Der Rosenkranz, ein Rettungsmittel in den Gefahren unserer Zeit

 

Von: F. Sandholzer, Pfarrer

Aus: Der Armen-Seelen-Freund

Heft 1-7, Oktober 1911 bis April 1912, 16. Jahrgang

 

Zwei Opferaltäre schauen wir am ersten, am blutigen Karfreitag auf der Schädelstätte. Der Leidenszug ist auf der Höhe des Kalvarienberges angelangt, die Kriegsknechte bereiten die Mordwerkzeuge: Hammer, Nägel und Stricke. Jesus wird herbeigeführt, nachdem man die an seinem ganz mit Wunden bedeckten Leib angeklebten Kleider gewaltsam herabgerissen hat. Im Gehorsam legt er sich auf diesen Altar, um sich mit den schärfsten Nägeln an ihn heften zu lassen. Es ertönt Schlag auf Schlag, hoch auf spritzt das göttliche Blut und rötet die Arme der Peiniger. Diese heben und ziehen das Kreuz und seine Last in die Höhe, bis sein Fuß mit erschütterndem Stoß in die Tiefe fährt. Der Altar ist aufgerichtet, auf ihm liegt das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sündenschuld und Sündenschmach der Welt. Auch der hohepriesterliche Schmuck fehlt nicht, seine Mitra ist die Dornenkrone, sein hohepriesterliches Gewand die Purpurfarbe der Wunden und des herabströmenden Blutes. Sterbend erhebt der Heiland nochmals die Augen zum Himmel und ruft das große Wort der Erlösung: „Es ist vollbracht!“ Überwunden sind Sünde und Hölle, geöffnet die Pforten des Himmels! Vor diesem Kreuzaltar lasst uns oftmals niederfallen und in Dankbarkeit geloben: Jesus, Dir wollen wir leben! Jesus, Dir wollen wir sterben! Jesus, Dein wollen wir sein und bleiben für immer!

 

Einen zweiten Altar findet ihr auf Golgatha. Ihr kennt wohl alle das Vesperbild: die schmerzhafte Mutter mit dem von der Fußsohle bis zum Scheitel verwundeten und zerrissenen Leichnam Jesu auf dem Schoß! In diesem Augenblick hat sich erfüllt die Weissagung Simeons: „Deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen!“ erfüllt das Wort des Propheten: „Groß wie das Meer ist dein Schmerz! Endlos, grundlos, uferlos wie das Meer!“ Doch auch Maria opfert ihren göttlichen Sohn als Lösepreis für die Sünden der Welt. Wie bei der Verkündigung des Engels spricht sie auch am Fuß des Kreuzes: „Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn!“ In dieser Hinsicht nennt sie der heilige Epiphanius, einer der ältesten Väter, den St. Augustin als einen bewunderungswürdigen, mit dem Geist Gottes erfüllten Lehrer rühmt, Priesterin und Altar. Und der heilige Germanus, Patriarch von Konstantinopel, ruft ihr zu: „Sei gegrüßt, heiliger Gottesthron, Schatzkammer des Himmels, Versöhnungsaltar der Welt!“ Von der Krippe bis zum Kreuz findet ihr Jesus und Maria beisammen. Was aber Gott verbunden hat, dürfen wir nicht auseinander trennen. Mit vollem Recht konnte ein Prediger jenen Tausenden von Männern aus Wien, die gemeinsam nach Maria-Zell gepilgert, das Wort zurufen: „Ein Volk, das Christum wieder findet, findet auch seine Mutter wieder!“

 

Auf die 12. Station: „Jesus erhöht am Kreuz“ folgt die 13. „Jesus im Schoß seiner Mutter“, so ist es im Kreuzweg, so sei es auch in unserem Leben! Nach Jesus schulden wir unseren glühendsten Dank, unseren treuesten Dienst Mariä. Um eure Andacht und Liebe zur Gottesmutter in euch immer mehr zu befestigen, möchte ich hinweisen auf die vorzüglichste aller Marianischen Andachtsübungen, auf den heiligen Rosenkranz. Er war stets ein Hilfsmittel in aller Not, er ist auch ein Rettungsmittel in den Gefahren unserer Zeit! Zu Maria aber flehen wir in Demut:

 

Mutter der Barmherzigkeit,

Zuflucht aller Sünder,

Helferin der Christenheit,

Segne deine Kinder!

 

Eine „göttliche Andacht“ nennt der große Bischof von Mailand, der heilige Karl Borromäus, den Rosenkranz. Ein wahres Wort, denn der Rosenkranz hat seinen Ursprung im Himmel. In jenem glückseligsten aller Augenblicke, in welchem der Erzengel im Namen der anbetungswürdigen Dreieinigkeit der seligsten Jungfrau zurief: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“ hat auch der Rosenkranz begonnen. Alle Engel Gottes, alle Heerscharen des Himmels stimmten ein in den Gruß Gabriels: Ave Maria! Doch auch die Art und Weise des Rosenkranzes, wie jetzt wir ihn beten, verdanken wir nicht dem Scharfsinn eines Gelehrten, nicht dem Eifer eines Missionars, nicht der Anordnung eines Papstes, sondern dem Eingreifen des Himmels, der Güte der seligsten Jungfrau. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts verbreiteten die Sekten der Albigenser und Waldenser in vielen Gegenden die fürchterlichste Verheerung; sie waren die grimmigsten Feinde der Kirche wie des Staates, ihre Lehre ein Gemisch abscheulicher Irrtümer. Mit Feuer und Schwert durchstreiften sie die Länder, plünderten die Kirchen, mordeten die Priester, traten das Allerheiligste mit Füßen. Vergeblich suchte der heilige Dominikus, vergeblich suchten tausend andere Missionare dem Strom des Verderbens, der Ausbreitung der Irrlehre einen Damm entgegenzusetzen. Von der Not der Christenheit aufs schmerzlichste gerührt, wandte sich Dominikus in immer heißeren Gebeten an die Mutter der Barmherzigkeit. Und siehe! Die Himmelskönigin neigte sich nieder zu ihrem frommen Diener und offenbarte ihm die Andacht des Rosenkranzes als die wirksamste Waffe, die Irrlehre zu vertilgen, das Laster auszurotten, den Eifer zu entflammen, die Erbarmungen des Herrn herabzurufen. Wunderbar war der Erfolg der ersten Rosenkranzpredigten des heiligen Dominikus und seiner Gefährten. Hunderttausende von Irrgläubigen söhnten sich aus mit der Kirche, eine zahllose Menge der verstocktesten Sünder bekehrten sich. So ist schon die erste Wirkung dieses Gebetes ein augenscheinlicher Beweis, dass es nicht ohne Hilfe des Himmels eingeführt worden ist.

