Die Samstags-Lampe vor dem Marien-Bild

 

(aus: Österreichischer Volksfreund, 1865)

 

In der Stadt N. wurde einst an einem Samstag, und zwar gegen Mitternacht, an der Sakristei-Tür einer Muttergottes-Kirche stark geläutet. Eine alte Frau stand vor der Pforte und bat, eiligst mit der heiligen Wegzehrung zu einem Kranken zu kommen. Sie bezeichnete genau die Gasse und das Haus, und ging, als sich der Priester mit dem Allerheiligsten auf den Weg machte, voran, um selbst als Wegweiser zu dienen. Der Geistliche folgte ihr nach; allein plötzlich war sie ihm aus dem Gesicht entschwunden; indes bemerkte er aber auch, dass er bereits vor dem ihm so deutlich beschriebenen Haus stehe.

 

Er läutete an. – Niemand machte auf. –

 

Endlich, nach langem vergeblichen Schellen, sah ein alter Herr aus einem oberen Stockwerk heraus und rief fragend hinab: wer noch so spät ins Haus herein wolle?

 

Der Priester antwortete, er käme, um einem schwer Erkrankten, zu dem man ihn gerufen habe, die Tröstungen der Religion zu bringen.

 

„Hier im ganzen Hause ist wohl niemand krank“, entgegnete der alte Herr; „allein es regnet in Strömen, und wenn sie deshalb herauf kommen und das schlechte Wetter hier abwarten wollten, so sind Sie mir herzlich willkommen; ich selbst leide ohnehin an Schlaflosigkeit!“

 

Der Geistliche, der von dem so schnell eingetretenen Regen schon durchnässt zu werden anfing, war nun froh, einen kurzen Unterstand zu finden. –

 

Als er in das Zimmer eintrat, fiel ihm alsbald ein großes Madonna-Bild in die Augen, vor dem ein Lämpchen brannte. „Da bin ich doch in ein frommes Haus geführt worden!“ rief, angenehm überrascht, der Priester aus.

 

„Ich bin ein Weltmann, der dem Fortschritt huldigt“, sagte der alte Herr trocken, „und halte auf Bilder und Formen nichts; allein – meiner verstorbenen Mutter zu Liebe, die dieses Madonna-Bild hoch in Ehren hielt, weil sie eine fromme katholische Seele war, habe ich es aufbewahrt, und – denken Sie, ich habe sogar ihre Gewohnheit beibehalten, an jedem Samstag, wie sie zu tun pflegte, das Lämpchen selbst anzuzünden.“

 

Während dieser Rede waren sie in ein Seitenzimmer getreten. Über dem Schreibtisch hing das Portrait einer Frau in einer Tracht aus alter, längst entschwundener Zeit. Als der Hausherr bemerkte, dass der Geistliche aufmerksam das Bild betrachtete, sprach er voll Rührung, indem er mit der Hand auf dasselbe deutete: „Das war meine unvergessliche Mutter! Wie gottinnig war sie, wie inbrünstig betete sie oft vor diesem Madonna-Bild! Auch sagte sie manchmal, sie hätte für mich gebetet; ja, als sie im Sterben lag, stammelte sie noch: Mein unglücklicher Sohn, sollte ich in den Himmel kommen durch Gottes Erbarmen, dann will ich so lange um die Fürsprache der heiligen Muttergottes bei ihrem Sohn Jesus Christus für dich anflehen, bis du bekehrt sein wirst! – Ach, gar gerne hätte sie mich zu dem guten Hirten zurückgeführt; allein,“ bemerkte er lächelnd, „mir wollte die Beicht nicht behagen!“ – Indes kam er nach und nach auf einige seiner Erlebnisse zu reden. Er erzählte mit Offenherzigkeit seine Jugend- und Entwicklungsgeschichte, ebenso einige spätere Begebenheiten seines Lebens, ohne, wie es schien, seine Fehler zu verschweigen oder beschönigen zu wollen.

