Eifer zu weit gehe. Johannes bewahrte ihr dafür bis zu seinem Tod eine rührende Anhänglichkeit. Als ihn einst einer seiner Mitarbeiter im Weinberg des Herrn glücklich pries, weil er so früh Geschmack am Gebet gefunden habe, gab er zur Antwort: „Das verdanke ich meiner Mutter.“ „Die Tugend,“ fuhr er fort, „geht gern vom Herzen der Mutter in das der Kinder über; denn das Kind tut gern das, was es sieht.“ Jedes Mal wenn er als Pfarrer die Mütter seiner Gemeinde zur treuen Pflichterfüllung aufmunterte, hielt er ihnen seine eigene Mutter als Muster vor.

2. Der kleine Apostel

Bevor sich Johannes den harten Arbeiten widmete, wie die Pflege der Reben sie erfordert, musste er die kleine Herde seines Vaters hüten. Die Weideplätze lagen in einem lieblichen Tal, zu dessen beiden Seiten sich ein Gehölz von Hagenbuchen und Eichen hinzog; an die Wiesen grenzten Getreidefelder und in den Gebüschen an einem kleinen Bach sangen Vögel aller Arten, namentlich Amseln, von denen der Ort den Namen „Amselfang“ erhalten hatte.

Das Hirtenleben sagte dem in sich gekehrten Wesen des Jungen sehr zu. Den Grund gab er wenige Monate vor seinem Tod selbst an: „Wie glücklich war ich,“ sagte er, „als ich nur für meine drei Schafe und meinen Esel zu sorgen hatte! Da konnte ich so recht nach Herzenslust beten.“ Die freie Natur hinderte ihn keineswegs an der Geistessammlung, sondern förderte dieselbe sogar. Denn sein lebendiger Glauben entdeckte überall Beziehungen der Geschöpfe zum Schöpfer, alles sprach zu ihm von Gott: das Murmeln der Quelle; die Fische, die sich im Wasser tummelten; die Blumen auf der Wiese; die frische, würzige Luft; das Gezwitscher der gefiederten Sänger in Feld und Busch. Hie und da baute er sich aus Rasen einen kleinen Altar für seine Marienstatue und versammelte seine Kameraden davor. Er sang mit ihnen fromme Lieder, betete den Rosenkranz oder hielt ihnen kurze Ansprachen über die Wahrheiten des Katechismus und die Geheimnisse der Religion. Keinem der Zuhörer fiel es ein, darüber zu lachen: so überzeugend waren die Worte des jungen Predigers und solche Ehrfurcht flößte er ihnen ein.

Dieser apostolische Eifer hatte seine Veranlassung zum Teil in der traurigen Zeitlage. Die Revolutionsmänner hatten die Kirchen gesperrt und die Priester vertrieben oder eingekerkert. Jeder Tag brachte neue Schreckensnachrichten; wer immer treu zu seinem Glauben hielt, war in Gefahr, sein Leben auf dem Schafott opfern zu müssen. Johannes sah mit Entsetzen, in welcher Unwissenheit infolgedessen manche seiner Altersgenossen aufwuchsen, die keine so guten Eltern hatten wie er, und er suchte deshalb, so gut er konnte, selbst den Katecheten zu machen.

Ganz ohne alle Seelsorge blieben die Katholiken jener Gegenden übrigens doch nicht. Denn trotzdem auf den Kopf eines jeden Priesters ein Preis ausgesetzt war, walteten viele Priester im geheimen ihres Amtes. Auch in Ecully, einem Dorf zwischen Lyon und Dardilly, weilten vier Missionare, als Arbeiter verkleidet, und versammelten von Zeit zu Zeit ihre Pfarrkinder unter dem Schutz der Nacht in Scheunen oder im Wald. Die Familie Vianney kam öfters zu solchen Gottesdiensten, weil die Entfernung nicht groß war und die Mutter in Ecully eine verheiratete Schwester hatte.

Eines Tages wohnte Johannes mit der Mutter einer hl. Messe des Herrn Groboz bei, Dem Priester fiel die Andacht des Jungen sofort auf und nach der Messe beschied er ihn zu sich. Nachdem er sich um seinen Namen erkundigt hatte, entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:

„Wie alt bist Du?“ fragte der Priester.

„Elf Jahre,“ erwiderte der Junge.

„Wann hast Du das letzte Mal gebeichtet?“

„Ich habe noch nie gebeichtet, denn ich hatte noch keine Gelegenheit dazu.“

„Nun, dann ist es die höchste Zeit! Willst Du die Sache nicht gleich jetzt abmachen?“

Johannes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein und es dauerte nicht lange, so lag er, in Tränen gebadet, zu den Füßen des Missionars. Welches der Inhalt seines Bekenntnisses war, weiß nur Gott, aber so viel ist gewiss, dass der Priester überrascht war von der ungewöhnlichen Unschuld des Jungen und die Eltern bestimmte, ihn in Ecully zu lassen zur Vorbereitung auf die erste hl. Kommunion.

Leider konnte dies erst im folgenden Jahr stattfinden. Die Gräfin Pingon hatte dazu ihr Haus angeboten und die Erstkommunikanten schlichen sich beim Morgengrauen einer nach dem andern hinein. Zudem hatte man, da eben Erntezeit war, große Heuwagen vor die Fenster gestellt, um die 16 kleinen Missetäter, die das Verbrechen begingen, ihre erste hl. Kommunion zu empfangen, unberufenen Blicken zu entziehen.

Diese rührende Feier war es wohl vor allem, die in Johannes ein Verlangen weckte, das hinfort bestimmend auf sein ganzes Leben einwirkte: das Verlangen, auch einmal Priester zu werden, um vielen armen, jeder geistlichen Hilfe beraubten Seelen Trost und Gnade bringen zu können. Doch woher die Mittel zur Bestreitung der Studienkosten nehmen? Wo die Studien betreiben, da es keine Seminarien mehr gab? Einstweilen blieb ihm also nichts übrig, als sein großes Anliegen in seinem Herzen zu verbergen und die von Gott bestimmte Zeit in Geduld abzuwarten. Die Jahre, die bis dahin noch verstrichen, brachte er mit den bereits gewohnten Arbeiten im Haus und auf dem Feld zu, nur dass man seinen wachsenden Kräften immer mehr aufbürdete: er musste Getreide säen und einernten, Gras mähen, Korn dreschen usw.

Die göttliche Vorsehung führte ihn auf einem rauen Weg; aber sie hatte ihre weisen Absichten: bei dieser Lebensweise lernte Johannes die Bedürfnisse des Volkes, dessen Vater er einst werden sollte, durch und durch kennen und sammelte sich jene Fülle von treffenden Bildern aus der Natur, welche seine Predigten und Katechesen so anziehend und fruchtbar machten.

3. Auf dornigen Pfaden

Nach den Stürmen der Revolution kamen endlich wieder ruhigere Zeiten für Frankreich. Napoleon hatte die Zügel der Staatsregierung in die Hand genommen und die zerrissenen Bande mit dem Heiligen Stuhl wieder angeknüpft. Nun verließen die Priester ihre Schlupfwinkel, die Gotteshäuser wurden ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben, die zerstreuten Katholiken sammelten sich von neuem um ihre Seelenhirten, die der Verfolgung entgangen waren.

Auch Ecully erhielt seinen Pfarrer in der Person des heiligmäßigen Herrn Balley. Das erste, was dieser unternahm, war die Gründung einer Schule für junge Leute, die sich dem geistlichen Stand widmen wollten. Denn überall machte sich ein empfindlicher Priestermangel geltend: hunderte von Priestern, und zwar gerade die besten, waren verbannt oder getötet worden, und was die Revolution an Glauben noch übrig gelassen hatte, drohte infolgedessen die religiöse Gleichgültigkeit vollends zu zerstören.

Mit Erlaubnis seiner Eltern übersiedelte auch Johannes Vianney nach Ecully, um seine Studien zu beginnen. Balley trug zwar anfänglich Bedenken, einen 19jährigen Schüler aufzunehmen; doch kaum hatte er denselben persönlich kennen gelernt, so hielt er ihn von seinem Vorhaben nicht nur nicht zurück, sondern bestärkte ihn sogar darin. Ja, er versprach ihm, sich seiner in besonderer Weise anzunehmen. Diese wohlwollende Gesinnung seines Lehrers war für Johannes auf seiner ganzen Studienlaufbahn wie ein freundlich leuchtender Stern, der nie unterging und ihm immer wieder Trost ins Herz flößte, wenn es in seiner Seele dunkel wurde.

Vianney war durchaus nicht ohne Talent, im Gegenteil besaß er Fähigkeiten, die sich unter günstigeren Verhältnissen zu etwas Tüchtigem hätten entfalten lassen. Allein er fing zu spät an; bei den beständigen körperlichen Arbeiten hatte sein Gedächtnis die nötige Frische verloren und die Auffassungskraft ihre Lebendigkeit eingebüßt. Zudem war das bisschen Wissen, das er sich in der Dorfschule erworben hatte, eine gar zu schwache Grundlage für eine höhere Ausbildung. So kam es, dass er trotz aller Anstrengung und trotz des rastlosesten Eifers nur sehr geringe Fortschritte machte. Namentlich die lateinische Sprache wollte ihm nicht in den Kopf, so dass er manchmal beinahe mutlos wurde. Einst stiegen ihm in einer Stunde der Niedergeschlagenheit Zweifel an seinem Beruf auf und er beschloss, für ein paar Tage nach Hause zu gehen. Doch Balley widersetzte sich ihm entschieden mit der ernsten Mahnung: „Wohin willst du gehen, mein Kind? Du weißt, dass dein Vater dich gerne bei sich hätte; wenn er deine Traurigkeit sieht, wird er dich daheim behalten. Dann ist es aber aus mit deinen Plänen, dann ist es vorbei mit dem Priestertum und mit der Rettung der Seelen!“ Dieser kurze Hinweis auf sein großes Ziel genügte, um dem Jungen die alte Heiterkeit des Gemütes wieder zu geben. Gott der Herr wollte offenbar den Stolz bis auf die letzten Wurzelfasern aus seinem Herzen reißen und ihm die eigene Schwäche recht deutlich zeigen, damit er sich umso mehr auf ihn stütze.

Johannes ging bereitwillig auf die Absichten Gottes ein. Um sich die Hilfe des Himmels zu sichern, nahm er seine Zuflucht zu übernatürlichen Mitteln, zum Gebet und zum Empfang der hl. Sakramente. In der freien Zeit machte er im Pfarrhaus den Knecht, hackte Holz oder grub den Garten um. All sein Geld gab er den Armen, während er sich selbst oft das Nötigste versagte. Seine Hausfrau, die Schwester seiner Mutter, bat er inständig, ihm die Suppe mit nichts anderem als mit etwas Salz zu würzen, und er war gar nicht zufrieden, wenn man seinem Wunsch nicht willfahrte. Als alles Beten und Fasten nichts zu nützen schien, gelobte er, zu Fuß zum Grab des hl. Franz Règis nach la Louvesc zu pilgern. Von dieser Wallfahrt sprach er noch nach 50 Jahren. Denn sie wurde für ihn zu einem langen Kreuzweg. Er sah eben sehr kräftig aus, daher hielt man ihn überall, wo er um ein Almosen oder um ein Nachtlager bat, für einen Tagedieb und nur zu oft erhielt er statt Brot nur Spott und Hohn.

Eine solche heilige Gewalt musste den Himmel bezwingen. Als Johannes heimgekehrt war, bemerkte er zu seiner freudigen Überraschung, wie leicht er jetzt vieles begriff, was ihm bisher ein unlösbares Rätsel gewesen war. Er blieb dem hl. Franz Règis für diese Wohltaten für immer dankbar; in Ars schmückte er das Pfarrhaus mit seinem Bild und die Kirche mit seiner Statue.

Doch wen Gott der Herr einmal unter seinen Meißel genommen hat, um aus ihm einen Heiligen zu machen, den lässt er seine Hand immer wieder fühlen, um ihn mehr und mehr zu reinigen und zu vervollkommnen. So geschah es auch bei Johannes. Ein Leiden löste das andere ab, eine Schwierigkeit folgte der anderen, bis er es schließlich doch soweit brachte, dass er zum Studium der Philosophie ins kleine Seminar zu Verrières aufgenommen wurde.

Hier begann indes die Zeit der Prüfung erst recht. Vianney gestand später einmal selbst, in Verrières habe er „ein wenig“ zu leiden gehabt. Wer weiß, mit welcher Zurückhaltung er von seiner eigenen Person sprach, wird nicht anstehen, dieses „ein wenig“ zu übersetzen mit „über die Maßen viel“. Vor allem bereitete ihm wieder das Studium arge Sorgen. Er war der älteste von 200 Schülern, konnte aber trotzdem den Vorträgen nicht folgen, da dieselben in lateinischer Sprache gehalten wurden. Deshalb musste er mit einigen der schwächsten seiner Kameraden einen französischen Nebenkurs besuchen. Dazu kam, dass er anfänglich nicht einmal durch seine außergewöhnliche Frömmigkeit auffiel. Denn es herrschte in dem Haus ein vorzüglicher Geist und so blieb seine Tugend verborgen, wie ja auch in einem Garten bisweilen eine Rose von besonderer Schönheit unter den anderen Blumen lange nicht beachtet wird. Endlich musste er das Schlussexamen unter den denkbar misslichsten Umständen ablegen. Der Vorsitzende bei der Prüfung war nämlich kein Geringerer als Kardinal Fesch von Lyon, der Onkel des Kaisers Napoleon, und obschon Vianney, wie gesagt, die philosophischen Vorlesungen in französischer Sprache gehört hatte, stellten die Professoren die Fragen doch auf lateinisch. Dies alles verwirrte Johannes so sehr, dass er fast nichts zu sagen wusste und öffentlich als unfähig erklärt wurde, ins große Seminar einzutreten.

Der arme Junge vernahm den Spruch wie ein Todesurteil. Aber er hatte längst gelernt, gerade zur Zeit der größten Not am meisten auf Gott zu vertrauen; deshalb verzagte er nicht, sondern benützte die Prüfung nur zur Befestigung in der Demut. Und sein Vertrauen wurde auch diesmal nicht zu schanden. Sein Retter war wieder Pfarrer Balley von Ecully. Sobald er vom Missgeschick seines ehemaligen Schülers gehört hatte, wusste er es bei kirchlichen Behörden durchzusetzen, dass man Johannes ihm überließ: vielleicht könnte eine veränderte Lehrmethode, so meinte er, das Fehlende in kürzester Zeit ergänzen. Er irrte sich nicht: schon nach wenigen Monaten konnte sich Vianney einem neuen Examen unterziehen, das er glücklich bestand und das ihm die Pforten des Priesterseminars erschloss.

Um den Eifer zu ermessen, mit dem er sich nun auf den Empfang der heiligen Weihen vorbereitete, muss man nur die begeisterten Worte lesen, mit denen er als Pfarrer seinen Gläubigen das Priestertum schilderte: „O wie groß ist doch der Priester!“ rief er einmal in einer Katechese aus, „im Himmel erst wird sich der Priester begreifen. Begriffe man ihn auf Erden, man würde sterben, nicht vor Schrecken, sondern vor Liebe.“ Solche Aussprüche waren nichts als der Nachklang der Gesinnung, die ihn schon im Seminar beseelte. Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, dass man ihn rasch nacheinander die verschiedenen Stufen zum Priestertum hinansteigen ließ. Schon am 2. Juli 1814 wurde er Subdiakon, am 23. Juli 1815 Diakon und am 13. August desselben Jahres Priester. Wahrscheinlich feierte er sein erstes hl. Messopfer am Fest Mariä Himmelfahrt. Man kann sich denken, von welcher Wonne sein Herz dabei überströmte und wie er nicht müde wurde, Gottes Barmherzigkeit zu preisen. Nach so vielen Entbehrungen, Enttäuschungen und Verdemütigungen hatte sich endlich jener merkwürdige Vorgang erfüllt, den er selbst mit den Worten erzählte: „Als ich studierte, war ich von Leid überhäuft; ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Da hörte ich eine Stimme, als wäre jemand da, der mir ins Ohr geflüstert hätte: Sei ruhig, eines Tages wirst du Priester sein!“ Ja, er war nun Priester, zwar kein gelehrter, der die Welt durch sein Wissen in Staunen gesetzt hätte, aber ein Priester wie ihn die damalige Zeit brauchte: voll von brennendem Seeleneifer; ausgerüstet mit einem großen, apostolischen Herzen; bereit, für Gott und das Heil der ihm anvertrauten Herde alles, selbst das Leben, zu opfern.

4. Schwere Anfänge

Bald nach seiner Primiz wurde Vianney zum Vikar von Ecully ernannt, wo noch immer sein Gönner und Beschützer Pfarrer Balley lebte. Der ehrwürdige Greis nahm ihn wie ein Vater auf, führte ihn in die Seelsorge ein, wiederholte mit ihm die ganze Theologie und vertraute ihm seine Erfahrungen in der Leitung der Seelen an. Vianney seinerseits schloss sich aufs innigste an seinen Vorgesetzten an. Er betete mit dem Pfarrer gemeinsam das Breviergebet, kniete an seiner Seite stundenlang vor dem Tabernakel und pflegte ihn, wenn er krank war, mit wahrhaft rührender Sorgfalt. Leider sollte dieses schöne Verhältnis bald wieder gelöst werden. Denn schon am 16. Dezember 1817 führte ein seliger Tod Pfarrer Balley zur ewigen Belohnung ins bessere Jenseits hinüber. Wenige Tage vor seinem Hinscheiden legte er seinem Vikar seine letzte Beicht ab und empfing aus seiner Hand die hl. Wegzehrung und die letzte Ölung; sodann übergab er ihm seine Bußwerkzeuge, damit man sie nicht auf seinem toten Körper fände.

Zwei Monate nach dem Tod des Pfarrers verlor Ecully auch seinen frommen Vikar: Vianney erhielt seine Bestimmung zum Pfarrer von Ars.

Ars gehörte damals zu den unbedeutendsten Pfarreien der großen Diözese Lyon, denn es war nur ein kleines Dorf von etwa 200 Seelen, das sich mit den Nachbarorten in keiner Beziehung messen konnte. Die kleinen Häuser lagen zwischen Wiesen und Bäumen versteckt rings um eine halbzerfallene Kirche. Nur das alte Schloss von Ars belebte die einförmige Gegend ein wenig.

Dem äußeren Bild entsprachen die inneren Verhältnisse der Gemeinde. Die Leute waren zwar nicht gerade schlecht, aber vernachlässigt und darum in religiöser Hinsicht gleichgültig und kalt. Der einzige regelmäßige Gottesdienst bestand in der täglichen hl. Messe und der sonntägigen Vesper. Bei der ersteren fanden sich höchstens 2 – 3 Frauen ein; die Männer hielten sich aus dem geringfügigsten Grund von der Erfüllung ihrer Sonntagspflicht entbunden, und wenn sie in der Kirche erschienen, sah man ihnen die Langeweile an. Kaum stieg der Priester nach Beendigung des hl. Opfers vom Altar, so begann ein allgemeines Rennen und Drängen nach der Kirchtür, als wären plötzlich alle von Unwohlsein befallen worden.

