Betrachtungen über den Rosenkranz

 

Der Rosenkranz: Ein starker Schild zum Schutz des Glaubens und zur Abwehr alles Bösen

 

An einem Sandkörnlein ist nichts Besonderes oder Schönes zu sehen. Es ist eben ein Sandkorn, du trittst es unbedenklich mit den Füßen. Und doch kann es mitunter für das Menschenleben von Nutzen und Bedeutung sein.

 

So habe ich von einem reichen Mann gelesen. Der wollte eines Tages zu einer bestimmten Stunde sich an einem Ort einfinden. Zu seinem Glück kam er nicht dorthin, sonst hätte er keinen Sonnenaufgang mehr erlebt. Es waren nämlich Räuber in derselben Gegend, und diese hatten schon lange auf den Geldbeutel des Herrn spekuliert und jetzt herausbekommen, dass er an diesem Tag zu dieser Stunde an einem für ihr Vorhaben günstigen Platz vorbeikommen würde. Wer aber nicht kam, war der Herr. Aus Furcht, dass ihr Plan verraten worden war, flüchteten die Räuber und wagten kein weiteres Mal ihm aufzulauern. Was ihr Vorhaben vereitelte, war ein Sandkörnlein. Der reiche Mann trug nämlich eine Taschenuhr bei sich. An dem Tag nun, wo er den Weg machen wollte, schaute er morgens auf die Uhr und sieht, er könne mit dem Aufbruch noch eine Stunde warten. Die Stunde geht vorüber und wie der Herr wieder auf die Uhr schaut, zeigt sie noch immer dieselbe Zeit. Sie war also stehen geblieben, und wie es sich herausstellte, war ein Sandkorn zwischen die Räder geraten und hatte ihren Gang gehindert. Da der Mann nun bereits eine Stunde zu spät daran war und nicht mehr zur bestimmten Zeit den Ort erreichen konnte, blieb er daheim und entging so den Räubern. Das Sandkorn war sein Lebensretter gewesen.

 

Dieses Glück haben einem andern Menschen ebenfalls mehrere Körner gebracht; sie waren nicht von festem Sand, sondern aus weichem Holz. Es waren die fünfzig Körner der Rosenkranzschnur, die er bei sich trug. Er war ein Förster und Jäger bei einem Grafen. Die Wildschützen sind ihm schon lang aufsässig gewesen. In einer Nacht nun musste der Förster durch einen dichten Wald. Plötzlich wurde er von zwei Wilderern überfallen; er setzt sich zur Wehr, bekommt aber einen Schuss auf die Brust und stürzt zu Boden. Die Wilderer machten sich davon, in der Annahme, ihn todgeschossen zu haben. Er lebte aber noch und wurde von seinen Leuten, die auf den Schuss herbeigekommen waren, nach Hause gebracht. Der Chirurg untersucht ihn, fand aber eine ungefährliche Wunde auf der Brust. Der Förster hatte nämlich in seiner Brusttasche einen Rosenkranz bei sich, und die Kugel hatte genau ihn getroffen, wodurch ihre Kraft so geschwächt worden war, dass sie nur eine kleine Wunde verursachte. So sind ihm die Körner des Rosenkranzes zu einem schützenden Schild geworden.

 

Die Geschichte mit dem hölzernen Rosenkranz ist so etwas wie ein Gleichnis von dem, was der Rosenkranz, der aus Geist, Herz und Wahrheit, aus Glaube, Hoffnung, Andacht und Liebe verfasst ist, ich meine das Gebet des marianischen Psalters für den einzelnen Christenmenschen, wie für die gesamte Christenheit nach Gottes Willen sein sollte, und schon viel tausendmal gewesen ist: Schutz und Schirm gegen feindliche Mächte aller Art.