 

Vom Himmel kommt und des Himmels würdig ist auch der Inhalt des Rosenkranzes. Wir beten das Apostolische Glaubensbekenntnis, für das das Märtyrerblut in Strömen geflossen ist, in dem Millionen und Milliarden ihr Heil und ihre Seligkeit gefunden haben. Es folgt das „Vaterunser“, das nicht einer der Cherubim oder Seraphim, das der ewige Gottessohn uns gelehrt hat. Er war der erste, der es gebetet hat. Und die Völker aller Sprachen und Farben wiederholen es viel millionenmalig jeden Tag und jede Nacht, und werden es wiederholen bis zum Ende der Welt. St. Augustin nennt es einen Ozean, dessen Schätze nie erschöpft werden können. Enthalten nicht schon die beiden Worte „Vater unser“ das ganze Christentum, die beiden Hauptgebote der Gottesliebe und Nächstenliebe? Erhebt uns nicht schon die Vorrede dieses Gebetes über die Sterne des Himmels, hinauf zum Thron Gottes, des Allerhöchsten? Daran schließt sich das Ave Maria an. Ist nicht Gott selbst der Verfasser? Solange die Christenheit ihres Erlösers nicht vergessen wird – und sie kann seiner nicht vergessen –, wird auch dieser Gruß des Engels den freudigsten Widerhall finden in den Herzen aller Gläubigen. Ein Volk ruft dem andern, ein Jahrhundert dem andern zu: Ave Maria! Sobald der Morgen graut, mahnen dich viele Glocken, zu beten: Ave Maria! Wenn die Sonne im vollen Glanz über deinem Haupt schwebt, so fordern dieselben Stimmen dich wieder auf, des großen Geheimnisses zu gedenken. Und wenn das Abendrot schwindet von den Bergen und die Nacht sich lagert mit ihren schimmernden Sternen über die Erde, ertönt nochmals die Glocke und bei des Tages Schluss sei dies dein letzter Gruß: Gegrüßet seist du, Maria! Seit den ältesten Zeiten wird das Ave mit einem Bittgebet geschlossen. Im Jahr 431 lehrte Nestorius, Patriarch von Konstantinopel, es sei nicht erlaubt, Maria Gottesgebärerin zu nennen. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die christliche Welt. Zweihundert Bischöfe versammelten sich zu Ephesus am 22. Juni. Den ganzen Tag stand das gläubige Volk vor dem Portal der Kirche. Es war bereits Nacht, als Cyrillus feierlich das Verdammungsurteil der neuen Irrlehre verkündete. In lauten Jubel brach die Menge aus, wie Engel vom Himmel gesandt wurden die Bischöfe begrüßt, Freudenfeuer wurden angezündet, alle Straßen ertönten vom Preis der seligsten Jungfrau! Von diesem Tag an sind dem Englischen Gruß die Worte beigesetzt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!“ Gewiss ein Gebet voll der Demut, voll des Glaubens und des Vertrauens!

 

