Der Apostel des heiligen Rosenkranzes

 

(Aus: Blumen aus dem Garten des hl. Dominikus von P. F. Ratte)

 

Der selige Alanus de Rupe, dieser große Prediger und Beförderer des heiligen Rosenkranzgebetes, trat schon während seiner blühenden Jugendzeit in den Dominikaner-Orden; jedoch ließ er sich anfangs am Wachstum in der Gnade und Heiligkeit des Lebens weniger gelegen sein, als am Fortschritt in den Wissenschaften.

 

Zur Zeit nun, wo er in einer vornehmen Stadt in Holland das Prediger-Amt versah, und deswegen aus vielen Büchern sich den Stoff dazu sammelte, fielen ihm auch die Schriften zweier Dominikaner in die Hände, die im Kampf gegen die Albigenser des heiligen Dominikus Genossen gewesen sind, und die von den außerordentlichen Bekehrungen und Wunderzeichen erzählten, die der allmächtige Gott in Spanien und Frankreich auf das Gebet des heiligen Rosenkranzes gewirkt habe. Durch diese Lesung wurde Alanus innerlich angetrieben, seinem heiligen Vater und Ordensstifter in der Predigt und Verbreitung des Rosenkranzgebetes nachzufolgen. – Er begann damit, täglich mit Andacht den heiligen Rosenkranz zu beten und sein bisheriges laues Leben zu ändern, damit Maria, die gnadenreiche Königin des Rosenkranzes, es nicht verschmähen möchte, ihn als „ihren Apostel“ anzunehmen. So lange Alanus in Fehlern und Unvollkommenheiten dahingelebt hatte, waren ihm von Seiten der bösen Geister keine Versuchungen und Plagen zugestoßen. Kaum aber entschloss er sich zu einem eifrigen und heiligmäßigen Wandel, so schien es, als wäre die halbe Hölle gegen ihn losgelassen. Widerliche Empfindungen, quälende Gewissensängstlichkeiten, abscheuliche Gedanken und Vorstellungen, leibliche Krankheiten, innerliche Finsternisse und vieles andere bedrängte ihn sieben Jahre lang und brachte ihn mehr als einmal bis nahe an die Verzweiflung. Allein durch Sorge und Hilfe der allerseligsten Jungfrau Maria wurde der vielversuchte Mann vor jedem schweren Fall immer bewahrt, bis es Gott und seiner gebenedeiten Mutter gefiel, diesen Prüfungen ein Ende zu machen. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie groß nun die Liebe des heiligen Alanus zu Maria und seine Andacht zum Engels-Gruß war. Jeden Tag betete er mehrere Male den Rosenkranz. Sein erstes Wort am Morgen war: „Ave Maria!“ An allen Orten, wo er ging und stand, sah und hörte man ihn lispeln: „Ave Maria!“ So oft er wollte anfangen zu predigen, zu studieren, zu lesen, zu schreiben, - immer fiel er vorher auf seine Knie, um die Muttergottes mit einem „Ave Maria!“ zu begrüßen. Kurz alles, was er dachte, sprach und tat, war sozusagen eingeschlossen zwischen zwei „Ave Maria!“ Auch der akademische Vortrag, den er zu Rostock hielt, um den Ehrentitel eines „Baccalaureus (Bachelor) der heiligen Schrift“ zu erwerben, handelt vom „Ave Maria!“ Er zeigte nämlich darin die Erhabenheiten, Geheimnisse und Wirkungen des englischen Grußes mit einer solchen Tiefe und Begeisterung, dass er die ganze gelehrte Zuhörerschaft zur Liebe und Verehrung Marias entflammte, und alle sich in die Bruderschaft einschreiben ließen.

 

Nunmehr begann Alanus seine fünfzehnjährige Laufbahn als – „Apostel des heiligen Rosenkranzes“, und durchzog predigend fast halb Europa, überall das Rosenkranzgebet, so wie die gleichnamige Erzbruderschaft entweder einführend, oder doch wieder neu belebend. Und Gott gefiel es, diesen Predigten des gottseligen Mannes dadurch das größte Ansehen zu verleihen, dass sie von ähnlichen wunderbaren Zeichen, wie bei St. Dominikus begleitet wurden. Dieser außergewöhnlichen Wirksamkeit des begeisterten Prediger-Bruders fehlte es aber bald nicht mehr an Gegnern und Feinden, und Alanus musste manchen Spott, manche Schmährede und Verfolgung deswegen ertragen. Beim Bischof von Tournay in Flandern wurde eine förmliche Klageschrift gegen ihn eingereicht, so dass er sich in einem eigenen Buch über den heiligen Rosenkranz verteidigen musste. Auf Anstiften dessen, dem die heilige Jungfrau Maria den Kopf zertreten hat, wurden der Angriffe gegen Alanus und seine Rosenkranzpredigt endlich so viele, dass er sich entmutigt fühlte und in seinem Eifer nachlassen wollte. Da wurde er aber in einem Gesicht von unserem Herrn Jesus Christus hart getadelt und ermahnt: die unterbrochenen Predigten wieder aufzunehmen, widrigenfalls er selbst verantwortlich sein sollte für alle Sünden, die durch sein Predigen und das Gebet des heiligen Rosenkranzes hätten verhindert werden können; ja es wurde ihm – im Falle der Unterlassung – die ewige Verwerfung angedroht. Darüber müssen wir uns indes nicht verwundern, indem wir wissen, dass auch der heilige Apostel Paulus sich zum Predigen verpflichtet hielt unter dem Verlust des eigenen Heils. „Wehe mir“, ruft er aus, „wenn ich das Predigen unterlassen wollte!“ Das Evangelium, das St. Paulus, und der Rosenkranz, den Alanus zu predigen berufen war, hatten einen und denselben Hauptgegenstand zum Inhalt: denn der Rosenkranz mit seinen fünfzehn Geheimnissen aus dem Leben, Leiden und der Glorie unseres göttlichen Erlösers und seiner allerreinsten Mutter, so wie Alanus ihn predigte und auf jegliche Weise in der Christenheit zu verbreiten suchte, - was ist er anderes, als in Kürze das heilige Evangelium? – So fiel denn bei jener Erscheinung des Gekreuzigten der erschrockene Prediger auf seine Knie und sprach: „Herr, was soll ich tun?“ – Und Christus antwortete: „“Predige meinen und meiner Mutter Psalter, und fürchte dich nicht: ich will für dich streiten gegen alle deine Verfolger und sie zu Schanden machen!“

