Das Samstags-Wunder zu Konstantinopel

 

(aus: Legendenkranz von Unserer Lieben Frau)

 

Obschon es das Recht verlangt, dass sich jeglicher Christ zu allen Zeiten und in allen Stunden verpflichtet halte, Maria zu loben, so soll er dies besonders am Samstag tun: einerseits, weil nach dem alten Volksglauben die allerseligste Jungfrau an einem Samstag in den Himmel glorreich aufgenommen worden ist, und dann – eines schönen Wunders wegen, das sich in einer Stadt, Konstantinopel genannt, zugetragen hat.

 

Es sagen alle, die dort gewesen sind, der Wahrheit gemäß, von einem Münster, in unserer Lieben Frau Namen geweiht: da sei ein Bildnis Marias hingesetzt, damit die Männer und die Frauen das Bild wohl schauen mögen, wenn es gezeigt wird. Sie hat das göttliche Christkind in ihrem Schoß, wie es der Meister wollte. Das Bild ist sorgfältig gemalt und reich vergoldet, und vor ihm hängt ein wertvolles, breites Seidentuch. Niemand kann dazu gelangen, um das Bild Unserer Lieben Frau zu schauen, außer wenn die Zeit da ist, da es sich selbst zu schauen gibt. – Des Freitags nach der None, wenn sich die Sonne zum Untergang neigt und man die Vesper Unserer Lieben Frau zu singen beginnt: in derselben Stunde pflegt sich das Tuch zu erheben. Kein Mensch mag erfahren, wer es ziehe oder halte. Faltenlos erhebt es sich von selbst, und das Bild der Gebenedeiten steht offen da. So mag es sehen, wer da will, weil es eine lange Zeit bis auf den Samstag-Abend unverhüllt ist. Mit dem Beginn der Vesper aber vor dem Sonntag sieht man das Tuch sich wieder niederlassen und das Bild bedecken und verhüllen, bis die Woche um und der Freitagabend gekommen ist. Da hebt das Tuch sich wieder und fällt erst am Samstagabend nach der None.

 

Daran soll man erkennen, wie die „Königin der Engel“ durch dieses wundersame Ereignis besonders am Samstag geehrt sein will.