Der heilige Dominikus betet

 

Der Apostel des Rosenkranzes

Von Bede Jarrett O.P.

Aus dem Buch: The Life of St. Dominic

1947, Newman Bookshop, Westminster, Md

 

Als der heilige Dominikus den Orden plante, der seinen Namen trägt, hatte er nicht vor, einen bloßen Gelehrten-Orden zu gründen, in dem seine Anhänger die Zeit mit Predigten und Lektüre verbringen sollten. Er wusste, dass das Studium dazu verführen kann, die Gefühlsseite der menschlichen Natur verkümmern zu lassen. In der Literatur wird der Professor für gewöhnlich als ein Typ dargestellt, der alles Gefühl für die Not und Sorge der leidenden Menschheit verloren hat. Man zeichnet ihn als einen Mann, der so in die Vergangenheit, in abstrakte Studien oder in leblose Theorien der Wissenschaft versunken ist, dass er gar nicht merkt, dass die Vergangenheit schon vorbei ist, dass das Leben etwas Wirkliches, dass es lebendig ist.

 

In den Augen des heiligen Dominikus lag die Gefahr für seine Anhänger gerade in diesem Aufgehen im Studium, so dass sie der eigentlichen Arbeit ihres geistlichen Amtes leicht entfremdet werden konnten. Um daher den apostolischen Geist in ihnen lebendig zu erhalten, schärfte der Heilige seinen Predigern ein, das Brevier im Chor zu beten, und legte ihnen Schweige- und Fastengebote, die Vorschriften der Klausur und die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams auf. So paradox es klingen mag: um seine Anhänger zu Aposteln zu machen, machte sie der heilige Dominikus zuerst zu Mönchen, d.h. um sie in die Welt zu schicken, hieß er sie, sich erst aus der Welt zurückzuziehen.

 

Dem ermüdenden Werk der Predigt fügte er die bis ins einzelne gehenden klösterlichen Verpflichtungen hinzu. Vor allem mussten die ganzen Tagesgebete gesungen werden. Vielleicht war es zu seiner Zeit gänzlich unmöglich, dies zu unterlassen, da man sich Mönche, die ihr Brevier privat beten, noch gar nicht vorstellen konnte. Sogar die weltlichen Seelsorgsgeistlichen sollten nach dem kanonischen Recht jener Zeit, soweit als möglich, das liturgische Gebet in einer öffentlichen Feier beten, an der sich die Gläubigen beteiligen konnten und es auch taten. Die Konzile bestanden darauf und ordneten im Besonderen an, dass die Prim und die Komplet zu Pfarreigottesdiensten, zu einer beinahe bindend vorgeschriebenen Form von Morgen- und Abendgebet werden sollten. Der heilige Dominikus hätte auch gar nicht daran gedacht, das Chorgebet aufzugeben, denn er war ein großer Liebhaber des liturgischen Gebetes.

 

Seine Lebensbeschreiber erzählen uns wiederholt von seiner eigenen Art der Andacht. Er hielt, wenn er nur irgendwie konnte, eine gesungene Messe und richtete es auf Reisen so ein, dass er zur Zeit der heiligen Messe in einem Kloster seines eigenen oder eines anderen Ordens war. Wir lesen auch, wie er unzählige Male vor dem Bild des Gekreuzigten eine Kniebeuge machte, ja sich wiederholt davor auf den Boden warf. Das Verbeugen, die Kniebeuge, das Stehen, jede Haltung des Körpers, jede Geste sollte nach seiner Auffassung der rechten Art, mit Gott zu sprechen, angepasst sein. Er betrachtete die Verehrung, die man Gott schuldete, als etwas, was den ganzen Menschen erforderte, etwas, was von jeder Gabe oder Fähigkeit der Seele oder des Körpers geschuldet wird. Hieraus ergibt sich auch die Vorstellung von geschlossenen Mönchsreihen in Chorstühlen, die ihrem Schöpfer lobsingen. Die Gestaltung dieser Feier durch ins Einzelne gehende Vorschriften, wie in der Hofetikette, beschäftigte ihn stets. So lesen wir, dass er seinen Platz im Chor verließ, unter seinen Mitbrüdern auf und ab ging und sie aufforderte: „Fortiter, fratres!“ (Kräftiger, meine Brüder!)

 

Das Chorgebet, wenn es gemessen gesungen wird, macht den Menschen unmerklich ernst und feierlich und gibt Gelegenheit, die Geheimnisse und Worte Gottes länger zu betrachten. Es bietet jene tägliche geistige Nahrung, die heutzutage durch die vorgeschriebene Betrachtung gewonnen werden muss. In jener Zeit aber waren das Chorgebet und das heilige Messopfer für Laien und Klerus die Verwirklichung des vollkommenen geistlichen Lebens. Exerzitien, Betrachtungen und Privatandachten galten nicht viel im Vergleich zu diesem offiziellen Gruß an den Schöpfer.