Am Fest des heiligen Rosenkranzes kann man im Brevier lesen:

 

„ Als der Irrglauben der Albigenser das Gebiet von Toulouse in Südfrankreich in gottloser Weise verheerte, und seine Wurzel von Tag zu Tag tiefer einsetzte, da verlegte sich der heilige Dominikus im Jahr 1203 mit ganzer Kraft darauf, diesen Irrglauben zu entwurzeln. Um dies mit noch größerer Stärke zu bewerkstelligen, flehte er mit innigem Gebet um Beistand zur seligsten Jungfrau, deren hohe Würde durch jene Irrtümer auf das Schamloseste entehrt wurde, und der es gegeben ist, allen Irrglauben in der ganzen Welt zu vernichten. Wie nun berichtet wird, wurde er von Maria gemahnt, den Völkern den Rosenkranz zu predigen, der ein ganz besonderer Schild gegen die Irrlehren und Laster sei. Es ist zum Staunen, mit welchem Geisteseifer und mit welch glücklichem Erfolg der Heilige das ihm aufgetragene Amt erfüllte. Es ist aber der Rosenkranz eine bestimmte Gebetsweise, die darin besteht, dass wir 150 „Gegrüßet seist du, Maria“ usw., durch Einschaltung des „Vater unser“ usw. in 15 Absätze von je 10 „Ave Maria“ geteilt, beten und bei jedem Absatz ebenso viele Geheimnisse unserer Erlösung in frommer Betrachtung verehren. – Unzählbar sind die Früchte, die aus dieser so heilsamen Stiftung der Christenheit erwachsen sind.“ Hierauf erzählt das Brevier von zwei berühmten großen Siegen, die über die Erbfeinde der Christen errungen und nach frommer Meinung dem Gebet des heiligen Rosenkranzes zugeschrieben wurden.

 

Es ist demnach dieses Gebet in der Tat ein starker Schild, den Gott der Christenheit durch Vermittlung der Gottesmutter zum Schutz des Glaubens, zur Abwehr von falscher Lehre und heillosen Lastern geschenkt hat.

 

Schaut man diese katholische Gebetsweise nur äußerlich und oberflächlich an, hat sie allerdings nicht das Aussehen einer so mächtigen Schutzwaffe. Es hat sogar immer wieder Zeiten gegeben, auch noch vor einigen Jahren, wo man den Rosenkranz öffentlich verspottet und verlästert und zu altem unbrauchbarem Eisen geworfen hat. Auch heutzutage fehlt es nicht an solchen Menschen, die im Rosenkranz nichts als ein eintöniges, gedankenloses, langweiliges Lippengebet finden können. Aber es ist auch da wieder wahr: „das Schwache, Einfache und Verächtliche der Welt hat Gott auserwählt, um das Starke zu Schanden zu machen.“ Die Kraft des Rosenkranzes versteht niemand, der ihn nicht nach Anweisung der Kirche betet. Es ist mit ihm wie mit dem Tausendguldenkräutlein; es ist ein gar unansehnliches Waldblümchen; es liegt aber in ihm verborgen eine solche Heilkraft, als unsere Vorfahren sie nicht besser zu bezeichnen wussten, als dass sie sagten, sie sei wohl ihre tausend Gulden wert. Diese Heilkraft aber verspürt nur, wer sie ins Geblüt und von da aus ins Mark und Gebein bringt, wer das Tausendguldenkraut einnimmt.

 

Und einnehmen, ja wahrhaftig, das ist das rechte Wort, einnehmen muss derjenige den Rosenkranz, der seine Kraft und Wirkung an sich erfahren will. Du nimmst ihn ein, wenn du den Geist, der in den Worten des „Vater unser“, „Gegrüßet seist du, Maria“ und besonders in den fünfzehn Geheimnissen des Rosenkranzes liegt, zuerst durch eifriges Nachdenken herausdestillierst, durch den Glauben zu deinem geistigen Eigentum machst, und dann hinabdringen lässt in das Geblüt, ich meine, in dein Herz, in dein innerstes Seelenleben, in deinen Willen, in deine Liebe.

