1. Marias Tugend des Glaubens

 

1. Die göttliche Tugend des Glaubens, deren Wesen in dem festen und zweifellosen Fürwahrhalten der von Gott geoffenbarten Wahrheiten besteht, ist nach der Lehre des göttlichen Wortes und der heiligen Kirche die Grundlage und notwendige Bedingung des Heils und die Wurzel aller christlichen Tugenden. Er war auch in der allerseligsten Jungfrau die Quelle und der Ursprung alles Guten. Sie empfing schon im ersten Augenblick ihres Daseins zugleich mit ihrer makellosen Empfängnis die heiligmachende Gnade und damit das kostbare Geschenk des übernatürlichen Glaubens in außerordentlichem Maß, ein göttliches Licht zur Erkenntnis der göttlichen Dinge und der Heilswahrheiten, verbunden mit einer festen Neigung des Willens, diesem Licht zu folgen. Dieser übernatürliche Glaube war in der Seele Marias schon so früh erstarkt und entwickelt, dass sie bereits im zarten Alter, wie es in der Überlieferung berichtet wird, freudig und entschieden dem Dienst des Allerhöchsten im Tempel, dem ihre frommen Eltern sie gelobt hatten, sich weihte. Er war ihr beständiger Begleiter und Führer während ihres ganzen Lebens auf allen Wegen und in allen Prüfungen.

 

Dieses Glaubenslicht leuchtete ihr besonders hell und klar, als sie, die erste unter allen Töchtern Evas, auf Antrieb des Heiligen Geistes dem Herrn jungfräuliche Reinheit gelobte und dennoch, dem erkannten göttlichen Willen zufolge, sich hernach entschloss zur Vermählung mit dem heiligen Joseph. Am hellsten leuchtete ihr Glaube hervor, als die himmlische Botschaft von ihrer Auserwählung zur höchsten Würde der göttlichen Mutter durch den Erzengel Gabriel an sie gelangte und sie dann, von jenem Licht erleuchtet, mit hoher Einsicht und Weisheit vor allem Beruhigung suchte hinsichtlich ihres Gelübdes. Als ihr diese gegeben und sie von der Echtheit der göttlichen Sendung überzeugt war, da gab sie in zweifellosem Glauben an das Wort des himmlischen Boten ihre Einwilligung zu dem dadurch erkannten göttlichen Ratschluss.

 

2. In diesem lebendigen und festen Glauben verharrte Maria standhaft bis zum Ende ihres irdischen Lebens, ohne zu zweifeln und zu wanken, obwohl er den schwersten Prüfungen unterworfen wurde. Welche Prüfung wurde diesem Glauben bereitet zu Betlehem, wo keine Herberge zu finden war und das göttliche Kind in einem Stall, in der größten Armut, Verborgenheit und Entbehrung geboren wurde! Eine gleiche Prüfung erfolgte durch die Verfolgung des Herodes, durch den göttlichen Befehl, nach dem fernen Land Ägypten zu fliehen; und nicht weniger durch das vieljährige verborgene, arme und mühselige Leben des göttlichen Sohnes in der Hütte und Werkstatt zu Nazaret. Welchen Prüfungen wurde dieser Glaube Marias ferner unterworfen während des öffentlichen Lehramts Jesu, als er fast nur bei den Armen und Geringen Anhänger und Jünger fand, von den Mächtigen und Angesehenen aber, von den Priestern und Lehrern seines Volkes verkannt, gehasst, verleumdet, verfolgt und endlich den schmählichsten Misshandlungen und schmerzlichsten Martern überliefert, ja, als ein verurteilter Verbrecher hingerichtet wurde.

 

In allen diesen Prüfungen wurde ohne Zweifel der göttlichen Mutter wunderbare Stärkung ihres Glaubens durch Gottes Gnade zuteil; aber sie sah nichts von den herrlichen und glorreichen Verheißungen in Erfüllung gehen, die der Erzengel ihr verkündigt hatte: ihr Sohn werde groß sein und Gott ihm den Thron seines Vaters David geben, er werde herrschen im Hause Jakobs ewiglich, und seines Reiches werde kein Ende sein.

