Der Rosenkranzfranzl

 

Ein Bericht aus schweren Tagen von Heinz Faller

(erschienen in „Rosenkranz“, Juli 1956, S. 202-204)

 

Der Lagerkoller wuchs von Tag zu Tag. Das entnervende Nichtstun, die ungewisse Zukunft, die Kartoffelschal-Brühe – all das zermürbte die Männer des Lagers im Waldgebiet bei Lunéville (Lunéville [ly.ne.vil] ist eine Gemeinde im Département Meurthe-et-Moselle in der Region Lothringen). Der Kommandant war ein Gottesleugner und Menschenhasser. Seine Reitpeitsche tanzte täglich in höllischem Rhythmus auf den kleidlosen Rücken der Landser.

 

An einem Sonntagmorgen wurden wir erneut durchsucht. „Filzen“ nannte man das im Lagerjargon. Wir besaßen nichts mehr außer einer leeren Konservendose zum Empfang der Brühe, einem zerfetzten Handtuch und einem durchlöcherten Hemd. Uhren, Ringe, Rasierzeug und Wäsche waren längst in den großen Taschen der Posten verschwunden. Wir hatten alles hingenommen, so wie müde Hunde Stockhiebe empfangen. Wir waren leer und ausgebrannt. Auch unsere Seelen.

 

So war es nicht verwunderlich, dass uns die erneute „Filzung“ nicht im Mindesten erregte. Wir breiteten alles vor uns aus auf unsere stinkenden Pferdedecken und blickten stumpf auf die glänzenden Lackstiefel und die wippende Peitsche, die durch die Reihen gingen. Was konnte schon zu finden sein bei diesem Basar des Elends, diesem Ausverkauf der Hoffnungslosigkeit? ...

 

Franzl, ein bärtiger Tiroler Bauer, Gebirgsschütze in zwei großen Kriegen, hockte am Fenster. Seine dunklen Augen brannten wie im Fieber.

 

„Taschen auf!“ Die Stiefelspitzen traten zwischen Dosen, leere Schachteln, Socken, rostige Löffel, ein paar abgegriffene Fotos. Franzl gehorchte und knöpfte seine Rocktaschen auf. Eine Blechbüchse mit Zigarettenstummeln gesellte sich zu den Vagabunden auf der Decke. „Sonst nix?“ Der Kommandant hatte eine messerscharfe Stimme. „Nein nix!“ Franzl schüttelte seinen Kopf. Aber – Herrgott – der Mensch ging nicht weiter, blieb lauernd stehen, schob mit einem Ruck den Franzl beiseite und riss die Decke mitsamt dem Stroh vom Boden. „Olala – du sein verruckt – du sein große filou – du tout de suite in bunkaer!“

 

Auf den Brettern lag ein Taschenmesser, ein winziges Ding, so wie es zufriedene Väter ihren Jungen auf dem Jahrmarkt erstanden, früher einmal. Jetzt lag das Ding da, unansehnlich und gar ein wenig verrostet, und daneben lag eine Reihe holzgeschnitzter Perlen, mit einem Faden zu einer Kette vereinigt. Eine Handvoll dieser Perlen fehlte noch dem Rosenkranz.

 

„Nix gutt“, sagte das feiste Gesicht noch einmal, „Nix gutt“, und die Stiefel zertraten mit Gewalt die Holzperlen.

 

Wir alle standen starr. Der Besitz eines Messers war bei schwerster Strafe verboten. Wie konnte der Tiroler nur . . .?

 

Franzl wurde abgeführt. Er ging kerzengerade. Mir fiel ein Bild ein aus meiner Jugend, aus der Schule, ein Bild, wie man einstmals den Andreas Hofer gen Tal führte. Herrgott, ja – so schritt auch der Franzl. Noch wagte keiner ein Wort. Erst als die Schritte unten auf dem Hof klangen, prallten die Gemüter aufeinander. Heftige Worte wurden laut. Für und gegen den Franzl. „Bravo, Franzl“, schrien die einen, andere begehrten auf, drohten dem „Spintisierer“, dem „Pfaffenknecht“. Sicher müsse nun die ganze Kompanie büßen.

