Sinnbildliches von Maria, der "geistlichen Rose"

 

(Nach: Christliche Symbolik von Dr. Wolfgang Menzel, 1854)

 

1. Die Rose ist ein uraltes Sinnbild der Liebe, daher in der christlichen Symbolik vorzugsweise das Symbol der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, als der Mutter der schönen Liebe, des Erbarmens und der allgemeinen Fürbitterin der armen Sünder; ferner Sinnbild der Gebete, die sich, ihr zum Preise, zum Rosenkranz aneinander reihen; und ob der Anmut und lautersten Lauterkeit ihres ganzen Wesens, wodurch sie für Gott als der köstlichste Wohlgeruch sich erweist, wird sie von der Kirche „Rosa mystica, Geistliche Rose“ genannt. Auf Maria wird die Stelle des Hohenliedes 2,2 bezogen: „Wie die Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern!“ Maria heißt auch die Rose oder der Rosenzweig von der Wurzel Jesse oder Isai (des Königs David Vater, von dem sie stammte). Jesaja 11,1. Daher das schöne alte Kirchenlied:

 

„Ein Ros` ist entsprungen,

Von Jesse war die Art.“

 

In alten Liedern wird Maria auch besungen als die „Rose aus der heiligen Anna Schoß“ und als die „Rose ohne Dornen“, weil sie ohne die Erbsünde empfangen worden ist. Einmal nur wird Maria als der Rosenstrauch und Jesus Christus selbst als die Rose bezeichnet. Die „sieben Freuden Marias werden als sieben Rosen besungen, ebenso sind alle ihre Tugenden bei den alten Dichtern zum Rosenkranz geflochten“.

 

Neben einem Muttergottesbild bei Lucca wachsen Rosen, die hoch geehrt werden, weil einst hier ein stummer Hirtenknabe eine Rose fand und durch ihren Duft die Sprache wiedererhielt. Man nennt sie nun „Muttergottesrosen“.

 

Weil die Rose die Blume Unsrer Lieben Frau ist, daher lebt unter dem Volk die Sage: dass der Teufel, als Prinzip des Hasses des Reinen und der allerreinsten Jungfrau, die ja den „Schlangenzertreter“ geboren hat, keine Rosen leiden könne und durch den Geruch dieser Blume aus Besessenen vertrieben werde.

 

2. Die Kunst des Bildhauers und die des Malers liebt es, Maria als Rose in ihren Werken darzustellen. – So bezeichnen die Fenster-Rosetten, namentlich die in dunkler Rubinfarbe glühenden, die in vielen gotischen Marienkirchen vorkommen, die gebenedeite Jungfrau als die „Rosa mystica“. – Besonders beliebt war im Mittelalter die Vorstellung, Maria sitze im Rosental oder im Rosenhag. So ist sie gemalt auf einem alten Bild in Straßburg in einer Rosenhecke voll singender Vögel; desgleichen auf einem Bild von Schongauer in Colmar. – Auf einem Bild von Botticelli thront Maria in Rosen, von Engeln mit Lichtern umringt, die sie mit Rosen kränzen. – Alonso de Tobar malte in Madrid eine Allegorie des Rosenkranzes, die göttliche Gnadenmutter als Hirtin, wie sie ihre Schafe mit Rosen nährt. – Domenichino hat in Bologna Maria gemalt, wie sie Rosen auf die Martyrer streut. Die Rosen sind hier einesteils ein Sinnbild der Tröstungen, womit die Königin der Martyrer deren heiße Wunden kühlt; andererseits sind sie hier ein Sinnbild des Verdienstes, das aus den guten Werken und aus dem Martyrium erblüht, sei es der Gebete, sei es der Wunden. – Auf einem Gemälde von Carlo Maratti teilt die Madonna Rosenkränze unter Nonnen aus. – In einem der berühmtesten Bilder von Albrecht Dürer trägt die von ihm dargestellte Himmelskönigin einen Kranz von Rosen auf dem Haupt.

 

Es gibt aber auch noch eine andere Form der kirchlichen Malerei, in der die Rosen in Gebrauch gekommen sind. „Rosenkranz“ heißt nämlich die großartige Einrahmung von Dreifaltigkeitsbildern in einem einzigen großen Rosenkranz, der zuweilen noch in kleinere Rosenkränze sich teilt. Hier bedeuten die Rosen das Band der Liebe, das die drei göttlichen Personen in der allerheiligsten Dreieinigkeit umschlingt. Solche berühmten Rosenkränze findet man noch in Nürnberg und Schwabach. Der ausgezeichnetste ist aber wohl der in Weilheim in Württemberg. Er besteht aus drei Kränzen. Die Rosen des äußeren Kranzes sind weiß, des mittleren rot, des innersten golden. Jeder aber zerteilt sich wieder in fünf Medaillons. In der Mitte thront Maria mit dem göttlichen Christkind im Rosenkranz unter Engeln, oben erblickt man die allerheiligste Dreifaltigkeit, unten eine große Anbetung der Priester unter dem Papst und der Laien unter dem Kaiser. Die übrigen Bilder beziehen sich auf das Leben Jesu zwischen Mariä Verkündigung und dem Weltgericht.