 

So meint es und so will es die heilige Kirche. Nach ihrer Anweisung betet den Rosenkranz nur derjenige, der einerseits die mündlichen Gebete des „Vater unser“ und „Ave Maria“ betet, andererseits aber mit diesen auch das Nachdenken über sie und die fünfzehn Geheimnisse verbindet. Wer nur das eine tut, das andere aber nicht, kann nicht einmal die Ablassschätze gewinnen, die die Kirche auf das Rosenkranzgebet verliehen hat; noch weniger aber kann er jene Kraft verspüren, die darin verborgen ist. Du musst es also machen wie mit den Gewürznelken und Pfefferkörnern, man zerkaut sie sorgfältig, wenn man ihren kräftigen Geschmack verkosten will.

 

Der Rosenkranz: Ein Führer ins Gelobte Land

 

Wenn du von Jerusalem und Betlehem gehört hast oder wenn du zu Weihnachten vor einer Krippe gekniet bist oder den Kreuzweg gebetet hast, ist dir da nicht der Gedanke gekommen: Könnte ich doch einmal diese heiligen Orte, wo mein Heiland gelebt hat, mit eigenen Augen sehen? Und vielleicht meist du bei diesem Gedanken, dort würde dir das Gebet wie von selber aus dem tiefsten Herzen heraufsteigen, währen du es jetzt gleichsam heraufpumpen musst. Ein solcher Wunsch ist schon zu verstehen. Aber wenn er dir auch erfüllt würde, und du kämest ins Heilige Land und schautest dort die Berge, Seen und Gegenden, und die Städte und Dörfer Palästinas, so könntest du doch gerade ihn, den Heiland selber, dort nicht mit den Augen sehen, seine Rede nicht mit den Ohren hören, und seine segnende Hand nicht mit deinem Mund küssen. Er ist schon seit zweitausend Jahren nicht mehr dort. Pilger, die im Heiligen Land waren, sagen daher auch, es sei ihnen dort gewesen, wie wenn sie aus der Fremde in die Heimat des Vaters zurückgekehrt wären, den Vater aber, der inzwischen gestorben ist, dort nicht mehr angetroffen hätten, und nur wehmütig stehen konnten an seinem Grab. Wenn also auch du nach Palästina kämst, so bliebe dir nichts übrig, als an den heiligen Stätten dir im Geist den Heiland vorzustellen, wie wenn er noch dort zu Betlehem in der Krippe läge, oder in Nazareth im stillen Haus aus und einginge, oder das schwere Kreuz vor dir den „Schmerzensweg“ hinauftragen würde.

Nun sage ich aber: eine solche Vorstellung kannst du dir überall machen, wo immer du bist, wenn sie auch nicht gerade so lebhaft wie an den heiligen Orten selber sein wird. Du wirst wohl auch einmal von deinem Elternhaus weggegangen sein in die Fremde. Wie leicht und wie oft hast du dir da deine Heimat in Gedanken vorgestellt und hast deine Familie im Geist gesehen, wie sie jetzt arbeiten, dann zu Tisch gehen, dann abends den Rosenkranz beten und am Sonntag zur Kirche gehen, und hast vielleicht gemeint du hörtest sogar die Glocken der Pfarrkirche, obwohl sie weit von dir weg gewesen sind. In gleicher Weise kannst du deine Seele über Land und Meer hinüber nach Palästina schicken, kannst dir selber die Landschaft und den Ort ausmalen oder durch Bilder vergegenwärtigen, und kannst geistig den Heiland sehen als Kind, jungen oder erwachsenen Mann und kannst vernehmen, was er überall dort gesprochen hat.

