"Ich bin Diejenige vom Samstag!"

 

(aus: Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau von Paul Sauceret)

 

In dem Spital der unheilbar kranken Frauen bei Santa Croce in Gerusalemme zu Rom stand ein ehrwürdiges Muttergottesbild und die Kranken pflegen an jedem Samstag in ihrer besonderen Andacht eine Lampe bei ihm anzuzünden.

 

Und folgendes wunderbare Ereignis hat sich ehedessen in besagtem Spital zugetragen:

 

Als in dem unglücklichen Jahr 1798 ein Trupp polnischer Soldaten die Stadt Terracina plünderte, drangen sie auch in den daselbst befindlichen Palast, und forderten der Maria Catalani, die dessen Hüterin gewesen, die Schlüssel ab. Da sie sich weigerte, die Schlüssel auszuliefern, wurde sie nicht nur misshandelt, sondern auch mit mehreren Bajonettstichen verwundet. Ein Säbelhieb, der sie in der Gegend der dritten und vierten Rippe auf der rechten Seite traf, wurde mit solcher Gewalt geführt, dass die Klinge zersprang und die Spitze davon in der Brust stecken blieb. Man ließ sie halbtot in ihrem Blut liegen, nachdem man sie vorher des wenigen, was sie von Wert am Leibe trug, beraubt hatte. Als sie sich aber etwas erholt hatte, schleppte sie sich, um weiteren Misshandlungen zu entgehen, in einen mit Rohr verwachsenen Graben, wo sie nach wenigen Stunden durch das Bellen eines Hundes denen, die sie suchten, verraten wurde.

 

Man brachte sie nun nach Fondi, von da nach Gacta, wo sie ihrer Genesung entgegenhoffte; doch empfand sie, auch nach ihrer Herstellung, ununterbrochen einen heftigen Schmerz an der rechten Brustseite, worin noch immer die abgebrochene Säbelspitze haftete. Es wurde als nötig erachtet, daselbst eine Eiterung zu bewirken, mittels der die Säbelspitze herausgezogen werden könnte. Diese schmerzliche Operation gelang auch glücklich und Maria Catalani genas von dieser Wunde. Indessen waren durch die vielen vorher ausgestandenen Leiden, Schrecken und peinvollen Heilungen ihre Leibeskräfte so sehr zerrüttet, dass sie, nach der Aussage der Ärzte, in einen höchst traurigen und unheilbaren Zustand versetzt blieb.

 

Nach sieben Monaten schweren Duldens gestatteten es die Umstände, sie nach Civita-Becchia zu ihrer verheirateten Tochter, und von ihr in das daselbst befindliche Spital zu bringen, das sie nach drei Monaten zwar etwas erleichtert, aber nicht geheilt, verließ.

 

Später kam Maria Catalani mit ihrer Tochter und deren Mann nach Rom, wo sie, wie seither, gleichfalls ein elendes und leidenvolles Leben führte, und ihr Übel zuletzt so überhandnahm, dass sie sich ihrem Ende nahe glaubte. Sie ließ sich deshalb in das Allerheiligen-Spital bringen, wo sie für völlig unheilbar erklärt und mit den heiligen Sterbesakramenten versehen wurde. Bei der fortgesetzten Steigerung ihres Wehes brachte man sie aus diesem in das Spital der unheilbar kranken Frauen bei Santa Croce in Gerusalemme. Hier verschlimmerte sich ihr Zustand so sehr, dass sie sich im Bett nicht mehr umwenden konnte und genötigt war, beständig in halbsenkrechter Stellung zu liegen. Die ganze rechte Seite, an der sie die gefährlichste Wunde empfangen hatte, war besonders martervoll, und die oberen und unteren Gliedmaßen so zusammengezogen, dass die allergeringste Bewegung ihr die schärfsten Stiche verursachte. Die übrigen Teile des Körpers litten an einer wassersüchtigen Aufschwellung. In Zwischenräumen von drei zu vier Tagen erfolgten Blutergüsse aus dem Mund und zuweilen aus dem rechten Ohr. Warme Speisen oder Getränke konnte sie ohne heftige Erschütterung weder genießen noch berühren. Mit einem Wort, ihre körperlichen Kräfte waren gänzlich zernichtet.