 

Hierüber liest man in „Kunstwerke und Künstler in Deutschland von Dr. G. F. Waagen“ das Folgende:

 

„Ein höchst merkwürdiges und seltenes Beispiel von sinnvoller Verherrlichung einer Kirche in Deutschland durch große Wandgemälde gewährt die kleine gotische Kirche des Klosters St. Peter in dem südwestlich von Esslingen gelegenen Städtchen Weilheim. Die Malereien, die hier in Betracht kommen, sind allem Anschein nach bald nach der Beendigung des Baues im Jahr 1489 ausgeführt worden. Unter anderem enthält die westliche Wand ein Rosenkranzbild, das mir wahrscheinlich macht, dass diese auch in Franken gegen Ende des fünfzehnten und in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts so beliebte und so allgemein verbreitete Vorstellung in Schwaben ihren Ursprung genommen hat. Wie schön nämlich auch die Kunstdenkmale dieser Art sind, die ich in dem Relief in der Kapelle des Landauer Brüderhauses zu Nürnberg, sowie in Gemälden sowohl in der Kapelle der Kirche zu Schwabach, wie in der St. Gangolphskirche zu Bamberg gesehen; so ist doch in Weilheim die Wahl und die Verteilung der Gegenstände mit mehr Feinheit auf den Gedanken des Rosenkranzes bezogen und ist die Anordnung der einzelnen Vorstellungen in kleineren Runden der Form des großen Rundes, das alle umschließt, ungleich mehr entsprechend und stilgemäßer, als die Anordnung in Reihen übereinander, die jenen fränkischen Denkmalen gemeinsam ist. Hier befinden sich drei Rosenkränze ineinander, von denen der äußerste und mithin größte weiß ist und, sinnreich auf diese Farbe bezogen, in den fünf kleineren Runden, in der Verkündigung Mariä, der Heimsuchung, der Geburt Christi, der Anbetung der heiligen drei Könige, der Darstellung im Tempel, die Vorgänge der Verheißung und der Verherrlichung Jesu als Kind, der zweite von roter Farbe, aber ebenso sinnig im Christus am Ölberg, der Geißelung, Dornenkrönung, der Kreuztragung und der Kreuzigung die Hauptmomente des körperlichen Leidens Christi als Mensch enthält, während ihm im dritten, goldenen Kranz die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Ausgießung des heiligen Geistes, die Aufnahme Mariä in den Himmel und ihre Krönung daselbst – sowie das jüngste Gericht im vollen Glanz seiner göttlichen Natur erscheinen lassen. Diese letzteren reihen sich um die größere, die Mitte des ganzen einnehmende Vorstellung der allerseligsten Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß, dem zwei Engel mit dem Pflücken und dem Kränzewinden von Rosen beschäftigt sind. Oben, außerhalb des weißen Rosenkranzes, ist die allerheiligste Dreifaltigkeit in kolossalem Maßstab in der Art vorgestellt, dass Gott Vater und Christus, nebeneinander thronend, vom heiligen Geist überschwebt werden. Auf den Seiten schweben Engel mit den Passionswerkzeugen. Unten, zu beiden Seiten des weißen Rosenkranzes, das Menschengeschlecht in Verehrung der Gottheit, und zwar einerseits die Priester mit Papst und Kardinal, andererseits die Laien mit dem Kaiser an der Spitze.

 

3. Man verglich die Gebete aus unschuldsvollem oder reuigem Mund mit aufblühenden Rosen, daher eine Folge von Gebeten einem Rosenkranz.

 

Der aus Gebets-Perlen zusammengesetzte Rosenkranz hat die praktische Bestimmung, dem Teil des Volkes, der nicht lesen kann, als eine Art Handbuch beim Beten zu dienen. – Der kleine Rosenkranz heißt die „Krone“ und enthält 33 kleine Perlen, nach den Lebensjahren Jesu, und fünf große, nach den heiligen fünf Wunden Jesu. Jede kleine Perle bedeutet ein Ave Maria, das man beten soll, jede größere ein Vaterunser. – Der mittlere Rosenkranz zählt 63 kleine Perlen, nach den Lebensjahren Unserer Lieben Frau, und sieben große, nach ihren sieben Freuden und Schmerzen. – Der große Rosenkranz zählt 150 kleine und 15 große Perlen, so dass auf je zehn Ave Maria ein Vaterunser folgt. Er wird der „Psalter“ genannt, mit Bezug auf die 150 Psalmen, gewöhnlich aber der Marien-Psalter, weil er zumeist aus Ave-Gebeten besteht und der Himmelskönigin geweiht ist. Denn nach dem heiligen Dominikus, in dessen Orden der heilige Rosenkranz die erste große Verbreitung fand, flocht der Engel Gabriel aus 150 himmlischen Rosen drei Kränze für die heilige Jungfrau, einen weißen der Freuden – einen roten der Schmerzen, - einen goldenen der himmlischen Glorien. Diese zusammen wurden nun nachgeahmt in dem einen Gebetsrosenkranz aus 150 Perlen. Die Farbe ahmt man in den Perlen nach. Es gab prachtvolle Rosenkränze aus farbigen Edelsteinen. Die gewöhnlichen bestehen aus Holz, Glas, oder wohlriechenden Stoffen.

 

In dem berühmten Weltgericht von Michael Angelo werden Selige an einem Perlenkranz in den Himmel emporgezogen. Auf allen Bildern tragen die Seligen im Himmel Ehrenkronen in Gestalt von Perlenkränzen.