2. Marias Tugend der Hoffnung

 

1. Die göttliche Tugend der Hoffnung, die im Glauben an die unendliche Güte Gottes und an seine Verheißungen ihre Stütze hat, besteht in dem festen und zuversichtlichen Vertrauen, durch Gottes Gnade und unsere treue Mitwirkung mit ihr die ewige Glückseligkeit und alles, was uns dazu notwendig ist, zu erhalten.

 

Dieses übernatürliche und unerschütterliche Vertrauen auf Gottes Güte und Treue in seinen Verheißungen war ebenso, wie der Glaube an Gottes Wort, in der Seele der heiligen Jungfrau in einem außerordentlichen Grad stark und lebendig. Es setzte sie in den Stand, unter allen Prüfungen, die ihr bereitet wurden, und die nicht selten ihre Lage schwierig und fast hoffnungslos zu machen schienen, stets den Frieden der Seele zu bewahren und mit der Zuversicht, der sie in ihrem herrlichen Lobgesang den schönsten Ausdruck gegeben hat, Hilfe von Gott zu erwarten. Diese wunderbar starke Hoffnung, womit die heilige Jungfrau stets auf Gottes Güte vertraute, offenbarte sich in sehr auffallender Weise bei der schweren Prüfung, in die der heilige Joseph geriet, als Maria von ihrer Base Elisabeth heimkehrte. Durch den Anblick seiner heiligen Gemahlin, die ihm in ihrer großen Demut und Bescheidenheit von der hohen Würde, wozu sie als Mutter Gottes erhoben war, nicht die geringste Mitteilung gemacht hatte, wurde er im höchsten Grad bestürzt und bekümmert. Maria bemerkte seinen Kummer unter schmerzlichen Mitleiden; aber dennoch verharrte sie in Schweigen, obwohl sie mit wenigen Worten den Kummer des heiligen Joseph hätten beseitigen können. Sie schwieg, weil sie es nicht für zulässig erachtete, das göttliche Geheimnis zu offenbaren, und weil sie mit Zuversicht die göttliche Hilfe erwartete. Ihre Hoffnung wurde auch bald durch eine himmlische Botschaft, die dem heiligen Joseph das große Geheimnis offenbarte, gerechtfertigt und erfüllt.

 

2. Dieselbe lebendige und feste Hoffnung auf Gottes Hilfe und Schutz beseelte Maria, als sie zu Bethlehem nirgends ein Unterkommen finden konnte und mit dem heiligen Josef in einem elenden Stall übernachten musste in jener Nacht, als das göttliche Kind geboren wurde. Dasselbe Vertrauen hielt sie aufrecht, als sie nicht lange nachher in einer Nacht plötzlich vom heiligen Josef den Befehl Gottes vernahm, dass sie, um der Nachstellung des Königs Herodes zu entgehen, die Flucht ergreifen und mit dem neugeborenen Kind ohne Verzug die mühselige und gefahrvolle Reise in ein weit entlegenes heidnisches Land antreten sollten. Ohne Zögern, ohne Bedenken und Klagen stand sie auf und trat die Reise an, um den göttlichen Befehl zu erfüllen.

 

In gleicher Weise wurde ihre Hoffnung auf Gott geprüft und bewährt bei verschiedenen Ereignissen ihres Lebens, die sie immer mehr von der Wahrheit der Weissagung Simeons überzeugten. Namentlich geschah dies, als sie das göttliche Kind zu Jerusalem verloren hatte und drei Tage lang mit unbeschreiblicher Betrübnis ihres liebenden Mutterherzens suchen musste; noch weit mehr aber während der drei letzten Lebensjahre ihres göttlichen Sohnes, als sie so oft wahrnehmen musste, dass er ein Gegenstand des Widerspruchs, der Verfolgung und endlich der schrecklichsten Anklage, Verurteilung und Hinrichtung wurde.

 

Unter allen diesen furchtbar schweren Prüfungen, von welchen die jungfräuliche Mutter heimgesucht wurde, blieb ihre Hoffnung auf Gottes Hilfe ebenso wie ihr Glaube an sein Wort immerfort unerschüttert; sie wankte nicht und zweifelte nicht. Wie die Magnetnadel im Kompass immer unbeweglich nach dem Nordpol gerichtet bleibt und dem Schiffer seinen Weg zeigt durch die Wogen des Weltmeeres, so war auch das Herz und der Blick der heiligen Jungfrau auf dem Weg des Leidens und unter dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes immerdar auf Gott gerichtet; der Stern der Hoffnung erleuchtete und tröstete sie, wenn ihr Herz durchbohrt wurde von dem furchtbaren Schmerzensschwert.

 

Als der göttliche Leichnam im Grab lag und die Apostel und Jünger des Herrn voll Furcht und Zweifel umherirrten und verzagend einander ihre Not klagten, da war das Herz der heiligen Jungfrau zwar auch traurig und leidend an den Wunden, von denen es auf Golgotha getroffen war; aber es war ruhig und gottergeben in seiner einsamen Trauer; denn ungebeugt war ihre Hoffnung geblieben auf die Erfüllung des göttlichen Wortes: dass der Gekreuzigte auferstehen werde am dritten Tag. Er ist auferstanden und hat die Hoffnung seiner Mutter erfüllt in der vollkommensten Weise.

 

3. So soll nach dem Beispiel der heiligen Jungfrau auch in unserem Herzen die Hoffnung auf Gott immer fest und unerschütterlich sein. Sie soll auf Gottes Verheißungen, nicht aber auf Menschen, noch auf unsere eigenen Kräfte und Fähigkeiten oder vermeintlichen Verdienste, noch auf irgendein anderes Geschöpf gegründet sein. Sie muss, ebenso wie die göttliche Güte und Treue sich immer gleich und unveränderlich bleibt, unter allen glücklichen und unglücklichen Verhältnissen unseres Lebens immer dieselbe sein. Gleichwie die Verdienste Jesu Christi, durch die wir ein Anrecht auf Gottes Güte und Barmherzigkeit erlangt haben, unerschöpflich sind, so soll auch unsere Hoffnung eine unbegrenzte sein und durch kein Schicksal niedergeschlagen werden.

 

Sie muss aber ebenso weit von Zaghaftigkeit und Verzweiflung wie von vermessenem Vertrauen auf Gott entfernt sein. Wir sollen durch Anwendung zweckdienlicher Mittel und durch Anstrengung unserer Kräfte und Fähigkeiten tun, was wir vermögen, um Gottes Willen zu erfüllen; das Gelingen unserer Arbeiten aber sollen wir von Gott erwarten, ohne dessen Segen und Beistand wir nichts vermögen.

 

Unsere Hoffnung auf Gott soll endlich immer verbunden sein mit der Übung des Gebetes, das die vornehmste Wirkung und Übung der göttlichen Hoffnung ist. Um aber die Erhörung unserer Gebete zu sichern, sollen wir damit die Anrufung und Verehrung derjenigen verbinden, die von der Kirche unsere Hoffnung genannt wird, weil ihr Herz stets von mütterlicher Liebe und inniger Teilnahme erfüllt ist gegen alle, wofür ihr göttlicher Sohn gelitten hat. Sie ist immer geneigt zu helfen und vermag zu helfen durch ihre mächtige Fürbitte, so dass mit vollem Recht gesagt wird, es sei unerhört, dass jemand mit Vertrauen sie angerufen habe und nicht erhört worden sei. Unterlassen wir deshalb nicht, täglich Maria um ihre Fürbitte mit Vertrauen anzurufen, da wir täglich ihrer Hilfe bedürfen!