Je weniger Interesse an der Frömmigkeit vorhanden war, desto mehr jagte man den Vergnügungen nach. Die vier Gasthäuser des Dorfes blieben den ganzen Sonntagnachmittag voll und der Pfarrer musste froh sein, wenn der Gesang der Psalmen nicht vom lärmenden Johlen der Betrunkenen und von den Schwüren der Spieler übertönt wurde. Ein großer Teil der Gemeinde hielt keine Ostern mehr, zumal die Männer, die sich förmlich schämten, zu den Sakramenten zu gehen. Einer von ihnen bat Vianney einmal, ob er nicht in der Sakristei beichten und kommunizieren dürfe, „damit ihn niemand sehe“. Mit der Sonntagsruhe sah es nicht viel besser aus. Zur Zeit der Ernte waren alle Wege mit Heuwagen bestanden, das Läuten der Glocken vom Turm schien nur ein Zeichen zum Beginn oder zum Ende der Arbeit zu sein.

Man kann sich denken, wie es unter diesen Umständen dem seeleneifrigen Pfarrer beim Antritt seines Amtes zumute gewesen sein muss. Es war am 9. Februar 1818 gegen Abend, als er sein neues Arbeitsfeld betrat. Sobald er dessen ansichtig wurde, fiel er auf seine Knie nieder, um alle Bewohner des Dorfes dem Schutz Gottes zu empfehlen und den Segen des Himmels auf sie herabzuflehen. Er fühlte es, dass er an seinem Lebensziel angelangt war: 42 Jahre sollte er nach Gottes Absicht da wirken und Ars zu einem Herd des Glaubens umschaffen, von dem aus neues, frisches Leben in die ganze Gegend, ja, über ganz Frankreich ausströmte.

Eine derartige Umwandlung kam selbstverständlich nicht in einem Tag zustande, sondern erforderte Jahre angestrengter Arbeit und heldenmütiger Opfer. Aber nachdem sie vollzogen war, hatte sich das Angesicht der Gemeinde in einer Weise verändert, dass die Geistlichen, die durch Ars kamen, sich nicht genug darüber wundern konnten. Man hörte keinen einzigen Fluch mehr. Am Sonntag hätte niemand gewagt, auch nur eine Viertelstunde zu arbeiten: die Heuschober blieben auf dem offenen Feld liegen, selbst wenn ein Gewitter drohte; denn die guten Landleute meinten – sie hatten dies von ihrem Pfarrer gelernt – derjenige, der ihnen das Futter gegeben habe, sei auch mächtig genug, es ihnen zu bewahren. Alle Männer gingen an Ostern zum Tisch des Herrn und viele Frauen kommunizierten jede Woche. Bei der Sonntagsmesse sah der Seelsorger seine ganze Gemeinde um sich versammelt; die Vesper mit der darauf folgenden Rosenkranzandacht war fast ebenso gut besucht, und wenn am Abend die Glocken das dritte Mal zur Kirche riefen, so leerten sich die Häuser zum dritten Mal. Die Wirtshäuser mussten aus Mangel an Gästen eines nach dem anderen geschlossen werden. Zwischen Eltern und Kindern herrschte ein früher nie gekannter Friede; die ganze Gemeinde bildete eine einzige große Familie, in der sich auch die Armen und Elenden wohl fühlten, weil sie der Hilfe der Reicheren sicher waren. „Meine Brüder!“ gestand einst Vianney selbst auf der Kanzel, „Ars ist nicht mehr Ars!“ und er fügte hinzu, die Gemeinde sei nicht nur besser geworden, sondern so gut, dass er keine bessere kenne.

Der hl. Priester dachte bei diesen Worten nicht daran, was für ein Lob er damit seiner eigenen Person spendete. Denn niemand anderer hatte ja das Unerhörte geleistet als er – freilich nicht so sehr durch menschliche Mittel, als vielmehr mit Hilfe der Gnade, deren gefügiges Werkzeug er war.

5. Der gute Hirt

Vor allem zog Vianneys herrliches Tugendbeispiel gleich von Anfang an die Augen der Pfarrkinder auf sich. Kaum waren einige Wochen verflossen, so hieß es alsbald im Dorf herum: „Hast du nicht unseren neuen Pfarrer gesehen? Mit welcher Andacht der betet! Wie fromm der ist! Er hat etwas Außerordentliches an sich, man hat uns einen Heiligen geschickt.“ Manche schlichen sich während des Tages nur deshalb in die Kirche, um Vianney beten zu sehen. Stundenlang kniete er dort, unbeweglich wie eine Statue, die Augen auf den Tabernakel gerichtet, während ein seliges Lächeln seine Lippen umspielte und sein Herz all seine Sorgen, Klagen und Kümmernisse in das Herz des göttlichen Meisters ausschüttete. Im Pfarrhaus herrschte mehr als apostolische Armut. Er bekam zwar bald viele großmütige Wohltäter, die ihn reichlich mit Nahrungsmitteln versahen, und schafften auch selbst Wein, Fleisch, Gemüse, kurz alles an, was andere Pfarrer für ihren Unterhalt brauchen; aber seine Schränke waren nur die Vorratskammern der Armen. Für sich selbst nahm er kaum das zum Leben Notwendigste. Eines Tages besuchte ihn seine jüngste Schwester Margareta in Begleitung einer Frau, die für Vianneys Wäsche gesorgt hatte, solange er studierte. Der Pfarrer geriet ob des unerwarteten Besuches anfänglich etwas in Verlegenheit und sagte: „Meine lieben Kinder, ich fürchte, ihr werdet heute ein schlechtes Mittagessen erhalten!“ Die Besucherinnen betraten darauf die Küche, um die Vorräte zu mustern und fanden in einem Kochtopf kalte Kartoffeln, die bereits anfingen, schimmelig zu werden. Der Pfarrer nahm eine davon, schälte und aß sie mit scheinbarem Appetit. „Sie sind noch ganz gut!“ meinte er. Die Schwester hatte indes keinen Mut, es ihm nachzumachen und bereitete für sich und ihre Freundin aus dem bisschen Mehl, das sie in einem Winkel entdeckte, eine andere Speise. Kalte Kartoffeln bildeten die gewöhnliche Mahlzeit Vianneys; er sott sie immer gleich für die ganze Woche und nahm täglich nur einmal einige wenige zu sich. Als Zuspeise aß er gerne eine Brotkrume, die er bei einem Bettler um ein Almosen umgetauscht hatte.

Es wäre aber weit gefehlt, zu glauben, Vianney habe von anderen die gleiche Strenge verlangt, die er sich selbst auferlegte. Dazu war er viel zu liebevoll; ebenso war er viel zu demütig, als dass er seine Abtötungen nicht nach Möglichkeit verborgen hätte. Wenn ihn Mitbrüder oder Bekannte besuchten, ließ er ein einfaches, aber reichliches Mahl auftragen, schenkte den Gästen ein, ermahnte sie zum Essen und aß gleichfalls von allem. Kleidungsstücke vermochte der Heilige ebensowenig aufzubewahren wie Speisen. Ja, wenn er nichts mehr hatte, so verschenkte er das, was er eben auf seinem Leib trug. Einst begegnete er einem Armen, dessen blutige Füße und wunder Gang sein Mitleid erregten. Sofort zog er seine Schuhe aus und hieß den Bettler sie anziehen, während er barfuß nach Hause zurückkehrte. Mit seinem Bett ahmte er den hl. Karl Borromäus nach. Dieser hatte bekanntlich ein schönes Kardinalsbett, das alle seine Besucher sehen konnten, aber außerdem noch in einer Ecke ein anderes, mit Reisigbündeln belegtes, das ihm zum Gebrauch diente. Vianney machte es ähnlich; aber da er nicht Kardinal war, musste ein und dasselbe Bett seinen Gästen den Glauben beibringen, dass er ein Lager habe wie die übrigen Menschen, und ihm selbst als Werkzeug der Buße dienen. Es war nämlich tagsüber mit einem langen Überwurf bedeckt, aber unter der Decke befand sich nur ein harter Strohsack und etwas Heu für den Kopf. Sowohl die Matratze als auch das Kissen waren zu einem armen Kranken gewandert.

Die Heiligkeit, welche Vianney in seinem ganzen Wesen ausstrahlte, wirkte auf die Bewohner von Ars umso mehr, als sie alle Gelegenheit hatten, ihn näher kennen zu lernen. Denn weil sie nicht zu ihm kamen, ging er zu ihnen. Und zwar ließ er es nicht bei einem Antrittsbesuch in allen Häusern bewenden, sondern machte regelmäßig die Runde durch die Pfarrei. Gewöhnlich wählte er dazu die Ruhezeit nach dem Mittagessen, wo die Familienglieder vollzählig beisammen waren. Auf der Türschwelle blieb er einen Augenblick stehen und grüßte den Vater freundlich mit seinem Vornamen, darauf setzte er sich mitten unter die Angehörigen und das Hausgesinde. Seine große Kenntnis der verschiedenen Feldarbeiten erleichterten ihm die Auffindung eines geeigneten Gesprächsstoffes; allmählich und unvermerkt ging er aber von den irdischen Sorgen zu den Angelegenheiten der Seele über und sprach endlich mit solcher Begeisterung von Gott und göttlichen Dingen, , dass ein Funke seiner innigen Gottesliebe auch die Herzen seiner Zuhörer entzündete. Tadel wandte er bei diesen Gelegenheiten nie an. "Ich bin niemals böse gewesen über meine Pfarrkinder," behauptete er, "und ich glaube sogar, dass ich ihnen nicht einmal Vorwürfe gemacht habe." Er bedurfte dessen auch nicht, denn sein ernster Blick, seine besorgte Miene sagten dem Schuldigen mehr, als Worte es vermocht hätten.

Bei diesen Besuchen erfuhr Vianney, dass seine Pfarrkinder unter ihrem rauen Äußeren im Grunde doch ein edles, für das Gute empfängliches Herz hatten und dass es ihnen nur am nötigen Unterricht fehlte. Deshalb verlegte er sich mit Feuereifer auf die Vorbereitung seiner sonntäglichen Unterweisungen.

Vielleicht war dies seine größte Abtötung, da er einen wahren Heldenkampf mit seinem schwachen Gedächtnis und den mannigfachen anderen Hindernissen zu führen hatte, welche seine mangelhafte Vorbildung im Gefolge hatte. Er wollte um keinen Preis etwas vortragen, was die Leute nicht verstanden; dazu sollte nach seiner Absicht das Wort Gottes den augenblicklichen Bedürfnissen der Zuhörer angepasst sein und ihnen in einer anziehenden Weise dargeboten werden. Um das zu erreichen, las er zuerst stundenlang in erprobten Schriftstellern; sodann setzte er sich an seinen Tisch, schrieb, vertilgte das Geschriebene wieder, fing von neuem an zu schreiben, korrigierte usw. Bisweilen verging bei dieser mühsamen Arbeit die ganze Nacht: er widerstand dem Schlaf, bis ihm die Augen von selbst zufielen; dann legte er sich für eine kurze Zeit vor seinem Kruzifix nieder, "wie ein Hündchen," so pflegte er zu sagen, "das sich zu den Füßen seines Herrn hinlegt."

Gott lohnte die saure Mühe mit süßen Früchten. Denn allmählich eignete sich Vianney eine ganz außergewöhnliche Fertigkeit im Sprechen an. Um den Pfarrkindern die Anhörung des Wortes Gottes und den Besuch der Kirche überhaupt noch lieber zu machen, suchte Vianney die alte Kirche völlig zu erneuern. An die Stelle des baufälligen Hochaltars kam ein neuer aus kostbarem Stein, das Getäfel der Wände strich er mit eigenen Händen frisch an, der Kirchenschatz wurde durch schöne Messgewänder, Chorröcke und namentlich eine herrliche Monstranz aus vergoldetem Silber - lauter Geschenke des Schlossherrn von Ars - vermehrt.

Im Verlauf der Jahre gelang es ihm sogar, rings um die Kirche eine Reihe von Kapellen zu errichten. Zwei davon sind später weithin bekannt geworden. Die eine ist die Kapelle des hl. Johannes Baptist. Dort stand sein Beichtstuhl, wo 30 Jahre lang jeden Tag Ströme von Tränen aus den Augen reumütiger Sünder flossen, wo jene Wunder der Bekehrung gewirkt wurden, die dem hl. Pfarrer einmal die Worte entlockten: "Erst am jüngsten Tage wird man all das Gute erfahren, das hier geschehen ist."

Zur Patronin der zweiten Kapelle erwählte er die heilige Philomena, deren Leib wenige Jahre früher, am 25. Mai 1802, in den Katakomben der heiligen Priszilla in Rom entdeckt worden war.

Von da aus verbreitete sich die Verehrung der "lieben kleinen Heiligen," wie Vianney sie nannte, in der ganzen katholischen Welt. Die hl. Philomena scheint dafür ihrerseits ihrem treuen Verehrer alle seine Bitten gewährt zu haben. Wenn jemand Vianney um die Gesundheit des Leibes oder der Seele bat, so schickte er ihn vor das Bild der Heiligen, und wenn derselbe, von seinem Übel befreit, von dannen ging, schrieb er es ihrer Fürbitte zu.

Kommt man gegenwärtig nach Ars, so erblickt man hinter der alten Kirche noch einen prächtigen Chor, der die teilweise Verwirklichung eines Planes des hl. Vianney ist. Gegen Ende seines Lebens fasste er nämlich den Entschluss, zu Ehren seiner lieben heiligen Philomena eine schöne neue Kirche zu erbauen. Der Tod hinderte ihn jedoch an der Ausführung. Indes hat sein Nachfolger den Plan mit großer Tatkraft wieder aufgenommen.

6. Die Gründung der "Vorsehung"

Ein wahrhaft apostolischer Mann hat nicht nur ein Herz für die geistlichen Bedürfnisse der Seelen, sondern sucht, so viel es in seiner Macht steht, jede Art menschlicher Not zu lindern. Namentlich sind es stets die Verlassensten und Ärmsten, denen er sein Mitleid zuwendet. So war auch Pfarrer Vianney gesinnt. Ein Beweis dafür ist außer seiner bereits hervorgehobenen Wohltätigkeit das Waisenhaus, das er gründete und das später als Schauplatz mancher außerordentlicher Ereignisse in seinem Leben eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Anlass zu dieser Stiftung gab Vianney eine doppelte Erfahrung. Nachdem er seine eigene Pfarrei erneuert hatte, trieb ihn nämlich der Eifer für die Ehre Gottes, auf weitere Kreise heilsam einzuwirken. Deshalb stellte er sich seinen Mitbrüdern in den Nachbardörfern zur Verfügung: bei größeren Festen half er ihnen im Beichtstuhl aus, er ersetzte sie, wenn sie abwesend waren, oder verpflegte sie im Fall von Krankheit. Ja, sogar an Volksmissionen nahm er teil. Sein Erfolg dabei war staunenswert. An manchen Orten verzichteten die Dienstboten lieber auf einen Teil ihres Lohnes, als dass sie auch nur eine einzige seiner Predigten ausgelassen hätten. Alle Welt wollte nur bei ihm beichten. In Trevoux blieb er am Vorabend des Schlusses einer fünfwöchentlichen Mission über 20 Stunden im Beichtstuhl. Um 2 Uhr nachts holte ihn der Lehrer, bei dem er wohnte, mit Gewalt aus der Kirche; aber er fand ihn so schwach, dass er ihn auf sein Zimmer mehr tragen als führen musste. Zwei Stunden hernach befand sich der unermüdliche Arbeiter wieder auf seinem Posten.

Bei diesen apostolischen Ausflügen nun traf Vianney nicht selten Kinder, die weder Vater noch Mutter mehr hatten und infolgedessen ohne alle Erziehung aufwuchsen; andere waren von ihren grausamen Eltern einfach verstoßen worden. Der hl. Priester konnte dieses Elend nicht sehen, ohne davon im Innersten seiner Seele ergriffen zu werden. Sein Entschluss, wenigstens einige von den armen Geschöpfen, namentlich Mädchen, zu retten, stand alsbald fest.

Über das "Wie?" verschaffte ihm eine andere Erfahrung Klarheit, die er in Ars selbst gemacht hatte. Um der großen Unwissenheit der Leute zu steuern, hatte er dort gleich anfangs eine große Anzahl Bücher verteilt. Allein vielen war mit diesem Almosen wenig oder gar nicht gedient, weil sie nicht lesen konnten. Daher reifte in ihm der Plan, mit der Zeit zwei Schulen zu eröffnen, wo die Kinder unentgeltlich Unterricht in den nötigsten Gegenständen erhalten könnten. Beides: ein Heim für Waisenmädchen und eine Mädchenschule, ließ sich in einer Waisenanstalt vereinigen, weshalb diese zuerst in Angriff genommen wurde. Eine Knabenschule sollte später nachfolgen.

Die nötige Summe zum Ankauf eines passenden Hauses aufzutreiben, bot indes keine geringen Schwierigkeiten; denn Vianney hatte längst all sein Hab und Gut den Armen verschenkt. Aber der Pfarrer betete und hoffte und seine erfinderische Liebe kam schneller ans Ziel, als er selbst erwartet hatte. Auch geeignete Vorsteherinnen fanden sich in zwei frommen Jungfrauen der Gemeinde: Benedikta Lardet und Katharina Lassagne. Vianney ließ sie ein Jahr lang in einem Kloster ausbilden, dann rief er sie zur Leitung seiner Anstalt nach Ars zurück. Der Titel, den er dieser gab, ist bezeichnend für seinen Geist: er nannte sie "Vorsehung", um anzudeuten, dass er sein ganzes Vertrauen für das Unternehmen auf die göttliche Vorsehung setze.

Das schöne Werk entwickelte sich langsam, aber beständig. Die beiden Vorsteherinnen entsprachen den Absichten Vianneys vollkommen. Benedikta war, wie er sich auszudrücken pflegte, das Haupt, Katharina das Herz des Hauses. Auch in der Wahl einer dritten Person, welche ihre Hände bieten, d.h. die gröberen Hausarbeiten verrichten sollte, hatte er Glück. Die Eltern schickten ihre Kinder gern in die Schule und die Zahl der Waisenkinder mehrte sich von Jahr zu Jahr, so dass schließlich ein Neubau nötig wurde. Nachdem dieser vollendet war, konnte man gegen 80 Kinder aufnehmen. An Anmeldungen fehlte es nicht, die Anstalt war immer voll. Vianneys Opferwilligkeit zeigte sich bei dieser Gelegenheit wieder im schönsten Licht; er scheute sich nicht, selbst beim Bauen zu helfen, ja, auf seinen Schultern Steine und Mörtel herbeizuschaffen.

Die Kinder hingen an dem frommen Priester wie an einem Vater, und wenn sie die Anstalt auch längst schon verlassen hatten und in einen Dienst getreten waren, so kamen sie doch gern in die "Vorsehung" zurück, um mit Vianney ihre Angelegenheiten zu besprechen und sich an Leib und Seele zu erholen. Der Pfarrer seinerseits betrachtete die Kinder nicht nur als seine Schützlinge, sondern auch als eine wertvolle Stütze seiner seelsorglichen Tätigkeit. So oft er eine besondere Gnade von Gott erlangen wollte, ließ er sie beten, überzeugt, dass ihre Unschuld und Armut Gott gewissermaßen zu bezwingen vermöge.

