10. Marias Tugend der Herzenseinfalt und Einfachheit

 

1. Das einfachste aller Wesen ist Gott selbst, der den Grund seines Seins in sich selbst hat, ewig und unveränderlich immer derselbe ist und bleibt. Er ist ein reiner Geist, dessen Einfachheit das Wesen und den Grund der unendlichen Vollkommenheit in allen seinen Eigenschaften ausmacht. Diese Einfachheit des göttlichen Wesens, das in den drei göttlichen Personen eins und dasselbe ist, hat auch im ganzen Leben und Verhalten des göttlichen Heilands, in dem die zweite göttliche Person mit der menschlichen Natur vereinigt ist, immer und überall den treusten Ausdruck gefunden. Christus war in seinem ganzen Wesen, in seinem Tun und Lassen, in Worten und Werken überaus einfach, wahr, aufrichtig, immer sich selbst gleich und fern von allem Schein und auffallenden Wesen. Er führte ein sehr armes und gewöhnliches Leben nach Art der Armen. Seine Worte und Reden waren im höchsten Grad ungekünstelt, ohne allen Schmuck der Redekunst und der Wissenschaft. Er suchte in allen Dingen niemals sich selbst, niemals seine eigene Ehre und seinen Vorteil, sondern immer die Ehre seines himmlischen Vaters und das Heil der Seelen. Die Liebe zu Gott, seinem himmlischen Vater, war der einzige Beweggrund aller seiner Worte und Werke. Ihn zu verherrlichen, seinen Willen zu erfüllen, sein Reich zu verbreiten und zu ihm alle nach Gottes Ebenbild erschaffenen Seelen zu führen, das war die eine große Absicht, das Ziel seines ganzen Lebens, Leidens und Sterbens.

 

Einfache, arme Leute waren seine Jünger, und als diese einmal ein Streben nach Ehre und Vorzug untereinander äußerten, da stellte er ihnen ein unschuldiges Kind als Vorbild vor Augen mit den Worten: „Wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich“ (Mt 18,1-3); und ein anderes Mal sprach er zu ihnen: „Seid einfältig, wie die Tauben, und klug wie die Schlangen“ (Mt 10,16). So ermahnte er sie durch sein Wort und Beispiel, worin sich stets die edelste Einfachheit und Einfalt des Herzens im Verein mit der höchsten Weisheit und Einsicht offenbarte. Er tadelte und hasste nichts mehr, als das der Einfalt entgegenstehende Laster der Heuchelei und Gleißnerei bei den Pharisäern und Schriftgelehrten. Oft machte er ihnen mit scharfen Worten dasselbe zum Vorwurf, weil es das gerade Gegenteil der einfachen und demütigen Gesinnung ist, ohne welche das Wort der Wahrheit und die Gnade Gottes keinen Eingang finden in das Menschenherz.

 

2. Diese vortreffliche Gesinnung edler Einfachheit und Einfalt des Herzens war auch in ganz außerordentlichem Maße eine hervorragende Eigenschaft der allerseligsten Jungfrau. Auch sie führte immer ein sehr einfaches und armes Leben. Sie war, obgleich von Gott zur höchsten Würde über alle anderen Geschöpfe erhoben und mit den ausgezeichnetsten Vorzügen und Eigenschaften begabt, während der meisten Zeit ihres Lebens auf Erden nichts anderes als eine unangesehene, gewöhnliche Hausfrau und Mutter in der armen Hütte eines Zimmermanns, in dem kleinen Städtchen Nazareth. Ungeachtet ihrer hohen Weisheit und Einsicht zeigte sich in allen ihren Worten und Werken die größte Einfachheit und Aufrichtigkeit des Herzens. All ihr Tun und Lassen stand unter dem Einfluss einer und derselben Absicht und Meinung: Gott zu dienen und ihn zu verherrlichen. Die Liebe Gottes war der einzige und ganz reine Beweggrund aller ihrer Tätigkeit in Gedanken, Wünschen und Neigungen, in Worten, Werken und Leiden. Aus allen ihren Worten und Handlungen, deren Andenken uns die Heilige Schrift aufbewahrt hat, leuchtet das klar und deutlich hervor.

