Enzyklika des Papstes Leo XIII. über den Rosenkranz

 

Ehrwürdige Brüder! Gruß und apostolischer Segen! Wenn Wir im Geiste die lange Spanne Zeit überblicken, welche Wir nach Gottes Ratschluss im Pontifikat zugebracht haben, dann können Wir nicht umhin, einzugestehen, dass Wir, obgleich über Unser Verdienst, den augenscheinlichsten Schutz der göttlichen Vorsehung erfahren haben. Dies glauben Wir aber vorzüglich den vereinigten, so überaus wirksamen Gebeten zuschreiben zu müssen, welche, wie einstmals für Petrus, so jetzt für Uns ununterbrochen von der gesamten Kirche verrichtet werden. Zuerst also sagen Wir Gott, dem Spender aller Güter, Unsern größten Dank. Für die Uns gespendeten Wohltaten werden Wir, so lange Wir leben, ihm Dank wissen. Und dann drängt sich die süße Erinnerung an den mütterlichen Schutz der hehren Himmelskönigin auf. Auch die dankbare Gesinnung für sie werden Wir fromm und unverletzt im Herzen bewahren und ihre Wohltaten preisen. Von ihr nämlich kommen wie von einem überaus ergiebigen Born die göttlichen Gnadengaben: in ihren Händen sind die Schätze der Erbarmungen des Herrn. Gott hat sie zum Ursprung alles Guten gemacht. In der Liebe zu dieser innig liebenden Mutter, welche Wir beständig und von Tag zu Tag in steigendem Maße zu pflegen bemüht sind, glauben Wir auch ruhig Unserer letzten Stunde entgegensehen zu können. Da Wir aber schon längst in der vermehrten Verehrung der Jungfrau wie in einer festen Burg das Heil der menschlichen Gesellschaft sicher zu stellen suchen, so haben Wir niemals davon abgelassen, das Rosenkranzgebet unter den Gläubigen zu fördern, und haben zu diesem Zweck bereits seit dem 1. September 1883 Enzykliken veröffentlicht und, wie Euch das wohl bekannt ist, Dekrete erlassen. Und da durch Gottes barmherzigen Ratschluss es Uns auch in diesem Jahre vergönnt ist, den Monat Oktober zu erleben, welcher nach Unserer früheren Anordnung der allerheiligsten Jungfrau geweiht sein soll, so können Wir es nicht unterlassen, Euch anzuspornen. Wir wollen in kurzen Worten zusammenfassen, was Wir bisher zur Förderung dieser Gebetsübung getan haben, und die Angelegenheit mit diesem Schriftstück weiter verfolgen, um dadurch sowohl Unser Interesse und Unsere Vorliebe für diese Gebetsform um so offenkundiger zu erkennen zu geben, als auch den Eifer der Gläubigen anzuspornen, diese heilige Gebetsübung auch fernerhin fromm und eifervoll fortzusetzen. Von dem beständigen Verlangen beseelt, das christliche Volk über die Kraft und die Würde des Marianischen Rosenkranzes aufzuklären, hatten Wir zunächst auf den mehr himmlischen als menschlichen Ursprung dieser Gebetsart hingewiesen und dann gezeigt, dass der wunderbare, aus dem englischen Gruß gewundene Kranz mit dem eingeflochtenen Gebet des Herrn und der damit verbundenen Betrachtung die vorzüglichste Gebetsform sei und im Besondern zur Erlangung des unsterblichen Lebens sehr fruchtreich sich erweise. Das Rosenkranzgebet nämlich bietet nicht nur ausgezeichnete Gebete, sondern befestigt auch den Glauben und stellt uns ausgezeichnete Tugendbeispiele in den zur Betrachtung Uns vorgehaltenen Mysterien vor Augen. Dasselbe ist außerdem leicht zu verrichten und dem Volksgeist angepasst. Dem Volk bietet die Betrachtung des Lebens der Familie von Nazareth zudem das Beispiel einer in jeder Beziehung vollkommenen Familie. Das christliche Volk hat noch stets erfahren müssen, dass diese Gebetsübung sich als durchaus heilkräftig erwiesen hat.