Jeden Mittag nach dem Essen widmete er eine ganze Stunde ihrem Unterricht. Im Speisezimmer, das zugleich zur Erholung und zur Schule diente, lehnte er sich an den Rand eines Tisches, und während die Kinder rings um ihn herumsaßen oder -standen, erklärte er ihnen in ungezwungener Weise den Katechismus. Dies ist der unscheinbare Anfang jener berühmten Katechesen, die sich in der Folge zu einer beständigen, großartigen Volksmission gestalteten. Die Kinder erzählten von diesen Vorträgen ihren Eltern und allmählich schlossen sich einzelne derselben der Zuhörerschaft an. Mit den Eltern kamen bald auch andere, zuerst Dorfbewohner, dann Leute aus der Nachbarschaft und immer mehr und mehr. Als das Zimmer zu eng wurde, musste man den Unterricht in die Kirche verlegen und endlich war auch diese viel zu klein; denn die jährliche Zahl der Pilger, welche der Ruf der Heiligkeit des Pfarrers nach Ars zog, überstieg allmählich 20.000. Von diesen Wallfahrten wird noch ausführlicher die Rede sein.

7. Belohntes Vertrauen

Woher nahm Vianney die Mittel zum Unterhalt seiner zahlreichen, in der Waisenanstalt untergebrachten Familie? Für seine Freunde sowohl wie für seine Feinde war es ein Rätsel, nur nicht für ihn selbst. Denn er wusste, dass die Kassen der göttlichen Vorsehung immer voll sind und erfuhr es unzählige Male, dass sie für ihn gerade dann am weitesten offen standen, wenn er der Hilfe am meisten bedürftig war. Sein Vertrauen wurde zwar hie und da auf eine harte Probe gestellt, dann aber auch wieder umso glänzender belohnt.

Eines Tages sollte er eine bedeutende Menge Getreide bezahlen. Er hatte von seinem Gläubiger bereits einen langen Zahlungsaufschub erhalten und durfte nicht um einen neuen bitten. Ernst, aber ruhigen Gemütes nahm er seinen Stock und ging aufs Feld hinaus, seinen Rosenkranz zu beten. Am Ende des Gehölzes, welches auf einer Seite Ars abschließt, begegnete ihm eine Frau.

"Sind Sie der Herr Pfarrer von Ars?" fragte sie.

"Ja, gute Frau!" erwiderte Vianney freundlich.

"Gut, da habe ich Geld, das ich Ihnen übergeben soll."

"Ist es Geld für heilige Messen?"

"Nein, man bittet nur um ihr Gebet."

Mit diesen Worten legte die Frau einen vollen Beutel in Vianneys Hände und entfernte sich, ohne den Namen des Wohltäters zu nennen, und - das Getreide war bezahlt.

Ein anderesmal sagte Vianney zu seinem Hilfsgeistlichen, Herrn Tailhades: "Heute bin ich recht in Verlegenheit; ich sollte 3000 Franken haben. Ja, ja, man muss sich vor Schulden in acht nehmen."

"Nun, Herr Pfarrer," entgegnete der Kaplan, "ich denke, Gott der Herr wird die Sache schon in Ordnung bringen."

Als der Pfarrer am folgenden Tag vom Katechismusunterricht heimkehrte, sprach er lächelnd zu Herrn Tailhades, nachdem er einige Worte mit ihm gewechselt hatte: "Leben Sie wohl! Ich muss gehen, um mein Geld zu zählen."

Bald darauf kam er wieder und erklärte freudig: "Gut, mein Lieber, jetzt habe ich Geld, viel Geld. Ich war heute Morgen ganz beladen mit Gold; das Gewicht in meinen Taschen war so groß, dass ich nur schwer gehen konnte, meine Taschen baumelten hin und her und ich musste sie mit meinen Händen halten." Als der Kaplan erstaunt forschte, woher er denn das Geld bekommen habe, begnügte sich Vianney mit der kurzen Antwort: "Ich habe es irgendwo gefunden!" Wahrscheinlich hatte sein Wohltäter ihn gebeten, ihn nicht zu verraten. Vielleicht wusste er auch selbst nicht, wie er hieß. Denn er war zu bescheiden, als dass er die Bescheidenheit nicht auch bei anderen geliebt hätte; deshalb drang er nie in seine Gönner, ihren Namen zu nennen, wenn sie ihn nicht von sich aus mitteilten: er wollte ihnen das Verdienst vor Gott nicht schmälern.

Am meisten Aufsehen machte der folgende Vorfall, der zwar fast unglaublich klingt, aber durch viele Augenzeugen bestätigt ist. Vianney, der sonst alle Wunder, die Gott zu seinen Gunsten wirkte, sorgfältig verschwieg, erzählte ihn öfters, weil er in ihm keine Belohnung seiner Liebe, sondern eine Strafe seines mangelhaften Glaubens sah.

In der "Vorsehung" war alles Brot aufgezehrt, und um neues zu backen, fehlte auf dem Speicher das Getreide und in der Kasse das Geld. Alle Wohltäter, an die sich der Pfarrer in seiner Not gewöhnlich wandte, waren diesmal abgeneigt, ihm beizuspringen, oder konnten beim besten Willen nicht helfen. Und doch sollten 80 Personen gespeist werden. Was war da zu tun? Niemand wusste Rat, Vianney selbst glaubte sich von Gott verlassen und versank in eine Traurigkeit, wie er sie nach seinem eigenen Geständnis nur ein einziges Mal in seinem Leben empfunden hatte: damals, als er fast verzweifelte, die begonnenen Studien vollenden zu können. In diesem Kummer kam es ihm wieder ins Gedächtnis, wie er zu jener Zeit mit Erfolg den hl. Franz Regis um seine Fürbitte angefleht hatte. Deshalb nahm er eine Reliquie des Heiligen, stieg auf den Speicher und verbarg sie unter der Hand voll Körner, die noch da waren.

Am nächsten Morgen erschienen die Vorsteherinnen der "Vorsehung" mit der traurigen Meldung, dass auch die letzten Speisereste aufgezehrt seien. "Dann bleibt uns in Gottes Namen nichts übrig," erwiderte Vianney weinend, "als die armen Kinder fortzuschicken." Bevor er jedoch dieses äußerste Mittel ergriff, begab er sich in Begleitung einer der Vorsteherinnen nochmals auf den Speicher. Zitternd öffnete er die Tür, aber, o Wunder! - der Speicher war mit Getreide angefüllt.

Nach einem heißen Dankgebet wollte der Pfarrer den Waisen das glückliche Ereignis persönlich mitteilen. Doch weit entfernt, sich etwas darauf einzubilden, senkte er demütig den Kopf, wie ein Kind, das auf einem Fehler ertappt worden ist. "Liebe Kinder!" sprach er, "ich hatte an der göttlichen Vorsehung gezweifelt und wollte euch fortschicken; der liebe Gott hat mich schön gestraft!"

Die Kunde von dem Wunder verbreitete sich mit Blitzeseile im ganzen Dorf, jung und alt eilte herbei, um das Getreide zu sehen. Der Müller erklärte, nie in seinem Leben so schönes Getreide gesehen zu haben.

8. In der Schule der Leiden

Wie in einem Garten die Blumen große Verschiedenheit an Farbe, Gestalt und Geruch aufweisen, so gibt es in der Kirche Gottes Heilige der mannigfachsten Art: solche, die sich ausgezeichnet haben durch unversehrte Reinheit, andere, die ihr Leben im blutigen Martertod endigten, wieder andere, die ihre Tugend stillverborgen, nur dem Auge Gottes sichtbar, entfalteten. Eines ist aber den Seligen des Himmels gemeinsam: alle mussten die Schule des Kreuzes durchmachen. Gott der Herr wollte auf diese Weise ihre Tugend stählen oder sie wenigstens in der Demut erhalten, damit sie sich der Gnaden, womit er sie überschüttete, nicht rühmten.

Auch Pfarrer Vianney hatte einen bitteren Kelch zu trinken. Ja, es blieb ihm nichts erspart: weder Verleumdungen, noch Verdächtigungen, noch Schimpf und Hohn.

Der erste Sturm kam von einer Seite, von der er es wohl am wenigsten erwarten durfte: von seinen geistlichen Mitbrüdern. Solange er sich darauf beschränkte, ihnen Aushilfe zu leisten, waren alle voll des Lobes über seinen Eifer. Aber als sie sahen, wie ihre Pfarrkinder in Scharen nach Ars zogen, um dort zu beichten, wandte sich das Blatt. Wie konnten sie die Leitung der ihnen anvertrauten Seelen einem so unwissenden Priester überlassen? War es nicht allgemein bekannt, dass er nur mit äußerster Mühe ein bisschen Latein gelernt hatte und sogar infolge seiner schwachen Fortschritte aus dem Seminar fortgeschickt werden musste? Und dann dieses sonderbare Leben, das er führte! Mussten nicht die Ungläubigen an einer so unzeitgemäßen Strenge Anstoß nehmen? Diese und ähnliche Äußerungen gingen von Mund zu Mund. Manche Geistliche trieben ihre Vorsicht so weit, dass sie ihren Pfarrkindern unter Androhung der Verweigerung der Lossprechung verboten, in Ars die hl. Sakramente zu empfangen; andere warnten vor Vianney in ihren Predigten. "Zu jener Zeit," sagte einmal der heilige Priester später selbst, "ließ man das Evangelium Evangelium sein und predigte nur über den armen Pfarrer von Ars." Als diese Mittel nichts fruchteten, beschloss man, sich an die kirchliche Obrigkeit zu wenden. Eine große Anzahl von Pfarrern richtete an den Bischof von Belley die Bitte, auf die Unklugheit und den Übereifer des Pfarrers von Ars ein wachsames Auge zu haben.

Vianney erfuhr alles, was man über ihn sagte oder gegen ihn unternahm. Aber anstatt sich darüber zu wundern, gestand er, dass solche Aussagen ganz mit seinem eigenen Urteil über seine Person übereinstimmten. Denn in seiner Demut hatte er allen Ernstes schon längst erwartet, der Bischof werde ihn eines schönen Tages als untauglich von seinem Posten abberufen. Der Bischof dachte aber an nichts weniger. Er kannte Vianney zu gut und glaubte deshalb den Anschuldigungen nicht so ohne weiteres, sondern untersuchte die Sache genau. Um ganz sicher zu gehen, befahl er dem Heiligen, ihm alle schwierigeren Gewissensfälle, soweit er sie ohne Verletzung des Beichtgeheimnisses mitteilen durfte, zu unterbreiten. Vianney gehorchte aufs Wort und sandte in kurzer Zeit über 200 Fälle ein. Der Bischof prüfte sie persönlich und fand, dass er sie bis auf zwei, in denen er einer etwas anderen Meinung war, tadellos gelöst hatte. In Zukunft duldete er in seiner Gegenwart keinen Angriff auf den heiligen Priester. Als man es einmal trotzdem wagte, von seiner "Beschränktheit" zu sprechen, antwortete er: "Ich weiß nicht, ob der Pfarrer von Ars gelehrt ist, aber das weiß ich, dass er von Gott erleuchtet ist."

Es war nicht anders möglich, als dass die schlimme Ansicht, welche viele Geistliche von Vianney hatten, ins Volk drang und so fanden manche boshafte Menschen einen erwünschten Anlass, um an Vianney ihren Mut zu kühlen. Wenn er am Morgen sein Haus verließ, fand er oft Plakate vor seiner Tür, in denen er der abscheulichsten Dinge beschuldigt wurde. Er, der die Nacht zum größten Teil im Gebet zubrachte, habe, so hieß es, unter dem Schleier der Dunkelheit Schmausereien veranstaltet; die Furchen, welche die harte Buße in sein Antlitz gemeißelt hatte, stammten nur von seinem ausschweifenden Leben.

Der Heilige bedauerte die hässlichen Verleumdungen, weil er jede Lüge verabscheute, aber er entschuldigte sie und meinte, sie kämen jedenfalls der Wahrheit näher als die Lobsprüche seiner Freunde. Seinen Eifer vermochten alle Anfeindungen weder zu ertöten noch zu ermüden: er predigte, hörte Beichte, erteilte Rat mit seiner Ausdauer und Freudigkeit, als ob er für alles unempfindlich gewesen wäre.

9. "Gesiebt wie Weizen"

Vianneys ungetrübte Heiterkeit und Seelenruhe erscheinen in einem noch helleren Licht, wenn man weiß, dass sich mit den Verfolgungen der Menschen auch hartnäckige Belästigungen der Hölle vereinten und dass diese viel länger dauerten als jene. Die unbesiegbare Sanftmut des Heiligen musste schließlich auch seine größten Gegner umstimmen und in Bewunderer seiner Tugend verwandeln, die teuflischen Nachstellungen hingegen währten beinahe 35 Jahre.

Auch wenn manch einer vielleicht über die folgende Erzählung lächelt; aber man möge bedenken, dass man den Einfluss der bösen Geister auf die Menschen nicht vollständig leugnen kann, ohne auch jenen Bericht der hl. Schrift in Frage zu stellen, welcher von der Versuchung des Heilandes in der Wüste handelt. Zudem haben die Lebensbeschreiber des Heiligen in dieser Hinsicht sehr zuverlässige Quellen benützen können: sie brauchten nur zu wiederholen, was Vianney selbst tausendmal erzählte. So selten er von seinen Tröstungen im Gebet sprach, so mitteilsam war er, wenn die Rede auf diesen Gegenstand kam: er glaubte, es müsse ihn dies in der Achtung der Menschen herabsetzen. "Merkwürdig," sagte ihm einst einer seiner Hilfsgeistlichen, "uns andere lässt der Teufel hübsch in Ruhe!" "Weil ihr so brav seid," entgegnete der Pfarrer. Dieses eine Wort erklärt seine Offenheit zu Genüge.

Anfänglich quälte ihn der Teufel namentlich mit inneren Ängsten. Er spiegelte ihm seine früheren Fehler und die gegenwärtigen Unvollkommenheiten in riesiger Vergrößerung vor, hielt ihm beständig das furchtbare Gericht Gottes vor Augen und flüsterte ihm zu, er werde den Himmel, für den er sich zu Gunsten anderer so sehr plage, doch nicht erreichen. Beinahe wäre Vianney dieser Versuchung erlegen. Denn mehrmals wollte er sich durch die Flucht einer Stelle entziehen, der er nicht gewachsen zu sein glaubte. Doch Gott der Herr vereitelte seinen Plan jedes Mal. Sein Vorhaben wurde noch rechtzeitig entdeckt, man eilte ihm nach und zwang ihn durch Tränen und Bitten, zu den Trostlosen Seinigen zurückzukehren.

Weniger gefährlich, aber ebenso peinlich waren die äußeren Belästigungen der Hölle. Eines Abends hörte er heftig an der Haustür klopfen. Er öffnete das Fenster und fragte: "Wer ist da?" Keine Antwort erfolgte. Als sich der Lärm auf seiner Treppe wiederholte, fragte er von neuem, erhielt aber auch diesmal keinen Bescheid. Vianney fürchtete, es möchten Diebe gewesen sein, da er vom Schlossherrn von Ars gerade kostbare Kirchengewänder zum Geschenk erhalten hatte; deshalb bat er einige mutige Männer, in den folgenden Nächten zu wachen. Sie taten es, vernahmen auch den Lärm, entdeckten aber nichts.

Das war das Signal zu einer endlosen Reihe von Beunruhigungen, deren Zweck offen zu Tage lag: der Feind alles Guten wollte dem armen Pfarrer den nötigen Schlaf rauben und ihn so allmählich entkräften. Daher hörte Vianney in der Nacht zumeist einen eintönigen Lärm, der bekanntlich den Schlaf mehr als irgendetwas anderes hindert. Sobald er sich an ein Geräusch gewöhnte, wechselte es mit einem anderen. Bald kam es ihm vor, als ob in seiner Nähe Holz gesägt würde, dann wieder, als marschierte ein ganzes Regiment Soldaten an seiner Kammer vorbei, oder als fände im Hof eine Volksversammlung statt, bei der alles durcheinander schrie. Ein anderes Mal war es, als ob alle Fuhrwerke von Lyon über seinen Zimmerboden dahinrasten, oder eine geheimnisvolle Hand trommelte mit den Fingern auf den Waschkrug neben seinem Bett. Hie und da wurden die Möbel hin und her gezerrt, als hätten sie in Stücke gehen sollen, oder es riss jemand mit aller Gewalt die Vorhänge auf. Einige Male wurde er mit Heftigkeit aus dem Bett geworfen.

Vianney fürchtete sich bei diesen unheimlichen Besuchen keineswegs, wohl aber wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt, da er sich ohnehin nur einige wenige Stunden Ruhe gönnte und dann von Müdigkeit kaum wusste, wohin er sein Haupt legen sollte. Nicht selten jagte er übrigens den Teufel gerade durch seine Geduld in die Flucht. In einer Nacht, so erzählte er selbst, als er mehr als gewöhnlich gequält wurde, betete er vom Grunde seines Herzens: "Mein Gott, ich bringe dir gern das Opfer meines Schlafes für die Bekehrung der Sünder!" und sofort hörte der Lärm auf. Einen besonderen Trost brachte ihm die Wahrnehmung, dass die Unruhen wieder begannen oder sich verdoppelten, wenn irgendein großer Sünder sich auf dem Weg nach Ars befand. Er erwartete dann zuversichtlich eine auffallende Bekehrung und täuschte sich in seiner Hoffnung nie.

10. Die Wallfahrten

Noch war der heilige Vianney nicht zehn Jahre Pfarrer, als bereits jener merkwürdige Andrang von Pilgern begann, der dem unscheinbaren Dörfchen Ars für 30 Jahre sein eigentümliches Gepräge aufdrückte. Zuerst strömten, wie es in der Natur der Sache lag, nur die Leute aus der näheren Umgebung herbei, allmählich kamen aber Hilfsbedürftige aus den entlegensten Provinzen Frankreichs, aus der Bretagne, aus Flandern, aus Languedoc, und von Frankreich griff die Bewegung nach Belgien, England, ja, selbst nach Amerika hinüber. Ars wurde zu einem Sammelpunkt der Menschen, wo man mehr fremde Trachten sehen konnte als in den großen Badeorten des Südens. Ordensleute, Priester, Bischöfe fanden sich hier zusammen mit Bauern, reichen Kaufleuten, Bankiers, Universitätsprofessoren; Kranke jeder Art schleppten sich durch die Straßen zur Kirche und zum Pfarrhaus hin. Seit dem Jahr 1835 betrug die Zahl der jährlichen Pilger im Durchschnitt mehr als 20.000.

Die Ruhe des stillen Dörfchens wurde dadurch nicht allzu sehr gestört; denn mochten auch einzelne Fremde nur durch leere Neugierde angelockt werden, so kamen doch wohl die meisten in ernster Absicht: in der Hoffnung, beim Mann Gottes Heilung von den Wunden ihrer Seele oder ihres Leibes zu finden, oder von seinen gesegneten Lippen ein Wort des Trostes, der Erleuchtung, der Entscheidung in wichtigen Anliegen zu erhalten. Diesem Zweck entsprechend eilten sie gleich nach ihrer Ankunft zur Kirche, wo Pfarrer Vianney fast den ganzen Tag zubrachte.

Wenn man in der frühesten Morgenstunde das Gotteshaus betrat, so fand man regelmäßig im Chor bereits 50, 60, ja, 100 Männer, die geduldig warteten, bis die Reihe an sie kam, um die kleine Sakristei zu betreten. Fragte man sie, wie lange sie schon warteten, so konnte man die Antwort hören: "Seit zwei Uhr nachts", oder "Seit Mitternacht", d.h., seit der Pfarrer die Kirche geöffnet hatte. Einige schliefen sogar im Vorraum der Kirche, um wenigstens am Morgen zu erreichen, was ihnen am Abend vorher versagt gewesen war.

