6. Marias Tugend der Sanftmut

 

1. Sanftmut und Demut sind die beiden Tugenden, die in den Worten und Werken so wie in dem ganzen Verhalten des göttlichen Heilandes am meisten hervorleuchteten und seinem göttlichen Herzen so teuer waren, dass er uns alle aufgefordert hat, sie vom ihm zu lernen. „Lernet von mir,“ sprach er, „denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29). Dieselbe Tugend der Sanftmut empfahl er in seiner Bergpredigt, als er unter den acht Seligkeiten, d.h. den Hauptmerkmalen eines wahren und vollkommenen Christen, nachdem er zuerst die Armen im Geist, d.h. die von Herzen Armen und Demütigen gepriesen hatte, an zweiter Stelle die Sanftmütigen seligpries mit den Worten: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen“ (Mt 5,4). Er verheißt ihnen den Besitz des Landes, weil sie durch ihre Sanftmut und Milde aller Herzen gewinnen, den Zorn und Hass entwaffnen, die wilden Leidenschaften ihrer Gegner überwinden und so die größten Gefahren, ihren irdischen Besitz durch feindliche Nachstellungen und Verfolgungen zu verlieren, vermeiden und entfernen, jedenfalls aber hoffen dürfen, das Land des ewigen Friedens und der himmlischen Glückseligkeit zu besitzen.

 

Obgleich der göttliche Heiland in seinem täglichen Verkehr mit seinen Jüngern, die ihm durch ihre Schwächen und Fehler so manchen Anlass zur Unzufriedenheit gaben, und ebenso gegen Sünder und Verirrte, ja sogar gegen seine Feinde und Beleidiger, gegen seine Henker und Mörder eine unerschöpfliche Milde, Nachsicht und Sanftmut bewies, so trat er dennoch mit Ernst und Entschiedenheit, ja mit einem heiligen Eifer gegen diejenigen auf, die nicht bloß gegen seine Person sich verfehlten, sondern auch seinen himmlischen Vater oder das Haus Gottes verunehrten, oder, wie die heuchlerischen Pharisäer und Schriftgelehrten, unter dem Schein des Eifers für Gott und sein Gesetz den wahren Dienst Gottes und die Frömmigkeit in Verruf brachten und das Volk in die Irre führten. Schweigend wie ein Lamm, das seinen Mund nicht auftut auf der Schlachtbank, ließ er sich kreuzigen für die Sünder und betete am Kreuz um Verzeihung für seine Mörder. Aber ein heiliger Eifer schien ihn zu verzehren, wenn er mit der Geißel in der Hand die Krämer und Käufer aus dem Tempel trieb oder das Volk gegen die Pharisäer warnte.

 

2. Die allerseligste Jungfrau Maria war, wie in allen Tugenden, so auch in der Sanftmut dem göttlichen Vorbild ihres Sohnes überaus ähnlich und gleichförmig. Ihr sanftmütiges und demütiges Herz hat niemals vom Zorn oder von einer lieblosen und bitteren Gesinnung gegen irgendeinen ihrer Mitmenschen sich einnehmen lassen. Sie war immer voll von Teilnahme, Wohlwollen und Sanftmut gegen alle Menschen, und selbst in den schmerzlichsten Prüfungen blieb sie stets unverändert dieselbe. Niemals hat ein Wort von ihren Lippen jemanden verletzt oder betrübt, niemals eine lieblose Abneigung oder Aufregung Eingang gefunden in ihr mildes und liebreiches Herz. Nur gegen das Böse und gegen den Urheber alles Bösen, den Feind Gottes und der Menschen war ihr Herz von Abneigung und Abscheu durchdrungen.

 

3. Damit auch wir in der uns allen notwendigen Tugend der Sanftmut dem göttlichen Heiland und seiner heiligen Mutter Nachfolgen, ist vor allem notwendig, dass wir Stolz und Hochmut und alle Lieblosigkeit nach den obigen Anweisungen aus unserem Herzen zu verbannen und demütig von Herzen zu werden uns bestreben. Denn die Sanftmut ist eine Tochter der Demut und der herzlichen Liebe gegenüber allen Mitmenschen. Außerdem aber erfordert die Tugend der Sanftmut eine beständige Übung der Selbstverleugnung und der Überwindung der natürlichen Neigung zum Zorn und zur Ungeduld. Darum nennt auch der göttliche Heiland in seiner liebevollen Ermahnung, ihm in der Sanftmut und Demut nachzufolgen, diese Übung ein Joch: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid: und ich werde euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist süß und leicht meine Bürde“ (Mt 11,28-30).

 

Das Joch, das mit dieser Nachfolge, mit dem Lernen der Sanftmut und Demut verbunden ist, besteht eben in jener notwendigen Verleugnung der natürlichen Antriebe, die mit der Sanftmut, Geduld und Liebe im Widerspruch stehen. Vor allem muss diese Verleugnung geübt werden im Gebrauch der Zunge, die schweigen muss, so lange eine Regung des Zornes dauert.

 

Diese Übung, die eine stete Wachsamkeit und Selbstbeherrschung nebst täglicher Erneuerung fester Vorsätze erfordert, wird mit vollem Recht ein Joch genannt, weil sie namentlich solchen, denen eine natürliche Neigung zum Zorn eigen ist, viele Schwierigkeiten und Kämpfe bereitet. Aber dieses Joch führt, wenn es beharrlich getragen und die damit verbundene Selbstverleugnung redlich geübt wird, zum Sieg über die Hindernisse und Schwierigkeiten. Es wird mit Gottes Gnade allmählich leicht und süß, und das ist der einzige Weg, um zur Ruhe und zum Frieden der Seele zu gelangen: während der Zorn dem Frieden der Seele sehr gefährlich ist. Er ist die Quelle von Streit, Feindschaft, Hass, Gotteslästerung und unzähligen Freveln gegen Gott und gegen den Mitmenschen. Wer zum Zorn besondere Neigung hat, soll oft und inständig Gott und das göttliche Herz Jesu anflehen um die nötige Gnade zur Übung der Sanftmut, und es nicht unterlassen, die Fürbitte derjenigen anzurufen, die von der heiligen Kirche die gütige, milde und süße Jungfrau genannt und in dem schönen Hymnus der Kirche als die sanftmütigste unter allen insbesondere angerufen wird um ihre Fürbitte, damit auch wir sanftmütig werden und keusch.