Der Rosenkranz

 

Es wuchsen nur Rosen in dem Garten.

 

Rosen in den Farben der Morgenröte und des gelben Bernsteins. Rosen, die weißer waren als die Flügel der Schwäne und andere, deren Blüten rosig schimmerten wie das Innere einer Muschel. Es waren Rosen aus aller Herren Länder, und die Schmetterlinge, die sie umgaukelten, wurden trunken von ihrem Duft und die Bienen müde, ihren Honig einzusammeln. Die Vögel aber trugen das Lied von ihrer Schönheit um die Welt, und die Winde breiteten ihren Wohlgeruch aus über alle Grenzen. Da kamen sie von weit her, den Rosengarten zu bewundern. Könige erwählten sie für ihre goldenen Schalen, und selbst der junge Kaiser schmückte mit ihnen seine Braut an dem Tag, als er sie zum ersten Mal in die Kirche führte.

 

Es wuchs aber auch ein wilder Rosenstrauch in dem Garten. Er stand ganz allein im Schatten einer Hecke, doch der Regen nässte ihn, und die Sonne küsste seine Zweige wieder trocken.

 

Als es Frühling wurde, trieb er braune Knospen, und nicht lange, da brachen sie auf, und er stand in einem grünen Kleid, durchsichtig und zart, und freute sich seines Lebens.

 

„Blühe!“ flüsterten die warmen Winde, „blühe, dass wir den Duft deiner Rosen wiegen!“

 

Aber der Rosenstrauch stand und rührte sich nicht.

 

„Blühe!“ riefen die Hummeln und bunten Falter, „blühe, dass wir deinen Honig nippen können!“

 

Da schüttelte der Rosenstrauch seine Zweige, dass die kleine Schar erschrocken auseinanderstob.

 

„Ich kann nicht!“ rief er trotzig.

 

„Soll ich blühen, nur damit ihr naschen könnt?“

 

Da ließen sie von ihm ab und flogen kopfschüttelnd zu den anderen. Er jedoch stand im Schatten seiner Hecke – ein grüner Strauch, wild und schön – aber niemand suchte ihn mehr.

 

Eine Nachtigall flog in den Garten.

 

Es war Abend, und die Sterne standen am Himmel. Trotzdem war es dunkel, denn der Mond war nur eine Sichel. Aber die Nachtigall fand dennoch ihren Weg. Sie setzte sich in die Hecke, zu deren Füßen der Rosenstrauch wuchs, und erhob ihre Stimme.

 

„Hört mich, ihr Rosen des Gartens!“ sang sie, „hört mich, ihr Glücklichen! Ihr seid auserwählt zum Kranz für die Königin aller Frauen. Morgen kommt sie in den Garten, um die edelsten von euch zu suchen. Blüht, ihr Rosen, blüht! Füllt eure Kelche mit Süße!“

 

Aber die Rosen hatten ihre Häupter zur Seite geneigt und schliefen. Sie hörten nicht, was die kleine Nachtigall sang. Nur der grüne Strauch zu ihren Füßen war noch wach und lauschte. Und auf einmal fühlte er Traurigkeit in sein Herz dringen.

 

„Ich bin nur ein wilder Strauch und trage nicht eine einzige Blüte!“ dachte er bekümmert. „Morgen wird die Königin aller Frauen kommen, aber sie wird an mir vorübergehen, denn es sind lauter edle Rosen im Garten, unerreichbar an Pracht und Herrlichkeit.

 

Aber dennoch – wie gerne möchte ich für die Königin blühen. Wer mag sie sein? Sicher ist sie schöner als der Tag und lieblicher als die Mondnacht -.“

 

„Kleine Nachtigall!“ rief er sehnsüchtig, „kleine Nachtigall, willst du mir etwas singen von der Königin aller Frauen? Ich kenne sie nicht und weiß nichts von ihr. Meinst du, auch ich darf für sie blühen?“

 

Die Nachtigall sah auf den Rosenstrauch herab. „Sicher!“ – sagte sie fröhlich, „blühe du nur, ich werde dir von ihr singen!“

 

Und sie sang von Maria, der Jungfrau, die gebenedeit war unter den Frauen, und von Jesus, der süßen Frucht ihres Leibes, den sie vom Heiligen Geist empfangen und zu Elisabeth getragen hatte, die eine Prophetin war. Und sie sang von der Nacht, da sie das Kind zu Betlehem geboren, und von dem Tag, als sie es im Tempel aufgeopfert und schließlich wiedergefunden hatte.