 

Mit diesen Gründen haben Wir hauptsächlich in Unsern zahlreichen Aufmunterungen das heilige Rosenkranzgebet empfohlen und dazu durch eine ausgedehntere Verbreitung desselben für die Majestät desselben gesorgt, indem Wir hierbei den Spuren Unserer Vorgänger folgten. Denn Sixtus V. glücklichen Angedenkens bestätigte die althergebrachte Übung des Rosenkranzgebetes. Gregorius XIII. setzte für dasselbe einen eigenen Festtag an; Clemens VIII. schrieb denselben dem Martyrologium ein; Clemens XI. ordnete an, dass derselbe von der ganzen Kirche beobachtet wurde; Benedikt XIII. nahm denselben in`s römische Brevier auf. Und auch Wir haben zur Erinnerung an Unsere Vorliebe für diese Gebetsform angeordnet, dass dieser Festtag in der gesamten Kirche mit eigenem Offizium als duplex secundae classis begangen werde, den ganzen Oktober zur Verrichtung dieses Gebets bestimmt und dann noch vorgeschrieben, dass der Lauretanischen Litanei auch die Anrufung „Königin des heiligsten Rosenkranzes“ beigefügt werde, gewissermaßen als gute Vorbedeutung für den Sieg in dem gegenwärtigen Kampfe.

 

Dann bleibt noch übrig, darauf hinzuweisen, dass das Rosenkranzgebet einen hohen Wert und Nutzen besitzt, weil es mit zahlreichen Privilegien und Rechten ausgestattet ist und vor allem an dem Schatz der Ablässe überaus reichen Anteil nimmt. Wie sehr daher allen denjenigen, die um ihr Seelenheil besorgt sind, daran gelegen sein muss, sich dadurch zu bereichern, ist leicht einzusehen. Es handelt sich nämlich um den gänzlichen oder teilweisen Erlass der zeitlichen Strafen, welche auch nach Vergebung der Sünde in diesem oder aber im jenseitigen Leben verbüßt werden müssen. Sehr reich ist ja der Schatz Christi, der Gottesmutter und der Heiligen, aus ihren Verdiensten entstanden, in Bezug auf welchen Unser Vorgänger Clemens VI. mit Recht jene Worte aus dem Buch der Weisheit anwendete: „Unendlich ist der Schatz für die Menschen; diejenigen, welche davon Gebrauch machen, sind der Freundschaft Gottes teilhaftig geworden.“ Schon haben die römischen Päpste kraft der ihnen von Gott verliehenen Gewalt den Marianischen Sodalitäten vom heiligsten Rosenkranz, welche diese Gebetsübung pflegen, die reichen Schätze dieser Gnaden erschlossen.

 

Daher haben auch Wir, in der Meinung, dass durch diese Wohltaten und Ablässe die Krone Marias um so heller leuchte und dadurch gewissermaßen mit den prächtigsten Edelsteinen geziert werde, den lange im Geiste überdachten Plan einer Konstitution über die Rechte, die Privilegien und Ablässe, welche die Sodalitäten vom heiligsten Rosenkranz genießen, zur Reife gebracht. Diese Unsere Konstitution soll ein Zeugnis für Unsere Liebe zur allerhehrsten Gottesmutter abgeben und gleichzeitig den gesamten Gläubigen ein Sporn sein und eine Belohnung für die Frömmigkeit darbieten, damit sie in der Todesstunde durch deren Hilfe erhöht werden und in ihrem Schoß süß ruhen könnten.

 

Das erflehen wir von Gott aus tiefster Seele und zwar durch die Vermittlung der Königin des heiligen Rosenkranzes. Und als Vorbedeutung und Unterpfand der himmlischen Gnaden erteilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, dem Klerus und dem Eurer Obhut anvertrauten Volk in großer Liebe den apostolischen Segen.

 

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 5. September 1898 im 21. Jahr Unseres Pontifikates.

 

Papst Leo XIII.