Als die schönsten Blumen flechten wir in diesen Kranz die fünfzehn Geheimnisse im freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranz. Das ganze Werk der Erlösung, das Leben Jesu von jenem Augenblick, in dem er den Himmel verlassen, bis zum Augenblick, in welchem er aufgefahren in denselben, wird uns vorgeführt; das sind fünf Rosen schneeweiß, fünf Rosen blutrot, fünf Rosen goldstrahlend; das sind Geheimnisse, die nicht in Jahrtausenden, die nicht in Ewigkeit ausgedacht werden können! Wenn wir jeden Absatz mit dem Lobspruch schließen: „Die Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist!“ so ist das ein Gebet, das wir den Engeln abgelauscht haben, die Gott immerdar preisen: „Heilig, heilig, heilig bist Du, o Herr, der Heerscharen!“ Und dieser Rosenkranz soll, wie die Spötter sagen, ein langweiliges, geisttötendes Gebet, er soll ein sinnloses Herunterleiern, ein mechanisches Herplappern sein? Was der Edelstein ist für den Ring, was die Blumen sind für den Garten, die Sterne für den Himmel, das sind die Geheimnisse des Rosenkranzes für unsere Betrachtung. Es soll mir irgendeiner sagen, was an dieser Andacht nicht ehrwürdig, heilig, göttlich ist. Doch ich weiß es, es ist die oftmalige Wiederholung, die vielen missfällt. Hat der Heiland selbst nicht dreimal die Bitte am Ölberg wiederholt: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Kehrt nicht 27-mal im 135. Psalm der Vers wieder: In aeternum misericordia ejus, „In Ewigkeit währt seine Barmherzigkeit?“ 30-mal rufen die drei Jünglinge in Babylons Feuerofen: Benedicite! „Preiset den Herrn!“ Der schmerzgequälte Kranke wiederholt seinen Klageruf und der Bettler am Weg seine Bitte; selbst der leichtfertige Mensch singt sein unflätiges Lied und singt es immer wieder! Und wenn nun wir in unserer Armut, im Gefühl unserer Unwürdigkeit, unseres Sündenelends unsere Bitte erneuern –ist das tadelnswert? Wer ärgert sich darüber, dass er tausendmal dasselbe Blatt sieht auf dem Baum, dieselbe Blume auf der Au, dieselbe Ähre auf dem Saatfeld? Und wenn vielleicht millionenmalig jede Stunde der allerheiligste Name Gottes fluchend und lästernd missbraucht wird, ist es dann nicht ein Akt der Sühne, wenn wir zehnmal bei jedem Rosenkranzgeheimnis voll Ehrfurcht nennen den Namen Jesus? Eine Menge von Andachten schließt der Rosenkranz in sich; du verehrst in ihm die Kindheit Jesu, sein bitteres Leiden und Sterben, seine heiligen fünf Wunden; du gedenkst in ihm der sieben Schmerzen und Freuden Mariä wie des heiligen Joseph; er ist die schönste Andachtsübung zur Erlangung einer glückseligen Sterbestunde. Wenn in dieser gottentfremdeten Zeit die Andacht zum göttlichen Herzen Jesu uns zur Nachfolge seiner Tugenden einladet (Matthäus 11), wenn bei der jetzigen Zersplitterung und Selbstsucht die Liebesstrahlen aller Herzen sich sammeln sollen in dem einen Brennpunkt desjenigen Herzens, das mit ewiger Liebe uns geliebt, ist dann der Rosenkranz nicht eine wahre Hochschule des göttlichen Herzens? Mit der Verehrung des Herzens Jesu verbunden ist das Gebetsapostolat: ein Apostelamt durch das Gebet; der allerälteste und bis weitaus größte Verein zu diesem Zweck ist die Rosenkranzbruderschaft. Wie zur Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden ist der Rosenkranz dir ein Mittel zur Erlösung der armen Seelen; wir beten in ihm: „Bitte für uns arme Sünder“. Das Wörtlein „uns“ bezieht sich auf die ganz streitende und leidende Kirche, auf alle, die noch Sünder sind, die noch Sünden-Schuld und Sünden-Strafe auf sich geladen haben. Sehr passend lässt die Rosenkranz-Andacht sich vereinigen mit der Heiligen Messe; wie sie ein vierfaches Opfer ist, ein Lob- und Dank- und Sühn- und Bittopfer, so ist auch der Rosenkranz ein Lob- Dank- Sühn- und Bittgebet. Er passt zum feierlichen Amt wie zur Totenmesse, zum Fronleichnamsfest wie zum Leichenbegängnis; er passt zum tiefsten Schmerz, zu banger Klage, zur größten Freude. So oft du den Rosenkranz betest, machst du im Geist eine Wallfahrt nach Nazareth und Betlehem, zum heiligen Haus nach Loretto, zum Grab Christi nach Jerusalem, und heiliger und Ehrwürdiger sind keine Stätten auf Erden, wo auch die Sonne sich neigt, wo aus den Fluten sie steigt. Das ganze Kirchenjahr: die selige Weihnachtszeit mit dem Gloria der Engel, die Karwoche mit ihren Trauergesängen, der Ostertag mit seinem Halleluja kehren wieder im Rosenkranz; in einer kurzen Viertelstunde feierst du in ihm die schönsten Feste des Herrn und der seligsten Jungfrau. Wir dürfen also darüber nicht staunen, dass diese Gebetsform so beliebt und verbreitet ist. So manche Kapelle scheint nur dazu gebaut zu sein, als Versammlungsort zu dienen, in dem die zerstreut umherwohnenden Nachbarn ihren Psalter beten. In manch stolzer Kathedrale beginnt der Rosenkranz, wenn der priesterliche Chorgesang verklungen ist. Begegnest du einer Schar frommer Pilger, so hörst du von weiter Ferne ihr Ave; und gehst du in der Dämmerung des Feierabends durch eine christliche Gemeinde, so dringen dir aus manchem Haus die Klänge des Rosenkranzes entgegen, die hellen, reinen Kinderstimmen und der tiefe Chor der müden Arbeiter. Der Rosenkranz ist die Freude der Kinder Mariä wie die Zuflucht des armen Sünders. Wenn der junge Mann und die junge Frau an den Altar treten, um Gottes Segen zu erbitten für das eheliche Bündnis, so tragen sie den Rosenkranz.

 

Der Rosenkranz ist die Hoffnung des Schiffers auf dem Meer in brausendem Sturm; die Bergknappen beten ihn, ehe sie hinabsteigen in die gefahrvollen Tiefen. Um des Senners, um des frommen Hirten Hände schlingt sich der Rosenkranz auf hoher Alm; allein auf weiter Flur hält er seinen Gottesdienst, betet er seinen Rosenkranz. Das ist der Tag des Herrn! Die Barmherzige Schwester im Spital, die die ekelhaftesten Kranken pflegen, so oft das Röcheln der Sterbenden hören muss, schöpft im Rosenkranz ihren Heldenmut. Wenn der katholische Soldat auszieht zum Streit, dann ruht der Rosenkranz in seinem Tornister; ein Geistlicher, der den deutsch-französischen Krieg mitgemacht und Tausenden von verwundeten Soldaten beigestanden ist, berichtet, dass diese Tag und Nacht den Rosenkranz in den Händen hielten und ihn mit einem Eifer beteten, der ihn bis zu Tränen rührte. Wenn auch Du fern von Deiner Heimat sterben müsstest – wäre es auf der ödesten, entlegensten Insel des Ozeans – so lang du den Rosenkranz betest, bist du nicht einsam und verlassen, Maria, deine Mutter, ist bei dir und mit dir. Nimm überall deinen Rosenkranz mit, er ist ja ein Buch, ganz klein und doch sehr inhaltsreich; selbst der Blinde kann in diesem Buch lesen. Wenn einzelne von diesem Gebet nichts wissen wollen, so hat auch dies seine Gründe; der Rosenkranz ist ein katholisches Glaubensbekenntnis, darum verhasst von den Glaubensleeren und Glaubensfeinden; er ist ein gar demütiges Gebet, darum sagt er hochmütigen Geistern nicht zu; er ist ein anhaltendes Gebet, darum sind ihm leichtfertige, zerstreuungssüchtige Herzen nicht hold. Unzählige Männer und Frauen, deren Namen glänzen in der Weltgeschichte, haben diese so erhabene und doch so demütige Gebetsweise hochgeschätzt und fleißig geübt. Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne niemals unterging, ließ sich durch die wichtigsten Staatsgeschäfte nicht abhalten von seinem täglichen Rosenkranz. Tilly, der Sieger in hundert Schlachten, konnte von drei Dingen nie sich trennen: vom Schwert, vom Kruzifix und vom Rosenkranz.

 

Und als zu Rain im Waffentanz

Die Kugel kam geflogen,

Da ist mit Kreuz und Rosenkranz

Der Held zu Gott gezogen.

