5. Marias Tugend der Demut

 

1. Die Demut ist die notwendige Grundlage aller übernatürlichen Tugenden. So wie der Stolz und die Selbsterhebung, das unordentliche Streben nach Ehre und Auszeichnung die eigentliche Wurzel und der Ursprung aller Sünde ist, so bildet die Demut, die eigene Geringschätzung und Erniedrigung des Menschen diejenige Gesinnung, die ihn am meisten der Gnade Gottes fähig und würdig macht. Denn „Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen aber gibt er seine Gnade“ (Jak 4,6). Ohne die göttliche Gnade kann aber keine übernatürliche Tugend im Herzen des Menschen entstehen, wachsen und Früchte bringen, weil Gott der Anfänger und Vollender alles übernatürlichen Guten in der Seele des Menschen ist. Ohne die Demut sind die natürlichen Vorzüge und Tugenden, ja sogar die bereits empfangenen göttlichen Gnaden für den Menschen eine Gefahr und gereichen ihm zum Verderben.

 

Die Demut ist auch das sicherste Kennzeichen so wie der zuverlässigste Maßstab aller Tugend und Heiligkeit. Je besser der Mensch ist, desto fester ist er in der Demut begründet, während umgekehrt selbst die vermeintlich heiligsten Werke und größten Verdienste ohne Demut vor Gott keinen Wert haben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die größten Heiligen, die als solche durch wunderbare Zeichen von Gott bezeugt wurden, sich selbst für die unwürdigsten und verächtlichsten von allen Menschen hielten und nichts mehr flohen als Ehre und Auszeichnung von Seiten der Welt, aber Demütigungen und Erniedrigungen jeder Art liebten und hochschätzten.

 

Der Demütigste, das vollkommenste Muster aller Tugenden und insbesondere der Demut, ist unser Heiland, der durch seine Menschwerdung sowie durch sein ganzes Leben, Leiden und Sterben, seiner göttlichen Würde ungeachtet, sich immer selbst erniedrigt hat von seiner Geburt an bis zum Tod am Kreuz. Er hat das unübertreffliche Vorbild der tiefsten Demut uns vor Augen gestellt, und nicht minder durch seine Lehren diese Tugend vor allen anderen uns empfohlen und uns ausdrücklich aufgefordert, in dieser Tugend seinem Beispiel nachzufolgen und von ihm sie zu lernen. „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29).

 

2. Diesem göttlichen Vorbild steht am nächsten die Demut seiner heiligen Mutter, der Jungfrau Maria. Alles, was wir von ihrem Leben wissen, ist ein Ausdruck und Beweis ihrer herzlichen und tiefen Demut. Obgleich sie durch die herrlichsten Vorzüge der Natur sowohl als der Gnade und durch ihre treue Mitwirkung mit der Gnade vor allen ausgezeichnet und durch die höchste Würde der göttlichen Mutterschaft über alle anderen Geschöpfe von Gott erhoben war, so verharrte sie doch immer in der klaren Erkenntnis und in dem tiefen Bewusstsein der eigenen Geringheit und Nichtigkeit. Niemals hat sie sich irgendjemanden vorgezogen, immer für sich selbst die niedrigste Stelle gewünscht und gesucht. Obgleich sie der von Gott empfangenen Vorzüge und Gnaden, sowie ihrer treuen Mitwirkung mit denselben sich wohl bewusst war, so hat sie doch niemals davon das geringste Verdienst sich selbst zugeschrieben, sondern Gott allein als den Urheber alles Guten dafür gepriesen.

 

Durch jede Gnade, die sie von Gott empfing, wurde immer tiefer ihre Demut, immer heller in ihrer Seele das Licht der Wahrheit, dass jedes Geschöpf durch sich selbst nichts ist, nichts hat und nichts vermag ohne Gott, und dass deshalb Gott, als dem Urquell aller Wesen und alles Guten, allein die Ehre gebührt. In ihrer demütigen Gesinnung willigte Maria freudig und Gehorsam ein, die Ehefrau des armen Handwerkers zu werden, sobald sie den göttlichen Willen in dieser Beziehung erkannt hatte. Als der Erzengel ihr den ehrenvollen Gruß vom Himmel und die noch viel ehrenvollere Botschaft von ihrer Auserwählung zur Gottesmutter überbrachte, da wurde sie bestürzt und erschrak. Nachdem sie dann vernommen, wie das geschehen werde, da erklärte sie sich bereit, als Dienstmagd des Herrn, seinem nicht mehr zweifelhaften Willen sich zu unterwerfen.

 

Und als das wundervolle Geheimnis der Menschwerdung Gottes vollzogen war, da versank sie in ihrem lebendigen Glauben und in tiefster Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät ihres Kindes noch tiefer in den Abgrund der Demut und des klaren Bewusstseins der eigenen Nichtigkeit und Unwürdigkeit.

 

Darum eilte sie alsbald, ungeachtet der empfangenen hohen Würde zu dienen bereit, zu ihrer Base Elisabeth und diente ihr drei Monate lang. Darum schwieg sie auch von der ihr gewordenen himmlischen Botschaft selbst ihrem Gemahl gegenüber. Als aber Elisabet, durch göttliche Offenbarung belehrt, Maria als die Mutter ihres Herrn begrüßte und benedeite, da ergoss sich ihre Seele Gott lobend und preisend in dem herrlichen Magnifikat, das nichts anderes ist, als der Ausdruck der tiefen Demut ihres Herzens, das nichts für sich selbst suchte und wünschte, sondern einzig und allein Gott zu ehren und zu verherrlichen verlangte.

