Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

 

Die heilige Elisabeth von Portugal

 

"Selig sind die Friedfertigen!" Vom Frieden hören wir am liebsten. Wer fünf Jahre lang nichts anderes gedacht und gesehen und gehört hat als Kampf und Krieg, dem kann man mit keiner besseren Botschaft kommen als mit der: "Selig die Friedfertigen!"

 

Und welche sind es denn, die der Heiland hier seligpreist?

 

Unter den "Friedfertigen" versteht man all die guten Seelen, die den Frieden lieben, die mit allen Menschen im Frieden leben möchten, denen nichts mehr zuwider ist als Streit und Feindschaft.

 

Aber der Inhalt des Wörtleins ist damit nicht erschöpft. So hätten wir ja in der Reihe der acht Seligkeiten zweimal fast das gleiche. Das würde ja beinahe auf dasselbe hinauslaufen wie: "Selig die Sanftmütigen." Auch die Sanftmütigen lieben den Frieden, lassen keinen Streit aufkommen, schimpfen nicht wieder, wenn sie mit harten Worten angegangen werden und bieten dem Beleidiger, der sie auf die rechte Wange schlägt, auch die linke dar.

 

Wollen wir also nicht annehmen, dass der Heiland zweimal fast das gleiche sagt, so bleibt nichts anderes übrig, als dass wir das Wort von den "Friedfertigen" nochmals auf die Waage legen und seinen Inhalt und seine Bedeutung prüfen.

 

Der heilige Text selbst kommt uns dabei zu Hilfe. Während nämlich unsere deutsche Übersetzung von den "Friedfertigen" redet, steht im ursprünglichen griechischen Text ein Wort, das so viel bedeutet wie "Friedensstifter". Das passt besser an die Seite der Sanftmütigen. So ergänzen sich die beiden Seligpreisungen. Die Sanftmütigen wollen vor allem für sich selber im Frieden leben ohne Streit und Groll und Feindschaft. Die Friedensstifter wollen diesen Frieden, von dem ihr eigenes Herz erfüllt ist, in andere Herzen hineinströmen lassen und der Welt vermitteln.

 

"Selig sind die Friedensstifter", so wollen auch wir darum das Wort des Heilandes nehmen und es als Maßstab an ein Heiligenbild anlegen. So erkennen wir wohl am besten seine Bedeutung.

 

Die heilige Friedensstifterin ist die Königin Elisabeth von Portugal. 

 

Wenn wir von einer heiligen Elisabeth hören, so steht vor unseren Augen zunächst nicht die Frau aus dem fernen Portugal, sondern eine andere, die uns näher angeht, eine deutsche Fürstin, die Landgräfin Elisabeth von Thüringen, die heilige Schutzpatronin von so vielen Menschen, Vereinen und Einrichtungen. Die beiden heiligen Frauen mit dem Namen Elisabeth sind einander aber nicht fremd, sondern durch verwandtschaftliche Beziehungen eng miteinander verbunden. Eine Steifschwester Elisabeths von Thüringen war nach Spanien gekommen und dort die Mutter des Königs Peter von Aragonien geworden. Diesem wurde im Jahr 1271 ein Töchterlein geboren und nach dem Namen seiner deutschen Base, die bereits heiliggesprochen war, nannte er das Kind Elisabeth, oder wie man im Spanischen sagt: Isabella.

 

So kam der Name von der deutschen Wartburg nach Spanien. Aber nicht bloß der Name zog dorthin. Mit dem Namen wurde auch der Geist der heiligen Elisabeth aus den waldbedeckten Bergen Thüringens nach den sonnenbeschienenen Ufern des Tajo und Guadalquivirs verpflanzt. 

 

Schon bei der Geburt des Kindes zeigte es sich, dass die Hand des Herrn über ihm sei. Ein alter Streit zwischen ihrem Vater und Großvater nahm in der Geburtstagsfreude ein glückliches Ende und in der Wiege schon bekommt die kleine Elisabeth vom Brevier den Ehrentitel: "Felix pacatrix - die glückliche Friedensstifterin":

 

Es ist ein seltenes Ehrenzeugnis, das die kirchlichen Gebete und Lesungen dem heranwachsenden Mädchen am spanischen Königshof ausstellen können: schon als Kind habe sie keine Freude gehabt an Spiel und Putz und schönen Kleidern, sondern ihre Freude sei das Beten gewesen und die Ausübung der Werke christlicher Barmherzigkeit. Ihr Vater selber sagte manchmal: dass sein Reich und seine Regierung so gesegnet sei, danke er vor allem der Tugend und Frömmigkeit seines Töchterleins.

 

Als sie zur Jungfrau herangeblüht war, wurde ihre Hand von vielen Fürstensöhnen umworben. Sie reichte sie dem König Dionys von Portugal.

 

Der hohe Rang als Königin, den sie nunmehr einnahm, machte sie aber nicht abwendig von ihrer Gottseligkeit. "Sie suchte wohl ihrem Mann, aber noch mehr Gott zu gefallen", fährt die Kirche zu ihrem Lob fort. Auch jetzt noch gehörte ihre Zeit neben ihrer Familie und ihren Kindern dem Gebet und den Armen.

