Die weiße Kerze

 

Auf dem Altar vor dem Gnadenbild brannte eine weiße Kerze. Ein mattgoldener Kreis fiel auf das große Buch, das aufgeschlagen auf dem Samtpult ruhte, und brach sich vielfach in den Blumenschalen. Sonst war es dunkel in der Kapelle.

 

„Ich brenne . . .“ flüsterte die Kerze.

 

„Ich brenne . . .!“ Es klang wie ein Gebet.

 

„Für die Allerseligste Jungfrau! Für Maria, die gebenedeit ist unter den Frauen!“ sagten die Lilien und neigten ihre Häupter, die durchsichtig waren wie Porzellan.

 

„Die Allerseligste Jungfrau?“ wiederholte die Kerze, „ich kenne sie nicht. Ich kenne nur den Priester mit der blassen Stirn, der mich entzündet hat. Für ihn brenne ich. Für ihn!“

 

Die Lilien erbleichten.

 

„Du lästerst die Gottesmutter!“ sagten sie drohend.

 

„Sie lästert . . .“ flüsterten die jungen Rosen erschrocken und wurden noch röter.

 

„Lästern?“ fragte die Kerze staunend, „was ist lästern? Ich brenne, seht ihr das nicht?“

 

„Du brennst für einen Priester! Das ist Sünde, denn er ist ein Mensch. Nur wer der Jungfrau dient, tut gottgefällig!“ erwiderten die Lilien.

 

„Ich diene, wem ich lebe –“ sagte die Kerze still, „und lebe, wem ich meine Flamme verdanke. Ich frage nicht, ob es ein König ist, ein Bettler oder ein Priester. Was heißt „für Mensch oder für Gott? Ich habe nur eine Flamme!“

 

Die Lilien erhoben sich stolz.

 

„Auch wir haben nur ein Leben und doch opfern wir es für sie!“

 

Und die Rosen nickten:

„Auch wir haben nur einen Duft, aber ihr allein ist er geweiht!“

 

„Hörst du es?“ mischte sich das Messbuch in das Gespräch. Seine Stimme war dunkel vor Zorn. „Du bist unwert, neben ihnen zu stehen. Du bist unheilig!“

 

„Unheilig?“ flüsterte die Kerze und hob ihr strahlendes Haupt. „Unheilig? Mich verzehrt die Heiligkeit meines Daseins. Ich trage die ewige Flamme. Seid ihr denn blind dafür?“

 

„Du Ruchlose!“ rief das Messbuch. „In weniger als drei Stunden wirst du verlöschen, weil du dich selbst verbrennst. Ewig allein ist das Wort, das ich verkünde. Denn es ist die Wahrheit!“

 

„Die Wahrheit!“ flüsterten die Lilien ehrfurchtsvoll. Die Rosen aber schlugen die Augen nieder. Sie wagten keinen Zusatz.

 

In der Kapelle wurde es still.

 

Die weiße Kerze brannte.

 

Sie dachte an den Priester. Er hatte sie ins Leben gerufen. Er hatte sie leuchten gemacht. War es wirklich Sünde, ihm zu dienen?

 

Sie blickte auf. Ihre goldenen Augen waren verschleiert, aber durch diesen Schleier sah sie, wie die Madonna auf sie herniederlächelte.

 

„Ist es Sünde?“ fragte sie.

 

Da geschah das Wunder, dass Maria aus ihrem Rahmen trat. Sie ließ sich sanft auf die Knie gleiten und schob das Tuch, das sie halb über ihr Kind gezogen hatte, zur Seite. Die Kerze blickte in die Augen des Knaben, und plötzlich begann ihre Flamme zu zittern.

 

„Wie wunderbar –“ dachte sie erschüttert – „ich kann mich in ihnen Spiegeln. Zwiefach! Wie in Schalen von Onyx fängt sich mein Feuer. Nie habe ich gewusst, wie golden es leuchtet. Nie habe ich gewusst, wie schön es ist! – Wer bist du?“ seufzte sie.

 

Die Madonna lächelte wieder.

 

„Es ist mein Sohn. Der Herr der Welt. Willst du ihm deine Flamme schenken?“

 

„O, Mutter Gottes! flüsterte die Kerze, „ich bin es nicht wert, denn sie sagen, ich sei unheilig und habe dich gelästert. Nimm die Reinheit der Lilien und den Duft der Rosen und umkränze mit ihnen dein Kind. Weißt du nicht, dass ich nur einem Priester diene?“

 

Maria wurde ernst.

 

„Warum dienst du einem Priester?“ fragte sie.

 

„Er hat mich zum Leben gebracht!“

 

„Liebst du ihn?“

 

„Ja!“ sagte die Kerze still. „Ja! Lebt man nicht allein, um zu lieben?“

 

Die Madonna schwieg, aber ein wundersames Leuchten brach aus ihren Augen.

 

„Willst du meinem Sohn deine Flamme schenken?“ fragte sie wieder. Und als hätte das Kind begriffen, was sie sagte, beugte es sich plötzlich vor und streckte seine Hände nach dem Licht.

 

Die Kerze neigte sich demütig.

 

Da lächelte die Jungfrau zum dritten Mal, und mit ihrem weißen Finger berührte sie die Flamme, dass sie an ihm hängen blieb wie ein goldener Tropfen. Dann führte sie ihn behutsam einmal um das Haupt des Kindes. –

 

Als der Priester die Kapelle am Morgen betrat, sah er, dass die Kerze, die er der allerseligsten Jungfrau entzündet hatte, erloschen war. Er blickte auf. Da gewahrte er staunend über dem Kopf des Jesusknaben einen Heiligenschein aus mattem Gold.