Das Kind und der Rosenkranz

 

Es war einer der trüben Regentage, wie sie in Rom selten sind; ist es aber mal ein solcher Tag, dann sieht es traurig aus, und es ist gleich alles so trüb, so leer, so melancholisch. Die Italiener sind wie die Blumen; sobald die Sonne mal nicht scheint, hängen sie die Köpfe und falten ihre Blüten zu. Sie sind wie die Sterne; sobald Wolken am Himmel sind, sieht man sie nicht, oder doch nur verschleiert und verborgen.

 

Es war deshalb auch recht öde auf den Straßen, und eintönig klatschte der Regen auf die Steine und Dächer. An manchen Stellen stand schon das Wasser; die Via Sistina herunter lief es schon in kleinen Bächlein, die es sich selbst gegraben haben. Nur einige Polizisten und Carabiniere gingen zwei zu zwei die Straße vor dem Quirinal auf und ab. In eiligen Schritten kam eine der mächtigen Gestalten der königlichen Leibkürassiere die Via Venti Settembre herunter, durchquerte die Kreuzung der Quattre Fontane und eilte zu dem Palast seines Königs.

 

Unbeachtet saß oder kauerte vielmehr auf der Treppe unter dem Eingangstor der Kirche der Carlini eine weibliche Gestalt, und an sie gedrängt lag ein kleiner Junge. Hin und wieder schaute wohl mal ein Vorübergehender hin, die meisten aber gingen, ohne hinzuschauen, ihres Weges. Auf ihren Knien hatte die Frau ein Kästchen voll kleiner Döschen, wie man in Italien für einen Saldo die Streichhölzer den Armen abkauft. An der Seite des Kleinen, neben ihm, lagen in ein buntes Tuch gebunden kleine Sträußchen von Stiefmütterchen und anderen Blumen.

 

Ob die beiden sich ausruhten? In der Tat, sie schliefen alle beide, und es war ein rührender Anblick, wie sie da lagen. Auf dem Antlitz der Mutter, denn das war sie offenbar, hatte das Leben, das harte, seine Linien gezogen; Sorge und Arbeit, mitunter wohl auch Hunger und Not, hatten da nicht gefehlt, aber doch lag auch ein stiller Friede, ein ergebenes Lächeln in ihren Zügen.

 

Und der Kleine? Er hatte den Kopf an sie gelehnt, wie an ein Kissen, und mit der Linken umschlang er sie. Auf seinen Wangen lag die frische Farbe der unschuldigen Kindheit.

 

Da kam ein Mönch aus der Kirche, in ähnlichem Gewand, wie es das malerische Kleid der Dominikaner ist, nur die Kapuze war spitzer, der Mantel kürzer, und er trug keinen Hut; auf der linken Seite des Mantels hatte er ein rotes Kreuz. Es war ein Trinitarier, in Rom die Carlini genannt. Wo die Frau mit dem Jungen saß, war ja ihre Kirche, La chiesa die Carlini. Er sah die beiden und lächelte, und griff in die Tasche. Viel war es wohl nicht, was er gefunden, ein Zehnzentesimostück aber immerhin; still legte er es der Armen zu den Döschen auf die Knie und ging weiter.

 

Ob nun eines der Englein, die alles sehen, nicht warten konnte vor Freude, oder auch ein anderes das kleine Kupferstück schützen wollte vor diebischen Fingern anderer Passanten, deren Herz nicht so weich wie das des mitleidigen Mönches, - letzterer war kaum um die Ecke der Straße, da wachte die Bettlerin auf.

 

„La mia Madonna! – Meine Madonna!“ entfuhr es ihren Lippen, und sie sah die Münze.

 

Und gleichsam als seien sie und ihr Kind nur ein Leben, wie sie erwachte, schlug auch der Kleine die Augen auf, und als sie ihm das Geldstück zeigte, sagte er voll kindlicher Freude:

 

„Per la mia mamma! – Für meine Mama!“

 

Und sie nahm seinen Kopf, und ihn liebkosend, küsste sie ihn mit den Worten:

 

„Poveretto mio, Giuseppino mio, Piccino mio! – Mein armes Kerlchen, mein Josefchen!“

 

Und dann fing sie an, ihm etwas zu erzählen, es wäre unmöglich, ihr zu folgen.

 

Als die geendet, hatte auch der Regen nachgelassen, und in munteren Sprüngen lief der Kleine mit seinem Bündel Blumen die Via Sistina hinunter über die Piazza Barbarini die Via Veneto hinauf vor die Villa Veneto hinauf vor die Villa Margueritha; hier schien sein Platz zu sein. So klein er war, so pfiffig war er auch schon. Einheimische, Italiener, ging er gar nicht an. Kam aber ein Fremder, und besonders, wenn es ein junges Pärchen war, flugs war er da und bot sein Sträußlein an oder steckte es der Überraschten sogar in die Bluse oder ins Kleid an den Gürtel. Kam ein Wagen, war er so flink, dass er ein Stück Weges mitlief, und selten, dass er ein Sträußlein vergebens hineingeworfen hat, ein Soldo wenigstens flog dafür heraus. So tat er es denn auch heute.

