Rosenkränze, die im Himmel gesegnet werden

 

(Aus: Leben der Johanna von Jesus-Maria, von P. Martin Cochem)

 

1. Da die geliebte Braut Jesu Christi, die fromme Johanna von Jesus-Maria, gar hoch bei ihrem himmlischen Bräutigam in Gnaden stand, bat sie ihn einmal mit recht lebendigem Vertrauen: er wolle sich gefallen lassen, einige Rosenkränze, Bilder, Kreuze und Pfennige zu segnen und ihnen eine so kräftige Wirkung beizugeben, dass die Christgläubigen sich dieser Gnaden in ihrem zeitlichen Dasein bedienen könnten. Der Herr bewilligte ihre Bitte, und sie brachte verschiedene Rosenkränze, Kreuze, Bilder und Pfennige zusammen, legte sie an hohen Festtagen, besonders am grünen Donnerstag und Karfreitag, auf den Altar ihrer Hauskapelle, begab sich ins Gebet, und bat mit Inbrunst ihren lieben Jesus, er wolle sein erteiltes Versprechen erfüllen. Während dieses Gebetes wurde Johanna verzückt, und inzwischen kamen die Engel herab und nahmen die Rosenkränze samt den Kreuzen, Bildern und Pfennigen mit in den Himmel. Christus aber nahm sie in seine hochwürdigsten Hände, sprach seinen heiligsten Segen darüber, und erteilte ihnen absonderliche Kräfte und Wirkungen.

 

Da nun Johanna während der Weihung verzückt war, ging sie heimlich in ihre Kapelle, suchte dort überall die Rosenkränze, fand sie aber nirgends, und konnte auch nicht begreifen, wohin sie gekommen wären.

 

Indessen warteten alle Freunde und Nachbarn auf den Ausgang der Sache, und blieben so lange im Haus, bis die Rosenkränze wiederkamen.

 

Als sie eben es am wenigsten vermuteten, geschah es urplötzlich, dass die heiligen Engel die Rosenkränze, Kreuze, Bilder und Pfennige wieder vom Himmel herunterbrachten, und das ganze Haus mit lieblichen Geruch erfüllten. Alsbald liefen sie zur Kapelle, fanden die Jungfrau von der Verzückung zu sich gekommen, sahen auch die Rosenkränze nebst den übrigen Gegenständen auf dem Altar liegen, und alles mit einem so süßen Geruch von himmlischer Lieblichkeit erfüllt, dass nicht nur die leiblichen Sinne, sondern auch die Kräfte der Seelen dadurch erfreut wurden. Hieraus erkannten alle Anwesenden, dass diese köstlichen Schätze vom Himmel gekommen wären, und zugleich neben dem himmlischen Duft auch himmlische Wirkung mit sich herunterbrächten.

 

Die Wahrheit des Gesagten wird nun aus folgenden zwei Geschichten deutlich.

 

2. Einst gab der Erzbischof von Burgos, Ferdinand von Azevedo, seinem Kaplan sechs Rosenkränze, sie seiner geistlichen Tochter Johanna von Jesus-Maria zu überreichen, damit sie von Christus mögen gesegnet werden. Der Kaplan aber dachte diese Gelegenheit zu benützen, und kaufte unterwegs sechs andere Rosenkränze, damit sie zugleich mit den anderen in den Himmel möchten getragen werden. In solcher Absicht band er diese erkauften samt den anderen mit einer Schnur zusammen, so dass alle zwölf Rosenkränze ohne Unterschied vermischt waren. Er fand die Jungfrau in ihrer Betkammer, und sprach zu ihr: „Mutter, der Herr Erzbischof hat mich gesendet, Euch diese Rosenkränze einzuhändigen, mit der Bitte, Ihr wollet sie von Christus segnen lassen!“ „Es ist gut,“ erwiderte Johanna, „der Herr lege sie nur auf den Altar.“ Der Kaplan ging fort. Dies geschah an einem Freitag morgens. Daher begab sich Johanna in ihre Betkammer, um nach ihrem Gebrauch an diesem Tag die Übung des Leidens Christi zu halten, die von morgens bis nachmittags um 5 oder 6 Uhr zu währen pflegte.

 

Der gute Priester wurde inzwischen etwas unruhig, und verlangte zu wissen, ob seine Rosenkränze in den Himmel hinauf getragen worden sind, und ging daher heimlich in die Betkammer. Als er sah, dass die Jungfrau in ihrer Verzückung unempfindlich war, betrachtete er aufmerksam den Altar, und bemerkte, dass auf ihm jene sechs Rosenkränze nicht mehr lagen, die der Erzbischof ihm gegeben hatte, die anderen sechs aber, die er gekauft hatte, erblickte er abgesondert an der Ecke des Altars. Hierüber sehr verstört, entfernte er sich, und kam um sechs Uhr abends wieder, und sah die sechs erzbischöflichen Rosenkränze, mit besonders lieblichem Geruch behaftet, auf dem Altar liegen, die von ihm gekauften aber, wie zuvor, an der erwähnten Ecke des Altars abgesondert, und ganz geruchlos.