 

Außer dem Chorgebet, das in größeren Klöstern allgemein gesungen, in kleineren Gemeinschaften aber wegen der geringen Zahl der Teilnehmer nur rezitiert wurde (viele waren zum Predigen oder Almosensammeln abwesend), ordnete der heilige Dominikus noch Fasten und Abtötungen an, was die Predigermönche mit den strengsten Orden der Kirche gleichstellen sollte. Ohne Zweifel war die Berührung des Heiligen und seiner ersten Gefährten mit den Irrlehren in Ost- und Mitteleuropa der Grund, dass sie, soweit es der Glaube erlaubte, zur Ansicht neigten, die materiellen Dinge dieser Welt besäßen eine Neigung zum Bösen. Der heilige Dominikus wollte absichtlich zeigen, dass die Strenge, mit der sich die Irrlehrer mit Recht brüsteten, auch in der katholischen Kirche nicht unbekannt sei. So unterblieb jeder Genuss von Fleisch, Leinenkleider und erst recht Seide waren streng verboten, ausgenommen für die, die von einer der im Mittelalter häufigen Hautkrankheiten befallen waren. Der Schlaf wurde auf die für die menschliche Arbeitskraft unbedingt erforderliche Stundenzahl gekürzt.

 

Und doch klingt in diesem strengen Ideal des Heiligen auch ein lyrischer, heiterer Ton mit. Dominikus bestand auf dem Singen des Chorgebetes, sah aber nicht weniger streng darauf, dass es nicht unwillkürlich verlängert oder so langsam gesungen wurde, dass es die Zeit zum Studium verkürzte. Als man ihm berichtete, dass einige Mitbrüder über die Einhaltung der Regel Skrupel bekämen und sich fürchteten, eine Sünde zu begehen, falls sie die geringste Vorschrift der Ordensregel verletzten, wurde er so gerührt, dass er erklärte, er werde eher mit einem Messer in die Klöster gehen und jedes Exemplar der Regel zerschneiden, als den Menschen ein peinigendes Joch auferlegen. Er erklärte wiederholt, dass er nicht wolle, dass die Regel unter Sünde verpflichte.

 

Die Berichte aus seiner Jugendzeit zeigen uns einen ziemlich zurückhaltenden, ernsten Charakter. Das Universitätsleben ließ ihn sich noch mehr in sich selbst zurückziehen; Bücher waren ihm interessanter als die Gefährten, deren fröhliche Spiele und ausgelassene Vergnügungen er nicht liebte. Der einzige menschliche Zug, der uns aus jener Zeit berichtet wird, war sein Mitgefühl und Erbarmen mit den Leiden und Sorgen des Nächsten. Im Übrigen erscheint er mehr als Forscher denn als Mann des Handelns. Der Friede und die Zurückgezogenheit in Osma, wo er neun Jahre lang weltlicher Domherr war, zeigten ihm, wo sein Heil lag, nämlich im gesungenen Chorgebet, im priesterlichen und sakramentalen Leben, in den Verpflichtungen der Gemeinschaft und im Austausch der Meinungen. Von Natur aus edelmütig veranlagt, zeigte er jetzt noch mehr Menschenliebe und noch tieferes Mitgefühl, wurde umgänglicher und fand heraus, dass diese charakterliche Auflockerung aus dem Gebet in seiner Choral- und öffentlichen Form stammte.

 

Gerade im Gebet lag die Quelle seiner unermüdlichen Kraft, und zugleich vertiefte es auch seine Verbindung mit Gott. Besonders in der mehr persönlichen Art des Gebetes fand er es am natürlichsten, mit Gott zu reden.

 

Aus diesem Grunde hatte das Rosenkranzgebet in ihm seinen eifrigsten Apostel. Sein eigenes persönliches Gebet bestand aus laut gesprochenen Worten der Liebe und Anbetung, vermischt mit Schweigen. Es ging von der Rede zur stillen Betrachtung über. Alle diese Elemente waren im Rosenkranzgebet vereinigt. Es war Betrachtung und Beten zugleich, bestand es doch aus Vaterunsern und Gegrüßet seist du Maria, die man an den Perlen des Rosenkranzes in ihrer Zahl nachprüfte, ein Brauch, der schon älter war als das Christentum und schon vor dessen Zeit in ganz Europa weit verbreitet war. Der heilige Dominikus hat das Rosenkranzgebet nicht erfunden, aber er scheint es besonders verbreitet zu haben. Auf ihn soll nach einer alten Überlieferung die Einteilung des Rosenkranzes in Zehnergruppen, getrennt durch größere Perlen, genannt „Pater noster“, zurückgehen. Unter dem Einfluss seines Ordens verbreitete sich der Gebrauch von Rosenkränzen in der ganzen Christenheit. Seit der Zeit des heiligen Dominikus findet man sie auf Grabsteinen dargestellt und in der religiösen Literatur behandelt.

