4. Marias Tugend der Nächstenliebe

 

1. Wo immer eine wahre Liebe zu Gott im Herzen des Menschen wohnt, da ist sie jedes Mal auch verbunden mit einer wahren Liebe des Nächsten. Und wo diese sich nicht findet, da besteht auch nicht die wahre Liebe zu Gott. „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?“ (1 Joh 4,20) Darum hat auch der göttliche Heiland, als er die Pflicht, Gott über alles zu lieben, für das erste und größte aller Gebote erklärte, damit zugleich das andere Gebot verbunden: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mk 12,31), und ausdrücklich gesagt, dass dieses zweite Gebot dem ersten gleich sei. Beim letzten Abendmahl, als er im Begriff stand, das größte und wunderbarste Werk der göttlichen Liebe durch die Einsetzung des allerheiligsten Sakraments und des unblutigen Opfers, , am folgenden Tag aber durch das blutige Opfer des Kreuzes zu vollbringen, da sprach er zu seinen Aposteln: „Ich gebe euch ein neues Gebot, dass ihr euch einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch einander liebt“ (Joh 13,34-35).

 

Dieses neue Gebot der christlichen Nächstenliebe, das weder die Heiden noch die Juden gekannt haben, wurde von Anfang an von allen wahren Christen mit der größten Treue erfüllt, so dass die aufrichtige, opferwillige Liebe zu den Mitmenschen stets das Kennzeichen der wahren Gläubigen und in hervorragender Weise das Merkmal der Heiligen bildete.

 

2. Diese Tugend der christlichen Nächstenliebe war in dem ganz reinen und Gott über alles liebenden Herzen der heiligen Jungfrau im höchsten Grad lebendig und wirksam. Ihre innige, zu jedem Opfer fähige Nächstenliebe machte sie würdig, die zweite Eva, die geistige Mutter aller Gläubigen zu werden. Niemals hat Maria weder in Gedanken noch in Worten oder Werken gegen die vollkommene Liebe des Nächsten gefehlt. Stets war ihr Herz voll von aufrichtigem Wohlwollen, voll inniger Teilnahme gegenüber allen Mitmenschen, stets bereit, bei jeder Gelegenheit dem Nächsten opferwillige Hilfe zu leisten.

 

Kaum hatte sie vom Erzengel Gabriel vernommen, dass ihre schon hochbetagte Base Elisabeth in nächster Zeit einen Sohn gebären würde, da eilte Maria, die zarte Jungfrau, die eben zu der höchsten erdenklichen Würde der göttlichen Mutterschaft erhoben war, ungeachtet der weiten und beschwerlichen Reise über das Gebirge, zu Elisabeth, um sie zu beglückwünschen und ihr liebreiche Dienste zu erweisen.

 

Auf der Hochzeit zu Kana war es die göttliche Mutter, die in aufmerksamer Liebe und Teilnahme die für das junge Ehepaar so peinliche Verlegenheit wegen Mangels an Wein bemerkte, und durch ihre Fürbitte veranlasste, dass der göttliche Heiland durch die Wunderbare Verwandlung von Wasser in Wein diesen Mangel beseitigte und damit sein erstes öffentliches Wunder wirkte. Auf gleiche Weise hat das liebevolle Herz Marias seit 20 Jahrhunderten nicht aufgehört, an jedem Leid und Schmerz der Mitmenschen mit mütterlicher Liebe teilzunehmen und durch ihre Fürbitte unzähligen Leidenden, Bedrängten, Kranken an Leib und Seele Trost, Hilfe und Gnade aller Art von ihrem göttlichen Sohn zu vermitteln. Darum nennt die ganze Christenheit Maria die Mutter der Barmherzigkeit und die Hilfe der Christen.

 

3. Niemals aber hat ihre Gottes- und Nächstenliebe ein so schweres Opfer gebracht, wie unter dem Kreuz auf Golgatha. Da hat ihr Herz im Mitleiden mit ihrem gekreuzigten, über alles geliebten göttlichen Sohn mehr gelitten, als jemals eine andere Mutter litt, ja weit mehr, als wir begreifen können. Und eben da hat sie im Verein mit dem göttlichen Heiland, - der litt und starb für die Sünden der Welt und mit dem ersten Wort, das er am Kreuz an seinen himmlischen Vater richtete, Verzeihung erflehte für seine Mörder und für uns alle, die wir durch unsere Sünden mitschuldig, ja die eigentlichen Urheber seiner Leiden geworden sind, - da hat Maria in ihrer Liebe zu Gott und zu allen Menschen das Leiden des Heilandes und ihr furchtbares Mitleiden aufgeopfert zur Ehre Gottes und für das Heil der Mörder ihres Sohnes und aller Sünder. Da ist sie die geistige Mutter aller Erlösten geworden. Da hat sie in den Wunden und Schmerzen und in dem blutigen Tod ihres geliebtesten Sohnes das unergründliche Übel der Sünde und den unermesslichen Wert der nach Gottes Ebenbild geschaffenen Seelen, wofür der göttlichen Gerechtigkeit ein solches Lösegeld entrichtet werden musste, nicht bloß erkannt und verstanden, sondern im tiefsten Grunde ihrer mitleidenden Seele gefühlt und empfunden. Da ist ihr von Schmerzen durchbohrtes Herz zu der großen, alle Glieder des erlösten Geschlechts umfassenden Mutterliebe erweitert und befähigt worden, die sie seitdem zur Ehre Gottes wie zum Heil der Seelen ohne Aufhören geübt hat.