 

Viel Wunderbares berichtet das Brevier aus ihrem Leben: Wie sie Kranke heilte, wie die Brote in ihrer Schürze sich in Rosen wandelten. Aber das Wunderbarste und Schönste in ihrem Leben bleibt: "on regum discordiis componendis admirabilis fuit, sie war wunderbar in der Gabe, Streitigkeiten beizulegen und Frieden zu stiften."

 

Als einmal der König, ihr Gemahl, mit seinem eigenen Bruder Alfons wegen strittiger Güter und Rechte in schwere Zwietracht geraten war, gab sie keine Ruhe, bis sie die Streitenden versöhnt hatte. Und auch in einem Streit zwischen ihrem Bruder Jakob, dem König von Aragonien, und dem König Ferdinand von Kastilien, wobei es einiger Grenzstädte wegen beinahe zum Krieg gekommen wäre, gelang es ihr, durch ein Schiedsgericht den Streit zu schlichten und statt des Waffengangs ein Freundschafts- und Friedensbündnis anzubahnen.

 

Selbst in der eigenen Familie hatte ihre Friedenshand zu tun. Ihr eigener Sohn hatte, wie einst Absalom, den Plan gefasst, den Vater vom Thron zu stoßen und die Herrschaft an sich zu reißen. Es kam zum Kampf zwischen ihnen und ihren Anhängern. Von Liebe und Schmerz getrieben, eilte Elisabeth auf das Schlachtfeld, ohne Rücksicht auf die Geschosse, die um sie herum einschlugen, ritt sie bald zu ihrem Sohn, bald zum König. Sie ruhte nicht zu bitten und zu mahnen, bis die Schlacht abgebrochen wurde und Vater und Sohn sich die Hand zum Frieden boten.

 

Ja, selbst um ihr eigenes Geld erkaufte sie den Frieden für andere. Wo eine Versöhnung nur durch Schadenersatz hergestellt werden konnte, übernahm sie selber die Entschädigung auf ihre eigene Kasse, um einen fremden Streit zu schlichten.

 

Im Jahr 1325 starb ihr Gemahl. Zur Witwe geworden legte sie alle königliche Kleidung ab und nahm das arme Gewand vom dritten Orden des heiligen Franziskus. Aus ihren seidenen, golddurchwirkten Gewändern ließ sie Messgewänder anfertigen und verteilte sie an arme Kirchen. Neben dem von ihr gestifteten Kloster der Klarissinnen zu Coimbra ließ sie sich eine Wohnung bauen, von der aus sie an den frommen Übungen der Nonnen Anteil nehmen konnte. "Mit der Sorge für die Armen, dem Schutz von Witwen, der Versorgung von Kindern, der Hilfe aller Bedrängten beschäftigt, lebte sie nun nicht mehr sich, sondern nur noch Gott und dem Nächsten."

 

Der Friede, den sie zeitlebens geliebt und gesucht hat, blieb ihr Begleiter bis zum Ende und warf seinen milden Schein noch hinein in ihren Todestag.

 

In ihrem Kloster hörte sie von drohendem Krieg zwischen ihrem Sohn und ihrem Schwiegersohn. Ungeachtet ihres Alters und ihrer schwächlichen Gesundheit entschloss sie sich trotz aller Ermahnungen, die beiden aufzusuchen und zu vermitteln. Sie erreichte noch ihren Sohn und redete ihm freundlich und gütig zu. Dann verließen sie die Kräfte. Die Anstrengungen der weiten Reise in der heißesten Jahreszeit warfen sie auf das Krankenlager nieder, von dem sie sich nicht mehr erheben sollte.

 

Sie starb am 4. Juli 1336 als ein Opfer ihrer Friedensliebe, eine "felix pacatrix, eine glückliche Friedensstifterin" bis zu ihrem Lebensende.

 

Das Friedenstiften war ihre heilige Leidenschaft und heute noch, nach 700 Jahren, gedenkt die Kirche ihres seligen Wirkens. 

 

Wie es einst schon um ihre Wiege gesungen wurde, so klang es noch um ihren Sarg und so klingt es fort und fort um ihr Gedächtnis: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder genannt werden."

 

Haben wir recht getan, dem Wort von den "Friedfertigen" einen solchen Sinn zu geben? Ist ein solches Leben, wie das der heiligen Elisabeth, das ganz in der Sorge um den Frieden sich verzehrte, der Seligpreisung würdig aus dem Mund des Herrn?

 

Ganz gewiss! Wenn der Friede das höchste Gut für uns arme Menschen auf Erden ist, dann tut jeder, der sich um diesen Frieden müht, ein seliges Werk und sein Andenken bleibt im Segen.

 

O, wie haben wir Jahr um Jahr ausgeschaut nach dem Frieden und dem Friedensstifter. Das gab uns den besten Anschauungsunterricht für unsere Seligpreisung: "Selig sind die Friedfertigen!"