 

Wenn Prinz Eugenius, der edle Ritter, abends durch das Lager ging und den Rosenkranz betete, so wussten seine Soldaten, was das zu bedeuten hatte und sagten sich: Morgen wird es wieder einen heißen Tag geben! Auch Radetzky, der nie besiegte Feldherr, war ein Rosenkranz-General. Während einer Dienstzeit von 73 Jahren hat er 17 Feldzüge mitgemacht. Noch mit 83 Jahren stellt er sich 1849 an die Spitze der Armee und schlägt den 21. März den Feind bei Vigevano, am 22. bei Mortara und am 23. bei Novara so entschieden, dass Karl Albert seine Krone niederlegen musste. Drei Tage, drei Schlachten, drei Siege und Piemont lag Österreich zu Füßen! Als er vor der Schlacht bei Novara zu Pferd steigen wollte, suchte er ängstlich am Boden nach einem verlorenen Gegenstand, es war sein Rosenkranz. Ihr habt oft gehört von O`Conell, der es als seine Lebensaufgabe betrachtete, sein Vaterland aus einem der Sklaverei ähnlichen Zustand zu befreien, die Ketten zu sprengen, womit England die sieben Millionen katholischer Irländer gefesselt hielt. Nach jener berühmten Rede, die den Katholiken die Pforten des Parlamentes öffnete, zog er sich in eine Ecke des Saales zurück und betete den Rosenkranz. Werden nicht die Katholiken Deutschlands, ja der ganzen Welt stets in unvergänglicher Dankbarkeit nennen die Namen ihrer großen Vorkämpfer in schwerer Zeit: Mallinckrodt und Windthorst. Sie haben nicht Länder erobert, nicht Nationen aneinander gehetzt zu Blut und Mord: nein! sie haben gekämpft für die höchsten und heiligsten Güter der Menschheit, für die Erhaltung der Kirche, für das Recht, die Wahrheit und Freiheit. Was sie errungen, haben sie nicht allein für die Katholiken in Deutschland errungen, sondern der Segen, der von diesen Erfolgen ausfloss, hat sich ergossen über alle Katholiken des Erdkreises, sie alle mahnend und spornend zur Ausdauer in ähnlichem Ringen wider Unrecht und Gewalt. Auch diese Führer im geistigen Kampf waren Rosenkranz-Feldherren. Im Hause Mallinchrodts wurde in der Fastenzeit und im Maimonat täglich dies Gebet verrichtet. Windthorst war nicht nur ein Rosenkranzbeter, sondern auch ein Rosenkranzprediger; wie ein Missionar empfahl er diese Andacht auf den General-Versammlungen der deutschen Katholiken; in der von ihm errichteten Marien-Kirche in Hannover findet sich eine Rosenkranz-Gruppe, so schön, wie vielleicht kaum irgendwo weit und breit. Wer wagt es, solche Männer zu verspotten? Der französische Arzt Recamier ließ den Rosenkranz durch seine Finger gleiten, wenn er zu den Kranken fuhr, und doch sagt ein Freidenker von ihm, er sei die höchste Autorität in der Heilkunde, sein Ruf erfüllte Europa. Ich darf nicht schließen, ohne der berühmtesten Tonkünstler zu gedenken! Mozart hat weder im höchsten Unglück noch im vollen Glück des Rosenkranzes vergessen. Wer kennt nicht die Meisterwerke von Haydn? In unvergleichlichen Tönen hat er die Schöpfung der Welt, die sieben Worte Christi am Kreuz, die vier Jahreszeiten verherrlicht; stieß er auf Schwierigkeiten, so griff er zu seinem Rosenkranz. Christoph Gluck erhielt bei den Franziskanern den ersten Unterricht im Gesang. Von einem Bruder des Klosters erhielt er einst einen Rosenkranz mit der Mahnung: „Das ist alles, was ich dir geben kann, halte stets in Ehren den Rosenkranz und du wirst groß werden vor den Menschen und einst würdig der himmlischen Gesänge.“ Dies Wort war auch nicht vergeblich gesprochen; Gluck nannte den Rosenkranz sein Brevier.

 

Wie sehr steigt unsere Hochachtung vor dem Rosenkranz-Gebet, wenn wir der großartigen Wirkungen gedenken, die es hervorgebracht hat. Zahllos wie die Sterne des Himmels sind die Wunder, die der Rosenkranz gewirkt in Bedrängnissen einzelner wie ganzer Völker und Weltteile, in Gefahren des Heils wie in irdischen Nöten. Der Rosenkranz ist die Waffe der Kirche gegen ihre inneren und äußeren Feinde. Es war im Jahr 1571, als der wilde und grausame Selim an der Spitze eines furchtbaren und durch die errungenen Siege übermütig gewordenen Türkenheeres sich anschickte, in Europa einzudringen, um es in seiner ganzen Ausdehnung zu überschwemmen. Aber der Papst jener Zeit war ein würdiger Sohn des hl. Dominikus, der hl. Pius V. Er greift nach der unscheinbaren Waffe des heiligen Rosenkranzes. Er betete ihn mit aller Inbrunst des Herzens und des Geistes, wie nur immer ein Heiliger beten kann, und lässt ihn von allen Bruderschaften in Rom und in den übrigen christlichen Städten beten – und erlangte am ersten Sonntag des Oktobers 1571 jenen denkwürdigen Sieg, der ganz Europa den Glauben und die christliche Zivilisation vor dem barbarischen Joch des Halbmondes rettete. Der Papst sandte vor der Schlacht dem Großadmiral Johann von Österreich eine geweihte Fahne mit dem Bild der Gottesmutter und einen Rosenkranz; dieser wurde befestigt an der Flagge des Admiralschiffes. Hundert Jahre später nahm Sultan Soliman den Plan wieder auf, den christlichen Namen auf dem ganzen Erdboden wieder auszurotten. Zunächst sollte Wien fallen, die Vormauer Deutschlands; Wien sollte zu einer Türkenstadt, St. Stephan zu einer Moschee werden. Alles war in äußerster Angst, als ein ungeheures Türkenheer gegen Wien heranrückte. Wieder nahm man seine Zuflucht zu Maria, und die Rosenkranz-Bruderschaft hielt ihre Andachten und Prozessionen. Da kam zur rechten Zeit der Polenkönig Sobieski. Unter Anrufung der Himmelskönigin, unter dem Kriegsgeschrei „Maria!“ – griff er an und schlug das ungeheuer überlegene Türkenheer dergestalt in die Flucht, dass in wenigen Stunden das ganze Heer zerstreut und das Schlachtfeld mit Toten bedeckt war. Sobieski zog triumphierend in Wien ein, sein erster Gang war in die Augustiner-Kirche; dort legte er den Lorbeerkranz zu den Füßen der Marienstatue nieder, den die dankbaren Wiener ihm überreicht hatten. Stets trug Sobieski seinen Rosenkranz; dieser war 1883 bei der Ausstellung zum zweihundertjährigen Jubiläumsfest dieses Sieges zu sehen.

