3. Marias Tugend der Liebe zu Gott

 

1. Unter den drei göttlichen Tugenden ist die Liebe zu Gott das eigentliche Ziel und das Wesen des großen Gutes, zu dem die beiden andern, Glaube und Hoffnung, uns vorbereiten und befähigen. Was der Glaube erkennt und für wahr hält, was die Hoffnung verlangt und erwartet, das umfasst die Liebe mit allen Kräften und Fähigkeiten der Seele als das höchste Endziel unseres Daseins. Denn der Mensch ist von Gott erschaffen nach seinem Ebenbild, um ihn zu erkennen, zu lieben und ihm zu dienen auf Erden, um im himmlischen Vaterland mit ihm vereinigt und durch die Liebe des allerhöchsten Gutes ewig glückselig zu werden. Dann wird der Glaube in Schauen, die Hoffnung in Besitz übergehen; die Liebe aber wird ewig dauern, und durch die Liebe wird der Mensch nach dem Maß seiner im irdischen Leben erlangten Fähigkeit und Vollkommenheit zur höchsten für ihn möglichen Glückseligkeit gelangen in der Anschauung und Verherrlichung des unendlichen Gutes.

 

Die Liebe Gottes ist also das eigentliche Endziel, wozu wir geschaffen sind: die höchste und einzige Aufgabe unseres Lebens; sie ist der Gegenstand des ersten und größten der göttlichen Gebote und zugleich der Hauptinhalt und die Erfüllung aller anderen Gebote.

 

„Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen Kräften. Das ist das erste Gebot“ (Mk 12,30).

 

Hier auf Erden, wo wir das allerhöchste Gut noch nicht schauen, sondern nur durch den dunklen Glauben erkennen und unsere Sehnsucht noch nicht durch die beseligende Vereinigung mit ihm zu befriedigen vermögen, da muss die Liebe Gottes sich erweisen und bewähren durch den treuen Dienst Gottes in der Erfüllung seiner Gebote.

 

2. Diese göttliche Liebe ist nun in keiner Menschenseele und in keinem einzigen der himmlischen Geister jemals so groß und rein, so innig und wirksam gewesen, als in derjenigen, die Gott von Ewigkeit zur Mutter seines göttlichen Sohnes auserwählt, vorherbestimmt und zu dieser höchsten Bestimmung und Würde mit allen Vorzügen, Gnaden und Vollkommenheiten an Leib und Seele ausgestattet und befähigt hat. Sie aber hat auch ihrerseits mit allen Gaben und Gnaden Gottes in solcher Treue und Beharrlichkeit mitgewirkt, dass sie auf das Vollkommenste dem göttlichen Willen und ihrem erhabenen Beruf entsprach und eben dadurch zu dem höchsten Grad der Liebe zu Gott emporgestiegen und das unübertreffliche Muster aller Heiligen geworden ist.

 

Maria erkannte, frei von allen traurigen Folgen der Erbsünde und im Besitz der heiligmachenden Gnade vom ersten Augenblick ihres Lebens an, durch den Glauben im ungetrübten Spiegel ihrer nach dem göttlichen Ebenbild auf das Vollkommenste erschaffenen Seele Gott und seine unendlichen Vollkommenheiten mit einer solchen Klarheit, dass er der immerwährende Gegenstand der Aufmerksamkeit ihres Geistes und Herzens war. Sie hatte in ihrer von keiner unordentlichen Neigung oder Anhänglichkeit zu den geschaffenen Dingen gefesselten Seele ein solches Verlangen nach dem allerhöchsten und unendlichen Gut, dass ihre Wünsche und Begierden nur auf Gott gerichtet waren.

 

Ihre Liebe zu Gott, ihre Dankbarkeit für die ausgezeichneten Beweise der göttlichen Liebe, die sie empfangen hatte und immerfort empfing, ihre gänzliche Hingebung an Gott, in dem sie den Urquell und Inbegriff aller Güte, Schönheit und Liebenswürdigkeit erkannte, waren so stark und durchdrangen so tief ihre ganze Seele, dass sie in Gedanken, Worten oder Werken niemals von der Richtschnur des göttlichen Wellens auch nur einen Augenblick sich entfernte, sondern in all ihrem Tun und Lassen von der reinsten Absicht geleitet wurde.

 

Durch diese Treue, standhafte und heldenmütige Liebe zu Gott – die in treuer Mitwirkung mit der göttlichen Gnade sich immer gleich blieb in frohen und traurigen Tagen, in lichten und trüben Stunden, in der höchsten Erhebung und Begeisterung ihrer Seele sowohl als in der tiefsten Erniedrigung und Demütigung – ist Maria geworden, was sie der höchsten Gnade, Ehre, Würde und Macht als Mutter Gottes und Himmelskönigin würdig gemacht hat.

