8. Marias Tugend der Armut

 

1. Die Tugend der Armut ist ebenso wie die Demut und die christliche Nächstenliebe eine Tugend, die der alten Welt unbekannt war und erst im Christentum Geltung und Übung gefunden hat.

 

Der göttliche Heiland war ein großer Liebhaber der Armut. Er, der allerhöchste Herr und Schöpfer der ganzen Welt, hat sein ganzes Leben auf Erden in freiwilliger Armut zugebracht. Eine arme Handwerker-Familie machte er zu der Seinigen. In der äußersten Armut und Entbehrung, in einem Stall wurde er als Kind einer armen Mutter geboren. Bis zum dreißigsten Jahr seines Lebens hat er in der armen Hütte zu Nazareth gewohnt und dort als Jüngling und Mann durch seiner Hände Arbeit den Lebensunterhalt erworben. In seinem öffentlichen Lehramt hat er den Armen vorzugsweise das Evangelium gepredigt und dies für seinen besonderen Beruf erklärt, wozu er in die Welt gekommen sei. Er pries selig die Armen im Geist, er wählte seine ersten Jünger aus den armen Fischern. Er selbst wollte kein irdisches Eigentum besitzen. Er hatte nicht so viel, wie er selbst sagte, wohin er sein Haupt legen konnte. Er lebte von Almosen und führte mit seinen Jüngern ein sehr armes Leben. Als er zwei Mal den hungrigen Volksscharen, die ihm überallhin nachfolgten, auf wunderbare Weise eine Mahlzeit bereitete in der Wüste, da war es Gerstenbrot mit kleinen Fischen, die Speise der Armen, womit er sie sättigte. Ohne Zweifel wird er für sich und seine Jünger keiner besseren Nahrung sich bedient haben.

 

Seinen Jüngern hat er durch sein Beispiel und sein Wort die Armut dringend empfohlen und oftmals sie gewarnt vor der Liebe zum Reichtum und vor der ungeordneten Sorge für die Bedürfnisse des irdischen Lebens. Über die Reichen, die das Herz an die Reichtümer hängen, hat er sein Wehe! ausgesprochen und die gänzliche Losreißung des Herzens von den irdischen Gütern für eine Bedingung seiner Jüngerschaft erklärt. „Wer nicht allem entsagt, was er hat, kann mein Jünger nicht sein“ (Lk 14,33), sagte er und empfahl sogar den Stand der freiwilligen gänzlichen Armut als ein vorzügliches Mittel zu einem vollkommenen Leben. „Willst du vollkommen sein, dann gehe hin, verkaufe was du hast, gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komme, folge mir nach“ (Mt 19,21). Er starb endlich ganz arm und von allem entblößt am Kreuz, und erhielt sein Grab und Grabtuch von fremden Eigentum.

 

2. In dieser ganz außerordentlichen Liebe zur Armut sind dem göttlichen Heiland Unzählige nachgefolgt und ähnlich geworden im Stand freiwilliger Armut. Seine heilige Mutter aber, die von allen Heiligen ihrem göttlichen Sohn am meisten ähnlich geworden, war schon vor seiner Geburt, vom heiligen Geist belehrt, eine Liebhaberin der Armut. Obwohl von Königen abstammend, von wohlhabenden Eltern geboren und in der ersten Jugend erzogen, hat sie schon als zartes Kind das elterliche Haus mit seinen Bequemlichkeiten verlassen, in der Tempelwohnung den größten Teil ihrer Jugend verlebt und, nachdem sie sich dem Dienst Gottes gänzlich geweiht hatte, ist sie dem göttlichen Willen zufolge die Ehefrau eines armen Zimmermanns geworden. Und welche Armut, welche Entbehrungen wird sie mit dem göttlichen Kind und dem hl. Joseph auf der weiten Reise nach Ägypten und während des dortigen Aufenthalts erduldet haben! Ohne Zweifel hat sie bis zu ihrem Tod nicht aufgehört, ein armes Leben zu führen.

 

Sie liebte die Armut, weil ihr Herz ganz frei war von aller Liebe zu irdischen Gütern, und weil sie aus Liebe zu Gott und frei von allen unordentlichen Neigungen durch Entbehrung und Abtötung gern Gott die Opfer brachte, die mit der Armut verbunden sind. In der Befriedigung der Lebensbedürfnisse, in Speise und Trank, in Wohnung und Kleidung beschränkte sie sich immer auf das Notwendigste, wie es alle Heiligen zu tun sich bestrebt haben.