 

Wer kann die Schmerzen des Mitleidens ermessen, die ihr liebendes Mutterherz nicht bloß bei den Leiden ihres göttlichen Sohnes, sondern auch später bei den Verfolgungen und Bedrängnissen seiner Jünger und seiner Kirche erduldet hat? Wer mag zählen die zahllose Menge der Werke ihrer mütterlichen und barmherzigen Nächstenliebe, die sie während ihres irdischen Lebens und noch vielmehr in ihrer himmlischen Glorie an Leidenden aller Art in der streitenden Kirche hier auf Erden sowohl als in der leidenden Kirche durch ihre mächtige Fürbitte am Thron Gottes vollbracht hat?

 

4. Für uns alle ohne Ausnahme begründet das Gebot Jesu Christi: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, eine unerlässliche Pflicht, ohne deren Erfüllung wir Gott nicht wahrhaft lieben, nicht im Stande der heiligmachenden Gnade sein, nicht zum ewigen Heil gelangen können. „Wer nicht liebt, der bleibt im Tod“ (4 Joh 3,14), schreibt der heilige Johannes, und der göttliche Heiland hat ausdrücklich erklärt, dass beim Jüngsten Gericht sein Urteil über einen jeden von uns von der Erfüllung oder Nichterfüllung des Gebotes der Nächstenliebe abhängen werde (Mt 25,31).

 

Deshalb ist es notwendig, dass wir mit großer Sorgfalt uns selbst prüfen, dass wir alles vermeiden und unterlassen, was mit der christlichen Liebe und den beiden Regeln der Nächstenliebe, die Gottes Wort uns vorgeschrieben hat, im Widerspruch stehen würde. „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12), und: „Hüte dich, einem andern zu tun, was du nicht willst, dass dir geschehe“ (Tob 4,16). So lauten die beiden Regeln, die einen vortrefflichen Prüfstein für die christliche Nächstenliebe bilden.

 

Prüfe dich also selbst, mein Christ, wenn du dein Gewissen erforschst, ob du nichts darin findest, was diesen Regeln zuwiderläuft, ob die wahre Liebe gegen alle deine Nächsten in deinem Herzen wohnt, ob du keinen davon ausschließt, gegen niemanden lieblose Gesinnungen, scharfe Urteile, grundlosen Argwohn, kränkende Worte oder Handlungen dir erlaubst, die deine Selbstliebe auf Seiten anderer missbilligen würde. Frage dich, ob du die Pflichten der Nächstenliebe gegen Arme, Notleidende, Bedrängte und Unglückliche stets zu erfüllen bereit und geneigt bist, wie du selbst in ihrer Lage es von andern wünschen und erwarten würdest.

 

Prüfe dich ganz besonders, ob kein Hass, keine Feindschaft, keine zornige, rachsüchtige, boshafte, bittere Gesinnungen, Wünsche oder Absichten gegen Feinde und Beleidiger in deinem Herzen freiwillig unterhalten werden, ob du stets zur Vergebung und Versöhnung von ganzem Herzen bereit bist gegen diejenigen, die dich beleidigt haben, nach der Lehre und Vorschrift Jesu Christi: „Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen; betet für die, die euch verfolgen und verleumden, damit ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44-45).

 

Findest du in deinem Herzen Mangel der Nächstenliebe oder Gesinnungen der Feindschaft und Rachsucht, oder freiwillige Abneigung gegen deinen Nächsten, dann blicke auf das Bild des gekreuzigten, für seine Mörder betenden und sterbenden Heilandes, und ruhe nicht, bis du durch die Betrachtung seiner Wunden und seiner Liebe mit Gottes Gnade auch in deinem Herzen die Gesinnungen der wahren Liebe und Versöhnlichkeit gegen alle Menschen und auch gegen deine Feinde erweckt hast. Denn „sie wissen nicht, was sie tun,“ sagt der Heiland, und: „Wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen vergibt, so wird auch mein Vater euch nicht vergeben“ (Mt 18,35). Um die wahre christliche Nächstenliebe zu erwecken, erinnere dich oft an die großen Beweggründe dieser Liebe, namentlich an das Gebot der Nächstenliebe, an den unschätzbaren Wert jeder unsterblichen Seele, die nach Gottes Ebenbild erschaffen, durch das Blut des Gottmenschen erlöst und zur ewigen Glückseligkeit mit dir berufen ist, sowie an die unendlich liebreiche und trostvolle Verheißung unseres Heilandes: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was immer ihr einem der Geringsten aus meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).