Die Frauen hatten ihren Platz im Schiff der Kirche und drängten sich gegen die Kapelle des hl. Johann Baptist, wo Vianney Beichtstuhl stand. Um ihr Ungestüm etwas zu mäßigen, musste man aber die Kapelle mit einer Eisenstange abschließen, die nur einem Beichtkind nach dem anderen Durchlass gewährte.

Dieses Schauspiel zog sich stundenlang hin, denn Vianney hörte täglich 16 Stunden Beichte, oft sogar 18, nie weniger als 15, und das 30 Jahre lang!

Um 7 Uhr in der Frühe oder im Winter um 8 Uhr trat der Pfarrer langsamen Schrittes und mit niedergeschlagenen Augen an den Altar, um die hl. Messe zu lesen. Während derselben hingen aller Augen an dem heiligen Priester und es war, als ob er durch die Macht seiner Andacht alle mit sich zu Gott emporzöge. Viele konnten sich der Tränen nicht erwehren, wenn er mit seiner vor Rührung bebenden Stimme die Anwesenden nach der Opferung aufforderte: "Betet Brüder!" oder wenn er bei der Wandlung wie vernichtet vor dem Heiland im hlst. Sakrament niedersank. Nach der hl. Messe begab er sich zur Kommunionbank und weihte Medaillen, Rosenkränze und Skapuliere oder segnete die Kinder, die man ihm zuführte. Darauf folgten wieder die Beichten ohne Unterbrechung bis gegen Mittag. Denn Vianney nahm nur einmal des Tages etwas Nahrung zu sich.

Einige Minuten vor 11 Uhr füllte sich die Kirche bis auf den letzten Platz; denn es war die Stunde, in der Vianney die Kanzel bestieg, um sowohl seinen Pfarrkindern wie auch den Fremden den Katechismus zu erklären. Diesen Unterricht hatte er schon vor Jahren in seiner Gemeinde eingeführt; allein während er denselben früher mit der peinlichsten Sorgfalt überdachte und einlernte, musste er jetzt, durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, die ganze Vorbereitung auf einige Augenblicke der Sammlung vor dem hlst. Sakrament beschränken. Umso mehr war er davon überzeugt, dass ein Mächtigerer, als er war, durch seinen Mund spreche, und dieses Bewusstsein befreite ihn von aller Furcht und Zaghaftigkeit, die ihm sonst von Natur aus eigen waren.

Aufrecht und leuchtenden Auges schritt er durch die Gläubigen, und nachdem er seine Blicke eine Zeitlang auf der Zuhörerschaft hatte ruhen lassen, begann er mit solcher Sicherheit und mit solchem Feuer, dass niemand der Kraft seiner Worte widerstehen konnte. Seine Art zu predigen stach von der damals gebräuchlichen vielfach ab. Er verschmähte alles Gedrechselte und Gekünstelte in seiner Ausdrucksweise, verstand es aber vorzüglich, die schwierigsten Wahrheiten des Glaubens in einer dem Volk angepassten Weise darzulegen und zu veranschaulichen. Mit Vorliebe benützte er dazu Vergleiche und packende Beispiele aus dem Leben oder der Geschichte. "Wie war denn Vianneys Unterricht?" fragte ein späterer Pfarrer von Ars im Jahr 1895 einen Greis seiner Pfarrei, der den Heiligen noch gehört hatte. "Seine Predigt," antwortete der Alte, "war ganz zusammengesetzt aus Vergleichen".

Am 4. Mai 1845 wohnte der berühmteste Kanzelredner von Frankreich, der Dominikaner P. Lacordaire, Prediger an der Notre Dame-Kirche in Paris, einem Morgenvortrag des Heiligen bei. Vianney entschuldigte sich, dass er es wage, in Gegenwart des ausgezeichneten Redners seine armselige Stimme zu erheben. Er sprach vom hl. Geist und von der Fruchtlosigkeit aller schönen Worte des Predigers, wenn die Herzen der Zuhörer sich nicht den Einflüsterungen der Gnade öffneten. Aber er sprach mit solcher Salbung, dass keiner der Anwesenden, am wenigsten Lacordaire selbst, daran dachten, einen Vergleich zwischen beiden Predigern zu ziehen, sondern jeder sich erforschte, ob er wohl immer mit der nötigen Herzensstimmung das Wort Gottes angehört habe. Am Abend musste Lacordaire auf die dringenden Bitten des heiligen Pfarrers hin dem Volk einige Worte sagen. Er entschuldigte sich seinerseits, dass er an dem Ort sprechen müsse, wohin er eigentlich nur gekommen sei, um sich Rat einzuholen.

Fast ebenso großen Eindruck wie die Predigten machte auf alle Besucher von Ars das gemeinschaftliche Abendgebet, das Vianney jeden Abend mit seiner Gemeinde verrichtete. Seine Erscheinung war dann freilich eine ganz andere: er konnte sich vor Müdigkeit nur schwer auf den Füßen halten und schleppte sich mehr zur Kanzel, als dass er ging; seine Stimme war dünn wie die eines Kindes. Noch mehr als seine Worte es taten, predigte da seine Person: sie rief den Pilgern den Wert der Seelen und der ewigen Seligkeit ins Gedächtnis, für die sich der Heilige buchstäblich aufrieb. Ein hervorragender Ordensmann beteiligte sich eines Tages bei diesem Abendgottesdienst. Man hatte ihm gesagt, dass man den Pfarrer von Ars nicht predigen hören könne, ohne weinen zu müssen; er hingegen war bei aller Erbauung trocken geblieben. Als er ihn aber jetzt mit einer himmlischen Inbrunst die einfachen Worte sprechen hörte: "Mein Gott, ich liebe dich aus meinem ganzen Herzen!" wurde er plötzlich so gerührt, dass er ganz in Tränen zerfloss.

11. Das Almosen des Rates

Um einen vollen Begriff von der Achtung zu erhalten, in der Vianney bei hoch und niedrig stand, musste man der rührenden Szene beiwohnen, die sich jeden Mittag nach der Katechese abspielte. Kaum hatte der Pfarrer die Kanzel verlassen, so strömten alle aus der Kirche und bildeten bis zur Pfarrwohnung Spalier, weil sie wussten, dass der Heilige nur auf diesem Weg zu seinem Haus gelangen konnte. Sobald er erschien, neigten sich alle Häupter, um seinen Segen zu empfangen, die Kranken zeigten ihm ihre wunden oder verrenkten Glieder, die Armen klagten ihm laut ihre Not. - So mag es ungefähr gewesen sein, als der Heiland segnend und heilend durch die Ortschaften von Palästina zog.

Vianney hätte sich diesen Ehrfurchtsbezeugungen gern entzogen, aber er versöhnte sich bald damit, als er bemerkte, dass er auf diesem kurzen Weg viel Trost und Rat spenden konnte. Und in der Tat war es gerade bei dieser Gelegenheit, dass die außerordentlichen Gaben, mit denen ihn der Herr zum Besten der Menschen ausgerüstet hatte, im hellsten Glanz aufleuchteten. Mancher Sünder, der bis dahin der Gnade widerstanden hatte, war besiegt, sobald ihn sein Auge traf; mancher von Seelenängsten Gequälte fand durch ein paar Worte aus seinem Mund den Herzensfrieden wieder; andere, die einer längeren Unterredung bedurften, bekamen die Zusage einer solchen. Nur müßige, aus bloßem Vorwitz gestellte Fragen erhielten entweder gar keine Antwort oder wurden durch eine kurze Bemerkung abgeschnitten.

"Mein Vater," fragen hie und da die Leute, die mit sich selbst schon längst im reinen waren, "welches ist mein Beruf?"

"Mein Kind," lautete die Antwort, "dein Beruf ist, in den Himmel zu kommen." -

"Ist mein Vater im Fegefeuer?" wollten andere wissen. -

"Ich weiß es nicht, ich war nie darin," erwiderte Vianney lächelnd. -

Die reinen, unschuldigen Seelen erkannte Vianney auf den ersten Blick und er bat sie liebevoll, doch seine Zeit nicht jenen wegzunehmen, die Gott der Herr ihm zugeschickt habe - den Sündern.

In seiner Wohnung traf Vianney meistens schon wieder andere Gäste und eine Menge von Briefen, in denen er um sein Urteil und seinen Rat in den verschiedensten Unternehmungen und Plänen angegangen wurde. Die einen wollten sich vergewissern, ob sie der Stimme, die sie zum Ordensstand zu rufen schien, Gehör leihen sollten; andere legten ihm den Entwurf zu einer frommen Gründung vor; Weltleute, die sich in äußerster Notlage befanden, ersuchten ihn um ein Mittel, um wieder den Segen Gottes zu erwerben; Priester erbaten sich die Lösung schwieriger Gewissensfälle. Einer von den letzteren unterbreitete Vianney einen sehr verwickelten Fall, bei dem es sich um Zurückerstattung unrechtmäßig erworbenen Gutes handelte. Der Heilige dachte einen Augenblick nach und gab dann ein ebenso klares wie entschiedenes Urteil ab, so dass der Geistliche erstaunt fragte: "Aber wo haben Sie denn ihre theologischen Studien gemacht?" Anstatt zu antworten, deutete Vianney auf seinen Betstuhl hin. "Ich weiß nicht," sagt einer seiner Lebensbeschreiber, "ob man in Frankreich auch nur ein Priesterseminar oder ein Institut namhaft machen könnte, in das er nicht den einen oder anderen Rekruten geschickt hätte. Viele Ordensgründer haben der Kirche nicht so viele Diener und Dienerinnen geschenkt wie dieser kleine Landpfarrer. Und wie viele fromme Werke hat er nicht angeregt! Wie viele Pläne zum Besten der leidenden Menschheit wurden unter seinem Einfluss verwirklicht. Er hat die Gegend von Lyon mit Waisenhäusern übersät."

Man würde aber fehlgehen, wenn man glauben wollte, er habe aber unterschiedslos alle, die sich zum geistlichen Stand hingezogen fühlten, in ihren Absichten bestärkt. Keineswegs; sein Rat war immer voll Klugheit und viele verließen Ars mit ganz entgegengesetzten Gedanken, als sie mitgebracht hatten. Auch bei den Heilungen, die er wirkte, schaute er immer nur auf das größere Wohl der Seelen. Als ihn einst der bekannte blinde Abbè von Sègur, der Verfasser vieler nützlicher Volksschriften, besuchte, fragte ihn derselbe nach längerer Unterredung: "Wollen Sie mich nicht von meiner Blindheit befreien?"

"Gnädiger Herr," erwiderte der Pfarrer von Ars, "wenn wir den lieben Gott um ihre bäten, würden glaube ich, unsere Bitten wohl Erhörung finden. Aber wenn Sie geheilt wären, würden Sie weniger Gutes tun, als Sie jetzt trotz ihrer Blindheit tun können."

"Wenn sich die Sache so verhält," versetzte der blinde, heiligmäßige Prälat, "so wollen wir von meiner Heilung nicht weiter reden." - Als Herr von Sègur abgereist war, gab Vianney seiner Hochschätzung gegen den blinden Priester Ausdruck mit den Worten: "Das ist ein Blinder, der besser sieht als wir."

12. Bekehrungen

Wie sich das Feuer nach der Richtung ausbreitet, wohin der Wind seine Flammen trägt, so wählt sich der Seeleneifer heilige Frauen und Männer für seine Tätigkeit, auf die der hl. Geist sie hinlenkt. Pfarrer Vianney war von Gott offenbar zum Wohl der Sünder erweckt; deshalb gehörten diesen an erster Stelle all seine Sorge, seine Zeit, seine Abtötungen und seine unermüdliche Liebe. "Beten wir für die Sünder," pflegte er zu sagen; "es gibt kein schöneres und nützlicheres Gebet. Denn die Gerechten befinden sich auf dem Weg zum Himmel, die armen Seelen im Fegfeuer sind sicher, dass sie ins Paradies kommen werden; aber die armen Sünder, die armen Sünder!.."

Die Frucht seiner Bemühungen war denn auch die Bekehrung unzähliger Verirrter Seelen. "In dieser Welt," so bekannte Vianney selbst einmal, "wird man nie erfahren, wie viele Sünder in Ars ihr Heil gefunden haben." "Der gute Gott, der keines Menschen bedarf," fügte er aber sogleich hinzu, "bedient sich meiner zu diesem großen Werk, obschon ich ein Priester ohne Wissenschaft bin. Hätte er ein noch elenderes Instrument gefunden, so würde er es ohne Zweifel genommen und durch dasselbe noch hundertmal mehr Gutes vollbracht haben."

Neben der Gnade, die der heilige Priester durch sein unablässiges Gebet und sein strenges Leben in reichem Maß auf seine Arbeiten herabzog, gewann ihm jedenfalls auch seine ungewöhnliche Milde und Sanftmut die Herzen. Jedermann wusste, dass bei ihm keiner, und mochte er auch noch so lange Zeit den Sakramenten fern geblieben sein und Verbrechen auf Verbrechen gehäuft haben, Vorwürfe oder grobe Worte zu gewärtigen hatte. Im Gegenteil nahm er alle, die sich seiner Leitung anvertrauten, mit wahrhaft väterlicher Liebe auf. Nicht selten schlang er zärtlich den Arm um den Hals des Büßers und half ihm durch ermunternden Zuspruch über die ersten Schwierigkeiten des Bekenntnisses hinweg. Wenn der Beichtende sich nicht zur Reue bewegen lassen wollte, so sprach er zu ihm mit solcher Wärme von der Liebe Gottes, dass auch die verhärtetsten Herzen erweicht wurden. Oft auch weinte er ob der Hartnäckigkeit, mit der einzelne die ihnen angebotene Gnade zurückstießen. Eines Tages bemerkte einer von diesen ins Laster verstrickten Gewohnheitssündern, dass die Tränen in Strömen über die Wangen seines Beichtvaters flossen. "Aber warum weinen Sie denn so sehr?" fragte er. "O mein lieber Freund," antwortete Vianney, "ich weine, weil Sie nicht weinen." Sofort ward der Sünder gerührt und versöhnte sich mit Gott.

Der Geist der Milde hinderte den Heiligen übrigens durchaus nicht, dort, wo es notwendig war, mit aller Entschiedenheit, ja, mit einem Machtbewusstsein aufzutreten, das mit seiner Bescheidenheit scheinbar im Widerspruch stand. Wenn er z.B. unter der Volksmenge einen erblickte, bei dem er bösen Willen erkannte, so warf er ihm beim Vorübergehen einen ernsten Blick zu, der ihm bis in die innerste Seele drang, oder er nahm ihn ohne weiteres bei der Hand und führte ihn zum Beichtstuhl. Von einer geheimnisvollen Gewalt getrieben, folgten ihm die meisten. Wir wollen nur ein einziges Beispiel erzählen:

Zu Villefranche-sur-Saone lebte im Jahr 1852 ein junger, 32jähriger Maler, namens Franz Dorel, der seit langen Jahren alle religiösen Übungen vernachlässigt hatte. Eines Tages lud ihn einer seiner Freunde ein: "Komm morgen mit mir nach Ars; ich möchte einmal diesen berühmten Pfarrer sehen, der Tag und Nacht Beicht hört."

"Und willst Du etwa bei dieser Gelegenheit auch beichten?" fragte Franz spöttisch.

"Warum nicht?" versetzte der Freund lachend.

"Meinetwegen, aber während du beichtest, werde ich jagen."

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen nahm Franz sein Gewehr und seinen Jagdhund - nicht so sehr in der Absicht, um auf die Jagd zu gehen, als vielmehr, um nicht das Ansehen eines Pilgers zu haben - und heiteren Sinnes machten sich die beiden Freunde auf den Weg.

Sie kamen gerade in dem Augenblick nach Ars, als der Pfarrer mitten durch die kniende Volksmenge über den Platz vor der Kirche schritt. Neugierig drängten sie sich hinzu und betrachteten den Heiligen vom Kopf bis zu den Füßen. Als Vianney in ihre Nähe kam, warf er einen raschen Blick auf den Hund - ein prächtiges, starkes Tier - und dann auf dessen Eigentümer, indem er sprach: "Mein lieber Herr, ich würde wünschen, dass ihre Seele so schön wäre wie Ihr Hund!"

Franz errötete und senkte den Kopf. Einige Augenblicke später kniete er im Beichtstuhl und vergoss reichliche Tränen der Reue. Noch im gleichen Jahr trat er bei den Kartäusern in Aiguebelle ein, wo er nach abgelaufener Probezeit als Bruder Arsenius seine Profess ablegte und am 18. Dezember 1888 eines heiligen Todes starb.

Der Ernst, mit dem Vianney das hl. Amt des Beichtvaters verwaltete, zeigte sich auch in der Auferlegung der Buße. Es war ihm nicht bloß darum zu tun, dass die Sünder für den Augenblick die Gnade wiedererlangten, sondern er wollte sie auch vor dem Rückfall in die Sünde sichern und deshalb legte er ihnen bisweilen Bußen auf, die mit recht empfindlichen Opfern verbunden waren.

Herr L. G. hatte auf einer Reise zufällig von unserem Heiligen sprechen gehört und besuchte deshalb aus reiner Neugierde Ars, wo er durch einen Tischgenossen im Gasthaus bewogen wurde, wieder einmal eine Beichte abzulegen. Es war abends 10 Uhr, als er den Beichtstuhl Vianneys verließ. Bevor er die Lossprechung erhielt, fragte ihn der heilige Priester:

"Wohnen Sie in ihrer Geburtsstadt?"

"Ja, mein Vater," lautete die Antwort.

"Wie groß ist die Einwohnerzahl des Ortes?"

"Etwa 25.000."

"Sie sind also dort wohl sehr bekannt?"

"Allerdings, alle Welt kennt mich."

"Nun gut, zur Buße lege ich Ihnen auf, dass Sie jetzt, bevor Sie die Kirche verlassen, Glaube, Hoffnung und Liebe erwecken. Das ist aber nicht alles. Sie werden überdies am Fronleichnamsfest in ihrer Geburtsstadt einer der beiden Fronleichnamsprozessionen beiwohnen und zwar so, dass Sie unmittelbar hinter dem Baldachin einherschreiten. Nun gehen Sie in Frieden, mein Sohn!"

Bei einem anderen Beichtvater hätte sich der damals 26jährige Mann geweigert, eine solche Buße anzunehmen, die gerade seinen wundesten Punkt, die Menschenfurcht, berührte. Aber er erkannte zu gut, dass der Pfarrer mit seinem tiefen, gotterleuchteten Blick ihn ganz durchschaut hatte, und deshalb schloss ihm die Ehrfurcht den Mund. Ja, er fasste sogar den Vorsatz, um jeden Preis den Auftrag zu erfüllen, und wenn auch schon der bloße Gedanke daran ihn zittern machte. Für den Augenblick tröstete er sich damit, dass das Fronleichnamsfest noch 6 Wochen entfernt sei.

Endlich kam der verhängnisvolle Tag aber doch. Es war ein herrlicher Frühlingstag, ganz X. war auf den Beinen, freilich nur um die Prozession vorüberziehen zu sehen; denn mit Ausnahme von einigen Dutzend Handwerkern, die religiösen Vereinen angehörten, fiel es keinem Mann ein, selbst mitzugehen.