 

Maria Catalani empfahl ihre Seele Gott und der Fürbitte der heiligen Jungfrau Maria, zu der sie ein ganz besonderes Vertrauen fasste, und zu deren Ehre sie selbst in ihren flammendsten Schmerzen an einem Tag in jeder Woche sich irgendeine Entsagung auferlegt hatte.

 

Als zu Ende des August und zu Anfang des Septembers im Jahr 1816 mehrere wunderbare Wirkungen der heiligen Jungfrau Maria in Rom bekannt wurden, die mittelst ihres Bildes, das in der Kirche „della Rotonda“ verehrt wird, sich zugetragen, brachte die fromme Tochter der kranken Mutter zwei kleine Abbildungen von dem erwähnten Gnadenbild in das Spital. Voll des andächtigsten Vertrauens auf die „Helferin der Christen“ legte Maria Catalani von diesen zwei Bildchen das eine auf die Brust, wo der Sitz des Übels sich befand, das andere auf den Hals, und empfahl sich so dem väterlichen Willen des Allerhöchsten und der mütterlichen Fürsprache der heiligen Muttergottes.

 

Und es sollte auch hier Wunderbares geschehen!

 

In der Nacht zum dritten September litt Maria Catalani besondere Beunruhigungen und hatte Blutergießungen. Als aber am Morgen die Glocken das Zeichen zum „Englischen Gruß“ gaben, fühlt sie plötzlich ihr Lager sich erheben. Eine Frau lieblichen Anblicks, mit einem weißen Mantel bedeckt, ein holdes nacktes Kindlein auf dem Arm haltend, stand zur Seite ihres Bettes. In der ersten Überraschung wähnte Catalani, eine Kranke des Spitals, Clementia Caso, mit ihrem kleinen Mädchen Fortunata, vor sich zu sehen, und nannte das Kind bei seinem Namen, das durch ein verneinendes Zeichen zu verstehen gab, dass sie sich irre. Darauf redete die Erscheinung sie mit folgenden Worten an: „Steh auf, du bist genesen!“ Maria Catalani versetzte: „Wie soll ich das? Seht hier das Blut, mit dem ich diese Nacht hindurch mein Tuch angefüllt habe!“ Sie zeigte das Tuch dar und sprach, deutend auf das Muttergottesbildchen, das auf ihrer Brust lag: „Diese nur kann mir helfen!“ Als sie aber die Erscheinung genauer betrachtet hatte, und gewahr wurde, dass es nicht Clementia mit ihrem kleinen Mädchen sei, fragte sie: „Wer seid Ihr denn? Ich kenne Euch nicht!“ Sanft das Haupt neigend, erwidert die Himmlische: „Du hältst dich so fest an mir und kennst mich nicht?“ – Nach diesen Worten verschwand die Erscheinung.

 

Maria Catalani begriff den Sinn dieser Worte nicht. Sie mühte sich zu ergründen, wer diese Frau, die sie soeben gesehen hatte, wohl sein möchte, als sie zu den Füßen ihres Bettes das Bild der heiligen Jungfrau erblickte. – Noch getraute sie sich nicht zu glauben, dass die Königin der Engel selbst sie eines Besuches würdige, sondern wähnte, eine wohlwollende Seele zeigte sich hier unter verschiedenen Gestalten. – Aber der Blick des Bildes erhob sich mehrere Male und deutlich vernahm sie die Worte von dem Bild her: „Stehe auf!“ – Noch immer zweifelnd, fragte sie eine neben ihr liegende Kranke: wer das Bild hierhergestellt habe? Und als sie das Bild wieder anblickte, sah sie es deutlich die Lippenbewegen, und hörte auf das Bestimmteste die Worte: „Ich bin Diejenige vom Samstag!“ – Unmittelbar darauf verschwand die Erscheinung. –

