Die Königin des hochheiligen Rosenkranzes

 

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt:

Doch keins von allen kann dich schildern,

wie meine Seele dich erblickt.

 

So sang der bekannte Dichter Novalis. Wie gerne sehen wir die Bilder der lieben Mutter Gottes, falls sie nur von tüchtigen und frommen Meistern gezeichnet sind. Ein jedes ist anders wie das andere, in einem jeden finden wir einen Zug unserer himmlischen Mutter wieder, in diesem den einen, in jenem den andern; ihre ganze Schönheit, Majestät und Liebe, wie wir sie einst im Himmel zu schauen hoffen, wird eben keine irdische Hand und keine irdische Farbe wiedergeben können. Das gilt auch von den vielen Bildern, welche die seligste Jungfrau als Rosenkranzkönigin uns vorführen wollen.

 

Wir sehen hier so ein Bild; es ist etwas anders wie die andern, und doch wieder so schön. Wir verdanken es der Malerin Freifräulein Anna Maria von Oer zu Gößweinstein in Oberfranken, geboren zu Dresden am 9. Dezember 1846. Betrachten wir ein wenig das Bild der Rosenkranzkönigin.

 

Die Königin des hochhl. Rosenkranzes, Freiin Anna Maria von Oer zu Gößweinsten in Oberfranken
Die Königin des hochhl. Rosenkranzes, Freiin Anna Maria von Oer zu Gößweinsten in Oberfranken

 

Es fällt uns wohl gleich auf, dass die Malerin uns hier nicht so sehr den äußeren Glanz der Himmelskönigin darstellen wollte. Wir sehen keinen königlichen Thron, keinen königlichen Hofstaat, nicht einmal eine besondere Verbrämung oder sonstige Verzierung des Gewandes; nur eine sehr einfache Krone zeigt die Königin an. Man denkt unwillkürlich an die Psalmenstelle, wo es von der vom göttlichen Bräutigam erwählten Königin heißt: „Alle Herrlichkeit der Tochter des Königs ist inwendig.“ Beim Rosenkranz selbst ist es ja auch so, äußerlich so einfach, innerlich so reich. Freilich, diese innere entzückende, himmlische Hoheit und Schönheit spricht aus dem ganzen Bild in allen Zügen. Welche Würde und Eleganz offenbaren die äußerst einfachen und doch so fließenden und zarten Linien des Mantels, des Kleides, des Schleiers der seligsten Jungfrau, wie auch des Röckleins ihres göttlichen Kindes. Man denkt, es sei gar zu einfach, und doch, wie wirkt gerade diese Einfachheit hier so schön. Und die wunderbar ernstmilden Züge in dem Antlitz der Mutter und des Kindes! Betrachte sie recht lange und aufmerksam und schaue dem Kind in die Augen! Die Mutter schaut ja auch unverwandt zum Kinde hin. – Was will das Kind auf dem Schoß der Mutter, da es dich so anschaut, wohl sagen? Die liebe Mutter Gottes hat ihm mit der rechten Hand offenbar einen Rosenkranz gereicht und es gebeten, denselben für uns zu segnen. Das Kind aber hat ihn am Kreuzchen angefasst und ihn so hochgehoben, und während es nun uns das Kreuzchen am Rosenkranz zeigt, erhebt es die Rechte und segnet den Rosenkranz und segnet auch dich. „Bete den Rosenkranz“, will das göttliche Kind dir sagen, „und betrachte in den Geheimnissen, was ich und meine Mutter für dich getan und gelitten haben, und wohin wir dich führen wollen, wenn du uns folgen willst.“

 

Die Züge des göttlichen Kindes sind mild, aber doch wieder recht ernst; fast möchte man denken, sie sprächen etwas Trauriges und Flehendes aus, wie auch die Züge der Mutter nicht ohne Sorgen sind; die Mutter schaut ja auch genau auf das Kreuzchen in der Hand des Kindes hin. Es ist, als hörten wir die Klage: „So viel Liebe, so viel Opfer für die Menschen – und wo ist die Dankbarkeit der Menschen? Und wie viele werden doch zugrunde gehen!“ – Und wiederum hören wir die Bitte, die das Kind in seinem eigenen und seiner heiligsten Mutter Namen aussprechen will: „Nehmt den Rosenkranz, betet den Rosenkranz, dann wird das Licht der Gnade euch leuchten im heiligen Glauben, dann wird der Mut euch wachsen in der heiligen Hoffnung, dann wird die heilige Liebe in euch entzündet werden, dann werdet ihr die königlich-siegreiche Kraft des Rosenkranzes auch an euch erfahren in jeder Bedrängnis und jeder Gefahr.“ – Es ist nichts anderes, als jener Ruf, den Leo XIII. in seinen Enzykliken über den Rosenkranz an die ganze Christenheit richtete.

 

Die Besprechung des Bildes würde unvollständig bleiben, wenn wir nicht auch noch auf eine Besonderheit desselben aufmerksam machen würden, die, wie es scheint, einen sehr tiefen und großen Gedanken ausspricht. Wenn sonst die Maler die seligste Jungfrau als Königin darstellen, so nehmen sie als traditionelle Farbe für das Kleid der Mutter Gottes rot oder einen goldigen Ton, der Mantel ist blau. Hier ist das nicht, das Kleid ist schneeweiß, während der Mantel offenbar blaue Farbe anzeigt. Weiß und blau sind aber die Farben, welche der Darstellung der allerseligsten Jungfrau als der „unbefleckt Empfangenen“ eigen sind. Ebenso erinnert hier der Sternenkranz in dem Glorienschein um das Haupt an die unbefleckte Empfängnis. Malerisch hat das helle Weiß des Kleides in Verbindung mit dem gleichen Weiß des Schleiers eine schöne Wirkung, indem so die Gruppe aus dem dunklen Hintergrund sehr schön heraustritt. Aber es liegt etwas viel Größeres in der Verbindung dieser beiden Eigenschaften Mariens als Rosenkranzkönigin und als der unbefleckt empfangenen Jungfrau. Königin des heiligen Rosenkranzes nennen wir Maria, weil sie ihre königliche Macht über alle Mächte der Finsternis und allen Andrang jeglichen Übels so ganz vorzüglich durch den heiligen Rosenkranz und die Rosenkranzbruderschaft gezeigt hat, wie wir es aus der Geschichte wissen. Von der unbefleckten Empfängnis aber heißt es: „Und Gott sprach zur Schlange: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft; sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ In beiden Fällen ist es: Maria de Victoria – Maria vom Sieg.