Um sich Mut zu machen, wohnte Herr L. ausnahmsweise dem Gottesdienst bei, an den sich die Prozession anschließen sollte, und stellte sich ganz nahe zum Altar. Aber die Sache nahm ein übles Ende. Eine Dame aus seiner Bekanntschaft wandte, wahrscheinlich ganz zufällig, ihre Blicke nach der Seite hin, wo er stand. Da war es ihm, als ob die ganze Menge nur ihn anschaute, als ob die Geistlichkeit, der Kirchenvorsteher, die Ministranten, alle andächtigen Frauen und Kinder einander zuflüsterten: "Schaut doch einmal den Herrn L... Was mag nur der Herr L. hier wollen?.."

Dieser Gedanke verwirrte ihn derart, dass er gar nicht bemerkte, wie die Prozession sich schon in Bewegung setzte. Er ließ das Allerheiligste an sich vorüberziehen, ohne es zu wagen, ihm zu folgen, und verschob das schreckliche Bußwerk bis zum nächsten Sonntag.

Am Abend bekam er einen Fieberanfall, wohl infolge der am Morgen durchgemachten Aufregung. Das Fieber kam ihm ganz gelegen, ja, er hoffte sogar, dass es sich noch steigern und die ganze Woche hindurch anhalten werde. Dann wäre, so meinte er, seine Teilnahme bei der Prozession unmöglich gemacht und zu etwas Unmöglichen könne ihn doch auch der Pfarrer von Ars nicht verpflichten. Aber der Anfall ging vorüber und kam nicht wieder und rasch näherte sich der Sonntag. Am Sonntagmorgen war seine Freude zuerst groß, als er sah, wie sich auf allen Seiten am Firmament düstere Wolken zusammenzogen. Allein zur Zeit des Gottesdienstes heiterte sich der Himmel wieder auf und die Prozession wurde gehalten.

Mehr tot als lebendig nahm Herr L. seinen Platz hinter dem Baldachin ein. Ob ihn jemand bemerkt habe, wusste er nachher nicht zu sagen, denn er sah und hörte nichts: seine Stirn war in kalten Schweiß gebadet, seine Beine wankten wie bei einem, der wochenlang das Bett gehütet hatte. Aber die Menschenfurcht hatte einen tödlichen Stoß erhalten.

Nach etwa 14 Tagen erhielt er unvermutet den Besuch des Herrn B., eines wegen seiner Geschicklichkeit hochgeachteten Mitglieds des Gerichtshofes, der ihm ohne Umschweife den Antrag machte, mit ihm und einem seiner Freunde einen St. Vinzenzverein für die Stadt zu gründen. Herr L. hatte viele Bedenken dagegen, die der Besucher aber mit der Bemerkung niederschlug: "Was? Sie haben so viel Glaubensmut und Frömmigkeit, um als der einzige Ihresgleichen eine Prozession zu begleiten, und Sie wollten Abstand nehmen, sich uns anzuschließen?"

Der Verein wurde gegründet, die Freunde stärkten sich alle Monate durch den Empfang der hl. Sakramente zu reger Liebestätigkeit und nach zwei Jahren schon zählte die St. Vinzenzkonferenz zu den blühendsten des Landes, da ihr 30 junge Leute aus den besten und ersten Familien der Stadt beigetreten waren.

13. Das Zeugnis des Bösen

Als der Weltheiland sichtbar über unsere Erde wandelte, geschah es öfters, dass selbst die unreinen Geister aus den Besessenen heraus Zeugnis für seine Gottheit ablegen mussten. Der Mann, den Jesus in Gerasa vom Teufel befreite, rief mit lauter Stimme, sobald er Jesus sah: "Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht!"

Etwas ganz Ähnliches lesen wir im Leben des hl. Pfarrers von Ars; mehr als einmal kam es vor, dass derjenige, dem der Heilige so viele Seelen entriss, der Lobredner seiner Tugend wurde.

Einst sagte eine Frau, welche die Zeichen der Besessenheit an sich trug, zu Vianney: "Was machst du mich nicht leiden! Wären drei wie du auf der Welt, so wäre mein Reich zerstört." Ein anderes Mal wurde eine Besessene aus der Gegend von Puy en Bèlay nach Ars gebracht. Der heilige Priester heilte sie am 23. Januar 1840 in Gegenwart von acht Personen in der Kapelle des hl. Johannes des Täufers. Bei dieser Gelegenheit entspann sich zwischen ihm und der armen Frau das folgende Gespräch, das Vianney nachher selbst diktierte:

Die Besessene: "Ich bin unsterblich."

Vianney: "Du bist also die einzige Person, die nicht stirbt?"

Die Besessene: "Ich habe in meinem Leben nur eine Sünde begangen und ich mache dieser schönen Frucht teilhaftig alle die, welche sie wollen. Erhebe deine Hand, absolviere mich! Du erhebst sie recht oft für mich."

Vianney: "Tu quis es? (Wer bist du?)"

Die Besessene: "Magister, Caput. (Der Lehrer, das Haupt.) - Garstige schwarze Kröte, was machst du mich leiden! ... Wir bekriegen uns gegenseitig; wollen sehen, wer den andern besiegt. Aber was immer du auch erringst, von Zeit zu Zeit wirst du doch für mich arbeiten. Du hältst deine Leute für vorbereitet und sie sind es nicht ... Warum stellst du mit deinen Leuten Gewissenserforschung an? Wozu diese Nachforschungen? Ist die, welche ich sie machen lasse, nicht hinreichend?"

Vianney: "Du sagst, du stellst die Gewissenserforschung mit meinen Beichtkindern an? Sie nehmen indes ihre Zuflucht zum lieben Gott, bevor sie sich erforschen."

Die Besessene: "Mit den Lippen; ich sage dir, dass ich es bin, der ihre Erforschung anstellt. Ich bin öfter in deiner Kapelle, als du meinst; ... mein Körper geht, aber mein Geist bleibt. ... Ich habe es gern, wenn man da plaudert. - Nicht alle, die dorthin kommen, sind gerettet. - Du bist ein Geizhals."

Vianney: "Das hält doch schwer, dass ich ein Geizhals sein soll. Ich habe wenig und das Wenige, was ich habe, gebe ich gern."

Die Besessene: "Von diesem Geiz spreche ich nicht, ich meine einen andern. Du bist geizig mit den Seelen, du entreißt mir, so viele du kannst; aber ich werde möglichst trachten, sie wieder zu rauben. Du bist ein Lügner. Schon lange hast du gesagt, du wolltest weggehen, und du bleibst vor wie nach. Was machst du denn da? So viele andere ziehen sich zurück, um auszuruhen. Warum tust du nicht wie sie? Du hast mehr als genug gearbeitet. Du wolltest nach Lyon gehen. (Das war wahr; in dieser Zeit dachte Vianney viel an Fourvières.) In Lyon würdest du ebenso geizig sein als hier. Du wolltest dich in die Einsamkeit zurückziehen. (Auch das war richtig. Er schwankte zwischen den zwei Gedanken, sich nach Fourvières oder nach la Trappe zurückzuziehen.) Warum tust du das nicht?"

Vianney: "Was hast du mir noch vorzuwerfen?"

Die Besessene: "Am letzten Sonntag habe ich dich während der Messe einmal recht gestört! Ha! erinnerst du dich? (Dieser Sonntag war der zweite Sonntag nach dem Fest der hl. drei Könige. Vianney gestand, dass er bis zum Evangelium eine außerordentliche innere Verwirrung erlitten habe.) - Dein Violettrock hat dir letzthin geschrieben. Aber ich habe so schön und gut dafür gesorgt, dass er eine wesentliche Sache vergessen hat; das hat den Brief bedeutend geändert. (Vianney hatte wirklich an jenem Tag einen Brief von Msgr. Raymond Devie, dem Bischof von Belley, erhalten.)"

Vianney: "Wird der Bischof mich reisen lassen?"

Die Besessene: "Er liebt dich zu sehr. Ohne diese (hier bezeichnete die Besessene die allerheiligste Jungfrau mit einem Namen, den uns die Ehrfurcht für die glorreiche Gottesmutter auch nur anzudeuten verbietet) wärest du schon fern von hier. Wir haben bei deinem Violettrock alles Mögliche getan, um dich nur weg zu bekommen; wir haben aber wegen .... (der hl. Jungfrau) nichts ausgerichtet. Dein Violettrock ist ebenso geizig wie du; er macht mich ebenso sehr leiden. Tut nichts; wir haben ihn über einen Missbrauch in seiner Diözese eingeschläfert. - Der Violettrock von Puy hat mich auch schrecklich leiden gemacht. (Es war dies Msgr. de Bonald, der kurz darauf Erzbischof von Lyon und später Kardinal wurde.) - Nun wohlan! Erhebe deine Hand über mich, wie du es über so viele andere tust, die täglich herkommen. Du glaubst, sie alle zu bekehren; du irrst dich. Das ist für einen Augenblick gut, aber dann finde ich sie wieder. Auch von deinen Pfarrkindern habe ich einige auf meiner Liste."

Vianney: "Was sagst du von N.? (Ein Priester von erprobter Tugend.)"

Die Besessene: "Ich liebe ihn nicht. (Diese Worte sprach sie mit schrecklicher Wut und begleitete sie mit gräulichem Grinsen.)"

Vianney: "Und von N.?"

Die Besessene: "Ah so! Der lässt uns machen, was wir wollen. Du hast ihn in Ordnung gesetzt; aber das hat nicht gehalten. - Ei was! sage mir, warum tust du nicht wie die andern?"

Vianney: "Wie tun denn die andern?"

Die Besessene: "Sie geben sich gegenseitig große Mähler."

Vianney: "Ich habe nicht die Zeit dazu."

Die Besessene: "Die andern nehmen sie sich. Es gibt schwarze Kröten, die mich nicht so leiden machen wie du. Ich diene bei ihrer Messe. Sie lesen sie für mich."

Vianney: "Dienst du bei der meinigen?"

Die Besessene: "Du langweilst mich! - Ach, wenn die ... (die hl. Maria) dich nicht beschützte! - Aber Geduld, wir haben Stärkere als dich zum Fall gebracht! - Du bist noch nicht tot. - Warum stehst du so früh auf? Du bist deinem Violettrock ungehorsam, der dir befohlen hat, Sorge für dich zu haben. - Warum predigst du so einfach? Du giltst für einen Unwissenden. Warum predigst du nicht großartig wie in den Städten? Ha! was ich mich über diese großartigen Reden freue, die niemanden weh tun, die die Leute nach ihrer Weise leben und sie tun lassen, was sie wollen! In deinen Katechesen sind auch manche, die schlafen, aber auch welche, denen deine einfache Rede zu Herzen geht."

Vianney: "Was denkst du vom Tanz?"

Die Besessene: "Den Tanz umgebe ich wie eine Mauer den Garten." - -

14. Die Krankenheilungen

Wie manche andere Heilige besaß der hl. Vianney in reicher Fülle außerordentliche Gnadengaben, welche sein Wirken in den Augen der Menschen mit dem Glanz göttlicher Sendung umgaben. Am auffälligsten war seine Gewalt über Krankheiten jeder Art. Viele, an denen die besten Ärzte umsonst ihre Kunst versucht hatten, fanden beim guten Herzen des Pfarrers von Ars und bei seinem fürbittenden Gebet eine letzte Hilfe. Weil aber derartige Ereignisse naturgemäß die Achtung der Menschen vor dem Wundertäter fast ins Ungemessene steigerten, erfand der demütige Priester eine heilige List. Er verwies nämlich fast alle Kranken an seine "liebe kleine Heilige", die hl. Philomena, d.h. er ließ sie eine Novene zur Heiligen machen, hieß sie vor ihrem Altar beten, und wenn sie Erhörung gefunden hatten, schrieb er allen Erfolg ihr zu, obschon er selbst mit den Kranken betete, sie segnete und ihnen die Hände auflegte.

Eine Heilung, die wir kurz erzählen wollen, erinnert unwillkürlich an die Geschichte des Hauptmanns von Kapharnaum, der den Heiland so rührend um die Genesung seines Sohnes anflehte. Der Mann, um den es sich handelt, war freilich nur ein einfacher Gendarm, aber sein Glaube war nicht weniger lebendig als jener des Hauptmanns im Evangelium. Er befand sich in einer elenden Lage; denn seine Frau war gestorben und sein einziges sechsjähriges Söhnchen hatte gelähmte Glieder, so dass es nicht gehen konnte. Da ihm sein geringer Sold nicht erlaubte, eine Magd zu halten, so blieb der arme Kleine fast ganz ohne Pflege. Durch das Beispiel einiger Bekannter bewogen, ging der betrübte Vater endlich nach Ars, um sich beim heiligen Pfarrer wenigstens einen guten Rat zu holen. Als er ins Dorf kam, fand er aber zuerst nicht den erwarteten Empfang, denn mehrere Personen, die ihn sahen, spotteten seiner: "Was wollen Sie denn mit dem unglücklichen Kind? Sie sind wohl recht einfältig; der Pfarrer von Ars ist kein Arzt. Bringen Sie den Knaben in eine Anstalt für Unheilbare, aber nicht in eine Kirche!" Der brave Mann ließ sich indes nicht abschrecken; er gab nicht nach, bis er zu Vianney gelangte und klagte ihm mit herzlicher Einfachheit sein Leid.

"Mein lieber Freund," erwiderte ihm Vianney von Mitleid gerührt, "Ihr Sohn wird genesen."

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als man ein leises Krachen hörte; das kranke Bein war geheilt und das Kind begann zu laufen.

Wie in diesem Fall waren es sehr oft Kinder, welchen der Heilige die Genesung erwirkte. Auch unter den Wundern, welche der hl. Ritenkongregation anlässlich des Seligsprechungsprozesses zur Prüfung unterbreitet wurden, erhielt gerade die Heilung von zwei Kindern die kirchliche Bestätigung. Es scheint, dass Gott der Herr auf diese Weise dem Heiligen das viele Gute belohnen wollte, das er zum Besten verlassener Kinder getan.

Wie viele Kranke in Ars entweder vollständige Gesundheit oder doch wenigstens Besserung ihres Zustandes fanden, lässt sich unmöglich genau bestimmen. Denn einmal führte niemand hierüber ein Verzeichnis und sodann wurde einem nicht geringen Teil der Hilfesuchenden erst nach der Rückkehr in die Heimat die gewünschte Gnade gewährt. Eines Tages bat ein armer Mann den Pfarrer von Ars um Heilung seines verkrüppelten Kindes. Vianney veranlasste ihn zur Beichte. Er konnte sich schlecht dazu entschließen, weil er wohl wusste, dass er dann sein Geschäft aufgeben müsse. Er lebte nämlich größtenteils vom Tanz der Landleute. Indes bekehrte er sich schließlich doch und zwar in der demütigsten, reuigsten Weise. Als er nach Hause zurückgekehrt war, nahm er seine Violine, brach sie vor den Augen seiner Frau in Stücke und warf die Trümmer ins Feuer. Im selben Augenblick sprang sein Kind freudig auf und rief: "Ich bin geheilt!"

Gegen Ende des Lebens unseres Heiligen wurden die Heilungen in Ars selbst immer seltener. Vianney hatte sich dies von der kleinen Heiligen als besondere Gunst erbeten, wie er seinem Mitarbeiter, dem Abbè Toccanier, gestand. "Herr Pfarrer," sagte dieser einst, "wissen Sie auch, was gegen Sie ausgestreut wird? Man sagt, Sie hätten der hl. Philomena verboten, Wunder zu wirken."

"Das ist ganz wahr, mein lieber Freund," antwortete Vianney mit kindlicher Offenheit; "es verursachte zu viel Gerede und zog alle Welt hierher. Ich habe sie gebeten, sie möge sich damit begnügen, hier die Seelen zu bekehren und die Körper in der Ferne heilen."

15. Das innere Leben des Pfarrers von Ars

Es muss im Himmel einmal eine ganz besondere Freude für die Auserwählten sein, zu erfahren, auf wie wunderbare Weise die Gnade in den Dienern Gottes gewirkt hat. Kein Künstler arbeitet mit solchem Geschick und solcher Beharrlichkeit an seinem Werk, wie der hl. Geist an der Ausbildung der Menschenseele arbeitet. So lange wir auf Erden wandeln, ist uns dieser Einblick zum größten Teil verschlossen; denn je mehr die Heiligen an Tugend zunahmen, desto mehr suchten sie die Geheimnisse ihres Herzens den Blicken der Menschen zu entziehen. Nur durch ihre Worte und Taten brechen sich hin und wieder einige Strahlen ihrer inneren Herrlichkeit Bahn.

So war es auch beim hl. Pfarrer von Ars. Er war äußerst sparsam in Mitteilungen über seinen Seelenzustand und verstand es vortrefflich, die Aufmerksamkeit seiner Bewunderer von sich abzulenken. Dazu kommt, dass er sich, namentlich in den letzten Jahren seines Lebens, den Werken der Nächstenliebe so sehr hingab, dass es uns gewöhnlichen Menschen fast unbegreiflich ist, wie er bei dieser angestrengten, unablässigen Tätigkeit überhaupt noch Zeit und Gelegenheit fand, an sich selbst zu denken. Dass er es trotzdem in allen Tugenden zur Meisterschaft brachte, verdient gewiss nicht weniger Bewunderung als seine großartige Wirksamkeit.

Das feste Fundament im geistlichen Leben Vianneys, auf dem sich sein ganzes Tugendleben aufbaute, war sein lebendiger Glaube. "Wir sind in dieser Welt," sagte er einst in seiner bildreichen Sprache, "wie in Nebelschleiern; aber der Glaube ist der Wind, der sie zerreißt und eine schöne Sonne über unsere Seele aufgehen lässt." Im Licht dieser Sonne erkannte er die tiefsten Wahrheiten der hl. Religion mit einer Klarheit, als würde er sie sichtbar und greifbar vor sich haben. Am deutlichsten zeigte sich das bei seinem Verkehr mit dem hlst. Altarsakrament. Wenn er vor dem Tabernakel kniete oder das hl. Messopfer darbrachte, hätte man glauben können, er sei der Außenwelt entrückt: so gesammelt und in Gott versunken erschien er. Wie sehr er von der wirklichen Gegenwart des Heilandes unter den Brotsgestalten durchdrungen war, beweist auch ein Ausspruch, den er in einer seiner Katechesen tat: "Wenn ihr Gott liebtet, so würdet ihr stets vor den Augen eures Geistes jenes goldene Tabernakel, jenes Gotteshaus haben. Wenn ihr auf dem Weg seid und einen Kirchturm einer katholischen Kirche entdeckt, so müsste beim Anblick euer Herz pochen, wie das Herz der Braut schlägt, wenn sie das Dach erblickt, unter dem der geliebte Bräutigam wohnt; ihr könntet den Blick nicht davon abwenden."