 

Indessen war die Mutter aufgestanden, aber nicht wie sonst stellte sie sich an die Ecke der Straße und bot ihre Streichhölzlein an, nein, sie packte sie zusammen, zog ein farbiges Tuch aus der Tasche, legte es über den Kopf und trat in die Kirche. So tun es die Italienerinnen. Nie gehen sie ohne Hut oder Schleier in die Kirche, und fehlt ihnen beides, legen sie ein Tuch, und sei es nur ihr Taschentuch, über die Haare. Es ist die Sitte, wie sie die heilige Schrift den ehrbaren Frauen angibt. Und es steht ihnen gut, es liegt etwas Gottgeweihtes, Feierliches darin.

 

So sah auch die Frau gar nicht mehr aus wie eine Bettlerin, in ihrem farbigen Campagnerkleid, den großen, goldenen Ringen in den Ohren, über das noch schwarze Haar das bunte Tuch. Die Augen nach oben zum Bild der Madonna gewendet, hatte sie die Hände gefaltet und einen Rosenkranz um sie geschlungen.

 

„Prega per me! – Bitte für mich!“ hörte man sie beten. Nachdem sie lange gekniet hatte, setzte sie sich in eine Ecke auf den Fuß einer Marmorsäule und schaute von da zu ihrer Madonna.

 

Was hatte sie doch soeben geträumt?

 

Sie saß vor der Kirche, und neben ihr der kleine Giuseppe; er lehnte sich an sie, und sie sah ihn einschlafen; da kam ihr der Gedanke: Was, wenn sie nun stürbe? Sie erschrak, und dann schlief sie ein. Da kam der Gedanke wieder. Aber sie konnte nicht sterben; wer sorgte für ihren Jungen? Und wer gab ihr Geld, dass sie doch dem Pförtner einen Soldo zu geben hatte; als Bettlerin wollte sie doch nicht auch nicht zum Himmel kommen. Und sie hatte heute noch nicht ein Döschen verkauft. Da wurde sie wach; doch nein, sie träumte, sie sah die Madonna, die hielt auf ihren Armen – ihren Bambino, ihren Piccino, wahrhaftig ihren Giuseppino, und er schlief so selig, und die Madonna lächelte so zu ihr. Und dann wurde sie aber wach, nein, es war immer noch Traum, da stand eine weiße Gestalt vor ihr mit schwarzem, wallendem Mantel und einem roten, funkelnden Kreuz an der Seite, ein Engel, und – der gab ihr eine Münze für den Himmelspförtner. Und nun war es aber kein Traum mehr, sie wurde wach, und sie hatte doch das Geld, das war doch keine Täuschung. Lange mochte sie wohl so in der Kirche gewesen sein und ihre Gedanken nachgehangen haben; und als ein Pater gerade in den Beichtstuhl ging, hatte sie noch gebeichtet, und auch er musste ihren Traum anhören und entließ sie getröstet.

 

Es war Abend geworden, und von allen Kirchen sandte das Aveläuten seinen Gruß über das große Rom. Da kam auch der kleine Giuseppe die Via Sistina heraufgesprungen; sein Tüchlein war leer, er hatte alle Blumen verkauft.

 

Doch was war da an der Treppe der Chiesa bei Carlini passiert? Eine Menge Neugieriger stand zusammen. Er wollte sich gerade hindurchdrängen, da kam ein alter Trinitarier mit weißem Bart aber freundlichen Augen auf ihn zu, fasste ihn bei der Hand und nahm ihn einfach auf die Arme und trug ihn ins Kloster.

 

„Dov` è la mia mamma? – Wo ist meine Mamma?“ hörte man ihn fragen.

 

„Nel paradiso – Im Himmel“, wäre die Antwort gewesen. Man sagte ihm aber nichts, er hätte es doch noch nicht verstanden.

 

Was war geschehen? Der Traum der Mutter hatte sich erfüllt. Als der Klosterbruder zum Aveläuten ging, hatte er sie an der Säule beim Altar der Madonna gefunden; er glaubte, sie schliefe, und wollte sie wecken. Es war aber eine Tote.

 

Er meldete es seinem Obern; es war der Pater, der kurz vorher sie Beichte gehört hatte. So erfüllte er, ohne es zu sagen, von wem er geheißen, der toten und der himmlischen Mutter Wunsch, als er den kleinen Giuseppe ins Kloster trug; sie selbst trugen sie gerade aus der Kirche.