 

3. Warum hat der göttliche Heiland in so auffallender Weise die Armut geliebt, empfohlen und selbst geübt durch ein armes Leben?

 

Weil die unordentliche Liebe zu den irdischen Gütern eine äußerst gefährliche und verderbliche Quelle der schlimmsten sittlichen Verirrungen und zahlloser Sünden gegen die Gerechtigkeit und christliche Liebe ist, die täglich und stündlich in der Welt geschehen. Die unordentliche Anhänglichkeit an Geld und Gut und das unordentliche Streben nach irdischem Besitz ist unvereinbar mit der wahren Liebe zu Gott und mit der notwendigen Sorge für das eine Notwendige, für das ewige Heil der unsterblichen Seele, die nicht in irdischen Gütern, sondern nur in dem unendlichem Gut, in der Liebe und im treuen Dienst Gottes ihren Frieden finden kann.

 

Für uns alle ist die Losreißung des Herzens von der unordentlichen Liebe zu den irdischen Gütern unerlässlich. Für die Armen, damit sie in der Armut und Entbehrung den Frieden der Seele bewahren und nach dem Vorbild Christi und seiner Heiligen die Armut achten und lieben, oder wenigstens auf eine gottgefällige Weise mit Geduld und Ergebung in Gottes Willen ertragen lernen. Für die Reichen aber, damit sie den sehr großen und vielfältigen Gefahren, die mit dem Besitz des Reichtums immer verbunden sind, nicht unterliegen. „Nichts ist schlimmer, als das Gold lieben; einem solchen ist auch seine Seele feil“ (Eccli 10,10), sagt der heilige Geist. Der göttliche Heiland hat zu wiederholten Malen es für sehr schwer erklärt, im Besitz des Reichtums zum Himmelreich zu gelangen, weil eben der Reichtum seinem Besitzer jeden Augenblick die Möglichkeit darbietet, seine bösen Neigungen zu befriedigen, während im Gegenteil die Armut jeden Augenblick Gelegenheit gibt zur Ausübung der Nachfolge Christi in Selbstverleugnung und Geduld, zu einem vollkommenen Leben, wenn der Arme aus der Not eine Tugend macht.

 

Für diejenigen, die nach Vollkommenheit streben, ist die freiwillige Armut ein vorzügliches Mittel, das Gehen auf dem Weg der Nachfolge Christi zu erleichtern und zu befördern. Diejenigen aber, denen ihr Stand und Beruf die wirkliche Armut nicht gestattet, sollen nach der Lehre des Apostels dahin streben, dass sie die irdischen Güter besitzen und gebrauchen, als besäßen sie sie nicht (1 Kor 7,30-31), d.h. sie sollen sie nicht zur Befriedigung ihrer Sinnlichkeit, Ehrfurcht und Habsucht, sondern zur Erfüllung des göttlichen Willens, zur Ehre Gottes und zum Heil der Seele und ihrer Mitmenschen verwenden.

 

4. An den furchtbaren Übelständen in den sozialen Verhältnissen unserer Zeit, sowie an den entsetzlichen Verirrungen vieler Zeitgenossen, die den Umsturz aller bestehenden Ordnungen und Verhältnisse erstreben, tragen nebst dem überhand nehmenden Unglauben am meisten die unordentliche Liebe zu den irdischen Gütern und ihr Missbrauch durch Genusssucht, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit auf der einen Seite, sowie die Unzufriedenheit der Armen und Nichtbesitzenden mit den bestehenden Verhältnissen und Zuständen auf der andern Seite die Hauptschuld. Dadurch wird ins hellste Licht gestellt die unermessliche Wichtigkeit des göttlichen Wortes über die Seligkeit der Armen im Geist und des Beispiels Jesu Christi, der durch sein armes Leben wie durch seine Lehre die Armut hochgeehrt und gezeigt hat, wie durch die freiwillige Übung der Armut die großen Gefahren, die heutzutage aus dem Missverhältnis zwischen Reichtum und Armut hervorgehen, überwunden werden können und sollen, wie sie denn auch in den seitherigen christlichen Zeiten dadurch wirklich überwunden worden sind.

 

In dem Licht dieser Wahrheit wird es einleuchtend, wie unrecht, gefährlich und verderblich für jede, aber vor allem für unsere Zeit, eine Missachtung oder gar ein Verbot der Orden und Ordensgelübde ist, mit denen die freiwillige Armut nach der Lehre Jesu Christi verbunden ist, und wie sehr im Gegenteil diejenigen, die eine Beseitigung der sozialen Übelstände wünschen und erstreben, das Ordensleben beschützen und befördern sollten.