 

3. Für uns alle ist es notwendig, dass wir auch in dieser Tugend der wahren Einfalt und Einfachheit des Herzens dem göttlichen Heiland und seiner heiligen Mutter ähnlich zu werden uns bestreben. Die Liebe zu Gott, unserem besten Vater und größten Wohltäter, dem unendlichen und liebenswürdigsten Gut, muss die alles beherrschende Neigung unseres Herzens und die Triebfeder aller unserer Tätigkeit werden. Die reine Absicht und Meinung, Gott zu dienen, ihn zu ehren, aus Liebe zu ihm alles zu tun und zu leiden, soll für all unser Tun und Lassen maßgebend sein. Davon ist der Wert aller an sich guten Handlungen vor dem Auge der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit bedingt. Weder der äußere Schein und der Beifall der Welt, noch auch der Erfolg unserer Handlungen bestimmt ihren Wert für die Ewigkeit, sondern einzig und allein die Absicht des Herzens, der Beweggrund des Willens.

 

Die größten und ruhmvollsten Taten, die bei der Welt die höchste Anerkennung finden, sind vor Gott und für die Ewigkeit wertlos und vielleicht strafbar, wenn sie nicht von einer guten, Gott gefälligen Absicht und Meinung ihren Ausgang genommen haben. Aber das geringste und unscheinbarste Werk, das aus Liebe zu Gott geschah, ein Wort, das man zur Ehre Gottes gesprochen, oder ein Leiden, das man für ihn erduldet hat, wird seinen Lohn finden in der Ewigkeit. Darum ermahnt der Apostel: Ihr möget essen oder trinken, oder etwas anderes tun, tut alles zur Ehre Gottes“ (1 Korinther 10,31); und der göttliche Heiland hat gesagt: „Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper heil sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.“ (Matthäus 6,22-23a), d.h. nichts anderes, als dass von der einfachen, guten Absicht des Herzens und Willens der ganze Wert unserer Werke bedingt ist.

 

4. Um nun die Absicht und Meinung bei unserm Tun und Lassen auf Gott zu richten, und so vor Gott in Wahrheit und Aufrichtigkeit zu leben, ist es vor allem notwendig, nach alter christlicher Gewohnheit diese gute Meinung beim Morgengebet gründlich und aufrichtig im Herzen zu erwecken und während des Tages beim Beginn der Arbeiten, bei schweren Mühseligkeiten, bei Leiden und Widerwärtigkeiten oft zu erneuern durch einen Aufblick zu Gott oder durch eine Aufopferung zur Ehre Gottes. Des Abends aber bei der Erforschung des Gewissens müssen wir uns selbst prüfen, ob und inwiefern wir jenen Vorsatz mit Treue und Aufrichtigkeit erfüllt, d.h. die rechte, einfache, gute Absicht und Meinung bei unserm Tun und Lassen bewahrt, oder ob wir uns durch schiefe Absichten und Rücksichten der Selbstsucht und Eigenliebe davon haben, entfernen lassen.

 

Diese Übung der guten Meinung hat zwar im Anfang ihrer Schwierigkeiten, weil sie nicht ohne stete Selbstverleugnung geschehen kann. Aber durch Beharrlichkeit werden diese Beschwerden mit Gottes Gnade überwunden. Je mehr aber jene gute Absicht und Meinung das Herz durchdringt und alle Tätigkeit des Menschen beherrscht, desto mehr wird auch aus seinen Worten und Werken und seinem ganzen Inneren und Äußeren alles verschwinden, was der Tugend der Einfachheit und Einfalt zuwider ist. Er wird alles, was nicht zur Ehre Gottes und zur Erfüllung des göttlichen Willens dient, als überflüssig und hinderlich entfernen und sich bestreben, in allen Dingen das Maß einer gottgefälligen Einfachheit und Bescheidenheit nicht zu überschreiten.