9. Marias Tugend des Gehorsams

 

1. Durch den Ungehorsam unserer ersten Eltern im Paradies ist das Elend der Sünde mit all ihren traurigen Folgen für Leib und Seele über das ganze Menschengeschlecht gekommen. Durch den vollkommenen Gehorsam des zweiten Adam, unseres göttlichen Heilandes aber, der seinem himmlischen Vater gehorsam war bis zum Tod des Kreuzes, ist der göttlichen Gerechtigkeit eine völlige und überfließende Genugtuung für die Sünden der Welt geleistet und dadurch unsere Erlösung vollbracht worden.

 

Demgemäß ist der treue, willige und demütige Gehorsam gegen Gott, seine Gebote und seine Stellvertreter das eigentliche Wesen eines gottgefälligen Lebens, und zwar in so hohem Grad, dass der göttliche Heiland, als einst in seiner Gegenwart eine Frau in ihrer Bewunderung seiner Wunder und Worte ausrief: „Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast“, ihr antwortete: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und es beobachten“ (Lk 11,27-28). Mit diesen Worten wollte er offenbar auch sagen, dass seine Mutter wegen ihrer treuen Beobachtung des göttlichen Wortes noch mehr seliggepriesen zu werden verdiene, als wegen ihrer göttlichen Mutterschaft.

 

2. Die Tugend des Gehorsams offenbart sich in der Tat im Leben der allerseligsten Jungfrau in vorzüglicher Weise. Wie vortrefflich sprach sich ihre gehorsame Gesinnung aus, als sie ihre Einwilligung zu dem göttlichen Ratschluss, den der Engel ihr verkündigt hatte, mit den Worten erklärte: „Siehe, ich bin eine Dienstmagd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ (Lk 1,38). Sie war gehorsam ihren Eltern im elterlichen Haus, ihren Vorgesetzten in der Wohnung des Tempels, ihrem Ehemann, dem heiligen Joseph, mit dem sie, dem göttlichen Willen sich unterwerfend, vermählt wurde. Sie, die Braut des Heiligen Geistes, die zur höchsten Würde von Gott erhoben, mit allen Gaben und Gnaden himmlischer Weisheit ausgestattet und dem heiligen Joseph in jeder Hinsicht weit überlegen war, gehorchte auf jedes Wort dem armen Handwerker in allen häuslichen Arbeiten und Angelegenheiten mit größter Bereitwilligkeit.

 

Sie gehorchte unverzüglich dem kaiserlichen Gebot, das sie anwies, nach Betlehem zu reisen in dem Augenblick, wo die Geburt des göttlichen Kindes bevorstand. Sie gehorchte ohne Zaudern und Bedenken, als ihr in der Nacht der heilige Joseph den vom Engel erhaltenen Befehl überbrachte, sofort mit dem Kind zu fliehen und nach Ägypten zu reisen. Sie gehorchte ganz pünktlich und demütig allen Vorschriften des Mosaischen Gesetzes, wenn auch solche sie, die jungfräuliche Mutter, nicht verpflichteten. Und welche schwere Opfer des Gehorsams wurden ihr auferlegt durch die für sie unaussprechlich peinlichen Anordnungen des göttlichen Willens, wodurch so viele Anfeindungen, Verfolgungen, Leiden, Misshandlungen und endlich der schreckliche Kreuzestod über ihren göttlichen Sohn verhängt wurden!

 

Maria gehorchte nicht bloß allen Geboten und Anordnungen Gottes und seiner Stellvertreter, sie übte auch den vollkommensten Gehorsam gegen die evangelischen Räte sowohl als gegen alle Antriebe der göttlichen Gnade, mit der sie in jedem Augenblick und in jeder Lage ihres Lebens stets auf das treueste mitgewirkt hat: und eben dadurch wurde sie das vollkommene Muster aller Tugend und Heiligkeit, die gehorsamste Tochter des himmlischen Vaters und die treueste Braut des Heiligen Geistes.