 

Zum dritten Mal wurde der Rosenkranz 1716 zum Schrecken der Türken; sie wurden geschlagen am Fest Mariä Schnee bei Peterwardein, während der Oktav von Mariä Himmelfahrt bei Korfu. Diese beiden Siege, durch die die Macht der Türken für immer gebrochen wurde, wurden allgemein der Fürbitte der Rosenkranzkönigin zugeschrieben. Zur dankbaren Erinnerung verordnete Papst Klemens XI., dass in Zukunft das Rosenkranzfest in allen Kirchen der Christenheit gefeiert werden solle. In dankbarer Gesinnung hat der Senat von Venedig feierlich erklärt: Non duces, non vires, non arma, sed Regina Rosarii fecit nos victores, „Nicht unser Führer, nicht unsere Macht, nicht unsere Waffen, sondern die Königin des Rosenkranzes machte uns zu Siegern!“ Unzählige Mal wiederholte sich diese Tatsache im 30jährigen Krieg; die katholischen Städte und Länder mussten fort und fort gegen vielfach überlegene Feinde kämpfen, gegen Deutsche, Dänen, Schweden und Franzosen. – Ein Übel entsetzlicher als der Krieg ist die Pest, die Hunderttausende hinweggerafft hatte; furchtbar litt durch sie die Stadt Pavia; doch an dem Tag, da gelobt wurde, eine Rosenkranz-Kapelle zu errichten, hörte die Pest auf. So wundervoll vertrieb der Rosenkranz die Pest zu Wien 1713, zu Paris 1748, zu Bologna 1630, zu Neapel 1656, zu Lissabon 1564.

 

Doch viel zahlreicher und großartiger sind die Wunder, die der Rosenkranz wirkt, wenn es sich um die Rettung der unsterblichen Seelen handelt. Wie viele Sünder sind durch ihn bekehrt worden, wie viele Ungläubige haben durch ihn die Gnade des Glaubens erlangt! Das Eichsfelder Volksblatt (1885, Nr. 52) berichtet von dem Sohn eines reichen Hauses, der bald nach dem Tod seiner Eltern auf die schlimmsten Abwege gekommen ist; doch seine fromme Schwester besuchte täglich eine Kapelle, die unweit der Stadt gelegen war, und empfahl dort ihren immer tiefer sinkenden Bruder der Mutter aller Gnade. 15 Jahre gingen vorüber, 15 Jahre der Sünde. Doch seine Schwester wankte nicht in ihrem Vertrauen. „Es ist nicht möglich,“ sagte sie, „Maria verlässt mich nicht.“ Aus dem Abgrund der Lasterhaftigkeit fiel ihr Bruder in den Abgrund der Verzweiflung. Eines Morgens war er daran, sich durch einen Sturz in den Fluss das Leben zu nehmen; schon erfasste er das Geländer, schon erhebt er den einen Fuß, da stößt er mit dem andern an etwas: es ist ein Rosenkranz; wie ein Blitz die finstere Nacht erleuchtet, durchzuckt der Gedanke seine Seele: Was wäre aus dir geworden im nächsten Augenblick? Er erkennt Gottes Gnadenruf, er ergreift diesen Rosenkranz, er beginnt das erste Mal zu beten nach langer Zeit und betend kommt er zu der Kapelle vor der Stadt, in der seine Schwester so manchen Rosenkranz für ihn gebetet hat, wohin sie auch heute beim ersten Morgengrauen geeilt war.

 

Wie groß war die Freude ihres Herzens, als sie ihren Bruder bitterlich weinend niedersinken sah vor dem Bild der Gottesmutter, der Zuflucht aller Sünder, der Hoffnung der Verzweifelten! „Nein, o Mutter, weit und breit schallt es durch deiner Kinder Mitte, dass Maria eine Bitte nicht gewährt, ist unerhört, unerhört in Ewigkeit!“ Vernehmt ein Beispiel, wie der Rosenkranz selbst die verstocktesten Sünderherzen überwindet. Im Gefängnis von Toulon hatte ein Galeerensträfling seinen Aufseher erstochen; das Todesurteil sollte in wenigen Stunden vollstreckt werden. Von unversöhnlichem Hass gegen die Religion erfüllt empfängt er den Priester unter Flüchen und Lästerungen, wie er sie nie gehört hatte. Die mildesten Worte, die ernstesten Ermahnungen waren vergeblich. Das Schafott steht schon aufgerichtet, man zählt nur mehr wenige Minuten bis zum Augenblick der Exekution. Den schrecklich brüllenden und vor Wut und Verzweiflung schäumenden Sträfling muss man knebeln und fesseln. Nochmals erscheint der Gefängnisgeistliche und vertrauend auf die seligste Jungfrau wirft er einen Rosenkranz um den Hals des Unglücklichen; und, o Wunder der Gnade! in diesem Augenblick ist der Löwe bezähmt, er fleht um Verzeihung, empfängt die Sakramente und stirbt voll Reue und Zerknirschung. Die übrigen Sträflinge des Zuchthauses waren durch diesen wunderbaren Beweis der Barmherzigkeit so sehr gerührt, dass sie ein eigenes Fest feierten zu Ehren der seligsten Jungfrau. Ein unvergleichlich schöneres Fest feierten die Engel des Himmels, die nach dem Wort des Evangeliums ein Freudenfest begehen über die Bekehrung jedes Sünders, ein umso größeres Freudenfest, je tiefer der Sünder gefallen, je geringer die Hoffnung auf seine Rettung gewesen ist. Wenn die heilige Kirche von Maria, ihrer Schutzherrin, erklärt: Tot sunt tibi dotes, quot sidera coelis, „Unzählbar sind deine Herrlichkeiten wie die Sterne des Himmels“, so dürfen wir mit demselben Recht ihr zurufen: „Unzählbar sind auch die Wunder deiner Barmherzigkeit! Du bist die Mutter der Barmherzigkeit! Ewig wollen wir preisen deine Barmherzigkeit!“

 