 

Eine solche geistige Wallfahrt und Pilgerreise ins Heilige Land machst du aber bei jedem Rosenkranz, wenn du ihn nicht bloß mit Mund und Zunge, sondern auch mit Kopf und Herz, mit Geist betest. Schneller als im schnellsten Flugzeug ist deine Seele dort und durchzieht in Gedanken all die heiligen Orte. Die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes sind ebenso viele Haltestellen, wo du deinen Heiland findest. Diese Stellen sind so hergerichtet, dass du das Leben des Herrn mit seinen wichtigsten Ereignissen durchwanderst, von Nazareth, wo es angefangen, bis hinauf zur Rechten des Vaters von dort er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Überall ist er dein Erlöser, der für dich lebt, arbeitet, leidet, betet; überall an diesen Orten sammelt er Verdienste für dich, um dir die frohe Hoffnung des Heils zu geben.

 

Darum hat man den Rosenkranz mit seinen fünfzehn Geheimnissen mit Recht das „abgekürzte Evangelium“ Jesu Christi genannt. Das sagt auch die katholische Kirche im Messgebet am Rosenkranzfest, das du jedes Mal als Vorbereitung zum Rosenkranz verrichten kannst. Es heißt: „O Gott, dein eingeborener Sohn hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung den Lohn des ewigen Heils erworben. Wir bitten dich um die Gnade, dass wir durch die Betrachtung der Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes der seligsten Jungfrau Maria das nachahmen, was sie enthalten, und das erlangen, was sie verheißen.“

 

Es ist somit der Rosenkranz eine geistige Pilgerreise an die heiligen Stätten zu Jesus Christus, und hinein in das Gelobte Land seines heiligen Lebens, aus dem du mit reichen Schätzen beladen und wie aus einer Sommerfrische neubelebt wieder heimkehren kannst zu deinen täglichen Geschäften. Nach den vier heiligen Evangelisten ist der Rosenkranz der beste, sicherste und schönste Führer auf dieser Pilgerfahrt. Wenn du ihm folgst, führt er dich hinein auf kürzestem Weg bis zum Herzen Jesu.

 

Der Rosenkranz: Das Evangelium vom Herzen Jesu

 

Im Herbst fängt der Laubwald draußen an sich in schöne gelbe und rote Blätter zu kleiden, um sie dann nach einigen Tagen ganz abzulegen, aber nur auf kurze Zeit. Im Frühjahr wird er wieder im frischen Grün dastehen und der Obstbaum in reicher Blüte leuchten. Woher nimmt denn nur der Baum alle Jahre dieses neue Gewand und woher kommt die Schönheit der Blumen und Früchte? Woher anders, als aus den Wurzeln und aus dem Erdreich, aus dem sie herauswachsen.

 

Oder etwas anderes. Du gehst in den Wald hinein spazieren oder ins Wiesental. Auf einmal begegnet dir ein frisches Bächlein, fließt eilig an dir über Stock und Stein vorbei und erzählt dabei ein Kunterbunt in seiner Sprache. Wo ist es denn nur hergekommen? Geh du nur seinem Weg nach, den es selber gegangen ist; es führt dich schon zum Haus, wo es daheim war, zur Quelle am Felsgestein.

 

Oder noch etwas. Du arbeitest im Zimmer am Tisch. Da schleicht sich ein Lichtstrahl über den Tisch hin und noch ein zweiter und jetzt viele auf einmal; das ganze Zimmer wird hell nach allen Seiten. Die Strahlen sind vom Fenster hergekommen. Brennt denn das Glas? Ja, Wärme hat es bekommen, aber die Lichtstrahlen kommen von viel weiter, viele tausend Stunden weit daher. Es ist die Sonne in ihrem Brand, die sie mir zuschickt durch Luft und Glas.

 

Das ist jetzt auch gleichnisweise gesprochen. Wie nämlich die Strahlen aus der Sonne, das Bächlein aus der Quelle, die Zweige, Blüten und Früchte aus Wurzel und Stamm kommen, so geht das ganze Leben, Leiden und Sterben des Gottmenschen aus seinem heiligsten Herzen aus.