 

Und doch hat der Heiland an eine solche Anwendung seines Wortes zunächst wohl nicht gedacht. In politische Fragen, in die Händel der Völker hat er sich nicht eingemischt. Wer bei seinem Friedenstiften nur die politische und militärische Lage in Rechnung stellt, muss von dem Wort des Herrn die Hände lassen. Das war nicht der Geist der heiligen Elisabeth bei ihrer Friedensarbeit.

 

Wenn der Heiland das Wort vom Frieden in den Mund nimmt, hat es einen besseren Klang. Sein Friedenstiften war ganz anderer Art. Der Apostel Paulus beschreibt es uns: "Er hat im Frieden vereint durch das Blut seines Kreuzes, was im Himmel und auf Erden ist" (Kolosser 1,20); "er ist unser Friede, der aus beiden hat eins gemacht und die trennende Scheidewand weggenommen, auf dass er Frieden stifte und uns versöhne mit Gott" (Epheser 2,14).

 

In dem großen Widerstreit gegen Gott und sein Gebot liegt die Wurzel aller anderen Streitigkeiten und Kriege in der Welt, und wer sie aus der Welt hinausschaffen will, der muss zuerst daran mitarbeiten, die Menschheit zu versöhnen mit Gott. Alle Arbeit unserer Friedensstifter kann dem Frieden keinen festen Halt und keinen sicheren Bestand geben, wenn sie ihn nicht in den Menschenherzen verankert und dem ewigen Grund der Gebote Gottes. 

 

Um das zu erreichen, dazu braucht man aber keinen Sitz im Parlament und keinen Platz auf dem Friedenskongress. Das Lob des Heilands kannst du auch daheim dir erwerben in deinem kleinen Kreis, in deinem Haus, in deiner Familie, in deiner Gemeinde, in deiner Umgebung: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder genannt werden." 

 

Du kannst und sollst jedem entgegentreten, der Gott entgegentritt. 

 

Du sollst besonders in deinem Haus darauf achten, dass alles Frieden hält mit Gott und dem Nächsten.

 

Du sollst selber mit gutem Beispiel vorangehen und keine bösen Reden, keine Fluchworte, keine lieblosen Reden führen und dulden.

 

Du sollst nicht bloß selber mit allen Menschen im Frieden leben, soweit es möglich ist ohne eine Pflicht zu verletzen, sondern du sollst auch Frieden zu stiften suchen, wo immer es möglich ist. 

 

Du sollst nicht in heller Schadenfreude daneben stehen, wenn zwei Nachbarn sich streiten und noch ins Feuer blasen, sondern du sollst ein Tröpflein Öl auf die aufgeregten Wogen zu gießen suchen.

 

Wer von einem zum andern läuft, Ohrenbläserei treibt, die Leute aufhetzt und keine größere Freude kennt, als Feindschaften zu stiften, ist Teufels Kind. Wer aber zum Frieden hilft, ist "Gottes Kind".

 

Es ist freilich manchmal ein mühseliges und undankbares Geschäft, Frieden zu stiften, und oft genug macht man sich beide Teile zu Feinden. Wenn aber beim Friedenstiften Taubeneinfalt mit Schlangenklugheit sich verbindet, dann findet auch heute noch ein gutes Wort einen guten Ort, und was in reiner Absicht aus Liebe zu Gott geschieht, trägt seine Frucht.

 

Dass auf solchem Tun das Wohlgefallen Gottes ruht, ist selbstverständlich und der schönste Lohn der Friedfertigen ist: "sie werden Kinder Gottes genannt werden".

 

Gott ist der Friedestifter im Großen, und jeder, der im Kleinen für den Frieden sorgt, ist Gott verwandt, ist "Gottes Kind".

 

"Liebt eure Feinde", so nimmt der Heiland im Verlauf seiner Bergpredigt den Gedanken unserer Seligpreisung nochmals auf, "tut Gutes denen, die euch hassen und betet für die, die euch verfolgen und verleumden; so werdet ihr Kinder sein eures Vaters im Himmel, der seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte" (Matthäus 5,44).

 

"Wenn aber Kinder Gottes, dann auch Erben Gottes" (Galater 4,7). Wer hienieden um den Frieden sich bemüht, wird einmal belohnt werden mit dem Land, in das kein Wort und kein Hauch des Unfriedens mehr Einlass findet, "wo Güte und Treue einander begegnen und Gerechtigkeit und Friede sich küssen" (Psalm 85,11). 

 

Das ist es, was die Kirche am Fest der heiligen Elisabeth in den Gebeten der heiligen Messe für alle erbittet: "O gütigster Gott, der du die heilige Elisabeth mit dem Vorrecht ausgezeichnet hast, Kriege zu schlichten und Frieden zu stiften, verleihe auch uns auf ihre Fürbitte, dass wir nach dem irdischen Frieden, um den wir demütig bitten, zum ewigen Frieden und den ewigen Freuden gelangen." Amen.

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