Der Rosenkranz ist auch oft der Vermittler gewesen für die Gnade des Glaubens. In der Propaganda zu Rom, in der Glaubensboten für die heidnischen Völker herangebildet werden, sammelten sich öfters die Zöglinge um einen greisen Missionar. Einmal zog dieser einen schlichten Rosenkranz hervor und sprach bewegt: „Dem Rosenkranz verdanke ich alles Glück meines Lebens. Meine Heimat ist in der Nähe der Stadt Damaskus. Meine Eltern gehörten dem Judentum an. Ich zählte ungefähr 15 Jahre, als eines Abends ein alter von Krankheit gebeugter Wanderer an unsere Behausung pochte und um Aufnahme bat, die wir ihm auch nicht versagten. Viele Stunden brachte ich an seinem Lager zu; vor seinem Tod offenbarte er mir, dass er ein Missionspriester sei, und bot mir diesen Rosenkranz, sein letztes und teuerstes Eigentum. Unwillig trat ich zurück, doch der Sterbende sprach voll Ernst: Diejenige, die durch ihn verehrt wird, ist die größte Tochter deines Volkes. In allen Gefahren deines Lebens wende dich an sie, sie wird gewiss dir helfen. Sie hat mir auch geholfen, darum bin ich Christ und Missionar geworden“, schloss Pater Vitalis. Für viel tausende andere ist der Rosenkranz zu dem Stern geworden, der sie wie einst die Könige des Morgenlandes zur Krippe des Heilands führte. Ihr ruft in der Litanei Maria an als den Morgenstern. Ein Morgenstern ist auch der Rosenkranz, es verschwindet immer mehr die Nacht des Unglaubens, des Irrglaubens und des Glaubenszweifels, die Sonne der Wahrheit und der Gnade geht auf. Vor nicht langer Zeit äußerte sich ein Herr zu einem ihm befreundeten Priester: Ich möchte gern glauben, doch es ist mir unmöglich! Der entgegnete ruhig: Beten Sie den Rosenkranz und Sie werden glauben! Scheinbar ein sonderbares Mittel, doch es hat geholfen und wird wieder helfen. Denn eben im Rosenkranz schauen wir die Lehren des Glaubens, die Wunder des Glaubens, die Beweise des Glaubens, den Trost und Segen des Glaubens. Der Rosenkranz ist also ein höchst passendes Gebet für unsere Zeit der Glaubensgleichgültigkeit und Glaubenslosigkeit. Was das Öl ist für das Licht, ist das Gebet, besonders auch der Rosenkranz, für den Glauben. Die auffallenden Rosenkranz-Wunder unserer Zeit (denken wir an Lourdes, Valle di Pompeji usw.) sind ebenso viele göttliche Zeugnisse für den Glauben. Statt tausenden will ich eines erwähnen. Am 14. Juni 1891 ereignete sich in Mönchenstein in der Schweiz, wo gerade ein Sängerfest stattfand, ein entsetzliches Eisenbahnunglück. In erschütterten Versen führt es uns der Dichter von Bern vor:

 

Hinaus, hinaus nach Mönchenstein

Zum Sängerfest wallt groß und klein.

Der Sonntag zog herauf mit Pracht,

Im Perlentau der Morgen lacht.

Am Himmel hoch die Sonne stund,

Noch immer wächst der Sängerbund.

Sie singen von Lenz und Jugendmut, -

O singt von Leid und Not und Blut!

Heraus, heraus, du Sängerschar,

Vom Lorbeerkranz zur Totenbahr´!

Die Brücke stürzt, es stürzt der Zug,

Der ganze Zug im Windesflug.

Der Bogen kracht, ein Wehgeschrei, -

Versunken ist die Wagenreih´.

Wer nicht zermalmt in seinem Blut,

Der liegt ertrunken in der Flut!

O Morgenrot voll Licht und Glanz,

O Abendrot und Totenkranz!

 

Auch hier schauen wir die Macht des Rosenkranzes in einer wunderbaren Rettung, die der „Obwalder Volksfreund“ erzählt. In dem Zug befanden sich zwei Frauen aus dem Jura, die von einer Wallfahrt nach Einsiedeln zurückkamen. Eingestiegen in Basel, begannen sie gemeinsam ihren Rosenkranz zu beten. Sofort wurden sie verspottet. Eben forderte der Kontrolleur die Fahrkarten und stimmte ein in das Hohngelächter, als er die betenden Frauen sah. In diesem Augenblick bricht die Brücke und alles stürzt in die Tiefe. Unter den Leichnamen und Verwundeten, die man aus den Trümmern zog, waren auch jene beiden Frauen, mit zerfetzten Kleidern, mit Blut überronnen. Aber wunderbar – sie waren noch am Leben und ganz unverletzt; das Blut an ihren Kleidern war von den übrigen Fahrgästen, die entweder tot oder schrecklich verstümmelt waren. Einem Mann und einer Frau, die neben den beiden betenden Frauen gesessen hatten, waren die Füße nicht einfach gebrochen, sondern ganz zerquetscht und zermalmt. Verstummt ist in den Fluten der Birs der Mund manches Spötters, die frommen Pilgerinnen aber beteten noch inbrünstiger als zuvor: Ave Maria!

 

Der Rosenkranz ist das Rettungsmittel in den Gefahren der Gegenwart. Unsere Zeit ist eine Zeit des Prunkens und Prahlens, eine Zeit der Selbstvergötterung. Hochmütig stößt man Gott hinaus aus dem Staatsleben, aus dem Heiligtum der Familie, aus dem Herzen des Einzelnen. Im Rosenkranz werden dir hingegen die idealsten Musterbilder der Demut vor Augen geführt: Jesus und Maria. Was die Sonne ist unter den Sternen, ist die seligste Jungfrau unter den Engeln Gottes. Und doch nennt sie sich in Demut eine Dienstmagd des Herrn! Und Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der den Himmel zu seinem Thron hat, das Sternenheer zum Saum seines Gewandes und die Erde zum Schemel seiner Füße, siehst du im dritten Geheimnis des Rosenkranzes in der Futterkrippe zu Betlehem, auf erbärmliches Stroh gebettet.

