12. Marias Andacht und Gottseligkeit

 

1. Die wahre Andacht und Gottseligkeit besteht in dem ernsten und beharrlichen Streben, Gott treu zu dienen, ihm zu gefallen und mit ihm zu verkehren in der Übung des Gebetes und des Lebens in seiner Gegenwart.

 

Die Seele der heiligen Jungfrau war vom ersten Augenblick ihres Daseins im Besitz der heiligmachenden Gnade, ganz frei von jenen Hindernissen und Schwierigkeiten des Verkehrs mit Gott und göttlichen Dingen, die in Folge der Erbsünde unserer gefallenen Natur ankleben. Sie war frei von bösen Neigungen und unordentlicher Anhänglichkeit an irdische Dinge, frei von der Verdunkelung des Geistes und der Schwäche des Willens, die uns die klare Erkenntnis der Wahrheit und besonders der übernatürlichen Wahrheiten, so wie die geistige Sammlung und die anhaltende zerstreuungslose Unterhaltung mit Gott im Gebet und in der Betrachtung der ewigen Wahrheiten so sehr erschweren. Überdies war ihre Seele mit allen sowohl natürlichen als übernatürlichen Talenten und Gnaden auf das Reichste ausgestattet. Mehr als alle anderen Geschöpfe war sie befähigt, dem unendlichen Gut, dem Urquell und Inbegriff alles Guten, dem Endziel aller nach Gottes Ebenbild geschaffenen Wesen mit allen Kräften der Erkenntnis und des Willens sich zuzuwenden. Ihn zu verherrlichen mit allen Kräften und aus reiner Liebe, das war ihr Streben von frühester Jugend an. Und in diesem Streben hat Maria ausgeharrt alle Tage und Stunden ihres irdischen Lebens. Niemals hat sie einem Antrieb der Gnade widerstanden, sondern immer den himmlischen Erleuchtungen und Eingebungen mit vollkommener Treue Folge geleistet, und dadurch immerfort zugenommen an Gnade, Licht und Tugend.

 

2. Hieraus lässt sich schon mit Sicherheit schließen, dass die heilige Jungfrau stets und überall ohne Unterbrechung in Gottes Gegenwart lebte, dass sie mit größter Sammlung und Andacht der Übung des Gebetes, des inneren sowohl als des mündlichen, sich hingab, dass sie alle ihre Gedanken, Worte und Werke, sowie ihre Leiden aus Liebe Gott aufopferte und das tätige Leben je nach den Anforderungen ihres Berufes und Standes mit ihrem inneren Leben und den Übungen der Andacht und Frömmigkeit zu vereinigen wusste.

 

Ohne Zweifel liebte sie sehr die Einsamkeit und den unmittelbaren Verkehr mit Gott im Gebet und in heiliger Beschauung. Sie war auch gewiss der frommen Lesung zugetan, sie versäumte keine Gelegenheit, dem öffentlichen Gottesdienst und den heiligen Übungen der Andacht beizuwohnen, wenn auch nicht das Gesetz sie dazu verpflichtete. Nach der Sendung des Heiligen Geistes aber wird sie gewiss, wie schon oben bemerkt wurde, keinen Tag die Gelegenheit unbenutzt gelassen haben, dem heiligen Opfer beizuwohnen und mit ihrem göttlichen Sohn durch das allerheiligste Sakrament sich zu vereinigen. Desungeachtet aber verabsäumte sie bei allen ihren heiligen Übungen nicht das Geringste in der treuen Erfüllung aller Obliegenheiten, die ihr Stand und Beruf, so wie die Liebe des Nächsten und die schuldige Rücksicht auf Sitten und Wohlanständigkeit ihr auferlegten. Sie war als Kind und Jungfrau, als jungfräuliche Ehefrau und Mutter, als Witwe und als Mittelpunkt der Gläubigen in der jungen Kirche ihres göttlichen Sohnes, als Zuflucht und Trösterin der Betrübten und Leidenden, der Sünder und Elenden immer das vollkommene Muster treuester Pflichterfüllung gegen Gott und den Nächsten.