 

So trüb und regenvoll der vorhergegangene Tag war, so hell und wolkenlos stieg der andere Morgen auf. So ist es fast allemal im schönen Rom. Regnet es heute, so regnet es sich aus, und morgen steht ein blauer Himmel droben. Und wie das Wetter sind auch die Menschen. Schnell, impulsiv, sie können böse sein, erregt, zornig, doch sie tragen nicht nach, sie vergessen im Nu und sind wieder gut wie vorher. Ihr Herz ist wie ihr Firmament.

 

So war auch nach dem Regentag, dem deutschen Tag, wie die Italiener sagen, ein Sonnentag, ein italienischer Tag, aufgegangen. Wie ganz anders sieht dann Rom aus. Die Römer sind Sonntagskinder und Sonnenkinder. Ist die Sonne da, ist auch Sonntag bei ihnen. Alles kommt aus den Häusern und Stuben und putzt sich und eilt ins Freie. Die Italiener leben in der Sonne. Alle Straßen beleben sich, und gegen den Nachmittag ist Corso und Monte Pincio voll Spaziergängern, und drängt sich Wagen hinter Wagen.

 

Der kleine Giuseppe saß still in einem Zimmerchen der Trinitarier und sehnte sich hinaus in die freie Luft und in die Straßen. Ein Häuflein abgebrochener Blumen lag vor ihm, die hatte er im Klostergarten abgepflückt, und er saß mit ihnen am Boden und band sie zu kleinen Sträußlein. Der arme Kleine sah recht traurig drein, und hin und wieder tropfte doch ein Tränlein in seine Blumen. Der gute alte Mönch in dem weißen Gewand hatte es ihm langsam klar gemacht, dass seine Mama in den Himmel gegangen ist. Erst hatte er es nicht verstanden und sich sogar darüber gefreut und in die Hände gepatscht, da der Mönch ihm den Himmel so schön schilderte, und dass seine Mutter es nun so gut habe. „Dann gehe ich auch“, rief er ein über das andere Mal. Doch als er ihm sagte, das gehe noch nicht, und es sei weit, und seine Mutter komme auch nicht wieder, da ging es ihm auch in der Seele auf, dass das Sterben und Totsein etwas arg Trauriges sei. Und als er gar noch hörte, er solle nun im Kloster bleiben, seine Mutter wolle das so, da wusste sein kleines Herz nicht mehr ein und aus, und er wurde still und scheu, blieb aber im Haus. Um ihm eine Freude zu bereiten, ließ man ihn im schönen Klostergarten herumlaufen, und ließ es auch ruhig zu, als er sich Blumen um Blumen pflückte, soviel als seine Hände tragen konnten.

 

Während er noch so da am Boden saß und eben das letzte Sträußlein geflochten, zehn Stück lagen in einer Reihe neben ihm, da öffnete sich die Tür, und der greise Obere trat ein. Voll Mitleid und Rührung sah er auf den armen Schelm herab, der treuherzig zu ihm aufschaute.

 

„Komm mit“, sagte er nur und fasste den Kleinen an der Hand, nahm mit der anderen die Sträußlein, die in seiner Rechten einen kleinen Strauß nur ausmachten, und so ging er mit dem armen Waisen hinaus, durch den Gang zur Kirche.

 

Niemand war darin. Kühle und Dunkel lag in der Kirche wie Engelsfittiche über die Altäre ausgebreitet.

 

Der Mönch führte den Kleinen zum Altar der Madonna, wo tags zuvor seine Mutter gekniet hatte. Vor dem Altar ließ er das Händchen des Kleinen los und ließ ihn allein, er selbst trat die Stufen empor und steckte die Blumen, die Gioseppino gebunden hat, in die Vasen. Der Kleine freute sich darüber, und ohne es zu wissen, stand er an der Stelle vor der Säule, wo sie tags zuvor seine Mama gefunden, eingeschlafen, wie der Bruder meinte zuerst, eingeschlafen aber für immer, wie er nur zu schnell merkte.

 

„Padre“, klang es da plötzlich vom Mund des Kleinen an des Mönchen Ohr, und es klang wie Freude und Jubel, und in seinen kleinen Händchen hielt er einen abgebeteten Rosenkranz. Es war der seiner Mutter. Offenbar war er ihrer Hand entglitten, als die himmlische Mutter sie zu sich nahm, und sie musste ihn hier sterbend liegen lassen, dass ihr geliebter Giuseppino ihn fände.

 

Immer und immer wieder küsste der Kleine den Rosenkranz und die Medaille der Madonna daran. Tief gerührt sah der greise Pater zu, und eine helle Träne stahl sich ihm ins ernste Auge. Er hieß den Kleinen neben sich knien und in der verstorbenen Mutter Namen schenkte er ihn der Gottesmutter. Den Rosenkranz ließ er dem Kind, das ihn sich um den Hals hängte und unter sein braunes Hemdlein verbarg.