 

Stelle dich einmal hin zur Krippe in Betlehem. Wenn du das Kindlein weinen siehst, wie Kinder es tun, so gehe diesem Tränenbächlein nach und suche die Quelle davon auf. Frage deinen Heiland, was ihn denn zu weinen bringt, und du wirst zur Antwort erhalten: „Es ist mein Herz, es ist meine Liebe.“ Und wenn du ihn im späteren Leben im Tempel zu Jerusalem siehst, wo er die Strahlen seiner Weisheit unter den Schriftgelehrten leuchten lässt, oder wenn du am Kreuzesbaum ihn mit blutigen Rosen vieler Wunden bekleidet siehst, gehe dem nach und forsche nach dem Licht, woher die Strahlen kommen, und nach dem Garten, aus dem die Rosen stammen; du wirst finden, es ist das Herz, es ist die Liebe Jesu.

 

St. Paulus der Apostel hat einmal den Heiland am Kreuz betrachtet, und ist durch das Opferleiden Jesu vorgedrungen zum letzten Grund; und da hat er auch das heiligste Herz gefunden und erzählt nun: „Er hat sich für mich hingegeben, weil er mich geliebt hat.“ Der Heiland selber hat einmal gesagt: „Der Mund rede von dem, wovon das Herz übervoll sei.“ Das ist auch bei seinem Reden und Werken allen wahr gewesen; sie sind alle aus seinem Innersten, aus seinem freien Willen und seiner Liebe, oder was ja dasselbe ist, aus seinem Herzen hervorgegangen. Und wie man an den Früchten erkennen mag, zu welcher Gattung von Bäumen der Baum gehört, so kannst du ganz leicht aus allen Worten und Taten des Herrn erkennen, was für ein edles, gütiges, erbarmungsvolles, treues, demütiges, dankbares, gehorsames Herz er hat.

 

Nun aber erzählt dir, wie gesagt, der Rosenkranz in seinen fünfzehn Geheimnissen den ganzen Lebenslauf des Herrn nach den wichtigsten Ereignissen. Sie heißen „Geheimnisse“, und nicht umsonst. Denn es ist in ihnen etwas verborgen, was nicht jeder Mensch sieht, sondern nur der, der das Auge des Glaubens besitzt und gebraucht. Und so lange du dieses Verborgene, dieses Geheime nicht siehst, wirst du auch von den Geheimnissen nichts rechtes verstehen. Das Geheimnis aber ist vorzüglich die Liebe, das Herz des Herrn, aus dem diese fünfzehn Ereignisse seines Lebens wie die Lichtstrahlen von der Sonne ausgegangen sind.

 

In jedem Geheimnis zeigt er dir sein Herz und jedes Mal wieder von einer anderen Seite und jedes Mal lieb und ehrwürdig. Jedes Geheimnis ist also eine Erscheinung, eine Offenbarung seines Herzens, seiner Liebe. Aber noch mehr.

 

Die Perlen oder Körner oder Kügelchen des Rosenkranzes würden zum Beten nicht recht brauchbar sein, wenn sie nicht die Perlenschnur vereinigen und zusammenhalten würde. Was die Schnur für die Perlen, das ist das Herz Jesu für die fünfzehn Geheimnisse. Die Liebe durchzieht alle, die Liebe bringt sie zur Einheit, und macht, dass sie alle wie aus einem Guss vor dir stehen. Darüber hat der gelehrte Kardinal Wisemann ein schönes Wort geschrieben: „Das Herz Jesu ist es, das die verschiedenen Erscheinungen seiner menschlichen Gestalt miteinander verbindet, das strahlende Auge des Kindes, die arbeitsame Hand des jungen Mannes, die gewinnenden Lippen des Lehrers, das dornumkränzte Haupt des Opfers. Ihnen allen sendet das Herz die entsprechenden Ströme des Lebens, die bei ihm nur Ströme der Liebe waren. Aus der Überfülle dieses Herzens stammten die Tränen, die er über die Verstockten weinte, stammte jener geheimnisvolle Tau, der in Getsemani aus den Poren seiner Gesichtes drang, stammten die Ströme heiligen Blutes, die aus den vier großen Wunden auf Golgatha flossen, stammte der bedeutungsvolle Strom der Wiedergeburt, der aus seiner von der Lanze durchbohrten Seite hervorquoll. Und selbst sein Tod, was war er anders, als gerade das Brechen dieses heiligen Gefäßes selbst, damit nicht ein Tropfen seines göttlichen Schatzes den Menschen vorenthalten bliebe?“

