11. Marias Tugend der Geduld

 

1. „Durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes“ (Apg 14,21). Denn der Weg zum Himmel ist der Weg der Nachfolge Christi, der, wie der heilige Apostel sagt: „für uns gelitten und uns ein Beispiel gegeben hat, damit wir seinen Fußstapfen nachfolgen“ (1 Petr 2,21).

 

Dazu hat er uns auch selbst eingeladen mit den ausdrücklichen Worten: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Es gibt keinen anderen Weg zum Himmel, als den der Nachfolge Christi, auf dem alle Heiligen und wahren Gläubigen gegangen sind, um zum ewigen Heil zu gelangen. Damit aber Kreuz und Leiden uns zum Heil gereichen, müssen wir sie mit Geduld ertragen nach dem Beispiel Christi, d.h. wir müssen die Schmerzen und Widerwärtigkeiten an Leib und Seele, die uns treffen, mit Ergebung in Gottes Willen erdulden, ohne dadurch den Frieden der Seele zu verlieren, ohne uns dadurch zum Unwillen, zum Murren oder gar zur Verzweiflung verleiten zu lassen. „Die Geduld ist euch notwendig“ (Hebr 10,36), sagt der Apostel, und der göttliche Heiland ermahnt dazu seine Apostel mit den Worten: „In der Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen“ (Lk 21,19).

 

Das vollkommenste Muster der Geduld, ohne die keine einzige Tugend geübt und erworben werden kann, hat uns Jesus Christus, dessen irdisches Leben von der Krippe bis zum Kreuz niemals von Leiden oder Widerwärtigkeiten frei war, vor Augen gestellt, indem er nicht nur mit bereitwilliger Unterwerfung und Hingebung unter den Willen seines himmlischen Vaters alle Leiden aus dessen Hand übernahm, sonders sogar als ein kostbares Mittel, der Gerechtigkeit seines Vaters für die Sünden der Welt genugzutun und ihm seine Liebe zu beweisen, mit Freude das Kreuz umfasste.

 

2. Auch das Leben der allerseligsten Jungfrau war, wie wir im Vorstehenden zu sehen Gelegenheit genug gehabt haben, fast immer mit großen und schweren Leiden verbunden, die zum größten Teil aus der zarten und innigen Liebe ihres mütterlichen Herzens und aus der schmerzlichen Teilnahme an den Leiden ihres geliebten göttlichen Sohnes hervorgingen.

 

Schon mit der Prophezeiung Simeons begann eine bange Erwartung, eine immer zunehmende Bekümmernis ihr Herz zu bedrängen, das während der Verfolgung des Herodes und der Flucht nach Ägypten, am meisten aber beim öffentlichen Lehramt Jesu durch die gegen ihn sich erhebenden Anfeindungen und Verfolgungen und endlich durch die schrecklichen Leiden, Misshandlungen und den qualvollen Kreuzestod ihres göttlichen Sohnes von dem entsetzlichsten Mitleiden gefoltert wurde. Sie duldete alle diese Schmerzen und Leiden, die über sie, die ganz reine, unschuldige und heilige Mutter des göttlichen Sohnes, verhängt wurden, mit völliger Ergebung in den Willen Gottes, ohne eine Regung der Ungeduld, ohne einen Laut der Klage; sie opferte im Verein mit dem göttlichen Heiland ihr Leiden auf aus Liebe zu Gott.

 

3. Lernen wir vom Beispiel Jesu und Marias, Leiden und Widerwärtigkeiten, die wir als heilsame Prüfungen und Gelegenheiten, unsere Liebe zu Gott zu üben und zu bewahren, im Licht des Glaubens erkennen, aus der Vaterhand Gottes anzunehmen und mit Ergebung zu ertragen. Suchen wir den unschätzbaren Wert aller Leiden, die mit Geduld ertragen werden, und besonders derjenigen, die wir aus Liebe zu Gott erdulden, immer mehr zu erkennen.

 

Die Übung der Geduld in den Schmerzen und Leiden des Leibes sowohl als der Seele ist freilich für die menschliche Natur eine sehr schwere Aufgabe, die nicht ohne beharrliche Selbstverleugnung erfüllt werden kann. Aber durch einen ernsten und entschiedenen Willen kann mit der Gnade Gottes, der, wie der heilige Apostel sagt, „getreu ist und uns nicht über das, was wir vermögen, versucht werden lässt, sondern mit jeder Prüfung auch den Ausgang gewährt, so dass wir sie bestehen können“ (1 Kor 10,13), der Widerwille der Natur überwunden werden. Endlich wird dann das Schwere leicht und sogar das Bittere und Schmerzliche süß werden, weil es aus Liebe zu Gott erduldet wird.

 

4. Ein vortreffliches Hilfsmittel zur Übung der Geduld in Schmerzen und Widerwärtigkeiten ist die öftere und andächtige Betrachtung der Leiden Jesu Christi und seiner heiligen Mutter, sowie die häufige Erinnerung an die Wahrheit, dass die im Verhältnis zur Ewigkeit nur sehr kurzen und schnell vorübergehenden Leiden dieser Zeit, wenn sie mit Geduld ertragen werden, eine ewige, alle unsere Vorstellungen übersteigende Glorie uns erwerben nach dem Wort des heiligen Apostels: „Die gegenwärtige, augenblickliche und leichte Trübsal wirkt in uns eine über alles Maß große und ewige Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).

 

Durch solche Übung werden wir die Kraft und Gnade erlangen, mit standhaftem Mut und Vertrauen die Geduld und die Ergebung in den heiligen, über alles weisen und gütigen Willen Gottes bis an das Ende zu bewahren, indem wir in allen Leiden und Trübsalen zu Gott unsere Zuflucht nehmen und mit dem göttlichen Heiland beten: „Mein Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Mt 26,39).

 

Wir werden dann immer besser das Wort vom Kreuz verstehen, den Wert des Leidens würdigen und vielleicht es lernen, mit dem heiligen Apostel uns „zu rühmen in der Trübsal, indem wir wissen, dass die Trübsal Geduld wirkt, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung Hoffnung, und dass die Hoffnung nicht zu Schanden werden lässt“ (Röm 3,3-5).