 

Als nun die mit Ungeduld erwartete Aufseherin des Spitals, Innocenza Pantoli, erschien, erstattete ihr Maria Catalani getreuen Bericht von diesem Ereignis, und verschwieg ihr auch ihre Zweifel nicht. – Weislich riet ihr Innocenza Pantoli, jeden Wahn von Täuschung fallen zu lassen, sondern versichert zu sein: dass die heilige Muttergottes sie in ihren mächtigen Schutz aufgenommen und sie von jeglichem Übel befreien wolle. Sie ermunterte dabei die Kranke, zu versuchen, ob sie den Arm und das rechte Bein bewegen könne. Der Versuch gelang vollkommen, aber sie litt noch alle Schmerzen wie vorher.

 

Als aber die Glocken um die Mittagsstunde die Christen abermals zum „Angelus-Domini-Gebet“ ermahnten, und auch Maria Catalani die allerseligste Jungfrau mit dem „Gruß des Engels“ andächtig zu grüßen begann, - fühlte sie sich plötzlich wie von starken Händen an den Schultern gefasst und dermaßen gerüttelt, dass die Erschütterung nicht nur durch alle ihre Glieder drang, sondern selbst das Bett, in dem sie lag, erbeben machte. Zugleich hörte sie im rechten Ohr von einer klaren Stimme die Worte: „Stehe auf, Tochter, dir ist Gnade widerfahren!“ Die Kranke stieß einen lauten Schrei aus, und fühlte sich im gleichen Augenblick frei von allen Leiden. Sie sprang aus dem Bett, kleidete sich an, ging zu dem Bild der heiligen Jungfrau, das sich im anderen Teil des Spitals befand, erkannte in ihm dasselbe Bild, das sie nachts zu den Füßen ihres Bettes gesehen hatte, und verstand nun den Sinn der Worte: „Ich bin Diejenige vom Samstag!“ weil nämlich die Kranken an jedem Samstag in ihrer besonderen Andacht eine Lampe dabei anzuzünden pflegen. –

 

Innig gerührt ging sie in die Kirche, warf sich vor dem allerheiligsten Sakrament des Altares nieder, und ergoss sich im heißesten Dank gegen Gott, den Geber alles Guten, und die heilige Jungfrau, als ihre gütige und mächtige Beschützerin. –

 

Der Arzt des Spitals, Herr Professor Clementi, bekennt in seiner eidlichen Aussage, dass alle Übel, mit denen Maria Catalani seit einer langen Reihe von Jahren behaftet war, mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden, und sie aus dem Zustand der unheilbarsten Krankheit – in den Zustand der vollkommensten Gesundheit versetzt worden sei. –

 

Maria Catalani genoss nun fortwährend der besten Gesundheit, und sie, die so viele Jahre hindurch der Hilfe anderer bedurfte, ja schon der Schwelle des Grabes ganz nahegekommen war, stand nun persönlich in demselben Spital als erste Krankenwärterin den Kranken bei.

 

Da nun in diesem Ereignis die Hilfe des allmächtigen Gottes auf die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria unverkennbar und unleugbar hervortrat, so haben Se. Eminenz, Cardinal Giulo Maria della Somaglia, Bischof von Frascati, Sr. Heiligkeit des Papstes Pius VII. General-Vikar in der Stadt und dem Distrikt von Rom, den Befehl erteilt: dass der Prozess darüber förmlich eingeleitet werden solle, und nachdem durch das gerichtliche Verhör der Zeugen und deren eidliche Aussage, wie auch durch genaue Untersuchung und Prüfung der Prozess-Akten die Richtigkeit des Wunders, das Gott auf die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau und Muttergottes an der Maria Catalani gewirkt hat, außer allen Zweifel gesetzt und völlig erwiesen war, durch ein Dekret vom 2. Januar 1817 zur größeren Ehre Gottes und Marias huldreichst im Herrn erlaubt, dieses Wunder unter dem Christenvolk überall zu verbreiten und bekannt zu machen. –