 

Wenn du den Rosenkranz auf solche Weise, also gründlich betrachtest, wird er dir ein Evangelium des Herzens Jesu, ein wahres Herz-Jesu-Buch werden, das dir in fünfzehn Hauptstücken die Geschichte dieses Herzens erzählt.

 

Man hat bekanntlich die Rose zum Sinnbild der Liebe gewählt; das Geschenk einer Rose deutet auf Liebe des Herzens. In den fünfzehn Geheimnissen seines Lebens bietet demnach der Heiland selbst dir einen ganzen Kranz von Rosen oder vielmehr drei Rosenkränze, einen aus schneeweißen, einen aus blutroten, einen aus goldgelben Rosen gewunden, je nachdem sich seine Liebe, sein Herz in den Geheimnissen erzeigt. Das ist also ein Rosenkranz, den sein Herz dir widmet, ein rechter Rosenkranz vom heiligsten Herzen.

 

Und jetzt wirst du bereits ein erstes Mal die nahe Verwandtschaft verstehen, in der der Rosenkranz mit der Andacht zum heiligsten Herzen steht. In dem Kirchengebet, das am Fest dieses Herzens gebetet wird, heißt es: „wir verehren in der Andacht zum Herzen Jesu die vorzüglichsten Wohltaten seiner Liebe zu uns.“ Nun, was verehrst du denn in den fünfzehn Geheimnissen des Rosenkranzes anderes, als fünfzehn der vorzüglichsten Wohltaten seiner Liebe? Der Hauptsache nach ist also der Gegenstand bei beiden Andachten derselbe, es ist die Liebe, das Herz Jesu. Wenn dich also der Rosenkranz das heiligste Herz Jesu kennen lehrt in seiner Hoheit, in seinen Tugenden, in seinen Verdiensten und Gnadenschätzen, ist er da nicht wahrhaft ein Apostel oder Evangelist, auf Deutsch gesagt, ein Bote des Herzens Jesu?

 

Der Rosenkranz: Das Band der Liebe

 

Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seiner Liebe zu den Menschen. Es ist, als wenn dir der Heiland den Rosenkranz anbieten und bei den fünfzehn Geheimnissen sagen würde: „Tue das zu meinem Andenken.“ Die Geheimnisse sind ebenso viel Erinnerungen, oder Vergissmeinnichte des göttlichen Herzens. Damit aber wirst du ja aufgefordert, ihm Liebe mit Liebe, Herz mit Herz zu zahlen. Der Rosenkranz zeigt dir den Heiland in seinen Entbehrungen und Leiden und in den Verfolgungen, die ihm die Menschen angetan haben. Und dadurch weckt er in dir das Mitleid mit seiner verschmähten, abgewiesenen gekränkten Liebe, und drängt dich zur Sühne und Abbitte und Ersatzleistung. Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seinen Gebeten, Arbeiten und Opfern für die heiligsten Interessen Gottes und der Menschen. Dadurch regt er dich an, dich mit denselben Interessen zu beschäftigen. Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seinen edelsten Tugenden, und lockt dich so zu seiner Nachahmung. Der Rosenkranz zeigt dir schließlich das heiligste Herz in seiner Verherrlichung, in dem reichen Lohn, den es sich verdient hat, und weist dich damit hin auf die Verheißungen, die das heiligste Herz allen denen gegeben hat, die seinem Beispiel folgen, und ruft in dir die Hoffnung und das Vertrauen auf sich wach. Sind nun aber diese Tugendübungen, Gegenliebe, Sühne, Nachahmung, Vertrauen, Teilnahme an den Interessen Jesu nicht gerade auch die vorzüglichsten Übungen der Andacht zum göttlichen erzen? Und wenn der Rosenkranz, mit Geist und Herz gebetet, zu diesen Übungen anleitet, ist er da nicht ein Prediger, ein Bote der Andacht zum göttlichen Herzen?