 

Auch Maria, die jungfräuliche Mutter selbst, erschien ihrem lieben Diener und ermunterte ihn auf das freundlichste, indem sie ihm zeigte: wie viele Gnaden und Segnungen mit dem Rosenkranz verbunden seien, und welcher Lohn im Himmel ihn, dem Prediger dieser Andacht, so wie alle Beter dieser Andacht erwarte.

 

Alanus begann nun wieder mit neuem Eifer die Rosenkranzpredigt, und erhielt dadurch für sich und seine Zuhörer täglich neue Gnaden vom Herrn und seiner allerseligsten Mutter Maria. Diese erschien ihm gar oft und flößte ihm eine solche Menge von Gedanken über den Rosenkranz und die rechte Gebetsweise ein, dass Alanus zum Predigen hierüber nie mehr unvorbereitet war. Und wenn er von Maria, dem englischen Gruß, dem Rosenkranz und seinen hehren Geheimnissen predigte, so riss seine Begeisterung alle mit sich fort, und auch die verhärtetsten Sünder bekehrten sich und kamen zur Beichte. Das Herz des Gottesmannes wurde dadurch immer mehr zur Liebe zu seiner himmlischen Königin entzündet, und die Muttergottes hinwieder erhöhte dieses Liebesfeuer im Herzen des Alanus, wenn sie ihm in der Verzückung erschien und ihn nicht nur mit dem Namen: Mein Diener! Mein Freund! Mein Sohn!“ anredete, sondern ihn öfters sogar: „Mein Bräutigam!“ nannte. Er sollte – für die treuen Dienste seiner Beharrlichkeit – der Gnade Gottes bis an das Ende seines Lebens versichert sein. Auch verbürgte ihm Maria: durch ein inneres Licht seiner Seele würde er ihr entzückendes Bild nie mehr aus seinem Herzen verlieren. Alles, was er durch das Gebet des Rosenkranzes von Gott verlangen würde, sollte er stets erhalten. Immer würde er in den ihm begegnenden Widerwärtigkeiten des Lebens die Gnade haben, sich in Gottes Walten und Fügung zu ergeben, und in dieser vollkommenen Ergebenheit die Ruhe und den Frieden seines Inneren finden und bewahren. Oftmals wolle sie, die gütige Mutter, ihn ihre liebliche Stimme durch innere Ansprachen vernehmen lassen, wodurch sein Geist und Gemüt erquickt werden würde. Seinen Verstand wolle sie mit übernatürlicher Wissenschaft ausstatten, so dass er ohne mühsames Studieren und zur Verwunderung aller Menschen, zahlreiche Rosenkranz-Predigten halten könnte. Seine jungfräuliche Reinheit und Keuschheit wolle sie ihm beschirmen und der Art in Schutz nehmen, dass er nie mehr eine unlautere Regung empfinden würde. Das Leben und Leiden ihres göttlichen Sohnes werde er in seinem Herzen nachfühlen und jederzeit im Besitz eines gewissen inneren Trostes sein, der alle irdische Traurigkeit aus der Seele verbannt halten werde usw. – Diese und noch mehrere Gnadwirkungen , die der glückselige Mann selbst als unaussprechlich und unbeschreiblich bezeichnet, wurden ihm von der göttlichen Mutter verheißen. Und dass diese Verheißungen zur Wahrheit geworden sind, dafür zeugt der vollkommene Lebenswandel des reichbegnadeten Alanus und die Bekehrungen und Wunder, die auf sein Wort und Gebet stattgefunden haben. Die allerseligste Jungfrau sagte ihm einstmals: „Die Liebe und Andacht zum heiligen Rosenkranzgebet sei ein Zeichen der göttlichen Auserwählung. Der Widerwille gegen den englischen Gruß aber ein Merkmal der ewigen Verwerfung. Das solle er allen Brüdern und Schwestern der Erzbruderschaft verkünden!“

 

So führte der selige Alanus lange Jahre hindurch ein zwar äußerlich mühsames, aber durch göttlichen Trost innerlich von Süßigkeit überströmendes Leben, bis er seinem zeitlichen Ende nahe kam. Im Jahr 1475 ist er am Fest Mariä Geburt zu Zwoll in Holland, während er den Rosenkranz in den Händen hielt, unter fortwährendem Beten des englischen Grußes und Anrufung der heiligsten Namen Jesus und Maria, selig im Herrn entschlafen, um seinen Lohn bei Gott und Maria zu empfangen und ewiglich im Himmel zu genießen.