Um von den Höhen des Glaubens nicht herabzusinken, pflegte Vianney mit aller Sorgfalt den Geist des Gebetes. Abbè Monnin, sein langjähriger Mitarbeiter, sagte einmal diesbezüglich sehr schön: "Die Seele des Pfarrers war mehr mit Gott vereint als mit ihrem Körper." Während des Tages widmete er dem Gebet alle Zeit, die ihm seine Beschäftigungen übrig ließen. Er betete, wenn er vom Pfarrhaus in die Kirche ging, wenn er sich von der Sakristei in seinen Beichtstuhl verfügte, wenn er die Kranken seiner Gemeinde besuchte. Ja, auch die seelsorglichen Arbeiten waren eigentlich ein beständiges Gebet; denn er verrichtete alles mit Gott und blieb mit Gott verbunden wie das Werkzeug mit der Hand des Meisters. Ebenso gehörte ein großer Teil der Nacht dem Gebet. Sein Schlaf dauerte, wie bereits bemerkt, nur etwa zwei bis drei Stunden und selbst diese kurze Zeit der Ruhe wurde infolge mannigfacher körperlicher Gebrechen oder wegen teuflischer Belästigungen noch öfters unterbrochen. Ohne Zweifel befolgte er dann auch selbst den Rat, den er andern gab: "Wohlan, meine lieben Kinder, wenn ihr in der Nacht aufwacht, so versetzt euch im Geist schnell vor den Tabernakel und sagt zu unserem Herrn: Mein Gott, da bin ich. Ich komme, dich anzubeten, dich zu loben, dich zu preisen, dir zu danken, dich zu lieben, dir mit den heiligen Engeln Gesellschaft zu leisten."

Diese Worte beweisen, dass der Heilige wie in allem anderen so auch im Gebet die Einfalt und Einfachheit liebte. Er konnte ein phrasenhaftes Gebet ebensowenig ertragen wie ein auffälliges Benehmen in der Kirche. "Man braucht nicht viel zu reden, um gut zu beten," pflegte er zu sagen; "wir wissen, dass Gott im Tabernakel ist: öffnen wir ihm unser Herz, erfreuen wir uns an seiner Gegenwart - das ist das beste Gebet." Ein Priester erzählte eines Tages dem ersten Lebensbeschreiber Vianneys, der Pfarrer habe ihm in der Beicht empfohlen, er solle in der Kirche keine Haltung einnehmen, welche die Augen der Leute auf sich zöge." "Er hatte," fügte er hinzu, "offenbar bemerkt, dass ich mich vor dem Altar zu tief verneigte. Mein Freund, sagte der Heilige, wir müssen uns nicht bemerklich machen."

Die folgende Unterweisung verrät uns, mit welchen Gedanken der heilige Priester sich beschäftigte, wenn er Gänge durchs Dorf zu machen hatte: "Wenn wir durch die Straßen gehen, so können wir unseren Blick auf den Heiland werfen, der uns, mit dem Kreuz beladen, voranschreitet, oder auf die seligste Jungfrau, die auf uns niederschaut, oder auf unseren guten Schutzengel, der uns zur Seite geht. O wie schön ist dieses innere Leben! Es gibt uns die Vereinigung mit dem lieben Gott!"

Im Gebet entzündete sich im hl. Vianney jene glühende Liebe zu Gott, die ihn buchstäblich verzehrte und beständig mit heiliger Traurigkeit erfüllte ob der vielen Sünden, mit denen Gott beleidigt wird. "Ich verschmachte fast auf dieser armen Erde," klagte er einem seiner Mitbrüder, "und meine Seele ist betrübt bis zum Tod. Denn meine Ohren hören nichts als Dinge, die mir das Herz zerreißen." Einem anderen gegenüber äußerte er sich: "Wenn man an die Undankbarkeit der Menschen gegen den lieben Gott denkt, ist man versucht, übers Meer zu fliehen, um sie nicht sehen zu müssen. O, wie schrecklich ist das! Ja, wenn der liebe Gott nicht so gut wäre! Aber er ist so gut, so gut!" Während er so sprach, traten ihm die Tränen in die Augen.

Hie und da konnte er diesen Seelenschmerz sogar in der Predigt nicht verbergen. "Nein," rief er mehrmals in seinen Katechesen aus und zwar mit einem Nachdruck, der alle Anwesenden erschütterte, "nein, es gibt wirklich nichts Unglücklicheres in dieser Welt als einen Priester. Womit bringt er denn sein Leben zu? Damit, dass er den lieben Gott beleidigt sieht. Sein hlst. Name immer gelästert! Seine Gebote immer übertreten! Seine Liebe immer verkannt! Der Priester sieht nichts als das, hört nichts als das ... Er ist beständig wie der hl. Petrus im Vorhof des Pilatus: er sieht seinen Herrn fortwährend verhöhnt, verachtet, verlacht, mit Schmach überhäuft ... Die einen speien ihm ins Angesicht, die anderen geben ihm Backenstreiche, andere setzen ihm die Dornenkrone aufs Haupt, andere schlagen ihn mit der Faust. Man stößt ihn, wirft ihn auf die Erde, bearbeitet ihn mit den Füßen, man kreuzigt ihn, durchbohrt ihm das Herz ... O, wenn ich gewusst hätte, was es heißt, Priester sein, so hätte ich mich, anstatt ins Seminar zu gehen, zu den Trappisten gerettet."

16. Das innere Leben des Pfarrers von Ars (2)

Aus der Liebe zu Gott entstand im Pfarrer von Ars die Liebe zu den Menschen, der reine, selbstlose Eifer für das Heil der Seelen, der freudig die größten Opfer brachte und vor keiner noch so großen Abtötung zurückschrak, wo es sich um die Bekehrung armer Sünder handelte. Ein Geistlicher jammerte einst, dass er bei allem guten Willen die Herzen seiner Pfarrkinder nicht umwandeln könne. „Sie haben gebetet,“ antwortete ihm der Diener Gottes, „das ist wahr; Sie haben geweint, geseufzt! Aber haben Sie auch gefastet, gewacht, auf bloßen Brettern geschlafen? Haben Sie sich gegeißelt? Solange Sie nicht dahin gelangt sind, glauben Sie ja nicht, alles getan zu haben!“

„Herr Pfarrer,“ fragte ihn eines Tages ein vertrauter Priester, „wenn Gott Ihnen die Wahl ließe, augenblicklich in den Himmel einzugehen oder auf der Erde zu bleiben und sich für die Bekehrung der Sünder abzumühen, was würden Sie tun?“

„Ich glaube, mein Freund, ich würde bleiben.“

„Aber Herr Pfarrer, die Heiligen sind doch so glücklich im Himmel; sie wissen nichts mehr von Versuchungen und irdischem Elend!“

„Das ist wahr, mein Freund, aber die Heiligen leben von Renten. Sie haben viel gearbeitet, denn Gott straft die Trägheit und belohnt nur die Mühen; aber sie können Gott nicht mehr mit Opfern für das Heil der Seelen verherrlichen wie wir.“

„Und würden Sie auch bis zum Ende der Welt auf Erden bleiben?“

„Warum nicht!“

„In diesem Fall hätten Sie eine hübsche Zeit vor sich. Würden Sie trotzdem so früh aufstehen?“

„Ja, mein Freund, um Mitternacht. Ich fürchte die Müdigkeit nicht ... Ich wäre der glücklichste der Sterblichen, wenn mir nur nicht immer der Gedanke käme, dass ich vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen muss mit meinem armen Pfarrerleben.“

Die Müdigkeit fürchtete Vianney in der Tat nicht. Und doch war sie oft so groß, dass sein Anblick unwillkürlich Mitleid einflößte. Wenn er nach stundenlangem Beichthören von seinem engen Beichtstuhl aufstand, musste er nach eigenem Geständnis nicht selten nach seinen Beinen greifen, um sich zu überzeugen, dass er sie noch besaß. Nach mancher schlaflos verbrachten Nacht fühlte er sich so müde, dass er nur gehen konnte, indem er sich von einem Sessel zum anderen schleppte, auf seine Einrichtungsgegenstände hinsank oder sich an der Wand seines Zimmers festhielt. Doch die Liebe zu den Seelen, die an seiner Tür harrten und auf Befreiung von ihrer Sündenlast warteten, gab ihm immer wieder neue Kraft und machte ihm alle Opfer süß.

Ebensowenig wie die Müdigkeit fürchtete der Heilige die körperlichen Leiden, welche ihm Gott der Herr schickte, und die Kränkungen, die ihm bisweilen von Seiten undankbarer Menschen zuteilwurden. Er konnte von den heftigsten Schmerzen gequält werden, ohne dass seine Besucher eine Veränderung in seinen Mienen entdeckten. Wenn er sich schließlich nicht mehr aufrecht zu halten vermochte, setzte er sich einige Augenblicke auf einen Stuhl und begnügte sich damit, auf die ängstlichen Fragen der Anwesenden beschwichtigend zu erwidern: „Es ist mir ein klein wenig unwohl.“

Unter den Pilgern, die nach Ars kamen, gab es Leute, die es wagten, ihm ins Gesicht zu sagen, er sei ein Dummkopf; vor seiner Bekanntschaft hätten sie eine ganz andere Meinung von ihm gehabt, jetzt aber, nachdem sie ihn gesehen und gehört, hätten sie ihre Ansicht über seine Person und sein Wirken korrigiert. Weitentfernt sich durch solche Ungezogenheiten aufregen zu lassen, äußerte Vianney aufrichtiges Gefallen daran, weil er glaubte, dass er nach Verdienst behandelt werde.

Nur einmal hätte er beinahe den Gleichmut verloren. Es war zur Zeit, als von allen Seiten Widersprüche und Verleumdungen wie ein Hagelwetter auf ihn einstürmten. Da trug er sich mit dem Gedanken, seinem Bischof zu schreiben und ihm die Haltlosigkeit der gegen ihn vorgebrachten Einwürfe darzutun. Der Bischof hätte ihn bei der großen Liebe, die er zu seinem heiligen Pfarrer hegte, sicher in Schutz genommen. Allein als er den Brief schließen wollte, zerriss er ihn mit den Worten: „Nein, heute ist Freitag, der Tag, an dem unser Herr sein Kreuz getragen. Ich muss auch das meinige tragen. Heute schmeckt der Kelch der Verdemütigungen weniger bitter.“

Mit diesen unfreiwilligen Leiden noch nicht zufrieden, wurde Vianney auch sein eigener Peiniger durch unbarmherzige Abtötung seiner Sinne. Er legte sich auf, an keiner Blume zu riechen; nicht zu trinken, wenn er von Durst geplagt wurde; keine Fliege abzuwehren; auf ekelhafte Gerüche nicht zu achten usw. Das bisschen Nahrung, das er genoss, diente ihm fast mehr zur Abtötung als zur Stärkung. Während der letzten zehn Jahre seines Lebens nahm er in der Frühe nach der hl. Messe ein Stück Brot und eine Tasse Milch; aber er trank die Milch erst, nachdem er das Brot gegessen hatte. Einer der Schulbrüder, der oft bei dieser Mahlzeit zugegen war, meinte einmal, als das harte Brot seinen Weg schwer zu finden schien: „Herr Pfarrer, wenn Sie Ihr Brot in die Milch tauchen würden, ginge es doch viel leichter.“ – „Das weiß ich schon,“ entgegnete Vianney lächelnd.

Anfänglich mag ihm diese fortwährende Selbstkreuzigung manchen Kampf gekostet haben, denn er hatte ja auch eine Menschennatur wie wir; aber allmählich ging es ihm wie anderen Heiligen: was dem Fleisch weh tut, wurde ihm zur Quelle reiner Freude.

„Auf diesem Weg,“ so lautet eine seiner Lehren, „ist es nur der erste Schritt, der etwas kostet. Die Abtötung hat einen solchen Wohlgeruch, einen so süßen Geschmack, dass sie, einmal gekostet, sich nicht mehr entbehren lässt; man will das Gefäß bis auf die Neige trinken. Es gibt nur eine Art und Weise, sich Gott hinzugeben, und diese besteht in der Übung der Entsagung und Selbstverleugnung. Das heißt: sich von Herzen hingeben und nichts für sich zurückbehalten. Ich denke oft, dass ich mich selbst verlieren und nicht mehr wiederfinden möchte außer in Gott.“

Die Liebe zur Buße und Abtötung hatte übrigens in Vianney noch einen anderen Grund als die Liebe zu Gott und zu den Seelen, nämlich seine unergründliche Demut. Wie schön und warm wusste er von dieser Tugend zu sprechen!

„Herr Pfarrer,“ fragte ihn jemand, „wie muss man es doch machen, um recht brav zu werden?“

„Mein Freund, man muss Gott recht lieben.“

„Ja, recht; aber wie kommt man dazu?“

„Ach, mein Freund, Demut! Demut! Was uns daran hindert, heilig zu werden, das ist der Stolz. Der Stolz ist ein Rosenkranz von allen Lastern, die Demut ist ein Rosenkranz von allen Tugenden. Ach!“ fuhr er weinend fort, „es ist wirklich nicht zu begreifen, wie eine so winzige Kreatur, wie wir sind, sich noch etwas einbilden will. Einmal erschien der Teufel dem hl. Markarius mit einer Peitsche in der Hand, als wollte er ihn schlagen, und sagte zu ihm:

Alles, was du tust, tu ich auch: du fastest, ich esse auch nicht; du wachest, ich schlafe auch nicht. Nur eins tust du, was ich nicht kann.

Und was denn?

Dich demütigen! Erwiderte der Teufel und verschwand.

Ja, mein Freund, es gibt Heilige, welche den Teufel schon dadurch in die Flucht schlagen, dass sie ausrufen: Wie bin ich doch so erbärmlich!“

Derartige Reden kamen dem Heiligen aus tiefstem Herzen. Die Demut war ihm gewissermaßen zu einem eigenen und zwar sehr zarten Sinn geworden, den alles, was Ehre und Anerkennung heißt, in empfindlichster Weise verletzte. Lobsprüche waren wie Rutenstreiche für ihn. Wenn ihm ein Elender begegnete und sich auf die Knie warf, um den Saum seines Kleides zu küssen und ihn um Hilfe zu bitten, so stieg ihm die Schamröte ins Antlitz und er wäre davongelaufen, wenn nicht die Liebe und das Mitleid die Oberhand über die Demut gewonnen hätten. Man kann sich deshalb leicht vorstellen, was für eine Qual es für den Heiligen sein musste, Tag für Tag sich von einer Menge Leute aus allen Ständen und Ländern umringt zu sehen, die ihn wie einen Heiligen anblickten und sich glücklich schätzten, wenigstens seinen Segen zu erhalten. Sagte ihm jemand etwas Angenehmes, so antwortete er mit einem kurzen, bescheidenen Wort, aber man merkte dabei an seiner verlegenen Haltung und seinem Stillschweigen, dass man ihn schmerzlich berührt hatte. Sein Bischof, Msgr. Devie, vergaß sich eines Tages soweit, dass er ihm laut zurief: „Ah, mein heiliger Seelsorger!“ Das war zu viel für den seligen Pfarrer. Ganz trostlos rief er seinerseits aus: „O wie unglücklich bin ich doch! Also selbst mein Bischof irrt sich an mir! Muss ich denn ein Heuchler sein?“

In seiner tiefen Demut bat er Gott, so erzählte ein Zeuge im Seligsprechungsprozess, um die Gnade, sein eigenes Nichts zu erkennen, und er wurde erhört. Er sah, dass Gott der Herr selbst es ist, der uns die guten Gedanken eingibt und die guten Werke in uns vollbringt; wir wirken nur mit der Gnade mit und zwar auf eine sehr unvollkommene Weise und sehr oft leisten wir ihr sogar Widerstand, so dass Gott seine Absichten mit uns gar nicht ausführen kann. Diese Einsicht beschämte Vianney so sehr, dass er im Laufe der Zeit der Verzweiflung nahe kam und Gott bitten musste, ihm die Augen wieder einigermaßen zu binden, was auch geschah.

Man könnte vielleicht glauben, dass der Ernst der Buße und Demut dem Heiligen den Stempel einer etwas zu großen Strenge aufgeprägt hätten, der den Verkehr mit ihm unangenehm machte. Dem war aber durchaus nicht so. Sein Umgang war im Gegenteil liebenswürdig und einnehmend, ja, oft sogar heiter; denn er liebte es, bei schicklicher Gelegenheit das Gespräch mit einer scherzhaften Bemerkung zu würzen, und manches gute Wort aus seinem Mund hat sich bis heute im Gedächtnis der Nachwelt erhalten. Diese Milde und Freundlichkeit wuchs mit zunehmendem Alter, wie die Frucht am Baum sich umso schöner färbt, je mehr die Sonnenglut sie zur Reife bringt.

Als er von Msgr. Chalandon zum Ehrenkanonikus ernannt worden war, machte man ihn später darauf aufmerksam, dass er der einzige von diesem Bischof ernannte Kanonikus sei. „Das glaube ich gern,“ antwortete Vianney, „der hohe Herr hatte einen unglücklichen Griff getan ... er sah sich das erste Mal arg enttäuscht und wagte nicht mehr, von vorne anzufangen.“

Eine Novizin hatte ihr Kloster verlassen und suchte in eine andere religiöse Genossenschaft einzutreten. Ein Priester erzählte dem Pfarrer von Ars, er habe dem Mädchen geraten, nach Syrien zu gehen und dort ihre Talente in den Dienst der Mission zu stellen. Vianney aber, der ihr veränderliches Wesen kannte, meinte: „Schicken Sie sie lieber ins Paradies, dort kann sie wenigstens nicht mehr hinausgehen.“

Namentlich war der heilige Priester voll Güte gegen seine Mitarbeiter. Wo er nur konnte, erwies er ihnen Gefälligkeiten und immer wusste er es so einzurichten, dass die schwierigsten und unangenehmsten Arbeiten ihm zufielen. Jeden Mittag machte er ihnen einen kurzen Besuch und besprach mit ihnen in der vertraulichsten Weise die laufenden Geschäfte. Am Abend versammelten sich die geistlichen Herren für ein paar Augenblicke in seinem Zimmer und dann plauderte der Pfarrer so gemütlich, als hätte er sich nicht den ganzen Tag im Beichtstuhl und auf der Kanzel abgemüht. Bei diesem Anlass fragte man ihn einst: „Herr Pfarrer, da Sie ihre Missionäre so sehr lieben, werden Sie ihnen hoffentlich doch den Mantel des Elias zurücklassen?“ Vianney lachte herzlich und entgegnete: „Mein Freund, es dürfte wohl schwer sein, dort einen Mantel zu entdecken, wo man nicht einmal ein Hemd findet.“

Wenn einem seiner Mitbrüder etwas fehlte, war er wie eine Mutter um sein Wohl besorgt. An einem Sonntag hatte er in der Kirche bemerkt, dass Herr Toccanier, der erst seit einigen Wochen in Ars weilte, stark hustete. Wie erstaunte dieser, als sein Pfarrer trotz des schlechten Wetters noch spät am Abend mit einer Laterne in der Hand bei ihm anklopfte, um ihm zu sagen: „Mein Freund, ich habe bemerkt, dass Sie heftig Husten haben. Ich bin nicht müde; wenn es Ihnen recht ist, werde ich Morgen statt ihrer die erste hl. Messe lesen und den Kindern den Katechismusunterricht erteilen.“

17. Letzte Lebenslage und seliger Tod

Das größte Wunder, dem wir im Leben des heiligen Pfarrers von Ars begegnen, ist wohl die Tatsache, dass sein armer, durch beständige Abtötung geschwächter Körper die ungeheure Last eines 40jährigen Apostolates aushielt, ohne unter ihrer Wucht zu erliegen. Endlich gingen seine Kräfte aber doch zur Neige: auf den langen, schwülen Arbeitstag folgte der stille Feierabend.