 

„Sie sind so sehr gegen die heilige Beicht,“ nahm endlich, als er sich ausgesprochen, der Geistliche das Wort, „und Sie haben mir soeben Ihr Inneres in solcher Weise erschlossen, dass Ihre Seele unverhüllt vor meinem geistigen Auge steht; so genau glaube ich nun Sie zu kennen, dass ich Ihnen alsbald die Absolution erteilen wollte.“

 

„O, wenn Sie das könnten!“ rief der alte Herr gerührt aus. „Es sind mehr als dreißig Jahre, dass ich die heilige Kommunion nicht mehr empfangen habe,“ sagte er kopfschüttelnd und mit bewegter Stimme, indem er wehmütig zum Portrait seiner Mutter aufsah, als dränge es ihn, sich selbst anklagen zu müssen. Plötzlich rief er, wie von einer höheren Eingebung begeistert, indem er beide Hände des Priesters erfasste: „Beim Andenken meiner frommen, unvergesslichen Mutter, ich nehme Sie beim Wort, hochwürdiger Herr! – Jetzt wäre ich in der Stimmung eine reumütige Beicht abzulegen – können Sie mir dann wirklich die Absolution erteilen? Und wenn dies wäre, o, so reichen Sie mir gleich jetzt auch die heilige Kommunion!“

 

Nachdem nun der tiefgerührte Greis in die Knie gesunken vor dem Priester, eine vollständige Beicht abgelegt und das apostolische Glaubensbekenntnis nachgebetet hatte, empfing er, wie aufgelöst ins Himmlische, mit Andacht und aller Inbrunst der Liebe das hochheilige Sakrament des Altars.

 

Als der Geistliche hierauf, nachdem er noch einige Belehrende und erhebende Worte an den Büßer gerichtet, der nun zum wahren Fortschritt, weil zur Gemeinschaft mit dem Gottmenschen Jesus Christus gelangt war, sich verabschiedete, über kam es sein Gemüt wie Engelsfriede; es war ihm, als ob das Bildnis der abgeschiedenen Mutter des Bekehrten heiteren Blickes, ja wie verklärt auf ihn herabsehe, und es kam ihm in diesem Augenblick wie bekannt vor.

 

Auf dem Heimweg dachte er in christlicher Demut über das Erlebte nach. Er lief dieselben Straßen nach seiner Wohnung, und die alte Frau, die ihn begleitet hatte, kam ihm wieder ins Gedächtnis zurück. Die Frage, wer sie gewesen und warum sie so plötzlich seinen Blicken entschwunden war, drängte sich ihm auf. Allein je mehr er über die Sache nachsann, desto mehr verwirrten sich seine Gedanken; - der alte Herr – das Porträt – immer bekannter kam es ihm vor – endlich sah er wieder jene alte Frau lebhaft in der Erinnerung vor sich stehen – und ihre Züge – nun wurde es ihm dämmernd bewusst mit einem Schauder – so hatten sie trauernd aus dem Rahmen bei seinem Eintritt in das Zimmer auf ihn herabgeblickt. – Unruhevoll war sein Schlaf, als er zu Bett gegangen war. Im Traum sah er noch seinen greisen Neubekehrten auf den Knien und hörte sein sehnsüchtiges Beicht- und Kommunionverlangen; - zwischen Schlafen und Träumen war es ihm, als würde das Sterbeglöcklein geläutet, und er betete halb schlafend für den ihm unbekannten Sterbenden, dass ihn Gottes Huld und Erbarmen begnaden und ihm ein seliges Sterbestündlein gewähren möge. – Als er am folgenden Morgen fragte, ob der weitere Verlauf der Nacht ohne Störung gewesen war, vernahm er, dass die Sterbeglocke wirklich geläutet worden war, weil – jener alte Herr, bei dem er in der vergangenen Nacht gewesen war, plötzlich durch einen Schlagfluss den Tod gefunden habe.

 

Hier hat also die treue Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria durch eine fromme Mutter – dem verirrten Sohn derselben noch die Gnade der Bekehrung vor seinem Ende auf eine so wundersame Weise erwirkt – vielleicht als mildester Gegendank Marias für die, ihr zu Ehren, so treulich unterhaltene – Samstags-Abend-Lampe!