7. Marias Tugend der Reinheit

 

1. „Du bist ganz schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir“ (Hld 4,7), - so lautet das Lob, das im Hohenlied der ganz reinen und makellosen Seele erteilt wird, die der Heilige Geist zu seiner Braut erwählt hat. Nichts in der ganzen sichtbaren Schöpfung ist der Schönheit und Liebenswürdigkeit einer reinen Menschenseele im Stand der heiligmachenden Gnade zu vergleichen. Das aus ihr hervorleuchtende Ebenbild Gottes übertrifft bei weitem alle anderen Dinge der irdischen Schöpfung, die die Herrlichkeit ihres Schöpfers offenbaren. Unter allen Tugenden, die die Seele des Menschen Gott wohlgefällig und liebenswürdig machen, gibt es keine einzige, die das göttliche Ebenbild in seinem ursprünglichen Adel und seiner ganzen Schönheit so klar hervortreten lässt, als diejenige, die wir die Tugend der Reinheit und Keuschheit nennen. Im Gegenteil aber gibt es auch keine Sünde und kein Laster, wodurch das göttliche Ebenbild in der Seele so sehr verdunkelt und verunstaltet wird, als diejenigen Sünden, die der Reinheit und Schamhaftigkeit zuwider sind, und die, wie der hl. Apostel sagt, unter Christen nicht einmal genannt werden sollen.

 

2. Unter allen Menschen aber, die sich der Reinheit und Keuschheit jemals befleißigt haben, gibt es nur eine, die im vollen und ganzen Sinn des Wortes rein und makellos genannt zu werden verdient: die allzeit reine, im Stand der Gnade empfangene Jungfrau Maria, die mit so vortrefflichen Eigenschaften an Leib und Seele von Gott ausgestattet und mit einer solchen Fülle von himmlischen Gnaden versehen war, dass der klare Spiegel des göttlichen Ebenbildes in ihrer Seele niemals durch einen Flecken von Sünde getrübt, niemals durch einen Schatten von Unvollkommenheit verdunkelt worden ist. Sie war immerdar eine ganz makellos reine, dem göttlichen Auge höchst wohlgefällige, mit allen Tugenden und Vollkommenheiten geschmückte Jungfrau, deren Anblick jetzt in der Glorie den ganzen Himmel erfreut. Alle anderen Menschen aber, die im Stand der Erbsünde empfangen und mit dem Erbübel der gefallenen Natur behaftet sind, bleiben, wenn sie auch durch treue Mitwirkung mit der Gnade und nach beharrlichem Kampf gegen die Feinde des Seelenheils zu einem hohen Stand der Tugend und Heiligkeit gelangen, immer noch weit entfernt von jener ganz vollendeten, alles andere weit übertreffenden Schönheit und Liebenswürdigkeit, die allein der zur göttlichen Mutterwürde auserwählten, heiligen Jungfrau eigen ist.

 

3. Wir würden aber sehr irren, wenn wir glaubten, dass Maria nur durch Gottes Gnade allein, ohne eigene Bemühung, zu dieser unvergleichlichen Höhe von Reinheit und Heiligkeit gelangt sei. Sie war freilich frei von der unseligen inneren Neigung zum Bösen, von der dreifachen Begierlichkeit der Hoffart, Augenlust und Fleischeslust, woran wir leiden. Sie war auch frei von der Verdunkelung des Geistes und der Schwäche des Willens, die unser Erbteil sind und bleiben bis zum Tod. Aber dennoch ist Maria nicht ohne Kampf und Prüfung, nicht ohne die treueste und sorgfältigste Mitwirkung mit der Gnade Gottes zu jener Vollkommenheit emporgestiegen. Der böse Feind hat nicht vergessen, dass sie diejenige ist, auf die er einst in der Prüfung seiner Freiheit schon mit Stolz und Neid blickte, und die als Königin der Engel den von ihm verlorenen Rang einzunehmen berufen wurde. Er hat nicht aufgehört, ihrer Ferse Nachstellungen und Verfolgungen zu bereiten. Aber sie hat mit der größten Wachsamkeit und Behutsamkeit alle Arglist, jede Versuchung des bösen Feindes zu Schanden gemacht und siegreich überwunden. Ihre Sorgfalt im Dienst Gottes, ihre Zurückgezogenheit, ihr Eifer im Gebet, ihre Selbstverleugnung und Abtötung, und vor allem die Demut waren ihre steten Begleiter und Beschützer, die sie zum Sieg über alle Prüfungen führten, die so zahlreich und schwer waren, wie wohl kein anderer Mensch solche jemals bestanden hat.