Der Dien Gottes wusste es. Eines Abends im Mai 1859 sprach er in einer Predigt, zu welcher er alle seine Pfarrkinder besonders eingeladen hatte: „Als Mose die Nähe des Todes fühlte, versammelte er sein ganzes Volk, rief ihm alle Wohltaten ins Gedächtnis, mit denen Gott es überhäuft hatte, mahnte es zur Treue und Dankbarkeit und wies es hin auf das verheißene Land. Erlaubt, meine Brüder und Schwestern, dass ich das gleiche tue, dass ich euch daran erinnere, wie gut Gott mit euch ist.“ Darauf dankte er den Pfarrkindern für die verständnisvolle Teilnahme an den verschiedenen guten Werken, die er im Verlauf der Jahre in ihrer Mitte unternommen. – Diese Worte erfüllten die ganze Gemeinde mit bangem Ahnen; sie kamen allen vor wie ein Abschiedsgruß des scheidenden Vaters und Lehrers.

Weit entfernt sich jetzt etwas weniger anzustrengen, schien der heilige Priester seinen Eifer in dem Maße zu steigern, als er dem Ziel seiner irdischen Laufbahn sich näherte. Dabei wurde er aber nicht so sehr von dem Verlangen geleitet, sich noch größere Verdienste für den Himmel zu erwerben, als vielmehr von seiner reinen, uneigennützigen Gottesliebe. Er sehnte sich freilich nach dem Himmel: oft hörte man ihn sagen: „Ich kenne einen, der sehr angeführt wäre, wenn er nicht in den Himmel käme!“, doch seine Sehnsucht war nicht die eines Knechtes, der nach dem verheißenen Lohn verlangt, sondern die eines Kindes, das nach langer Wanderschaft in der unwirtlichen Fremde in der Ferne bereits die Berge der Heimat ragen sieht.

Im Juli 1859 herrschte in Ars eine unausstehliche Hitze. Die sengenden Sonnenstrahlen machten aus der kleinen, stets dichtgefüllten Kirche einen Glutofen, in dem einem beinahe der Atem ausging. Vianney ließ sich dadurch nicht beirren; vom frühen Morgen bis zum späten Abend harrte er in seinem Beichtstuhl aus. Freitag, den 29. Juli, hielt er noch wie gewöhnlich den Katechismusunterricht ab, hörte 16-17 Stunden die Beichten der Pilger und betete am Abend mit dem Volk das Abendgebet. Als er dann aber nach Hause kam, übermannte ihn plötzlich eine solche Schwäche, dass er sich auf einen Stuhl niederwarf mit dem Ausruf: „Ich kann nicht mehr!“

Er verbrachte die Nacht schlaflos und in großen Schmerzen. Um 1 Uhr in der Frühe wollte er sich erheben, um zur Kirche zu gehen, allein bei aller Willenskraft vermochte er sich nicht auf den Füßen zu halten. Eine Person, die in einem Nebengemach schlief, eilte herbei.

„Sind Sie müde, Herr Pfarrer?“ fragte sie besorgt.

„Ja,“ lautete die Antwort, „ich glaube, mein armes Ende ist da.“

Die Person wollte Hilfe holen, doch Vianney widersetzte sich mit den Worten:

„Nein, nein, stören Sie niemand, es ist nichts!“

Am Morgen versammelten sich die Kapläne um das Krankenbett. Sie gaben sich alle erdenkliche Mühe, ihrem geliebten Pfarrer einige Erleichterungen zu verschaffen, da sie zu ihrem Schrecken erkannten, dass seine Tage wirklich gezählt waren. Vianney nahm jeden Dienst dankbar an, nur als man die Fliegen mit einem Wedel von ihm abwehren wollte, entgegnete er: Aber lasst doch meine armen Fliegen bei mir!“

Man kann sich leicht vorstellen, welche Bestürzung bei der Nachricht von der ernstlichen Erkrankung des Pfarrers das Volk ergriff. Drei Tage lang wurde die Kirche nicht mehr leer: die guten Leute, namentlich die Kinder und die Armen, umlagerten die Altäre, riefen alle Heiligen des Paradieses um ihre Fürbitte an und versprachen Wallfahrten zu allen Heiligtümern des Landes. Umsonst beschwor man den Sterbenden, sich mit diesen Gebeten zu vereinigen; so bereit er immer gewesen war, auf Gottes Geheiß sein Netz zum Fischfang auszuwerfen, so gern wollte er jetzt nach dem Willen des Herrn sein Lebensschifflein in den Hafen führen.

Am Dienstagabend begehrte er selbst nach den heiligen Sterbesakramenten. Ganz Ars erschien vor dem Haus; zahlreiche Priester, die zufällig anwesend waren, gaben dem Allerheiligsten das Ehrengeleit. Als die Glocken verkündeten, dass der gute Hirt den Tabernakel verlasse, um seinen treuen Stellvertreter heimzusuchen, konnte Vianney seine Rührung nicht bemeistern: er weinte und Schluchzte laut. Einer seiner Mitarbeiter benützte diesen feierlichen Augenblick, um ihn mit aufgehobenen Händen anzuflehen, sich doch um seiner Herde willen von unserem Herrn die Genesung zu erbitten. Der Pfarrer heftete seinen strahlenden, durchdringenden Blick auf den Priester, und ohne ein Wort hervorzubringen, gab er ein ablehnendes Zeichen. Nach der letzten Ölung fragte man ihn, ob er noch einen Wunsch habe. „Sie haben vergessen,“ erwiderte er, „mir den Sterbeablass zu erteilen.“ Abbè Toccanier gab ihm denselben. Dann richtete sich der Pfarrer mühsam auf und segnete zum letzten Mal seine Pfarrei, seine Missionäre und seine Werke. Darauf schloss er die Augen, um sich ungestört mit Gott zu unterhalten, mit dem er bald auf ewig vereinigt werden sollte.

Als er am Mittwochabend aufblickte, sah er seinen Bischof, Msgr. Langalerie, an seinem Lager knien, der seinen Freund noch einmal umarmen wollte. Er kam noch eben zurecht: in der nämlichen Nacht, um 2 Uhr früh, hauchte Vianney friedlich seine schöne Seele aus. Abbè Monnin, der die Sterbegebete verrichtete, war gerade zu den Worten gekommen: „Die heiligen Engel Gottes mögen ihm entgegeneilen und ihn zur lebendigen Stadt führen, ins himmlische Jerusalem.“

Manche Verehrer des Heiligen mag dieser einfache Tod überrascht haben: sie erwarteten vielleicht außerordentliche Zeichen vom Himmel und dgl. Aber es bewährte sich auch hier der bekannte Spruch: „Wie gelebt, so gestorben.“ Demütig und bescheiden hatte Vianney gelebt und unauffällig schied er von der Welt – nicht wie die Sonne, die bei ihrem letzten Aufleuchten am Abend den Himmel mit glühenden Farben übergießt, sondern wie das stillverglimmende Licht vor dem Tabernakel, das sich zur Ehre Gottes verzehrt hat.

18. „Sein Grab wird glorreich sein“

„Vianney ist tot!“ – wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Trauerkunde durch Ars und vom Dorf in die ganze Umgegend. Alles strömte aus der Kirche, wo die Menge eben betete, ins Pfarrhaus und zwei Tage und zwei Nächte hindurch herrschte in der engen Totenkammer ein Gedränge von Kommenden und Gehenden, wie es bei der Leiche eines Kirchenfürsten kaum größer hätte sein können. Jeder wollte noch einen Blick in das verklärte Antlitz des Entschlafenen tun, jeder wenigstens noch einmal die Hände küssen, die so viele Wohltaten ausgestreut hatten. Medaillen, Kreuze, Bilder wurde den wachehaltenden Kaplänen in solcher Menge zum Berühren am Leichnam gegeben, dass dieselben am Abend bekannten, ihre Arme seien wie gebrochen vor Müdigkeit.

Am 6. August fand das feierliche Begräbnis statt. Man zählte dabei an die 6000 Menschen, von denen viele aus entfernten Gegenden hergereist waren. Der Bischof von Belley ließ in der ganzen Diözese die Trauerglocken läuten, er selbst führte, begleitet von 300 Priestern und von den Vertretern aller religiösen Genossenschaften des Landes, den Leichenzug. Auf dem Kirchplatz hielt er die Trauerrede, indem er auf das Leben und Wirken des Verstorbenen den Text anwandte, den die Kirche in den Tagzeiten der hl. Bekenner betet: „Wisse wohl,“ rief er zum Schluss dem Heiligen zu, „dass der schönste und vollkommenste Tag meiner bischöflichen Amtsführung jener wäre, an dem die Stimme der Kirche es mir erlaubte, dich feierlich anzurufen und zu deiner Ehre zu singen: Wohlan, du guter und getreuer Knecht, gehe ein in die Freude deines Herrn!“

In Erwartung dieses glorreichen Tages setzte man die irdischen Überreste Vianneys in einem am Fuß der Kanzel bereiteten Grab bei. Jetzt ruhen die hl. Reliquien in der neuen Kirche der hl. Philomena in einem kostbaren Schrein, wo sie beständig viele Pilger aus nah und fern anziehen. Sie sind für alle Besucher eine zwar stumme, aber eindringliche Predigt von dem Ernst des Lebens und der Wichtigkeit des Seelenheiles und so setzt der heilige Pfarrer auch nach seinem Tod noch seine apostolische Wirksamkeit fort.

Den Seligsprechungsprozess nahm Pius IX. im Jahr 1874, also schon wenige Jahre nach dem Tod Vianneys, auf; doch die Freude, den demütigen Landpfarrer zur Ehre der Altäre zu erheben, blieb einem Papst aufgespart, der selbst 10 Jahre lang als Pfarrer in den Fußstapfen des Heiligen gewandelt war, dem hl. Vater Pius X. Merkwürdigerweise wurde derselbe am 24. August 1903 in der nämlichen Stunde zum Papst gewählt, als man in Ars anlässlich des 44. Jahresgedächtnisses des Todes Vianneys eben das Hochamt feierte.

Die Aufforderung, die Pius X. beim Abschluss des Seligsprechungsprozesses an die Pfarrgeistlichkeit der ganzen Welt richtete, gilt in gewissem Sinn auch allen Gläubigen und möge darum hier ihren Platz finden: „Gebe Gott, dass alle Pfarrer ohne Ausnahme den ehrwürdigen Vianney sich zum Vorbild nehmen. In seiner Schule mögen sie jene bewunderungswürdige Frömmigkeit lernen, die mit schweigsamer Beredsamkeit stärker auf die Seelen wirkt als der Glanz der Worte und reicher Redeschwall. Mögen sie Joh. Bapt. Vianney stets vor Augen haben und jene Liebe nachahmen, die uns darauf vorbereitet und bereit macht, selbst das Leben für das Heil der Seelen zu verachten.“

Die heilige Philomena - eine machtvolle Wundertäterin

Die Inschrift zeigt, dass die Reihenfolge der Steinplatten verwechselt worden war, was damals häufig vorkam, denn die Märtyrer mussten oft in aller Eile beerdigt werden. Die Inschrift weist zusammen mit den Symbolen des Martyriums einen Text auf, der nur dann einen Sinn ergibt, wenn man die 1. und die 3. Steinplatte vertauscht: «Pax tecum Filomena» (Friede sei mit dir, Philomena). Zeichen des Martyriums der Heiligen waren ein Anker als Ausdruck der Hoffnung; zwei Pfeile bezeugen wahrscheinlich die Art ihres Martyriums, ebenso eine Lanze und schließlich die Palme als Ausdruck für den Triumph der Märtyrin und eine Lilie, Symbol der Keuschheit.

Das Grab war unversehrt geblieben, wie es nur bei wenigen in der Epoche der Goten- und Lombardeninvasion der Fall war, als Plünderer auf der Suche nach Schätzen waren. Es enthielt die Reliquien der hl. Philomena, sowie ein kleines gläsernes Gefäß, das man mit dem Blut von der jungfräulichen Märtyrin gefüllt hatte. Das Blut war natürlich ausgetrocknet. Die Überreste wurden in einen hölzernen Behälter gegeben, der an Ort und Stelle versiegelt wurde. An der Oberfläche ist er offen und der Inhalt wurde von einer Kommission aus Theologen, Medizinern und Chirurgen untersucht. Es wurde festgestellt, dass der Schädel Frakturen aufweist und die Knochen die einer etwa 12-13-jährigen Jugendlichen sind. Über die Identität dieser jungfräulichen Märtyrerin wusste man nichts — bis es zu seltsamen Offenbarungen kam…

Die wunderbare Geschichte der hl. Philomena

Drei fromme Seelen empfingen vertrauliche Mitteilungen der Heiligen. Sie lebten in drei verschiedenen Ländern und kannten einander nicht. Ihre übereinstimmenden Berichte wurden in einem Buch veröffentlicht, das am 21. Dezember 1833 vom Heiligen Offizium (die heutige Glaubenskongregation) das Imprimatur erhielt.

Folgende Offenbarungen der Heiligen wurden Mutter Marie-Luise, Generaloberin der Kongregation der «Schwestern der Schmerzen Mariens» zuteil:

«Meine liebe Schwester, ich bin die Tochter eines Fürsten, der ein kleines griechisches Fürstentum regierte. Auch meine Mutter stammte aus einem Adelsgeschlecht. Da sie kinderlos und beide noch Götzendiener waren, brachten sie unablässig ihren falschen Göttern Gebete und Opfer dar. Ein römischer Arzt namens Publius, der jetzt im Paradies ist, auch wenn er kein Märtyrer war, lebte im Palast und stand im Dienst meines Vaters. Er war Christ. Die Trauer und die Verblendung meiner Eltern berührte ihn, und gedrängt vom Heiligen Geist sprach er zu ihnen von unserem Glauben und versicherte ihnen, dass ihre Gebete erhört würden, wenn sie sich zum christlichen Glauben bekehrten. Die Gnade, die diese Worte begleitete, berührte ihr Herz und erleuchtete ihren Geist. Schließlich empfingen sie nach reifer Überlegung das Sakrament der Taufe. Ich wurde zu Beginn des folgenden Jahres geboren. Bei meiner Geburt gaben sie mir den Namen “Lumena”, denn ich war im Licht des Glaubens geboren worden, dem sich meine Eltern nun voll Eifer hingaben. Am Tag meiner Taufe nannten sie mich “Philomena”, was so viel bedeutet wie “Freundin des Lichtes”, das meine Seele nun durch die Gnade dieses Sakramentes erleuchtete…»

Die Heilige setzte den Bericht über ihr so kurzes Leben fort. Ihre Eltern liebten sie so sehr, dass sie das Kind immer bei sich haben wollten. So war es auch an dem Tag, als sie nach Rom fuhren. Ihr Vater wollte beim Kaiser das Anliegen seines Landes vorbringen, das in Gefahr stand, von den römischen Armeen angegriffen zu werden. Philomena begleitete ihre Eltern zur Audienz, die ihnen vom arroganten und aufbrausenden Kaiser Diokletian gewährt wurde. Philomena war fast 13 Jahre alt. Sie musste bereits sehr schön gewesen sein, denn während ihr Vater sein Anliegen vorbrachte, ließ sie der Kaiser nicht aus den Augen. Zum Schluss gab er dem Fürsten zur Antwort: «Mache dir keine Sorgen, du kannst sicher sein, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Anstatt euch anzugreifen, werde ich euch alle verfügbaren Kräfte des Kaiserreiches zur Verfügung stellen, unter der Bedingung, dass du mir die Hand deiner Tochter, die Hand der hübschen Philomena gibst.»

Die Eltern gaben der Bitte des Kaisers nach. Sicher erwarteten sie nicht, was nun geschehen sollte. Als sie wieder Zuhause waren, weigerte sich Philomena ganz energisch. Sie versuchten, sie davon zu überzeugen, dass sie als Kaiserin Roms glücklich sein werde. Daraufhin enthüllte sie ihnen, dass sie mit elf Jahren das Gelübde der Keuschheit abgelegt habe und dass sie seitdem die Braut Jesu Christi sei. Der Vater redete weiter auf sie ein und entgegnete, dass ein so junges Mädchen nicht in diesem Ausmaß über sich verfügen dürfe, wie sie es getan hatte. Er übte seine ganze väterliche Autorität aus, um sie umzustimmen. Vergebens.

Als der Kaiser davon unterrichtet wurde, wollte er, dass die Prinzessin zu ihm gebracht werde. Bevor sich Philomena auf den Weg machte, warfen sich ihr Vater und ihre Mutter zu ihren Füßen nieder und flehten sie an, Mitleid mit ihnen und ihrem Fürstentum zu haben. Philomena blieb jedoch unbeugsam und erwiderte: «Gott und meine Jungfräulichkeit, die ich ihm geweiht habe, haben Vorrang vor allem, Vorrang vor euch, Vorrang vor meinem Land. Mein Königreich ist der Himmel!»

In tiefer Verzweiflung mussten die Eltern ihre Tochter zum Kaiser bringen, der seinerseits alles in seiner Macht Stehende tat, um sie zu gewinnen. Versprechen, Betörungen, Drohungen — alles war vergeblich. Diokletian, der es gewohnt war, dass man sich seinen Wünschen fügte, wurde von einem heftigen Zorn gepackt. «Beeinflusst durch den Dämon der Unkeuschheit», ließ er Philomena in das Palastgefängnis werfen, wo sie in Ketten gelegt wurde.

Jeden Tag stattete Diokletian ihr höchstpersönlich einen Besuch in ihrem Kerker ab. Er ließ ihre Ketten lösen und gab ihr Brot und Wasser. Trotzdem waren seine Anträge vergebens. Philomena gab sich unablässig Jesus, ihrem Bräutigam, und der unbefleckten Mutter des Herrn anheim.

Die Gefangenschaft dauerte 37 Tage. Dann erschien ihr die Muttergottes «inmitten eines himmlischen Lichtes; sie hielt ihren Sohn auf dem Arm». «Meine Tochter», sagte sie, «noch drei Tage Gefangenschaft und nach diesen vierzig Tagen wirst du von deinen Schmerzen befreit werden.» «Mein Herz schlug vor Freude bei dieser Nachricht. Aber da die Königin der Engel hinzugefügt hatte, dass ich dieses Gefängnis verlassen sollte, um in furchtbaren Drangsalen einen noch schlimmeren Kampf als die vorangegangenen zu bestehen, ging meine Freude sofort in grausame Angst über. Ich dachte, er werde mich töten.»

Der Kaiser ließ das an eine Säule gebundene Mädchen geißeln. «Da sie so hartnäckig war und dem Kaiser einen von seinen eigenen Landsleuten zum Tode verurteilten Verbrecher vorzog, verdient sie eine entsprechende Bestrafung», sagte er. Nach der Geißelung war ihr Leib eine einzige klaffende Wunde. Man brachte sie in ihren Kerker zurück, damit sie dort sterben sollte.

Dort kam es jedoch zu einer Serie von Wundern, die zur Bekehrung vieler Römer führte. Während der Nacht erschienen ihr zwei Engel des Lichtes, die himmlischen Balsam auf ihre Wunden gossen. Augenblicklich wurde sie geheilt. Als der Kaiser davon erfuhr, ging er zu der Gefangenen; sie war schöner als jemals zuvor. Er sagte ihr, dass sie dieses Wunder Jupiter verdanke, der ihr die kaiserliche Krone bestimmt habe. Als Philomena den Schmeicheleien des Kaisers weiterhin widerstand, ordnete er an, dass man an ihrem Hals einen eisernen Anker befestigen und sie in den Tiber werfen solle. Ein zweites Wunder: zwei Engel durchschnitten die Schnur, so dass nur der Anker im Fluss unterging. Die Engel legten Philomena am Ufer nieder.