 

Ich behaupte noch mehr und sage: Das Rosenkranzgebet regt nicht bloß zur Andacht zum göttlichen Herzen an, sondern wird selber zu solch einer Andacht, wenn du nur willst. Es ist ja mit ihm nicht anders, als mit allen frommen Werken, mit Beten, Fasten und Werken der Barmherzigkeit. Wie diese Übungen kannst du ja auch den Rosenkranz beten, bald um dem Erlöserherzen deine Liebe zu beweisen in dankbarer Erinnerung seines Liebeslebens für dich, bald um ihm eine Sühne darzubringen, bald um das Gebet dieses Herzens nachzuahmen und für die Förderung seiner Interessen zu flehen. Durch diese deine Absicht wird der Rosenkranz ein Werk zur Verehrung des göttlichen Herzens, es ist ein Strauß, ein Kranz von Rosen, die du dem Herrn bietest für den Dornenkranz, den die Feinde Jesu ihm ehedem in seinem Leiden um das Haupt geschlungen haben, die Feinde von heutzutage aber durch ihren Undank und ihre Kälte und Sakrilegien in sein Herz drücken.

 

Jesus will die Menschen zu seiner Liebe hin anlocken, oder wie er selbst gesagt hat, in ihnen „das Reich seines Herzens“ wieder aufrichten. Er zeigt den Menschen seine Liebe und will damit sogar scheinbar gefühllose Herzen anrühren und zur Gegenliebe bewegen. Nun sind aber die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes gerade die feurigsten Strahlen der Liebe Christi, sie sind die stärksten Lockrufe und wenn man so sagen darf, die schönsten Liebeslieder, in denen dein Heiland dir vorstellt, was er alles für dich getan hat, um dein Herz zu gewinnen und dich zu ihm zurückzuführen. Im Rosenkranz bietet er dir den Brautring; und wenn du deinerseits den Rosenkranz mit Geist und Herz betest, da bietest auch du ihm deinen Ring, ihr tauscht Ringe, wie man zu sagen pflegt. So wird der Rosenkranz zu einem Band der Liebe, das sich immer enger und fester um dein und sein Herz schlingt, je öfter und andächtiger du ihn betest.

 

Das mag vielleicht manchem als eine Übertreibung erscheinen. Aber mach doch einmal eine Probe. Vertiefe dich gläubig nur einen Monat lang jeden Tag auf eine Viertelstunde in die Geheimnisse des Rosenkranzes und dringe ihnen bis aufs Herz, bis auf den Grund. Es wird sich zeigen, wie wahr der Papst einmal gesagt hat: „durch die Übung des Rosenkranzes werden die Guten in der Tugend wachsen und die Verirrten zu ihrem Heil in sich gehen.“

 

Der Rosenkranz: Der allerköstlichste Rosenduft

 

