Der Lehrer unter den Schülern

 

(aus: Liebfrauengarten)

 

Antonius von Gislimbert wählte, nachdem er durch den Tod seine Gattin verloren hatte, mit der er in nur ganz kurzer Ehe gelebt hatte, zu seinem Beruf eine Beschäftigung, die selbst vom heiligen Thomas von Aquin ein „Martyrium“ genannt wird. Er widmete sich in Trient dem Dienst der männlichen Jugend, um sie in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache zu unterrichten. Und dreißig Jahre lang hat der Edelmann ununterbrochen für dieses ebenso demütige als dornenvolle Wirken seine ganze Kraft eingesetzt.

 

Er besaß aber auch eine gar anmutige Weise, das zarte Alter nicht nur in der lateinischen Sprache zu unterrichten, sondern nach und nach auch zur Andacht und Frömmigkeit anzuleiten. Er bediente sich ganz liebreicher Worte, um seinen kleinen Schülern die hochheiligen Geheimnisse unseres Glaubens, den Wert und die Schönheit der christlichen Tugend und das Verwerfliche und Verderbliche des Lasters anschaulich zu machen.

 

Zu den vielen Tugenden, nämlich der Geduld, die er im leuchtenden eigenen Leben vorbildlich seinen Schülern zeigte, gehört aber ganz besonders – die Liebe und Verehrung zur allerseligsten Jungfrau Maria. Er zeigte sich als ein echtes Mitglied der „Marianischen Kongregation“, indem er nicht damit zufrieden war, für sich selbst nur die heilige Muttergottes zu preisen und nachzuahmen, sondern auch den Herzen anderer, besonders der Jugend, diese Empfindungen der Ehrfurcht einzupflanzen und sie zum Marien-Dienst anzuleiten. – Unter anderem pflegte er, nach der Beendigung der nachmittägigen Schulzeit, sich in die Kirche der Dominikaner zu begeben. Dort versammelte er in der Kapelle des heiligen Rosenkranzes ganze Scharen von kleinen Jungen und Mädchen, kniete mitten unter ihnen und betete mit ihnen vor dem Muttergottes-Altar mit lauter Stimme den heiligen Rosenkranz. Gewöhnlich zog sich diese Andacht fast bis zum späten Abend hinaus, indem er das Rosenkranzgebet ein und das andere Mal wiederholte, und man merkte an den Versammelten einen solchen Eifer und liebliche Andacht, dass auch die Erwachsenen gerne daran teilnahmen und jedermann in der Stadt sich an dieser hehren Übung erbaute. – Ja, man glaubte das Andenken daran auch nach dem Tod Gislimberts noch erhalten zu müssen, und ließ in der genannten Kapelle an einer Tafel ein Gemälde entwerfen, worauf zu sehen ist: wie dieser fromme Herr, umgeben von vielen unschuldigen Kindern, Maria, seiner hochverehrtesten Mutter, die schuldige Andacht und Verehrung durch das Beten des heiligen Rosenkranzes abstattet.

 

Dieses Marianische Siegeszeichen, den Rosenkranz, trug Gislimbert fast immer in den Händen und betete daran sogar auch, wenn er auf den öffentlichen Straßen ging. – Maria, die „gütige Mutter“, lohnte ihm darum seine Liebe und seinen Eifer für die Verkündigung und Verbreitung ihrer Ehre durch vielfache Gnaden, die sie ihm bei ihrem göttlichen Sohn erwarb.

 

Zu Marias Huld und Macht hatte dieser treue Diener Marias auch, als die Stunde des Todes sich näherte, eine solche Zuversicht und genoss solch schönen inneren Frieden, als wenn ihm gar keine Todesgefahr bevorstände, bis er schließlich – am 30. August 1679 – unter ihrem mütterlichen Schutz gottselig im Herrn entschlief.