 

3. Die Liebe zu Gott ist auch für einen jeden von uns die Aufgabe unseres Lebens, unser einziges und höchstes Ziel, unsere erste Pflicht und die unerlässliche Bedingung unserer ewigen Glückseligkeit. Auch wir sollen Gott lieben über alles, aus allen unseren Kräften, und diese Liebe zu Gott soll der alles beherrschende Beweggrund, die Triebfeder unseres Lebens und unseres Verhaltens im Tun und Lassen sowohl als im Leiden sein. Sie soll sich dadurch bewähren, dass wir Gott immer treu dienen und in jedem Augenblick unseres Lebens den göttlichen Willen recht zu erkennen und treu zu erfüllen uns bestreben.

 

Aber wie selten im Leben sind die Tage, die Stunden, die Minuten, von denen unser Gewissen uns das beglückende Zeugnis gibt, dass wir gegen eine solche Treue nicht gefehlt haben! Wie oft vergessen wir Gottes und seiner Gegenwart in den Geschäften und Zerstreuungen des Lebens! Wie oft sind unsere Gedanken, Wünsche, Begierden und Sorgen nicht auf Gott, sondern auf irdische Güter, Ehre und Freuden gerichtet, während wir das allerhöchste Gut außer Acht lassen und den göttlichen Willen vielleicht sogar übertreten!

 

Wie oft geschieht es, dass wir bei unserem Tun und Lassen nicht die Ehre Gottes und sein Wohlgefallen, sondern uns selbst, die Befriedigung der Eigenliebe, die Erlangung von Ehre, Lust und Vorteil erstreben! Wie oft vergessen wir, dass ein allmächtiger, von der höchsten Weisheit und Liebe geleiteter Wille die Welt regiert, unser Schicksal ordnet und fügt! Wir überlassen uns in solcher kurzsichtigen Vergesslichkeit unseren selbstsüchtigen Wünschen, die uns zur Unzufriedenheit mit der göttlichen Anordnung, vielleicht zum Murren und ungeduldigen Klagen verleiten.

 

Wie oft geschieht es, dass wir die göttlichen Gebote übertreten, indem wir aus sträflichem Leichtsinn nicht darauf achten, oder durch böse Neigungen oder Abneigungen und Leidenschaften uns dazu treiben lassen, die Stimme des Gewissens zu unterdrücken! Wie selten sind auch unter den gläubigen Christen diejenigen zu finden, die bei all ihrem Tun und Lassen vom Morgen bis zum Abend von der Liebe Gottes geleitet werden und stets das Gebot des Apostels getreu zu befolgen sich bestreben: „Ihr möget essen oder trinken, oder etwas anderes tun: tut alles zur Ehre Gottes“ (1 Kor 10,30).

 

4. Die Liebe der heiligen Jungfrau zu Gott war so groß und wirksam, dass sie niemals eine Sünde oder Unvollkommenheit sich zu Schulden kommen ließ, sondern immer der göttlichen Gnade und dem göttlichen Willen völlig entsprach. Das ist unserer Schwachheit nicht möglich. Möglich aber ist, dass wir mit der Gnade Gottes immer treu mitzuwirken suchen und dadurch in den Stand gesetzt werden, ganz freiwillige Sünden zu meiden.

 

Damit wir nun dazu gelangen, ist es durchaus nötig, dass wir das unermesslich große Übel jeder freiwilligen Sünde als eine Beleidigung des unendlichen Gutes recht erkennen, oft beherzigen, täglich unsere guten Vorsätze erneuern und insbesondere die gute Meinung und reine Absicht, zur Ehre Gottes alles zu tun und zu leiden, jeden Morgen von neuem erwecken. Es ist nicht minder notwendig, dass wir uns bestreben, in Gottes Gegenwart zu leben und niemals das Andenken daran ganz aus der Seele zu verlieren; dass wir ferner jeden Abend das Gewissen erforschen, die begangenen Fehler herzlich bereuen und die Liebe Gottes neuerdings zu erwecken und zu beleben suchen.

 

Sehr heilsam ist es, dass wir die heilige Jungfrau, diese Mutter der schönen Liebe, wie die heilige Kirche sie nach einem Ausdruck des Heiligen Geistes zu nennen pflegt, oft und inständig anrufen, um durch ihre Fürbitte die große Gnade einer wahren übernatürlichen und beharrlichen Liebe zu Gott erlangen.