 

Ein anderes Gebrechen der heutigen Welt ist die Sittenlosigkeit, die entweiht den Tempel Gottes, zerstört das Ebenbild Gottes, die verpestet Leib und Seele, über einzelne und ganze Nationen Fluch und Verderben bringt. Gleich einem reißenden Strom, der die Dämme durchbrochen hat, gleich einem Meer, das über seine Ufer getreten ist, verwüstet sie alles. In wahnsinniger Verblendung wird dieser neuen Sündflut aller mögliche Vorschub geleistet. Das wirksamste Heilmittel gegen diese Sünde ist der schmerzhafte Rosenkranz, ist die Geißelsäule, an die Christus gebunden war. Mit dem Propheten klagt er: „Die Sünder haben auf meinem Rücken geschmiedet!“ (Psalm 128), gleichsam als ob er sagen wollte: Das Blut ergoss sich von meinem Rücken, wie die Feuerstücke eines glühenden Eisens unter den Hammerschlägen der Schmiedeknechte. Kannst du noch sagen, die Sünde sei nur menschliche Schwachheit? So viele Wunden am heiligen Leib des Gekreuzigten, so viele Zungen sind es, so viele Blutstropfen, so viele Stimmen sind es, die da hinausrufen in alle Welt, hindurchdringen durch alle Jahrhunderte bis hin an die Grenzen der Erde und ans Ende der Zeit: „Gott ist ein gerechter Gott und seine Gerichte sind fürchterlich!“

 

Der Rosenkranz greift gewaltig tief ein in die soziale Bewegung unserer Tage. Man hat es darauf angelegt, den arbeitenden Klassen ihren Glauben zu entreißen und sie zu verbrüdern in Gesellschaften des Umsturzes und der Gottlosigkeit. Der ausgestreute Todeskeim wächst sichtlich empor und trägt bereits die giftigsten Früchte. Darum so viel Elend und Jammer im Arbeiterstand, darum so viel Neid und Hass, darum so viele Ausbrüche des Zornes und der Verzweiflung, darum die häufigen Streiks und Auflehnungen, darum die Verachtung der Religion, darum die bereit gehaltene Blutfahne und die Verschwörung zum Sturz alles Bestehenden, der beschlossene Krieg gegen alle. Auch in dieser Hinsicht ist der Rosenkranz ein Rettungsmittel. Er zeigt euch, liebe Arbeiter, die Würde des Arbeiters und der Arbeit, er lehrt euch die Arbeit verstehen, hilft sie euch tragen, verheißt euch den höchsten Lohn. Auch du bist, so rufen dir die Geheimnisse der Erlösung zu, ein Kind Gottes, auch du darfst beten: Vater unser. Der Heiland selbst ist dein Vorarbeiter, dein Mitarbeiter in der Zimmermannswerkstätte Sankt Joseph zu Nazareth. Und doch war das nur erst eine Lehrlingsarbeit gegenüber dem furchtbaren Geschäft, das ihm sein himmlischer Vater auferlegt. Sein Hauptwerk hat nur einen Tag gedauert, aber solchen Schweiß hat noch kein Arbeiter vergossen, wie er, der im Ölgarten für uns Blut geschwitzt hat. Trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte er es seinen Arbeitgebern nicht schnell und gut genug machen; sie waren mit Peitschen hinter ihm her, als er für uns ist gegeißelt worden. Er murrte nicht, als die blutigen Tropfen herabperlten auf die Steine und in den Straßenstaub von Jerusalem, und schwere Balken auf seiner Schulter lagen, Galgenholz zu seiner eigenen Hinrichtung. Hast du eine Arbeit, die auch nur den tausendsten Teil so schwer ist?

 

Euch allen, ihr Armen und Bedrängten ist der Rosenkranz ein wahrer Himmelsbote. Die Welt verachtet euch, sie spricht von Lumpen und Strolchen und Pack, weil vielleicht einer von Hunderten die Armut selbst verschuldet. Sie spricht von Proletariat und Gesindel. Wie trostreich, wenn euch der Rosenkranz denjenigen vorstellt, der arm geworden ist um unsertwillen. (2. Kor.) Hatte je ein Menschenkind eine ärmere Wiege, ein ärmeres Sterbebett als der menschgewordene Gottessohn? Der glorreiche Rosenkranz ist euch allen in Wahrheit ein Evangelium, eine frohe Botschaft. Er zeigt euch den Lohn der Arbeit, den Lohn der Armut, den Lohn der Geduld. Durch den schmerzhaften Rosenkranz dieses Erdenlebens geht’s zum glorreichen Rosenkranz der Himmelsfreuden. Wenn verblichen ist auf Erden aller Glanz, eure Herrlichkeit währt noch. Wenn zu Staub geworden sind Gold und Edelsteine, euer Reichtum währt noch. Wenn zerronnen ist jede Erdenlust, eure Freude währt noch. Hingegen mahnt euch, ihr Reichen, der Rosenkranz und die Pflicht der Liebe. Wer durch die Geheimnisse dieser Andacht auch im Ärmsten und Elendesten einen Bruder, eine Schwester Christi erkennt, der wird bald edlere Liebhabereien haben als Hunde und Pferde, teure Kleidung und riesige Autos, er wird dann aber auch jenen überreichen Lohn erlangen, den der Herr den Barmherzigen verheißen hat. So macht der Rosenkranz arm und reich glücklich. So ist er in Wahrheit eine Schule der Weisheit, ein Universalheilmittel, das Weltgebet, die große Verkehrsstraße zwischen Himmel und Erde, ein Arsenal der vortrefflichsten Waffen gegen unsere Feinde.

 