 

Marias Glaube war, obgleich dunkel, immer stark und standhaft unter allen Prüfungen. Und durch diesen heldenmütigen Glauben stand sie, wie eine Säule, aufrecht unter dem Kreuz ihres sterbenden Sohnes, während das Schwert des furchtbarsten Mitleidens ihr Herz durchbohrte. Das war die schwerste Prüfung und der schmerzlichste Augenblick ihres Lebens, aber auch der größte und glorreichste Sieg ihres Glaubens über alle Prüfungen, die sie standhaft erduldet und überwunden hat, während fast alle und selbst die Apostel an den Demütigungen und Leiden des Heilandes Ärgernis genommen und die Flucht ergriffen hatten bei seiner Gefangennahme.

 

3. „Selig bist du, die du geglaubt hast,“ sprach Elisabeth zu Maria, nachdem sie sie als die Mutter ihres Herrn begrüßt hatte; und in der Tat ist Maria zu bewundern und selig zu preisen wegen ihres vollkommenen und wunderbaren Glaubens, der die Grundlage und Wurzel ihrer Tugenden und ihrer Heiligkeit bildete. Ihr Glaube und der daraus hervorgehende Eifer, für die Erhaltung des Glaubens auf Erden Sorge zu tragen, haben sich in allen Jahrhunderten der Kirche so wirksam und offenbar erwiesen, dass die heilige Kirche der mächtigen Fürbitte und dem Schutz der seligsten Jungfrau den Sieg über alle Irrlehren zuschreibt. „Freue dich, o Jungfrau Maria,“ so heißt es in den Marianischen Tagzeiten, „du allein hast alle Irrlehren überwunden,“ und ebendaselbst wird ihre Hilfe angerufen mit den Worten: „Würdige mich, dich zu loben, geheiligte Jungfrau, gib mir Kraft gegen deine Feinde!“

 

4. Wir alle haben in der heiligen Taufe schon zugleich mit der heiligmachenden Gnade den Keim der übernatürlichen Tugend des Glaubens empfangen, wenngleich nicht in solchem Maße wie die allerseligste Jungfrau, aber doch stark und lebenskräftig genug, um mit der Gnade Gottes aus dem Glauben leben und durch den Glauben alle Feinde unseres Heils besiegen zu können. Aber auch wir sind in unserem Leben vielen Prüfungen und Anfechtungen des Glaubens ausgesetzt, ja, das ganze Leben eines jeden Christen ist gewissermaßen eine beständige tägliche Prüfung des Glaubens. Damit dieser nicht unterliege, sondern alle Prüfungen siegreich überwinde, sollen auch wir in den Versuchungen des Glaubens, in den Augenblicken, wo Zweifel und Anfechtungen gegen ihn in der Seele aufsteigen, standhaft widerstehen und dagegen kämpfen mit den Waffen des göttlichen Wortes und des Gebetes um die Vermehrung des Glaubens. Mit diesem Gebet um die göttliche Gnade aber sollen wir mitwirken durch fleißige Anhörung des göttlichen Wortes und durch das Bestreben, den Inhalt der Glaubenslehre und ihre untrügliche und zweifellose Wahrheit immer besser kennen zu lernen; vor allem aber durch das Leben aus dem Glauben, indem wir uns beständig bemühen, unser Denken, Urteilen, Wünschen, Hoffen und Fürchten, unsere Neigungen und Abneigungen, unser Reden, Tun und Lassen mit den Grundsätzen des Glaubens in Einklang zu bringen, die Gefahren für den Glauben aber, den unnötigen Verkehr mit Ungläubigen und Irrgläubigen, sowie das Lesen schlechter und glaubensfeindlicher Bücher und Schriften zu fliehen und zu meiden: „Denn der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Röm 1,17).