 

Sie war, wie wir es aus dem Magnifikat ersehen, sehr bewandert in den heiligen Schriften des alten Bundes, und ohne Zweifel wird sie auch späterhin mit größter Freude die schon bei ihren Lebzeiten verfassten Schriften der Apostel und Evangelisten gelesen haben. Aber in ihrem Leben und in ihrer Tätigkeit war alles dem göttlichen Willen gemäß geordnet, so dass das Innere mit dem Äußeren in Einklang stand, und das eine durch das andere gefördert wurde.

 

3. Maria war ohne Zweifel geschickt in weiblichen Handarbeiten, mit denen die gottgeweihten Jungfrauen in der Tempelwohnung beschäftigt wurden. Auch berichtet die Überlieferung, dass Maria mit eigenen Händen den Rock ohne Naht angefertigt habe, den der göttliche Heiland zur Zeit seines bitteren Leidens getragen hat, über den die Henker das Los geworfen haben (Joh 19,23-24), und der noch jetzt als ein Gegenstand hoher Verehrung in der Domkirche zu Trier sich befindet. Gewiss wird die heilige Jungfrau diese Kunstfertigkeit auch in späteren Jahren, als sie beim heiligen Johannes wohnte, in freien Stunden noch ausgeübt haben, um das Heiligtum und den Altar, wo der heilige Apostel das unblutige Opfer des Neuen Bundes feierte, würdig auszustatten und zu zieren. Denn die Handarbeit ist nicht nur sehr wohl vereinbar mit Andacht und Frömmigkeit, sondern förderlich und nicht selten notwendig für Seelen, die zu einem andächtigen und gottseligen Leben berufen sind.

 

Ihre Liebe und ihr Eifer zum Gebet hinderten Maria nicht an der Erfüllung ihrer Berufspflichten. Ihre außerordentliche Andacht und Gottseligkeit hatten auch nichts Auffallendes, wie es bei manchen anderen Heiligen der Fall gewesen ist, wenn sie in Entzückungen und anderen außerordentlichen Zuständen sich befanden. Alle Erscheinungen, die eine Folge des in der durch die Erbsünde verderbten menschlichen Natur obwaltenden Zwiespaltes sind, durch den die vollkommene Herrschaft der Gnade immerfort behindert wird, fanden bei der allerseligsten Jungfrau niemals statt, denn in ihr war keine gefallene Natur, kein Zwiespalt zwischen Natur und Gnade. Alle natürlichen Kräfte des Leibes und der Seele standen miteinander in Harmonie und dienten bereitwillig dem übernatürlichen Einfluss der göttlichen Gnade. Der innere Friede und die völlige Hingabe an Gott wichen niemals aus der Seele Marias.

 

4. Diese Vollkommenheit des inneren Friedens und der steten Einigkeit zwischen Natur und Gnade ist für uns, die wir im Stand der gefallenen Natur uns befinden, ein unerreichbares Vorbild. Wir werden im irdischen Leben immer zu kämpfen haben nicht bloß mit äußeren Feinden, sondern auch mit unseren eigenen unordentlichen Neigungen. Alle Gläubigen aber, denen das Heil ihrer Seele am Herzen liegt, sollen von Maria lernen, wie sie mit großem Eifer und möglichster Andacht regelmäßig und beharrlich der täglichen Übung des Gebetes, des mündlichen sowohl als des innerlichen, und der Betrachtung der ewigen Wahrheiten obliegen sollen; wie sie in der Gegenwart Gottes zu leben, mit besonderer Ehrfurcht und Andacht dem heiligen Opfer beizuwohnen, mit sorgfältiger Vorbereitung oft die heiligen Sakramente zu empfangen, der heilsamen Übung der frommen Lesung eine bestimmte Zeit täglich oder wenigstens an den heiligen Tagen zu widmen und mit größter Treue ihre Standes- und Berufspflichten zu erfüllen sich bestreben sollen. Überdies werden sie die tägliche gehörige Erforschung des Gewissens, die in der von aller Sünde und Unvollkommenheit ganz freien Seele der heiligen Jungfrau keinen Gegenstand fand und deshalb unnötig war, nicht versäumen dürfen. Endlich sollen sie auch der eifrigen Verehrung und Nachfolge Marias, dieses vollkommenen Vorbilds der Andacht und Gottseligkeit, sowie der täglichen Anrufung ihrer mächtigen Fürbitte sich befleißigen.