Woher und wozu der Rosenkranz?

 

(Aus: Das Leben des heiligen Dominikus von P. H. D. Lacordaire)

 

Als der Erzengel Gabriel von Gott zur heiligen Jungfrau Maria nach Nazareth gesendet wurde, um ihr das Mysterium von der Fleischwerdung des Eingebornen Sohnes Gottes in ihrem keuschen Schoß zu verkünden, grüßte er sie mit den Worten: „Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Frauen!“ Diese Worte, die glückseligsten, die je ein Geschöpf vernommen hat, wurden von Geschlecht zu Geschlecht im Herzen und im Mund der Christen wiederholt, und aus der Tiefe dieses Tales der Tränen rufen sie unaufhörlich zur Mutter ihres Erlösers empor: „Gegrüßet seist Du, Maria!“ Aus den Chören des Himmels hatte Gott einen ihrer Führer an die demütige Tochter vom Stamm Davids abgeordnet, um ihr diesen glorreichen Gruß zu überbringen. Und jetzt, wo sie hoch über den Engeln und allen himmlischen Chören thront, sendet das Geschlecht der Menschen, dem sie als Tochter und Schwester angehörte, von der niederen Erde ihr den englischen Gruß zu: „Gegrüßet seist du, Maria!“ – Als sie ihn zum ersten Mal aus dem Mund Gabriels vernahm, empfing sie alsbald in ihrem Leib das Wort Gottes. Und jetzt, so oft ein menschlicher Mund diese Worte wiederholt, die ihre Mutterschaft ankündigten, bewegt sich ihr Herz in der Erinnerung eines Augenblickes, der nichts Ähnliches im Himmel und auf der Erde hat, und die ganze Ewigkeit wird von dem Seligsein durchdrungen, das die Himmelskönigin empfindet.

 

Obgleich aber die Christen immer gewohnt waren, ihr Herz in solcher Weise zu Maria zu erheben, so war doch mit dem uralten Gebrauch dieses Grußes weder eine bestimmte Regel noch Feierlichkeit verbunden. Die Gläubigen versammeln sich nicht, um solchen ihrer vielgeliebten Beschützerin darzubringen, sondern jeder folgte dabei einzeln dem besonderen Aufschwung seiner Liebe.

 

St. Dominikus, der die Macht der Vereinigung im Gebet wohl kannte, hielt es für nützlich, sie auf den Englischen Gruß anzuwenden, und glaubte, dass dieser gemeinsame Ruf eines ganzen versammelten Volkes mit großer Kraft zum Himmel aufsteigen werde. Die Kürze der englischen Worte selbst erforderte es, dass sie in einer gewissen Zahl wiederholt würden, jenen einfachen Zurufen gleich, womit dankbare Völker den Weg geliebter Fürsten bedecken. Die Wiederholung konnte aber leicht Zerstreuung des Geistes verursachen, und Dominikus beugte diesem dadurch vor, dass er die Grüße in mehrere Absätze verteilte und mit jedem derselben den Gedanken an eines der Geheimnisse unserer Erlösung verband, worin wir nacheinander Gegenstände der Freude, der Trauer und des Triumphes der allerseligsten Jungfrau erkennen. Auf diese Weise vereinigte sich die innere Betrachtung mit dem öffentlichen Gebet. Und indem das Volk seine Mutter und Königin begrüßte, folgte es ihr im Kern seines Herzens überall bei den hauptsächlichsten Ereignissen ihres Lebens nach. Und um den dauernden Beistand und die Feierlichkeit dieser Bittweise noch mehr zu sichern, bildete Dominikus eine besondere Bruderschaft.

 

Der fromme Gedanke des Heiligen wurde mit dem größten aller Erfolge, mit einem wahrhaft volkstümlichen, gesegnet. Das christliche Volk hat sich ihm von Jahrhundert zu Jahrhundert mit unglaublicher Treue hingegeben. Die Bruderschaften des Rosenkranzes haben sich unendlich vermehrt, und es lebt kaum ein Christ auf der Welt, der in seinem kleinen Rosenkranz nicht ein Bruchstück jenes durch alle Welt sich fortziehenden allgemeinen Rosenkranzes besäße. Wer hat nicht am Abend in den einfachen Dorfkirchen die tiefen Stimmen der Landleute in zwei Chören den Englischen Gruß hersagen gehört? Wer ist nicht den Prozessionen von Wallfahrern begegnet, die, in ihren Fingern die Perlen des Rosenkranzes bewegend, sich den langen Weg durch die abwechselnde Wiederholung des Namens Maria versüßen? Immer, wenn eine Sache zum dauernden Bestand und zur Allgemeinheit gelangt, birgt sie in sich eine geheimnisvolle Harmonie mit den Bedürfnissen und Geschicken des Menschen. Darum mag der blöde Rationalist lächeln, wenn Reihen von Menschen an ihm vorüberziehen, die immer ein und dasselbe Wort aussprechen. Wem aber ein helleres Licht aufgegangen ist, der begreift: dass die Liebe nur ein Wort hat, und dass es keine Wiederholung ist, wenn sie es immer ausspricht!