 

3. Bestreben auch wir uns, nach dem Vorbild Jesu und seiner heiligen Mutter den Gehorsam zu lieben und zu üben gegenüber Gott und seinen Geboten, gegenüber Gottes Stellvertreter in der Familie, in der Kirche und im Staat.

 

Durch das vierte Gebot hat Gott allen Kindern den Gehorsam gegenüber ihren Eltern und deren Stellvertreter zur Pflicht gemacht. Alleen Dienern und Untergebenen gebietet der Apostel, mit Ehrfurcht untertänig zu sein ihren Vorgesetzten in Herzenseinfalt, wie Christus, der selbst das Beispiel vollkommenen Gehorsams gegenüber Gottes Stellvertreter auf Erden gegeben hat (Eph 6,5).

 

In der gegenwärtigen Zeit gibt es viele, die, vom Geist dieser Welt und einer falschen Freiheitsliebe eingenommen oder durch Unglauben verblendet, das Joch des Gehorsams als mit der Würde des Menschen unerträglich betrachten. Sie ergeben sich einem hochmütigen Streben nach Unabhängigkeit und glauben, jeder göttlichen und menschlichen Obrigkeit den Gehorsam verweigern zu dürfen. Solche Gesinnungen und Bestrebungen stehen mit dem Geist des Christentums im entschiedensten Widerspruch. Sie haben ihren Ursprung vom Vater der Lüge, der zuerst durch seine Empörung gegen den Allerhöchsten gefrevelt und dadurch seine Verwerfung herbeigeführt, dann aber durch Lüge und List unsere ersten Eltern zu gleicher Empörung gegen das göttliche Verbot verführt und ins Elend gestürzt hat. Er fährt noch immer fort, als Fürst dieser Welt die Menschen zu versuchen, um sie durch Übertretung der göttlichen Gebote in das Reich der Finsternis, in das ewige Verderben zu führen.

 

Von ihm, dem Urheber der Lüge und der Empörung, haben die sogenannten Grundsätze der Revolution, die modernen Prinzipien der schrankenlosen Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen ihren Ausgang genommen. Sie sind in Folge der bekannten Gräuel der Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts in unserem Nachbarland zur Herrschaft gelangt, wo ihr Einfluss noch immerfort das Volk verwirrt, es in einem fieberhaften Krankheitszustand erhält und nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Krankheit hat auch in anderen Ländern Unzählige angesteckt und die gottlosen Grundsätze des Unglaubens und der Revolution dahin verbreitet.

 

4. Alle diese falschen Grundsätze und Bestrebungen, die leider in unserer Zeit so viele Seelen betört und auf die gefährlichsten Irrwege geführt haben, sind durch das unfehlbare Lehramt unserer heiligen Kirche längst verurteilt und verworfen worden.

 

Wer das Heil seiner unsterblichen Seele zu retten verlangt, der muss sich also von jenen Irrwegen fern halten. Er muss Gott treu dienen in demütigem Glauben an Gottes Wort und die Lehre seiner Kirche und in willigem Gehorsam gegenüber Gott und Gottes Stellvertreter auf Erden. Er muss nach der Lehre der Kirche und nach dem Vorbild aller Heiligen den Geboten Gottes gehorchen und der kirchlichen Obrigkeit in geistlichen, der weltlichen Obrigkeit in weltlichen Dingen untertänig sein. Er muss in allen Verhältnissen des Lebens den heiligen Willen Gottes recht zu erkennen und treu zu erfüllen suchen auf dem Weg des Gehorsams, der allein und mit Sicherheit vor den Gefahren des Irrtums und falscher Einbildungen in den Prüfungen des Lebens zu schützen im Stande ist.

 

Einen anderen Weg zum Heil gibt es nicht als den des Gehorsams, den Gottes Wort und die heilige Kirche uns vorschreiben. Aber Gott gehorchen und treu dienen, das ist herrschen und führt zur wahren Freiheit der Kinder Gottes.