 

Der Rosenstrauch aber lauschte und zitterte vor Seligkeit, dass seine Blätter rauschten, als bewegte sie ein Wind. Er fühlte sein Blut heiß und schmerzhaft bis in die Spitzen seiner Zweige dringen. Es brannte ihn so, dass er leise stöhnte. Doch auf einmal brach es erlösend aus seinen Adern. Rote Tropfen seines Herzblutes hingen sich an alle seine Äste, und als die Nachtigall endlich schwieg, weil die Sterne bereits verblichen und das Morgenrot den Himmel färbte, hatten fünfzig wilde Rosen ihre Kelche am grünen Strauch aufgetan.

 

„Seht!“ schrien die Winde, die mit dem ersten Sonnenstrahl in den Garten gekommen waren. „Der wilde Rosenstrauch blüht!“

 

Da eilten die Falter und Bienen herbei, so hastig, dass sie mit den Köpfen zusammenstießen.

 

„In der Tat!“ höhnten sie, „er hat sich beschwatzen lassen. Da blüht er nun, der Einfältige, für eine Nachtigall, die längst davongeflogen ist.“

 

„Nein!“ sagte der grüne Strauch und schaukelte zärtlich seine jungen Rosen. „Die Nachtigall ist noch da. Aber ich blühe nicht für sie, sondern für die Königin aller Frauen. Sie wird heute in den Garten kommen!“

 

„Die Königin aller Frauen?“ riefen die Winde überrascht und stürmten davon, die Neuigkeit den Rosen zu melden. „Was du nicht sagst!“ brummten die Hummeln misstrauisch und schüttelten ihre dicken Köpfe. „Auf jeden Fall ist sicher, dass dich nicht der Saum ihres Gewandes – geschweige ein Blick ihrer himmlischen Augen streifen wird!“

 

Den Rosenstrauch kümmerten ihre Reden nicht viel. Er war erfüllt von einer großen rauschenden Freude. Jede einzelne seiner Blüten trug die Erinnerung an das wunderbare Geschehen, das Maria widerfahren war, und der Gedanke, sie sehen zu dürfen, machte ihn ganz benommen.

 

Auf einmal öffnete sich das Tor, und ein Kind trat in den Garten. Sein Haar war so hell, dass es im Sonnenschein flimmerte wie von einem goldenen Schein umgeben. Seine ganze Gestalt war Licht, und als es so über den Rasen lief, schien es, als ob sich die Gräser neigten, um seine Füße zu küssen.

 

Nun stand es an einem Rosenstock, der allein inmitten des großen grünen Rasenrundes wuchs, und dessen Blüten wahrhaft königlich aussahen. Sie waren von einer so durchsichtigen Blässe, dass sie an gefrorenes Mondlicht erinnerten. Dem Kinde schienen sie zu gefallen. Es streckte die Hände aus und rief sehnsüchtig:

 

„Gibst du mir deine Rosen?“

 

„Nein!“ sagte der Rosenstock und hob seine Zweige noch höher, als fürchtete er, das Kind könnte sie zu sich herabbiegen.

 

„Was verstehst du von meiner Kostbarkeit? Allein mein Name ist so auserlesen, dass ihn niemand behalten kann. Siehst du das Schild an meinem Stamm? Darauf steht er geschrieben. Aber vermutlich kannst du noch nicht einmal lesen!“

 

Das Kind schüttelte die hellen Haare aus der Stirn, und seine Hände sanken enttäuscht herab. Doch da erblickte es die niedrigen Teerosen, die das Rund umsäumten. Auf ihren Kelchen lag ein Netz von Tauperlen, und im Morgenglanz funkelten sie wie gesponnene Sonnenstrahlen. Sie waren so schön, dass der Knabe einen Entzückungsschrei ausstieß und mit ausgebreiteten Armen auf sie zulief.

 

„Rosen –“ jubelte er, „lauter goldene Rosen!“

 

Doch als er die Hand ausstreckte, um eine zu pflücken, stach ihn ein Dorn so tief, dass von seinem Finger, den er erschrocken aufgehoben hatte, ein Blutstropfen in das Gras fiel und dort leuchtete.

 

„Was bist du so fürwitzig!“ sagten die Rosenbüsche ärgerlich. „Glaubst du, wir hätten darauf gewartet, unsere Blüten in deiner Hand verwelken zu sehen? Die Schönheit unserer Rosen besingen die Dichter und preisen die Herren der ganzen Erde. Aber was verstehst du davon. Geh uns aus der Sonne, wir müssen unsere Knospen entfalten, denn heute noch wird sie die Königin aller Frauen begehren, um einen Kranz daraus zu flechten!“

 

Das Kind stand ganz still, den Finger immer noch erhoben. Aber langsam füllten sich seine Augen mit Tränen. Der wilde Rosenstrauch sah es, und sein Herz zog sich vor Mitleid zusammen.