Es hat dich vielleicht bei der bisherigen Betrachtung über den Rosenkranz gewundert, dass noch keine Silbe von der Gottesmutter vorgekommen ist. Der Rosenkranz gilt ja allgemein als eine Andacht zu ihr. Nun, das ist er auch in der Tat, und wenn ich dir vom Rosenkranz als einer Andacht zum Herzen des Heilandes geredet habe, so will ich dich damit durchaus nicht von Maria wegziehen. Im Gegenteil. Denn war Maria nicht die erste, die die Geheimnisse ihres Sohnes betrachtete, wie das Evangelium erzählt, in ihrem Herzen bewahrt und zu allererst daraus die reichste Frucht gewonnen hat? Wende dich also weiterhin bei jedem Ave des Rosenkranzes an sie und steige hinab in das Herz der gnadenvollen, heiligen Gottesmutter, dort wirst du finden, was sie für Andacht zur Liebe, zum Herzen ihres Sohnes gehabt hat. Sie führt dich bei jedem Ave zur gebenedeiten Frucht ihres Leibes, Jesus, den sie auch für dich vom Heiligen Geist empfangen, geboren, geopfert hat. Sie hat gewiss nichts dagegen, wenn du dann bei ihrem Sohn bleibst und dich ganz in sein Herz versenkst, wie sie es bei der Krippe und beim Kreuz getan hat und noch immer im Himmel tut.

 

In dem schönen Gebet: „Salve Regina“, „Sei gegrüßt, du Königin“, bittest du Maria, sie möge dir doch nach diesem elenden Leben zeigen die gebenedeite Frucht ihres Leibes. Im Rosenkranz tut sie dir das jetzt schon. Gehe also nur hin zu ihr mit diesem ihr so lieben Gebet. Wo die Mutter ist, findest du auch den Sohn; wie sie im Leben auf der Erde und im Himmel unzertrennlich vereint sind, so auch im Rosenkranz. Es gilt also auch da: durch die Mutter zum Sohn, durchs Mutterherz zum Sohnesherzen. Im Rosenkranz findest du das Herz Mariens, wenn du in die Rosen der hundertfünfzig Ave einen Duft und Wohlgeruch hinein hauchst, wie es für die Mutter des Herrn keinen angenehmeren geben kann.

 

Weiße, rote, gold`ne Rosen

Sprießt hervor das Herz des Herrn:

Rosen seines Erdenwallens,

Uns`rer Hoffnung heller Stern;

 

Rosen seines bittern Leidens,

Uns`res Heiles voller Sold;

Rosen seiner Ehr` und Freuden,

Uns`rer Krone lichtes Gold.

 

Lasset sie zum Kranz uns winden

Um das Haupt der Königin,

Rosen, die da aus dem Herzen

Ihres Sohnes froh erblüh`n!

 

Aber jetzt sei es für diesmal genug; nur noch eins: Soll dir der Rosenkranz die verheißenen Schätze bringen, so musst du jedes Mal die zwei Schwestern mitnehmen, die da heißen: Gebet und Betrachtung. In der Notburgakirche auf dem Eben steht der Spruch geschrieben:

 

Arbeit mit Gebet verbinden,

Lässt Gottes Segen finden.

 

Die Arbeit des Rosenkranzes besteht in der Betrachtung. Der Rosenkranz ist nämlich so etwas, wie ein Goldbergwerk. Durch die Betrachtung gräbst und dringst du in den Schacht hinein, wo das Gold, die Liebe des Herzens Jesu verborgen ist. Jedes der fünfzehn Geheimnisse ist ein solcher Schacht. Hast du aber eine reiche Goldader aufgedeckt, dann ist es an dir, durch demütiges Gebet des „Vater unser“ und „Gegrüßet seist du, Maria“ das Gold zu erheben und dir anzueignen. Der Demut des Gebetes bleibt nichts versagt nach Gottes treuem Wort: Den Demütigen gibt Gott seine Gnade. – Zu diesem heiligen Gold- und Schatzgraben sind nun alle aufs Freundlichste eingeladen. Die Schwester Betrachtung schließt uns die Schatzkammer auf, und Schwester Gebet greift zu. So können wir reich werden an allem Guten, was uns allesamt „die Königin des heiligen Rosenkranzes“, „Unsere Liebe Frau vom heiligsten Herzen“ erbitten wolle vom König aller Herzen, von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.