 

Und am Abend des Tages begruben sie draußen auf dem Friedhof von S. Lorenzo, auf dem Gottesacker für die Armen, seine Mutter. Nun war es die Madonna, und sie schützte ihn treulich und hielt der verstorbenen Mutter Wort.

 

* * *

 

Jahre waren vergangen. Menschen gar viel gestorben, eine neue Generation stand in der Blüte ihres Lebens. Rom war unverändert dasselbe, nur schöner und üppiger geworden, und manches Alte hatte ein neues Kleid bekommen. Sonnentage und Regentage waren noch immer dieselben, und auch die Römer und Römerinnen und Fremden wie immer.

 

In der kleinen runden Kirche der Trinitarier war großes Fest. Der Altar der Madonna war mit Damast und Gold ausgeschlagen, mächtige Glaslyster hingen herab, und wohl über hundert Kerzen brannten. Eine prächtige Kanzel war aufgeschlagen, um die die Leute saßen und standen. Ein noch nicht alter Pater hielt die Predigt, und alles lauschte seinen Worten.

 

Gerade hatte er begeistert über den Gnadenschatz der Gottesmutter geredet; nun setzte er sich auf den roten Sessel, der auf dem Kanzelpodium stand. Es wurde noch stiller, und er erzählte:

 

„Wie die Madonna hilft und schützt, das kann ich euch erzählen an einem Mönch. In frühester Jugend hatte dessen Mutter ihn der Madonna geopfert und sterbend geschenkt“ – eine Pause entstand. Was ging in der Seele des Predigers vor?

 

Er sprang auf und trat an den Rand des Podiums vor.

 

„Hier war es, an jener Säule, vor dem Altar der Madonna, da fanden sie meine Mutter tot.“

 

Er war ganz bleich geworden, alles hielt den Atem und schaute nach der Stelle, nach der seine Hand deutete.

 

„Ich war ein ganz kleiner Junge. Man nahm mich auf ins Kloster.“ In kurzen Sätzen kam es heraus, die aber tief ergriffen. „Am anderen Tag kniete ich da, wohl als man sie begrub. Da fand ich ihren Rosenkranz, hier, ich trage ihn am Gürtel“, und er zeigte ihn den sich Zusammendrängenden. „Dann knieten wir dort am Altar, der selige Pater Lucas und ich Kleiner. Später sagte er mir, dass er da der Madonna mich geschenkt hat, dass ich mal sein Nachfolger werde. Ihr wisst, das bin ich nun. Aber, zu Ehren der Madonna, was liegt nicht alles dazwischen! Man tat mich armen Waisen damals zu den Schwestern, dort wurde ich erzogen, und musste lernen und arbeiten und beten. Eines Tages, und ich war auf und davon.

 

Ich lebte vom Betteln, - ich stahl auch – doch froh wurde ich nie; um den Hals die corona, der Rosenkranz der Mutter, der brannte, doch ich tat ihn nie fort; den hätte ich – ich glaube, erstochen, der den mir genommen.

 

Und doch, es verflogen die Jahre, ich durchzog die Städte bis hinab nach Venedig und weiter. So vergingen elf Jahre, elf Jahre, Madonna verzeihe, da kam ich nach Rom, doch fast noch ein Junge, ich zog durch die Straßen, ich ging nach Lorenzo, zwar wusste ich das Grab nicht, nur dass sie da lag, und dann kam ich hierher, da, da an der Säule, da warf ich mich nieder, vom Ruck brach die corona, der Rosenkranz, und fiel mir vom Hals, ich raffte ihn auf und hielt ihn in den Händen und weinte zur Mutter und zur Madonna.

 

Da kam Pater Lucas, es war am Vorabend seines Todes. Der Heilige! Er zog mich empor. „Nun bleibst du für immer“, waren seine Worte, „und er nahm mich aufs Neue mit in das Kloster.

 

Und dann blieb ich und nun bleib ich. Ich erzähle euch es zum Nutzen und auch zur Freude, dass ihr erkennt an mir, wie sie helfen und retten kann, die Madonna.“

 

Heiliger Ernst und tiefe Ergriffenheit lag auf allen Gesichtern, als er geendet hatte. Sie liebten ihn ja, ihren guten Pater Giuseppe, des alten Pater Lucas dritten Nachfolger im Amt, dessen entsannen sich noch alle. Was er erzählt, es band sie nun nur noch inniger an ihn und machte ihn ihnen noch lieber.

 

In lautem Gesang klang es zu Ende der Predigt durch die Kirche, in immer wiederkehrendem Refrain: „O rosa mystica, prega per me!“ „O du geheimnisvolle Rose, bitte für mich!“ – „Prega per me!“ „Bitte für mich!“