 

„Komm zu mir –“ rief er, so laut er konnte, und streckte seine Arme weit aus. „Komm, ich schenke dir, was du willst. Kein Dorn soll dich ritzen. Siehe, ich werfe meine Blüten über dich. Sie sind zwar nicht so kostbar und nicht so schön wie die, die du begehrst, aber nimm sie, kleiner Knabe! Du kannst mit ihnen spielen, und wenn du ihrer überdrüssig bist, magst du sie getrost fortwerfen. Es wird dich niemand nach ihnen fragen. Komm nur und weine nicht mehr. Ich bitte dich!“

 

Das Kind hatte sich umgewandt. Langsam schwanden aus seinem lieblichen Gesicht Schmerz und Enttäuschung und ein Staunen breitete sich über seine Züge, dass sie wie von innen durchleuchtet schienen. Ohne seinen Blick von dem Rosenstrauch zu wenden, schritt es vorsichtig auf ihn zu. Seine Lippen öffneten sich zu einem Lächeln, während es seine Hände zu einer Schale formte, um den blühenden Schatz, der ihm versprochen war, in Empfang zu nehmen. Der Rosenstrauch aber schüttete seine Blüten über den Knaben, dass er wie in einem roten Regen stand. Hundert und aber hundert Blütenblätter tanzten um seine aufgehobene Stirn und hüllten seine Gestalt in ein Meer von Wohlgeruch. Sie legten sich auf seine Augen und seine Lippen, verfingen sich in seinen Haaren und bedeckten schließlich seine Füße. Er aber stand wie gebannt und wagte nicht, sich zu rühren. Erst als das letzte der Rosenblätter zur Erde getaumelt war, hob sich seine Brust zu einem Seufzer des Entzückens.

 

In diesem Augenblick trat Maria in den Garten.

 

„Mutter!“ rief der Knabe wie erlöst, und er lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, zu der Frau, deren Augen bereits sorgenvoll die blühenden Beete überflogen hatten.

 

„Mutter!“ jauchzte er noch einmal und warf sich in ihre Arme.

 

Maria aber lächelte, beugte sich zu ihm hernieder und lauschte andächtig dem Geplapper, das wie ein silberner Sturzbach von seinen Lippen sprang.

 

Die Rosen, deren Name so auserlesen war, dass er auf kleinen Schildern vermerkt werden musste, waren noch blasser geworden, und den Teerosen, deren Schönheit von Dichtern besungen wurde, gab Ärger und Verlegenheit auf einmal die Farbe von bitterer Galle.

 

Doch als sich Maria nun erhob und den Knaben bei der Hand nahm, senkten selbst die stolzesten unter ihnen ihre Häupter. Sie wagten nicht, in ihre klaren Augen zu blicken. Sie hörten nur an dem leisen Rauschen ihres Kleides, dass sie vorüberging, ohne sich nach einer von ihnen zu bücken.

 

Vor dem wilden Rosenstrauch machte Maria Halt.

 

„Da siehst du es –“ klang die helle Stimme des Kindes wieder über den Garten.

 

„Alle seine schönen roten Blätter hat er über mich geworfen. Nun hat er keine Blüte mehr für dich. Wirst du ihn trösten?“

 

„Ja!“ sagte Maria und legte sanft ihre Hand auf den Scheitel des Kindes.

 

„Siehst du die kleinen Samenkapseln an jedem Zweig? Das ist, was von den Rosen übrigblieb. Aber gleichen sie nicht Perlen? Ich werde sie auf eine silberne Schnur reihen, das gibt einen schönen Kranz. Einen Kranz, der nie verwelkt. Was sagst du dazu?“

 

Der Knabe klatschte in die Hände.

 

„O –“ schrie er entzückt, „nun haben wir einen Rosenkranz, der nie verwelkt. Aber wie kann man es machen, dass die ganze Welt weiß, wie es dazu kam?“

 

„Die ganze Welt?“ lächelte Maria.

 

„Dann sage es der Nachtigall! Siehst du, da sitzt sie in der Hecke. Schicke sie nur fort, sie wird dir schon gehorchen!“

 

Der Knabe hob sich auf die Zehen.

 

„Nachtigall – liebe Nachtigall!“ sagte er zärtlich. Mit einem Jubelton schwang sich der Vogel in die Luft.

 

Da beugte sich Maria zu dem Kind und küsste es auf die Stirn.

 

„Ich glaube, sie hat dich schon verstanden!“ sagte sie leise.