 

Aber das bloße Hersagen von Gebeten wäre nutzlos, wenn es nicht von dem Bewusstsein der Gegenwart Gottes begleitet wäre. So war es notwendig, die Idee irgendeines Geheimnisses oder einer Szene aus dem Leben unseres Herrn hinzuzufügen und es recht lebhaft vor die Vorstellung treten zu lassen, um das Herz zu Liebe und Verehrung aufzurütteln. Dieses Festlegen bestimmter Geheimnisse und ihrer traditionellen Zahl war zweifellos ein Vorgang, der sich durch Jahrhunderte hinzog. Es waren sorgfältig ausgewählte Stellen aus dem Leben unseres Herrn, wie es in den Evangelien oder der Überlieferung dargestellt wird, und während die Lippen die üblichen Gebete wiederholten, war der Geist umso mehr in der Lage, sich mit der jeweiligen Betrachtungsszene zu beschäftigen und ihre volle Bedeutung zu erfassen. Das Hersagen der Gebete wurde so beinahe zu einer mechanischen Hilfe für die Betrachtung. Der Zweck des Rosenkranzes war es, die Wirkung herbeizuführen, die der heilige Dominikus bei allen Gebeten im Auge hatte, nämlich eine ganz besonders innige Hingabe der menschlichen Seele an die göttliche Person Christi.

 

Schließlich muss noch beachtet werden, dass das Rosenkranzgebet die Möglichkeit jeder Pause und jenes Schweigens gibt, das der heilige Dominikus als wesentlich für das Gebet ansah. Er war der einfachste aller Heiligen in seinem Gebetsleben, weder durch seine geistige Tätigkeit noch durch die Arbeit des Predigens mit ihrer unaufhörlichen Beanspruchung aller Kräfte beschwert. Die Übung des Gebetes sollte nach seiner Auffassung nie so angesehen werden, als ob sie auf den Menschen allein beschränkt sei, als ob der Mensch allein der tätige Teilnehmer sei. Es sollte immer die Vorstellung der stillen Gegenwart Gottes einschließen.

 

Je tiefer unsere Gefühle sind, desto weniger reden wir davon. Leichte und oberflächliche Naturen aber fließen in dauerndem Reden über, wollen immer wieder etwas zur Erklärung ihrer Gefühle sagen. Werden tiefere Gemüter bewegt und aufgerüttelt, so finden sie, dass das Schweigen der Verwunderung allein ihrer Art entspricht. „Ich wäre sehr wenig glücklich, wenn ich sagen könnte, wie sehr ich es bin.“ Drückt Shakespeare diese Wahrheit aus. Aus diesem Grund fügt der heilige Dominikus zum einfachsten Gebet die Übung des Schweigens.

 

„Leeres Wiederholen“ lautete das offizielle Urteil der Reformatoren zur Zeit Königin Elisabeths. Und doch heißt es von Christus, dass er als er in tiefster Todesangst zu seinem Vater aufschrie, während ihm der Schweiß ausbrach und er zu Boden fiel, „zum dritten Mal die nämlichen Worte sprach“ (Mt 26,44). Wenn seine Seele in ihrem furchtbarsten Augenblick dies als das beste fand, können dann weniger vollkommene Seelen getadelt werden, wenn sie seinem Beispiel folgen? Schließlich schließt gerade die stetige Wiederholung von eintönig gesprochenen Worten die Sinne gegen die Umwelt ab und eröffnet der Seele ein Verständnis für andere und höhere Welten.

 

Alles, was dabei helfen konnte, wurde begierig verwendet: mündliches Gebet, Gesten und Rosenkranzperlen. Als der Heilige schließlich herausfand, dass eine Unterhaltung abwechselnd aus Sprechen und Schweigen bestehe und ein Lobchor am leichtesten durch die Andacht zu dem im Sakrament des Altars gegenwärtigen Gott erreicht werden könnte, war es der Altar, den er in den Mittelpunkt seiner Gebetsanweisungen stellte. Das Heilige Messopfer wurde der höchste Ausdruck des Gebetes und das Kruzifix seine vertrauteste Darstellung. Die Evangelien aber beschreiben in der wundervollsten Weise das vollkommenste Leben und die vollkommenste Gestalt und zeigen vor einem Hintergrund von Hügeln und Seen, Feldern, Dörfern und Städten die Gestalt des göttlichen Stifters. So wurde die Heilige Messe der Gegenstand der besonderen Andacht des hl. Dominikus, das Kruzifix sein täglicher Gefährte, sein „immer aufgeschlagenes Buch und sein liebstes Studium das Neue Testament. Er trug es immer bei sich, lernte es auswendig und machte es zum Lehrbuch seines Lebens. „Er sprach nur von und zu Gott“, sagte ein Nachfolger des hl. Dominikus. Wir können es fühlen, dass er dies ganz natürlich tat, weil Gott der Mittelpunkt seiner Tagesarbeit und seines nächtlichen Wachens war.