 

Dieser Demut entsprach es nicht minder, dass die heilige Jungfrau mit freudiger Hingebung sich allen Demütigungen unterzog, die ihr bei der Geburt des göttlichen Kindes zu Betlehem, bei der Reinigung im Tempel zu Jerusalem, auf der Flucht nach Ägypten, während des langjährigen Aufenthalts zu Nazaret und noch weit mehr zur Zeit des öffentlichen Lehramtes Jesu und bei seinem letzten Leiden und Sterben widerfuhren. Sie war und blieb stets die demütige Dienstmagd des Herrn, die nur Gott zu verherrlichen und den göttlichen Willen zu erfüllen suchte, über die eigene Erniedrigung und Demütigung aber sich ebenso erfreute, wie andere über Ehre und Auszeichnungen sich zu erfreuen pflegen. Und so wie sie war auf Erden, so ist Maria auch noch in der himmlischen Glorie als Königin der Engel und Heiligen: die Demütigste unter allen Demütigen und eben dadurch die Heiligste der Heiligen.

 

3. Die Tugend der Demut ist allen Menschen ohne Ausnahme notwendig, um das ewige Heil der Seele zu erlangen. Nichts ist gefährlicher und verderblicher, als Stolz und Ehrsucht, die den Menschen verblenden und auf die Irrwege der Sünden und Laster verleiten. „Von dem Stolz hat alles Verderben seinen Anfang genommen“ (Tob 4,14). Durch den Stolz ist Luzifer und sein Anhang von Gott abgefallen, aus heiligen Engeln sind sie Teufel geworden. Durch Hochmut wurden unsere ersten Eltern im Paradies vom Teufel zum Ungehorsam gegen Gott verführt, und noch immer ist der Stolz der Anfang aller Sünde, die Quelle der Gottvergessenheit, des Unglaubens und Irrglaubens und der Übertretung aller göttlichen Gebote.

 

So war es zurzeit Christi bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, die, durch Stolz und Neid vom Glauben an den göttlichen Lehrer und Wundertätiger zurückgehalten, sich des größten aller Verbrechen, des Gottesmordes, schuldig machten. So war es in allen Jahrhunderten bei allen Urhebern der Irrlehren und der Verfolgungen gegen die heilige Kirche: so ist es noch heutzutage bei Unzähligen, die durch stolze Selbsterhebung in Gottvergessenheit, in Unglauben, Ungehorsam und Empörung gegen göttliche und menschliche Ordnung, Gesetze und Obrigkeit geraten und zu jedem Laster und Verbrechen fähig werden.

 

Jeder Christ muss mit Sorgfalt und Wachsamkeit darauf bedacht sein, vor dem Stolz sich zu hüten, die Demut des Herzens nicht zu verlieren durch törichte Einbildungen und hochmütige Neigungen. Der Stolz und alle mit ihm verwandten Leidenschaften haben die Wirkung, dass der Mensch die wahre Selbsterkenntnis verliert, sich selbst gefällt, seine Schwächen und Fehler übersieht, an anderen aber sie scharf beurteilt und richtet. Wer mit Stolz und Hochmut behaftet ist, kommt selten und nur schwer dazu, seine eigenen Fehler klar zu erkennen, während sie anderen sehr leicht in die Augen fallen.

 

4. Um die Demut des Herzens zu bewahren und sich vor dem Stolz zu schützen, ist sehr heilsam das öftere und ernste Nachdenken über die letzten Dinge des Menschen: Tod, Gericht, Hölle, Himmel und Ewigkeit. Damit muss eine tägliche gehörige Erforschung des Gewissens und das inständige Gebet zu Gott um die Gnade der Demut verbunden werden. Um aber die Tugend der Demut in ihrer Liebenswürdigkeit und in ihren Wirkungen recht kennen zu lernen und die ihr widerstrebenden Gesinnungen, Vorurteile und Hindernisse in dem eigenen Herzen und Verhalten zu entdecken und zu verbannen, soll man recht oft und beharrlich in den klaren Spiegel des göttlichen Herzens Jesu und des heiligen Herzens seiner Mutter Maria blicken. Dann wird man sich selbst und das wahre Wesen der Demut gründlich kennen lernen, und sich überzeugen von der großen Wahrheit, die der heilige Apostel uns mit den Worten ans Herz legt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7)

 

In dem Licht dieser Wahrheit verschwindet jede Stütze des Stolzes und törichter Einbildung im menschlichen Herzen. Wer sie gründlich beherzigt, wird dadurch mit der Gnade Gottes zur demütigen Selbsterkenntnis gelangen und jede Regung des Stolzes und Hochmuts sowie der Ehrsucht als einen lügenhaften Frevel gegen die Wahrheit und als einen räuberischen Eingriff in die Gott allein gebührende Ehre erkennen und verabscheuen. Um aber diese große Gnade und Erleuchtung von Gott zu erlangen und zu bewahren, ist die eifrige Anrufung und Verehrung der allerseligsten Jungfrau äußerst nützlich und nicht genug zu empfehlen.