Von diesem Gedanken durchdrungen hat der höchstselige Heilige Vater Leo XIII. im Jahr 1883 angeordnet, dass in allen Kirchen der ganzen Welt im Monat Oktober der Rosenkranz gebetet werde. Und viele Millionen Rosenkränze sind seitdem auch jeden Tag verrichtet worden. Wenn wunderbar die Erfolge gewesen sind, die Papst Leo erreicht in Verteidigung der Freiheit und der unveräußerlichen Rechte der Kirche, wenn das Glaubensbewusstsein vielfach gestärkt wurde, wenn die Treue und Anhänglichkeit an den Apostolischen Stuhl inniger geworden ist, wenn die Kirche sich ausgebreitet hat in den fernsten Missionsgebieten, wenn der Heilige Vater wiederholt als internationaler Schiedsrichter aufgetreten ist unter den Staaten diesseits und jenseits des Ozeans, wenn seine zahlreichen Sendschreiben über die großen religiösen und sozialen Fragen der Gegenwart sogar für die nicht-christliche Welt Gegenstand der Bewunderung und Anerkennung waren, wenn alle Völker des Erdkreises wetteiferten, seine Jubelfeste auf das Würdigste zu feiern: so war das das Werk des Rosenkranzes, der Triumph des Rosenkranzes. Papst Leo war der Bannerträger des heiligen Rosenkranzes. Eines dürfen wir nicht vergessen auf deutschem Boden. Welch eine traurige Zeit war für einen großen Teil des Reiches der Kulturkampf. Verlassen standen so viele Altäre, im Gefängnis so viele Priester, verödet der Weg zum Gotteshaus. Die Inful der Bischöfe war zur Dornenkrone geworden, ihr Hirtenstab ein Wanderstab auf dem Weg in die Verbannung. Auch hier hat der Rosenkranz geholfen. Im Jahr 1875 kam ich in Begleitung meines Zöglings des Grafen Leiningen nach Kevelaer, dem weltberühmten Wallfahrtsort. Zahlreich waren die Pilger erschienen aus allen Teilen Norddeutschlands. Niemals in meinem Leben habe ich mit einer solchen Andacht den Rosenkranz beten gesehen, wie an jener Gnadenstätte und auf dem Weg zu ihr hin. Wenn einer der Vorbeter den Rosenkranz aufopferte für „unsern gefangenen Erzbischof“ oder für „alle gefangenen Priester und Bischöfe“ oder für „die aller Seelsorge beraubten Gemeinden“, begann ein allgemeines Schluchzen unter den Tausenden von Pilgern. Männer weinten wie die Kinder. Es ist vieles nun anders und besser geworden! Gott sei Dank und der seligsten Jungfrau!

 

Beten wir alle nach der Meinung des Heiligen Vaters fleißig den Rosenkranz. Die Geschicke der Kirche und der Welt sind oftmals durch den Rosenkranz entschieden worden. Wir werden dadurch auch eines überreichen Gnadenschatzes teilhaft, der heiligen Ablässe.

 

Christliche Eltern, betet mit, betet für eure Kinder den Rosenkranz. Versammelt sie abends vor dem Gnadenthron Mariä, unter dem Schutzmantel der Himmelskönigin! Dieser häusliche Gottesdienst ist das segensreichste Erziehungsmittel. Noch in späteren Jahren, wenn ihr längst im Grabe ruht, werden sich eure Kinder dankbar erinnern an den Abendrosenkranz und auch euer gedenken im Gebet. Nicht umsonst schlägt bange euer Herz, wenn eure Kinder in die Fremde gehen. Doch ihr könnt sie nicht begleiten hinaus in die Ferne, ihr könnt nicht in der Stunde der Gefahr mahnend und warnend ihnen zur Seite stehen. Aber eins könnt ihr und eins müsst ihr! Weiht sie der Rosenkranzkönigin! Und dann werden eure Kinder über Schlangen und Basilisken treten, und Löwen und Drachen zertreten, d.h. sie werden überwinden die Feinde ihrer Seele. Und müsst ihr Eltern den herbsten Schmerz erfahren, den es auf Erden gibt, habt ihr einen verlorenen Sohn, eine entartete Tochter, sind sie eure Totengräber, eure Sargnägel, verzagt nicht! Wenn vergeblich eure Mahnungen waren, eure Bitten und Tränen, verzagt nicht! Der Rosenkranz, den ihr betet, ist für sie ein Rettungsseil. Betet jahrelang, betet jahrzehntelang, wie Monika, es wird die Stunde der Erhörung kommen durch Maria, die Mutter der Barmherzigkeit! Eure Freude und euer Stolz sei es, ihr Jungfrauen, den Rosenkranz zu beten. Ihr seid der Hofstaat der Jungfrau aller Jungfrauen! Und welch besseres Schutzmittel könnte ich euch anempfehlen, teuerste Jünglinge, als den Rosenkranz. Zahllos sind die Gefahren, die auf euch warten: Gefahren in der Stadt, Gefahren auf dem Land, Gefahren in der Werkstatt, Gefahren in der Fabrik, Gefahren in der Kaserne, Gefahren beim Studium! Betet den Rosenkranz und ihr seid geschützt in allen Gefahren! Schon der Rosenkranz, den du bei dir trägst, ist eine ergreifende Predigt, eine ernste Erinnerung an die Mahnungen deiner Eltern, deines Seelsorgers. Hast du nicht ein Viertelstündchen des Tages übrig für den Rosenkranz? Du gehst abends vielleicht in eine Kapelle oder du machst oft einsam einen Weg, greif zum Rosenkranz, er ist dein Schutz! Und hast du keine Zeit, so bete ein Gesätzlein des Rosenkranzes. Solch ein Gesätzlein ist, wenn auch kein voller Kranz, doch ein schöner Blumenstrauß. Wärst du übermüde von schwerem Tagwerk, so bring doch allerwenigstens deiner himmlischen Mutter eine einzige Rose dar, ein Ave! Das ist das Werk von nur wenigen Sekunden, und doch hat der Tag 86.400 Sekunden. Bete dieses Ave und du wirst bewahren den Schatz des Glaubens, du wirst standhaft bleiben in deinen guten Vorsätzen!

 

Ihr alle, ihr Söhne und Töchter, betet den Rosenkranz auch für eure verstorbenen Eltern! Erinnere dich, wie du am Sterbebett deines Vaters gestanden hast. Er lag vielleicht lang und hart in den letzten Zügen, in hellen Tropfen rann ihm der Angstschweiß über die Stirn. Weißt du, was sein letzter wehmütiger Blick, sein halbgebrochenes Auge dir noch sagen wollte? „Bete für meine arme Seele!“ Und als es mit deiner Mutter zum Sterben kam, reichte sie dir die kalte Hand zum Abschied, gab dir ihren Segen und ermahnte dich mit gebrochener Stimme: „Wir sehen uns in dieser Welt nicht wieder, lebe christlich und gottesfürchtig, damit du nicht verloren gehst, meiner aber gedenke alle Tage in deinem Gebet!“ Hast du sie nie vergessen? Durchaus nichts nützt deinen Eltern ein Kranz von Gold und Silber, nichts ein Kranz der kostbarsten Brillanten. Doch unaussprechlich viel nützt ihnen ein Rosenkranz. Der Rosenkranz kommt vom Himmel, der Rosenkranz führt zum Himmel!