 

Nur einer weinte still vor sich hin. Es war Heino, der blonde Finnenjunge, der als Treibholz des großen Völkermordens hier als prisonnier gelandet war. Nur wenige wussten, dass Heino in den bitteren Wochen der Gefangenschaft in Franzl einen rettenden Helfer, ja, noch mehr, einen gütigen Vater gefunden hatte. Kaum 18 Jahre zählte der Junge, der, in den Wäldern Kareliens aufgewachsen, schon in Kindertagen in den Strudel des Krieges geschleudert worden war. Vater und Mutter waren seinem Gedenken entglitten; ja selbst die Gnade einer Muttersprache hatte das Schicksal Heino verwehrt. Seine Sprache war ein seltsames Kauderwelsch aus Finnisch, Russisch und Deutsch, dem Jungen zur Qual, den Kameraden zuweilen eine dürftige Gaudi.

 

Noch ehe Franzl aus dem Arrestbunker wiederkam, hatte es sich herumgesprochen: Der Lagerkoller, diese zermürbende Krankheit, die Leib und Seele in gleicher Tücke folterte, hatte einen aus der Kompanie angesprungen, ihn zu Boden geworfen. Der war zum Judas geworden, hatte den Franzl gesehen und gemeldet.

 

Franzl kam gerade recht, um das Strafgericht der Kompanie an dem Verräter zu verhindern.

 

Dass man ihn fortan den „Rosenkranzfranzl“ nannte, kümmerte den Tiroler wenig. „Mei` Mutta selig hat schon immer g`sagt, wer ein Rosenkranzerl bei sich tragt und sich damit an` Herrgott festbind`, geht nit verlorn. S` ist grad wie a Seil im Fels.“ Damit rollte sich Franzl zur Seite und ließ das Gespött auf seinen breiten Buckel prallen.

 

Die Tage wurden immer schlimmer. Der Hunger weckte schlimme Geister. Misstrauen, Neid, Hass schossen ins Kraut wie giftige Blüten. Die ersten Brotdiebstähle erhitzten die Atmosphäre. Prügeleien wechselten mit zügellosen Wortgefechten. Das Stacheldrahtfieber ging um. Nistete sich in Herzen und Sinne. Das tägliche Brotteilen wurde zum Götzendienst. Wie gierige Raubtiere umlauerten die Männer den Teiler, mit flackernden Augen jede seiner Bewegungen misstrauisch verfolgend.

 

Endlich gab es Zigaretten. Es war ein Unglück. Tauschgeschäfte steigerten noch Zank und Streit. Flüche und Beschimpfungen schwirren wie giftige Pfeile durch das Halbdunkel der Baracke und zeigten, dass Menschenwürde und Gottgedenken immer mehr aus den Fugen gerieten.

 

Die Gesichter wurden knochiger; die Augen blickten von Tag zu Tag hoffnungsleerer aus dunklen Höhlen. Die ersten Ruhrkranken wankten in die Krankenbaracke. Die ersten Hügel wuchsen auf der herbstlichen Wiese hinter dem Lager. Es ließ sich schlecht verbergen, dass Franzl die Hälfte seiner Brotration an Heino abgab. Er tat das mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der allen irdischen Hunger in das göttliche Maß der Dinge einzureihen weiß. Die Spötter gaben bald das Rennen auf.

 

Einige wollten sogar gesehen haben, dass der Rosenkranzfranzl dem Heino das Beten beibringe. Drunten, an dem zerfallenen Pferdestall habe man beobachtet, wie der Alte dem Jungen die Hände zum Gebet ineinandergelegt hatte.

 

Es kam, wie es kommen musste. Eines Tages wurde Franzl in die Krankenbaracke getragen. Ruhrverdacht.

 

Zwei Tage später erwischte man den Heino beim Brotklauen. Fürchterlich wurde der Junge verdroschen. Am andern Morgen fand ihn ein Posten am Zaun. Mit einem schartigen Dosendeckel hatte er seinen Puls zerfetzt. Eine sofortige Blutübertragung rettete ihm das Leben. Der neue Kommandant hatte das Blut gespendet. Gott lebte noch . . .

