Der Samstag zu Rom

 

(aus: Rom in seinen drei Gestalten, Dr. J. Gaume, 1847)

 

Am Samstag neigt sich in Ehrfurcht jede römische Stirn. Es ist der Tag Mariä, und alle Madonnen-Bilder werden beleuchtet, und zahlreichere innigere Gebete erheben sich auf allen Punkten der Stadt aus den Herzen der Gläubigen zur Jungfrau voll der Gnade.

 

Am Morgen wird in der Kirche zu Sanct Johannes der Florentiner eine feierliche Messe gelesen, um inniglich die Fürsprache Mariens um Gottes Segen in geistigen und leiblichen Anliegen zu erflehen und um Abwendung schwerer Übel.

 

Am Abend ertönen die herrlichen Kirchen St. Maria del Pianto, St. Maria des Volkes, St. Maria in Cosmedin, St. Maria al Coppella, St. Maria des guten Rates, St. Maria in Trastevere, des heiligen Namens Mariä, St. Maria in Via lata und noch viele andere vom Lobpreis der erhabenen Jungfrau. – Doch die Menge ist für die schönste und lieblichste der Kirchen Unserer Lieben Frau, St. Maria die Größere. Unter den Wölbungen dieser wundersamen Basilika singt ein unzählbares Volk jene so erhabenen und so einfachen lauretanischen Litaneien, von denen man sagen möchte, sie seien dem Repertorium der Engel entlehnt.

 

Während Rom so die erhabenste Tochter Judas verehrt, will es nicht, dass die Juden, diese trauernden Kinder Abrahams, ohne alle Freude seien. Es ladet sie ein, seine Fröhlichkeit zu teilen, indem es ihnen das Mittel an die Hand gibt, in Maria ihre herrlichste Schwester und die Mutter ihres Gottes zu erkennen. Alle Samstage findet deshalb in der Kirche St. Engel in Pescheria eine Belehrung für die Juden statt: wenigstens das Drittel derjenigen, die über zwölf Jahre alt sind, pflegt dabei zu erscheinen. Als Prediger wird ein Dominikaner ausersehen, der Doktor der Theologie und in der Kenntnis des Hebräischen sehr bewandert ist. Er erklärt das Alte Testament und besonders die Propheten, die von der Ankunft und den Kennzeichen des Messias sprechen, und beweist die buchstäbliche Erfüllung an unserem Herrn Jesus Christus. Zahlreichere Bekehrungen als je in diesen letzten Jahren sind die Früchte dieser liebreichen Anstalt, die man Papst Gregor XIII. verdankt. – Es gibt für die Juden noch eine andere nicht minder beredte Predigt, und diese können sie alle Tage vernehmen. Am Portal der Kirche gegen das große Tor des Ghetto hin, erhebt sich ein sehr großes Kreuz. Auf den beiden Seiten des Kreuzes sind mit großen lateinischen und hebräischen Buchstaben die vom Propheten Jesaja ausgesprochenen Worte des Erlösers eingeschrieben: „Expandi manus meas tota di ad populum incredulum! Ich habe den ganzen Tag meine Hände nach einem ungläubigen Volk ausgestreckt!“ Der Jude kann in Rom sein Quartier nicht verlassen, ohne vor seinen Augen diese rührende Gestalt zu sehen, ohne diese rührenden Worte zu lesen, deren heilsame Erinnerung ihm, - wider seinen Willen – mehr als einmal mitten unter seinen Handelsbeschäftigungen begegnen muss.