 

Dies kam dem guten Herrn wunderlich vor, und er sagte zu der Dienerin Christi: „Mutter, warum habt Ihr diese sechs Rosenkränze von den anderen abgesondert?“ Sie erwiderte: „Welche Rosenkränze?“ „Diese“, sprach er, „welche hier an der Ecke des Altars liegen.“ Sie wurde hierüber schamrot, und fragte den Kaplan: „Habt Ihr nicht alle Rosenkränze, die euch der Erzbischof gegeben hat, auf den Altar zusammengelegt? Behüte mich Gott! Was soll dies sein, dass Gott die einen Rosenkränze annähme und die anderen verwürfe?“ Als der Kaplan sie so schamrot und verstört sah, offenbarte er ihr die Wahrheit, dass er nämlich noch sechs zu den anderen getan habe. Sie aber sprach: „Wohlan, da Ihr es so gemacht habt, so ist Euch recht geschehen! Ihr hättet mir ja etwas von Euren Rosenkränzen sagen und Euer Begehren vorbringen können. Wisst Ihr nicht, dass ich dies alles aus Gehorsam tue, außer dem Gehorsam aber nichts tue? Wisst demnach, dass Eure Rosenkränze nicht im Himmel gewesen sind, und folglich auch nicht den Segen empfangen haben. Gleichwohl lasse sie der Herr hier, mit nächstem werden sie mit hinaufgenommen werden.“

 

3. Im Jahr 1625, in der heiligen Karwoche, während der Regierung des Papstes Urban VII., hat der bereits genannte Erzbischof von Burgos seiner geistlichen Tochter Johanna von Jesu-Maria einige Rosenkränze gegeben, und ihr befohlen: „Seine göttliche Majestät zu bitten, ihnen den heiligen Segen zu erteilen.“ Johanna, als eine gehorsame Tochter, ließ die Rosenkränze von Christus segnen. Nach empfangener Gnade, als sie dem Herrn Erzbischof die Rosenkränze wieder gab, sprach sie zu ihm: „Eure Hochwürden Gnaden wollen diese Rosenkränze hoch schätzen, denn außerdem, dass sie im Himmel den Segen und dessen Kraft und Wirkung empfangen haben, sind sie auch zu Rom gewesen, und haben am Gründonnerstag samt den Agnus-Dei den Segen von Seiner Päpstlichen Heiligkeit empfangen, und sind der Kraft und Wirkung dieses Segens teilhaftig geworden.“

 

Der fromme Prälat hatte zwar den Geist und die Heiligkeit Johannas genug geprüft, dennoch wollte er, da er eine gute Gelegenheit fand, diese Wahrheit besser erfahren. Er schrieb daher an einen Domherrn, namens Bartholomäus de Castro von Burgos, der eben damals in Rom war, was er von Mutter Johanna gehört hatte, und begehrte von ihm, er wolle nachfragen: ob dem also wäre? Dieser Domherr schrieb dem Erzbischof, dass Seine Päpstliche Heiligkeit in diesem Jahr die Agnus-Dei nicht gesegnet hätte, was die Dienerin des Herrn gesagt hatte, könnte folglich nicht wahr sein. Über diese Antwort wurde der Erzbischof sehr verstört, kam alsbald zu Johanna, und fragte: „Ob sie ihm nicht gesagt hätte, dass die bewussten Rosenkränze am Gründonnerstag den päpstlichen Segen samt den Agnus-Dei zu Rom, bekommen hätten?“ Sie antwortete: „Ja, Herr, so hab ich gesagt.“ Er fragte wieder: „Wie kann aber dies wahr sein, da die Agnus-Dei in diesem Jahr nicht gesegnet worden sind, wie mir von Rom geschrieben wurde.“

 

Johanna antwortete: „Der dies von Rom geschrieben, hat ganz wahr geschrieben, und ich habe auch wahr gesprochen, denn Seine Päpstliche Heiligkeit haben in diesem Jahr die Agnus-Dei nicht öffentlich, sondern im Geheimen gesegnet. Seine Heiligkeit haben auch die Rosenkränze auf dem Altar gesehen, und sie samt den Agnus-Dei gesegnet. Eure Hochwürdigen Gnaden mögen abermals nach Rom schreiben, so werden Sie erfahren, dass ich die Wahrheit geredet habe.“ Dies tat der Erzbischof, und begehrte von dem Domherrn inständig, weil diese Sache so wichtig wäre, er wolle Seine Päpstliche Heiligkeit um Audienz bitten, um die Wahrheit zu erfragen. Dies tat der Domherr, und erzählte dem Papst den ganzen Hergang der Sache. Hierauf erhob der Papst die Augen zum Himmel, dankte Gott, dass er – in seiner Zeit – der katholischen Kirche eine solche Tochter gegeben hätte, und sprach:

 

„Es ist wahr, was diese Dienerin Gottes sagt. Am Gründonnerstag haben wir wegen gewisser Ursachen die Agnus-Dei nicht öffentlich, sondern im Geheimen gesegnet. Und als wir sie segnen wollten, sahen wir einige Rosenkränze von verschiedenen Farben auf dem Altar. Wir wussten zwar nicht, wer sie hingelegt habe, gleichwohl haben wir sie gesegnet. Nach dem Segen aber wurde sie allplötzlich nicht mehr auf dem Altar gesehen. Dies kam uns wunderlich vor, und wir dachten, es müsse ein großes Geheimnis darunter verborgen sein, das wir jetzt aus Eurem Mund vernommen haben. Ohne Zweifel ist diese Person eine große Dienerin des Herrn. Schreibt ihr in meinem Namen, sie wolle mich dem allmächtigen Gott treulich anbefehlen!“

 

Seine Heiligkeit sendete ihr auch den Ablass für die Sterbestunde, und empfahlen sich sogar öfters in ihr Gebet.