 

Franzl tobte wie ein Irrer, als der „Sani“ die Neuigkeit von dem Finnenspitzbub als Frühstück servierte. Ein Fieber schüttelte drei Tage den Mann. Doch das harte Tirolergewächs zeigte sich Ruhr und Fieber gewachsen. Zäh war der Franzl wie eine Bergfichte, das musste man sagen, trotz der halben Brotration.

 

Der neue Lagerchef erlaubte dem Franzl nach seiner Genesung, an der Seite seines kleinen Freundes zu bleiben. Heino schwebte immer noch zwischen Leben und Tod. Ein Weinkrampf packte den Jungen, als er Franzl zum ersten Mal wiedererkannte. Sein Kopf glühte vor Scham und Reue.

 

Der Rosenkranzfranzl umsorgte Heino wie sein eigen Kind. Brot gab´s jetzt auch mehr; auch die Brühe war zur dicken Suppe avanciert. Oft hielt Franzl Heinos schmale Hände und erzählte Geschichten aus den Bergen, von den Dörfern und Leuten seiner Tiroler Heimat.

 

Nach harten Wochen hatte der Junge es geschafft. Er durfte wieder sitzen und blickte zum ersten Mal durch die Fenster, die am Abend die Oktobersonne zu feurigem Glühen brachte.

 

Und in dieses Glühen hielt an einem Sonntag der Franzl einen Rosenkranz dem Heino vor die glänzenden Augen, einen rechten Rosenkranz mit braunen, klobigen Perlen und einem dicken, unförmigen Kreuzlein. Heinos Augen weiteten sich, starrten erst auf den Franzl, der spitzbübisch grinste. „Komm Bub, jetzt erzähl ich dir d` Geschicht von dem Kranzerl. Bub, brauchst kein Angst net zu haben, s`war kein Messer dabei. Weißt, mein Brotration hab` ich durch Zigarettentausch vergrößert. Hab` selber nimmer g`raucht, dieweil ich`s doch immer so gern g`tan hab`. Aber schau, nass g`macht hab` ich`s Brot und gut geknetet. Hübsche Perlen hab i` g`dreht, feine Perlen, da, schau, und gut getrocknet auf`m Öfchen. Freilich, die ersten gingen daneben, aber nachher ging`s ganz sauber. Ein` Faden hat mir der Sani g`schenkt. Nadeln gibt`s ja g`nug im Revier. Siehst, jetzt ist`s fertig. S` Kreizerl ist aber noch nit ganz trocken.“

 

Da lag das merkwürdige Ding auf der Decke vor Heino, und der machte runde Kinderaugen. Ja, das war Franzl`s Rosenkranz, der auf Frankreichs blutgetränkten Fluren gewachsen ist. Ein Rosenkranz, den frommer Sinn und die Not der Zeit geschaffen hat.

 

Fortab ging zuweilen ein stilles Murmeln durch den Raum, ein holpriger Bass und eine helle Stimme, die tagtäglich an Festigkeit gewann.

 

Noch vor Weihnachten wurde Franzl als Österreicher entlassen. Der Kommandant hatte dem Tiroler außerdem die Erlaubnis erwirkt, Heino auf seinen Berghof über Innsbruck mitzunehmen. Als der Offizier das dem Franzl mitteilte, stand der Alte stramm. Wie ein Rekrut. Ich habe den Franzl nie in solcher Haltung gesehen. Es war beinahe komisch. Aber es lachte keiner. Auch nicht, als der Franzl mit seiner rissigen Faust die Hand des Offiziers drückte.

 

Fast die ganze Kompanie stand am Tor, als es Franzl und Heino den Weg in eine neue Zukunft freigab. Heino hielt des Tirolers Hand. So schritten beide zum LKW, der sie zum Bahnhof bringen sollte.

 

Ob der Junge wohl wusste, dass da ein Vater neben ihm ging, sein Vater, sein Retter, der ihm Leib und Seele aus dem Schutt der Zeit gewühlt und ihn der Welt und Gott wiedergegeben . . .?

 

Und der Kommandant, der sein Blut gegeben hatte, stand da und salutierte, als die beiden noch einmal winkten, Heino und der Rosenkranzfranzl . . .