 

4. Wir alle ohne Ausnahme müssen die Tugend der Reinheit und Keuschheit je nach den Pflichten unseres Standes und Berufes lieben und üben, denn nur die, die reines Herzens sind, werden zur Anschauung Gottes, zum himmlischen Vaterland gelangen. Groß aber und zahlreich sind die Gefahren, die alle und vor allem die noch unerfahrene Jugend in Betreff der heiligen Reinheit und Keuschheit unterworfen sind.

 

So wie unter den Blumen des Gartens in ihrer manchfaltigen Schönheit und Pracht die weiße Lilie alle andern an Zartheit und Lieblichkeit übertrifft, und durch ihre reine schneeweiße Farbe sowohl als durch ihren süßen Wohlgeruch das Herz erfreut, so macht auch in ganz vorzüglichem Grad eine reine Seele einen das Herz erfreuenden lieblichen Eindruck auf alle, die ihr nahen, während das dieser Tugend entgegengesetzte Laster jeden noch unverdorbenen Menschen mit Widerwillen und Abscheu erfüllt. Wie aber die zarte Schönheit und Lieblichkeit der weißen Lilie sehr leicht verletzt und verdorben wird, wenn sie nicht unberührt bleibt von Sturm und Unwetter oder von menschlichen Händen, so geht auch sehr leicht die Reinheit der Seele verloren, wenn sie nicht mit zarter Sorgfalt vor dem Gifthauch des Lasters behütet wird. Zahlreich kommen diese Gefahren von außen sowohl als aus dem Inneren des eigenen Herzens. Wir haben nicht bloß gegen äußere Feinde, gegen den Einfluss böser Beispiele, schlechter Reden und Lektüre, gefährlicher Gesellschaften und Gelegenheiten, sondern auch gegen die Anfechtungen des Teufels und gegen den in uns selbst verborgenen Feind der bösen Begierlichkeit zu kämpfen. Diese Feinde aber werden uns sicher überwinden, wenn wir nicht von Jugend auf mit wachsamer Sorgfalt die Gefahren vermeiden, unsere Gedanken, Vorstellungen und Neigungen, sowie unsere Sinne und Reden überwachen, die gefährlichen Gelegenheiten fliehen und entfernen und im öfteren Gebrauch der Gnadenmittel des Gebets und der hl. Sakramente diejenige himmlische Hilfe uns verschaffen, ohne die wir das Kleinod der Reinheit und den Schatz der Gnade Gottes nicht bewahren können.

 

5. Folgen wir also dem Vorbild der heiligen Jungfrau in ihrer Sorgfalt und Wachsamkeit, in ihrer Demut und Selbstverleugnung, in ihrem Eifer zum Gebet! Blicken wir oft auf ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit, damit unser Herz von großer Liebe gegen die Tugend der hl. Reinheit erfüllt werde, deren Lob der Heilige Geist im Buch der Weisheit mit den Worten preist: „O, wie schön ist ein keusches Geschlecht im Glanz der Tugend: unsterblich ist sein Andenken, bei Gott und Menschen angenehm. Es triumphiert ewig mit der Siegeskrone und empfängt den Preis für die Kämpfe unbefleckter Reinheit“ (Weisheit 4,1-2).

 

Insbesondere sollen alle jungen Menschen die Liebe zur heiligen Reinheit und den Abscheu gegen alles, was ihr zuwiderläuft, ihrer Seele tief einprägen. Sie sollen nicht vergessen, dass sie durch jede freiwillige Sünde gegen das sechste Gebot Gott schwer beleidigen und seine Gnade verlieren, mag die Sünde in Gedanken, Begierden, Worten oder Werken geschehen. Sie sollen es auch keinen Tag unterlassen, die allerreinste Jungfrau mit kindlicher Liebe zu verehren, und ihre mächtige Fürbitte anzurufen mit großem Vertrauen, besonders in Gefahren und Versuchungen gegen die Tugend der hl. Reinheit.