Angesichts dieser Geschehnisse erklärte Diokletian, Philomena sei eine Hexe. Er befahl, sie mit Pfeilen zu beschießen. Schwer verletzt wurde sie wieder ins Gefängnis geworfen. Sie fiel dort in einen tiefen Schlaf und erwachte schöner denn je. Auf Anordnung von Diokletian sollte diese Tortur so lange wiederholt werden, bis Philomena gestorben sei.

Neue Wunder: es war den Bogenschützen unmöglich, die Pfeile abzuschießen. Die Pfeile waren im Feuer erhitzt worden, aber nachdem sie abgeschossen waren, richteten sie sich gegen die Bogenschützen, von denen sechs getötet wurden. Diokletian schrie, es handele sich um Magie, aber unter den Zuschauern bekehrten sich viele zu Philomenas Gott. Der aufbrausende Tyrann befahl aus Furcht eines Umschwungs der Menschenscharen, die von so vielen und faszinierenden Wundern beeindruckt war, ihr den Kopf abzuschlagen.

Philomena wurde an einem Freitag um drei Uhr nachmittags enthauptet. Es war der zehnte August. Ihr Fest wird am 11. August gefeiert, da der 10. August einem anderen Märtyrer, dem heiligen Laurentius, gewidmet ist.

Die Verehrung der hl. Philomena

An der Spitze jener Gläubigen, die die hl. Jungfrau und Märtyrin Philomena glühend verehren, stehen sechs Päpste: Gregor XVI., Leo XII. Pius IX., der hl. Pius X. und Benedikt XV. Diese Päpste haben kraft ihrer Autorität wiederholt erklärt, dass die heilige Philomena eine Heilige, eine Jungfrau, eine Märtyrin und eine Wundertäterin ist.

Leo XII. erlaubte, dass ihr Altäre und Kapellen geweiht werden.

Gregor XVI. war Zeuge der Heilung von Pauline-Marie Jaricot, die er in einer hoffnungslosen Lage gesehen hatte. Als sie kurz danach völlig geheilt von Mugnano zurückkehrte, wo die Reliquien der Heiligen aufbewahrt werden, nannte er die hl. Philomena «die große Wundertäterin des 19. Jahrhunderts».

Pius IX. war durch die Fürbitte der hl. Philomena, deren glühender Verehrer er war, von einer schweren Krankheit geheilt worden, als er noch Erzbischof von Imola gewesen war. Als Papst pilgerte er zum Heiligtum seiner Wohltäterin nach Mugnano, wo die Reliquien der Heiligen im Originalbehälter aufbewahrt werden. Er erklärte die hl. Philomena zur «Patronin des Königreichs Neapel» und ernannte sie 1849 zur «Patronin der Kinder Mariens».

Leo XIII. hatte, bevor er Papst wurde, zwei Wallfahrten nach Mugnano gemacht. Er bestätigte die «Bruderschaft der hl. Philomena» und erhob sie in den Rang einer Erzbruderschaft, die mit bedeutenden Ablässen versehen wurde.

Auch der hl. Papst Pius X. war ein glühender Anhänger der Heiligen. Er sandte einen goldenen Ring und weitere Geschenke nach Mugnano.

Es kann keine gewissere und herausragendere Schirmherrschaft als die jener Päpste geben. Sie engagierten sich nicht leichthin. Der Entdeckung des Grabes waren Untersuchungen und gründliche Studien von Experten mehrerer Disziplinen gefolgt. Sie alle kamen zu dem Schluss, dass diese Reliquien echt seien. Außerdem wurden ihre Ergebnisse von zahlreichen und erstaunlichen Wundern begleitet. Man wurde sich bewusst: diese Heilige war nicht nur echt, sondern sie war auch eine machtvolle Wundertäterin.

Es blieb aber noch das Geheimnis um ihr Leben, von dem man nichts wusste. Die vertraulichen Mitteilungen der hl. Philomena über ihr eigenes Leben waren aufgrund des untadeligen Lebenswandels jener Menschen glaubwürdig, denen die Heilige den Bericht über ihr Leben anvertraute.

Eine wunderbare Schirmherrschaft

Die glühende Verehrung, die der hl. Pfarrer von Ars der hl. Philomena entgegenbrachte, zerstreute das letzte zögerliche Verhalten bei denen, die noch an der Macht und sogar an der Existenz dieser Heiligen zweifelten. Er nannte sie «seine liebe kleine Heilige».

Der ehrwürdige Pfarrer entdeckte die hl. Philomena durch eine Freundin: Pauline Jaricot. Der Bericht über ihre Heilung und die Wunder, die sich in Mugnano ereigneten, aber auch die Kontakte, die Pauline zu Papst Gregor XVI. hatte, beeindruckten den heiligen Pfarrer sehr. Und Wunder über Wunder: Pauline Jaricot schenkte ihm einen Teil der Reliquien, die sie mit heimbrachte. Unverzüglich ließ der Pfarrer von Ars daraufhin eine Kapelle zu Ehren der hl. Philomena in seiner Kirche erbauen. Sofort wurde sie zu einem Ort, an dem Wunder geschahen, die immer zahlreicher wurden. Es kam dort auch zu vielen Bekehrungen. Der hl. Pfarrer erachtete sie schon bald als seine heilige, himmlische Schutzpatronin.

Durch den hl. Pfarrer von Ars, der in ganz Frankreich — und darüber hinaus — hohes Ansehen genoss, verbreitete sich die Verehrung der hl. Philomena so sehr, dass die Altäre, Kapellen und Kirchen, die dieser großen Wundertäterin geweiht waren, in allen Diözesen Frankreichs und in vielen anderen Ländern zunahmen. Der Pfarrer von Ars wurde im Mai 1843 selbst von einer schweren Krankheit geheilt, nachdem er bereits die Letzte Ölung empfangen hatte. Am Morgen jenes Tages, an dem mit seinem Tod gerechnet wurde, bat er, man möge am Altar seiner «lieben kleinen Heiligen» eine Messe für ihn feiern. Es scheint, dass sie ihm während dieser Messe erschienen ist. Sicher ist jedenfalls, dass der Heilige am Ende der Messe geheilt war…

Wundertäterin der kommenden Jahrhunderte

Die hl. Philomena wirkt als mystische Braut Christi noch immer Zeichen, die Zeugnis für die außergewöhnlichen Gaben sind, mit denen der Herr sie begnadet hat. Die Menschen, die zu Philomenas Fürbitte Zuflucht nehmen, werden immer auf die eine oder andere Weise erhört.

Was Bekehrungen anbetrifft, wollen wir den herausragenden Fall eines Wissenschaftlers aus Lyon aufgreifen, der zur Zeit des Pfarrers von Ars lebte. Eines Tages wurde dieser Wissenschaftler namens Massiat von einem Freund eingeladen, ihn nach Ars zu begleiten, um dort «einen Pfarrer zu sehen, der Wunder wirkt». Er lachte darüber, denn er glaubte nicht an Wunder. Aus Neugier und um seinem Freund eine Freude zu machen, ging er mit ihm nach Ars, das nicht weit von Lyon entfernt ist. Er war sogar bereit, an der Messe teilzunehmen, die vom hl. Pfarrer zelebriert wurde, obwohl er seit seiner Erstkommunion keine Messe mehr besucht hatte.

Herr Massiat saß gegenüber der Sakristei, die der Pfarrer, bekleidet mit den priesterlichen Gewändern, verließ. Dabei kreuzten sich die Blicke der beiden für einen kurzen Augenblick. «Ich fühlte mich unter seinem Blick wie zermalmt», sagte er später. «Ich habe den Kopf gesenkt und mein Gesicht mit den Händen bedeckt. Während der ganzen Messe blieb ich wie erstarrt.»

Am Ende der Messe ging der Pfarrer von Ars direkt auf ihn zu und forderte ihn auf, ihm in die Sakristei zu folgen. Ergriffen von Gottes Gnade beichtete der Wissenschaftler. Dann schickte ihn der Heilige zum Altar der hl. Philomena: «Sagen Sie ihr, sie möge von Gott Ihre Bekehrung erbitten». «In der Sakristei habe ich nicht geweint, aber am Altar der hl. Philomena habe ich reichlich geweint.» Seit jenem Tag führte der vornehme, von Skeptizismus durchdrungene Wissenschaftler ein sehr überzeugtes christliches Leben.

Neben den vielen Bekehrungen gibt es zahllose Wunder, die der Fürbitte dieser Heiligen zugeschrieben werden, der die Päpste — erinnern wir uns — den Titel «größte Wundertäterin des 19. Jahrhunderts» gegeben hatten. Mehrere Blinde erlangten das Augenlicht. Alesandro Serio, ein Advokat aus Neapel, wurde von einer sehr schweren inneren Krankheit geheilt, die ihn schon an den Rand des Todes gebracht hatte. Der Kanoniker Vincent Redago litt an fortgeschrittener Tuberkulose, die von Blutungen begleitet wurde. Sein Bischof empfahl ihm, die Fürsprache der hl. Philomena zu erbitten und gab ihm ein Bild der jungfräulichen Märtyrin. Der Kanoniker nahm das Bild und legte es liebevoll an seine Brust. Er wurde sofort geheilt! Der Bischof von Lucena nannte sie im Priesterseminar «Professorin der heiligen Beredsamkeit».

Pauline-Marie Jaricot gehört zu den berühmtesten Personen, denen auf die Fürsprache der hl. Philomena ein Wunder zuteil wurde. Sie war in Lyon die Gründerin des «lebendigen Rosenkranzes» und vor allem der «Gesellschaft für die Glaubensverbreitung». Durch diese blühende missionarische Gesellschaft stand sie mit dem Vatikan in Kontakt. Das erklärt, wieso sie während ihrer schweren Erkrankung Zugang zu Papst Gregor XVI. hatte und zwar vor und nach ihrer Wallfahrt nach Mugnano. Während die Ärzte mit einem fatalen Ausgang ihrer Krankheit rechneten, wurde sie auf die Fürbitte der hl. Philomena ganz plötzlich auf wunderbare Weise geheilt. Als der Papst Pauline Jaricot nach ihrer Heilung sah, eröffnete er den Seligsprechungsprozeß der Jungfrau und Märtyrin. Gregor XVI. bat Pauline-Marie Jaricot in Rom zu bleiben, um eine intensivere Untersuchung ihrer Heilung vornehmen zu können, die der Seligsprechung dienen sollte. Sie blieb ein Jahr in Rom und kehrte dann nach Lyon zurück.

Man müsste auch über die Blutwunder dieser Heiligen, über erstaunliche Metamorphosen einer Statue der hl. Philomena sprechen, aber auch über ihre gelegentlichen, kristallklaren Absonderungen durch eine Urne, in der ein Bild der Heiligen aufbewahrt ist, sowie über die Vermehrung von Büchern, die dem Leben der hl. Philomena gewidmet sind, usw. Die Wunder dieser Jungfrau und Märtyrin erstrecken sich sowohl über Gegenstände, die in Beziehung mit ihr stehen, als auch über Menschen.

Kurz gesagt: die hl. Philomena ist die größte Wundertäterin der beiden letzten Jahrhunderte. Und so wird es, wenn es Gottes Wille ist, auch in den kommenden Jahrhunderten sein.

* * *

Im 20. Jahrhundert ist es zur Gewohnheit geworden, das Leben der Heiligen strengen Untersuchungen zu unterziehen: eines Teils, um sich der guten Grundlage vergangener Traditionen zu versichern und anderen Teils, um Anschuldigungen zu entrinnen, die den Katholiken Leichtgläubigkeit bei ihrer Heiligenverehrung vorwarfen.

Daher konnte die hl. Philomena nicht den kritischen Blicken dieser Zensoren entkommen. Die Quellen, denen man Angaben über das Leben der Heiligen entnommen hatte, wurden als «Privatoffenbarungen» verworfen.

Aus allen diesen Debatten resultierte ein Dekret der römischen Kongregation für die Riten, die für die Heiligenverehrung einen neuen Codex von Rubriken veröffentlichte. Dieses Dekret wurde von Johannes XXIII. approbiert; es wurde durch die Instruktion über eine Neuordnung des Heiligenkalenders vervollständigt. Die Instruktion schrieb vor, dass sogenannte «Devotionsfeste», zu denen auch das der hl. Philomena gehört, entfallen.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Verehrung der hl. Philomena untersagt wäre. Sie kann wie früher gehalten werden. In der Tat: diese Verehrung hat ihre Grundlage in äußerst zahlreichen Wundern und in der Autorität von sechs Päpsten, sowie in der Verehrung eines großen Heiligen. Da ihr Leben aber schlichtweg nicht durch historische Dokumente bezeugt ist, wurde ihr Name aus dem Heiligenkalender entfernt. Dieser Kalender enthält aus den oben dargelegten Gründen nur noch die Namen der Heiligen, deren Leben historisch gut dokumentiert ist.

Der heilige Vianney über den Weg des Kreuzes

(Aus einer Katechese)

Auf dem Weg des Kreuzes, meine Kinder, seht, ist es nur der erste Schritt, der etwas kostet. Die Furcht vor den Kreuzen ist unser größtes Kreuz. Man hat nicht den Mut, sein Kreuz zu tragen. Das ist aber ganz verkehrt! Denn was wir auch immer tun mögen, das Kreuz erreicht uns dennoch, wir können ihm nicht entrinnen.

Was haben wir also zu verlieren, warum lieben wir unser Kreuz nicht und gebrauchen es nicht als Wanderstab zum Himmel? Leider kehren die meisten Menschen dem Kreuz den Rücken zu. Je mehr sie aber laufen, desto mehr schlägt und bedrückt es sie. Wenn ihr weise sein wollt, geht ihm entgegen wie der hl. Andreas: beim Anblick des für ihn errichteten Kreuzes rief er aus: „Sei gegrüßt, o gutes Kreuz! O wunderbares Kreuz, o heiß ersehntes Kreuz! Nimm mich auf in deine Arme, nimm mich weg von den Menschen und gib mich meinem Meister wieder, der mich an dir erlöst hat!“

Merkt es euch wohl, meine Kinder, wer dem Kreuz entgegen geht, entrinnt den Kreuzen. Er begegnet ihnen vielleicht, aber er ist zufrieden, ihnen zu begegnen, er liebt sie, er trägt sie mutig. Sie verbinden ihn mit Jesus, sie reinigen ihn, sie ziehen ihn ab von dieser Welt, sie entfernen alle Hindernisse aus seinem Herzen, helfen ihm durch dieses Leben, wie eine Brücke über das Wasser hilft. Betrachtet die Heiligen! Wenn man sie nicht verfolgte, so verfolgten sie sich selbst.

Ein guter Ordensmann beklagte sich eines Tages bei unserm Herrn, dass man ihn verfolge. Er sagte: „Herr, was habe ich denn getan, dass ich so misshandelt werde?“ Unser Herr aber antwortete ihm: „Und Ich, was hatte Ich denn getan, als man Mich auf dem Kalvarienberg so misshandelte?“ Das begriff der Ordensmann; er weinte, bat um Verzeihung und wagte es nie mehr, sich zu beklagen.

Die Weltmenschen trösten einander, wenn sie Kreuze haben, und die guten Christen trösten sich, wenn sie keins haben. Der Christ lebt inmitten der Kreuze wie der Fisch im Wasser. Betrachtet die hl. Katharina: sie hatte zwei Kronen, eine der Reinheit und eine des Martyriums. Wie glücklich ist sie, diese liebe Heilige, dass sie das Leiden mehr geliebt hat, als die Sünde!

O welche Süßigkeit im Leiden kosten jene Seelen, welche Gott ganz angehören! Es ist für sie wie Essigwasser, in das man Öl hineintut. Der Essig bleibt immer Essig, aber das Öl mindert seine Schärfe, man merkt fast nichts mehr davon. Es gab nicht weit von hier in einer benachbarten Pfarrei einen kleinen Knaben, welcher vollständig ans Bett gefesselt und ganz krank und elend war. Ich sagte zu ihm: „Mein lieber Kleiner, du leidest wohl viel?“

Er antwortete mir: „Nein, Herr Pfarrer, ich fühle heute nichts von meinem gestrigen Leiden und morgen werde ich nichts mehr von meinem heutigen Schmerz verspüren.“

„Du wolltest wohl gern gesund werden?“

„Nein, ich war böse, bevor ich krank geworden bin; ich könnte es wieder werden. Darum will ich so bleiben, wie ich bin.“

Das war gewiss Essig, aber das Öl erhob ihn. Wir begreifen das nicht, weil wir zu irdisch sind. Kinder, in denen der Geist Gottes wohnt, machen uns beschämt! Wenn der liebe Gott uns Kreuze schickt, so werden wir widerspenstig, klagen und murren. Wir sind so empfindlich gegen alles, was uns nur eben anrührt, dass wir immer in Baumwolle eingewickelt sein möchten.

Nur durch das Kreuz gelangt man zum Himmel. Die Krankheiten, Versuchungen und Leiden sind ebenso viele Kreuze, die uns zum Himmel führen. Alles dieses wird bald vorüber sein. Betrachtet die Heiligen, welche schon dort angekommen sind! Der liebe Gott fordert kein leibliches Martyrium von uns, er fordert nur das Martyrium des Herzens und des Willens. Der göttliche Heiland ist unser Vorbild. Nehmen wir darum unser Kreuz auf uns und folgen wir ihm nach! Machen wir es wie die Soldaten Napoleons. Er musste einmal über eine Brücke, worauf man Mitrailleusen gerichtet hatte; keiner wagte sich hinüber. Da nahm Napoleon die Fahne, ging zuerst hinüber und alle folgten ihm nach. Machen wir es ebenso, folgen wir dem lieben Heiland nach, der uns vorausgegangen ist!

Das Kreuz ist die Himmelsleiter. Wie tröstlich ist es, unter den Augen Gottes zu leiden und sich abends bei der Gewissenserforschung sagen zu können: „Wohlan, meine Seele, du hast heute zwei oder drei Stunden eine Ähnlichkeit mit Jesus Christus gehabt; du bist gegeißelt, mit Dornen gekrönt und gekreuzigt worden mit ihm.“ O welch ein Schatz für den Tod! Wie ist es so gut sterben, wenn man am Kreuz gelebt hat!

Wenn jemand euch fragt: „Ich wollte wohl reich werden, was muss ich tun?“ antwortet ihr ihm: „arbeiten!“ Nun wohl, um in den Himmel zu kommen, muss man leiden. Der liebe Gott will, dass wir niemals den Blick vom Kreuz abwenden. Man pflanzt es ja auch überall auf, an den Wegen, auf den Höhen, an öffentlichen Plätzen, damit wir bei seinem Anblick uns immer sagen können: „Seht, so sehr hat Gott uns geliebt!“

Die Kreuze sind auf dem Weg zum Himmel wie eine schöne steinerne Brücke, die über einen Fluss führt. Christen, welche nicht leiden, setzen über diesen Fluss auf einer zerbrechlichen Brücke, auf einer Brücke von Eisendraht, welche immer unter unseren Füßen einzustürzen droht.

Wer das Kreuz nicht liebt, kann wohl noch selig werden, aber es hat seine liebe Not mit ihm; er wird auch nur ein kleiner Stern am Firmament. Wer aber für den lieben Gott gelitten und gestritten hat, wird leuchten wie eine glänzende Sonne. Wenn die Kreuze in den Liebesflammen umgestaltet sind, gleichen sie einem Bündel Dornen, das man ins Feuer wirft und zu Asche verbrennt. Die Dornen sind hart, aber die Asche ist weich.